Versuch einer anschaulichen Predigt zu einem begrifflich-abstrakten Text

<i>Vorbemerkung: Im Mittelgang des Kirchenraums ist ein "Parcours" aus hochkant aufgestellten schwarzen Bühnenteilen aufgestellt. Darauf sind rote Zettel (A3) mit Sätzen angebracht, die alle in unterschiedlicher Weise vermitteln, dass ich mich permanent anstrengen muss, um im Leben an einem guten Ziel anzukommen. Der Parcours wird in Teil I der Predigt im Mittelgang vorgestellt. Er soll die "Werke des Gesetzes" verkörpern. In einem Teil des Altarraums steht ein modernes Kruzifix, das auf einem langen Holzbalken aufgesetzt ist. Darunter steht die Osterkerze, daneben ein gemütliches Sitzelement. Um diesen Aufbau herum liegen auf dem Boden verschiedene gelbe Zettel (A3) mit Worten von oder über Jesus Christus. Dieser Ort soll das "Sein in Christus" anschaulich machen. Er wird in Teil II der Predigt direkt am Ort vorgestellt. Erst nach Verlesung des Predigttextes durch eine Kirchenvorsteherin gehe ich auf die Kanzel, um die Predigt dort zu Ende zu halten.</i>

Liebe Gemeinde,

der heutige Predigttext hat mir ziemlich viel Kopfzerbrechen bereitet. Studierte Theologen, vor allem evangelische seit Martin Luther, würden sagen: er beinhaltet die zentrale Botschaft der Bibel. Für heutige Menschen aber ist nur schwer zu verstehen, worum es in diesem Text geht. Aber soll ich ihn deshalb beiseite legen? Nein! Ich habe mir vielmehr überlegt, wie ich Ihnen den Text näher bringen kann. Und nach einigem Nachdenken ist mir dazu auch etwas eingefallen …

I.

Ich habe deshalb hier in der Kirche einen kleinen Parcours aufgebaut, mit den schwarzen Bühnenteilen, die hier im Mittelgang stehen. Sie haben sich sicher schon gefragt, was das soll. Meine Assoziation war: eine Art Hürdenlauf durch die Kirche. Und hier vorne, im Altarraum, ist das Ziel.

Sicher haben Sie auch den ein oder anderen Text gelesen, den ich an den Bühnenteil-Hürden angebracht habe.

Da ist zum Beispiel ein Spruch, der sich mir aus meiner Kindheit eingeprägt hat: "Spare, lerne, leiste was, so hast du, kannst du, bist du was". (Das war mal das Motto von einem Weltspartag

in der Zeit meiner Kindheit.)

Oder hier ein berühmtes Goethezitat: "Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen."

Oder dort ein Satz, den viele von uns vielleicht sagen können: "Ich bete jeden Tag und gehe so oft es geht in die Kirche."

Und dort ein anderer Satz, den ich oft höre: "Ich darf keine Fehler machen!"

Und noch ein paar Sätze dieser Art: "Ich achte streng darauf, dass niemand mich von meinen Grundsätzen abbringt"

"Um geliebt und anerkannt zu werden, musst du dich anstrengen und zeigen, dass du ein guter Mensch bist."

"Bevor ich mir etwas gönne, vergewissere ich mich erst, ob ich genug dafür geleistet habe – ob ich das auch wirklich verdient habe.

Kennen Sie solche Sätze, liebe Gemeinde? Überlegen Sie doch mal: Welcher Satz würde für Sie am meisten zutreffen? Wenn Sie mögen, können Sie sich im Geiste einem dieser Sätze zuordnen …

Allen diesen Sätzen ist Eines gemeinsam – und das versuche ich mit dieser Anordnung hier im Kirchenraum deutlich zu machen: Sie vermitteln mir, dass ich mich permanent anstrengen muss, um im Leben an einem guten Ziel anzukommen. Es scheint ein Gesetz zu sein, dem ich nicht entrinnen kann: Nur wer sich anstrengt, wird geliebt und anerkannt. Nur wer etwas leistet, wird am Ende belohnt. Nur wer die Hindernisse und Hürden erfolgreich genommen, die Versuchungen des Lebens erfolgreich bestanden hat, kommt – vielleicht – irgendwann ans Ziel.

II.

Ich möchte jetzt Ihren Blick hier vorne auf das Kruzifix richten. Zu seinen Füßen leuchtet die Osterkerze. Daneben ein Platz zum Ausruhen. Ich lasse mich jetzt für eine Weile darauf nieder …

Um das Kruzifix herum sind ein paar Sätze ausgelegt. Es sind Worte aus dem Neuen Testament. Sie alle sagen etwas aus von oder über Jesus Christus.

Zum Beispiel:

"Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken." (Matth. 11,28)

"Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei." (Joh. 8,36)

"Mit Christus seid ihr begraben durch die Taufe, mit Christus seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, die ihn auferweckt hat von den Toten" (Kol. 12,20)

"Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen."

"Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, bringt viel Frucht." (Joh. 15,5)

"In Christus wohnt die ganze Fülle der Gottheit wahrhaftig!" (Kol. 2,9)

"So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht, hat mich frei gemacht vom Gesetz der Sünde und des Todes."

Spüren Sie den Unterschied, liebe Gemeinde, zu dem zuvor beschriebenen Parcours? Hören Sie die Einladung in diesen Worten? Das Befreiende ihrer Botschaft? Begreifen Sie, dass uns hier als Geschenk angeboten wird, wonach wir uns so oft vergeblich abmühen: Liebe und Anerkennung, Zugehörigkeit, lebendiges Leben – innerer Frieden?!

III.

Damals, zur Zeit der ersten Apostel, gab es einen Streit zwischen den beiden bekanntesten von ihnen: Petrus und Paulus. Der Streit ging um die Frage: muss ich eine Vorleistung erbringen,

um bei Gott "anzukommen" und anerkannt zu werden – genauer gesagt: muss ich bestimmte Pflichten erfüllen, die mir von der religiösen Tradition auferlegt werden, damit ich vor Gott gerechtfertigt bin? Oder macht der Glaube an Christus mich frei von jeglichen Zwängen,

so dass ich keine "Hürden" (welcher Art auch immer) mehr zu nehmen brauche, um von Gott anerkannt zu werden – um Gott "recht" zu sein?

Konkret ging es damals um die Einhaltung der jüdischen Tora und von darin enthaltenen Speisevorschriften. Sollten sie weiter gelten für die, die zum Glauben an Jesus Christus gefunden hatten – egal, ob Juden oder Nichtjuden? Diese Meinung vertrat Petrus. Wobei man dazu sagen muss, dass er selber auch nicht konsequent danach handelte. Aber aus Angst vor den strengen "Hütern des Glaubens" damals, die immer schon wussten, was richtig und falsch war, ist er immer wieder eingeknickt vor deren erhobenen Zeigefingern.

Paulus hat sich darüber schrecklich aufgeregt. Einmal wegen der Heuchelei, die er bei Petrus im Spiel sah. Zum Anderen, weil es für ihn unvorstellbar war, dass das Evangelium von Jesus Christus an Bedingungen geknüpft wird, die Menschen unfrei und abhängig machen – und die dazu führen, dass unter Berufung auf den Namen Jesu neue Hürden zwischen Gott und Mensch aufgerichtet werden.

Paulus befürchtete einen Rückfall in religiöse Gesetzlichkeit. Um dies zu verhindern, schrieb er damals einen Brief an die Gemeinden in Galatien, die anscheinend besonders anfällig waren für eine solche Art "Pflichtreligion".

Ich denke, nach dem bisher Gehörten werden wir den heutigen Predigttext – einen Abschnitt aus dem Galaterbrief – nun besser verstehen. K.W. wird ihn jetzt für uns lesen …

IV.

[TEXT]

V.

Liebe Gemeinde, ich gebe zu: der Text ist immer noch nicht ganz einfach zu verstehen. Aber was jetzt vielleicht deutlich geworden ist, ist die Grundaussage dieser Sätze. Die Grundaussage, die Martin Luther damals vor 500 Jahren nach langem inneren Ringen zur befreienden Erkenntnis geworden ist: Ich muss mir meine Anerkennung bei Gott nicht verdienen durch meine Werke, sondern sie wird mir im Glauben an Christus geschenkt. Ich brauche mich nicht anzustrengen, ich muss keine besonderen religiösen oder moralischen Leistungen erbringen, um von Gott geliebt und angenommen zu sein. So wie ich bin, mit meinen Fehlern und Schwächen, mit meinen Gaben und Fähigkeiten, mit meinem Versagen und mit dem, was mir gelingt, bin ich Gott recht.

Was hier im Text Gerechtigkeit genannt wird, das ist die Annahme, die Anerkennung – die Bestätigung des Lebenssinns, nach der sich jeder Mensch sehnt.

Wenn Paulus sagt, dass das nicht durch die "Werke des Gesetzes" zu erlangen ist, dann meint er eben jenen Leistungsdruck, den ich eingangs beschrieben habe – all die Mechanismen, die ich versucht habe, anhand des Hindernisparcours im Mittelgang darzustellen.

Wer an Christus glaubt, braucht solche Hürden nicht mehr zu nehmen. Das ist die klare, unmissverständliche Überzeugung des Paulus. Wer an Christus glaubt, braucht kein Pflichtprogramm mehr zu absolvieren, um Gott näher zu kommen. Wer an Christus glaubt, lebt aus der Gewissheit, bedingungslos geliebt und angenommen zu sein, ohne wenn und aber – und das ist ein Geschenk, das ich nicht wegwerfe, sagt Paulus, sondern in mir bewahre und wirken lasse – und so verstehe ich das: "Ich lebe, aber nicht mehr ich, sondern Christus in mir." Nicht als "Entthronung des Ego", wie es in manchen christlichen Kreisen gelehrt wird, wo dann auf einem Schaubild Christus auf dem Stuhl sitzt und das Ich am Boden liegt – schauerlich! Nein, sondern Christus, das ist nichts anderes, als die Kraft Gottes in mir – reale, erfahrbare Kraft, die mich sein lässt, wie ich bin, und doch zugleich verwandelt – die mich standhalten lässt, die mir hilft, auch schwierige Situationen auszuhalten und durchzustehen, die mir hilft, meine Fehler und Schwächen, und die der anderen, mit den Augen der Barmherzigkeit anzusehen, die mich erneuert und lebendig macht, erfüllt und belebt.

Sollte ich diese wunderbare Freiheit, die mir in Christus geschenkt ist, wegwerfen und mich wieder unter ein Gesetz zwingen lassen, das mir einen ständigen Wettlauf um Anerkennung, um Rechtfertigung und Bestätigung auferlegt? "Niemals!" ruft Paulus den Galatern und darum heute auch uns zu. Versucht euch nicht durch eigene Anstrengung zu verdienen, was euch längst geschenkt ist. Denn dann wäre Christus vergeblich gestorben. Gebt vielmehr dieser Kraft in euch Raum, die Christus ist – räumt alle Hürden, die ihr selber errichtet habt, alle Anstrengungen, die ihr euch selber auferlegt habt, beiseite – und lasst euch tragen von dieser Kraft und von dieser Zusage: "Du bist geliebt, so wie du bist! Du musst dich nicht anstrengen, nicht verstellen, nicht perfekt sein und kein Heiliger werden – du kannst einfach sein, der oder die du wirklich bist – und den Rest überlass einfach dem Christus in dir!"

VI.

Zum Abschluss noch, anknüpfend daran, und ich denke, auch passend zum Predigttext, eine kleine Episode, die Dietrich Bonhoeffer in Widerstand und Ergebung erzählt: "Ich erinnere mich eines Gespräches, das ich vor 13 Jahren in Amerika mit einem französischen jungen Pfarrer hatte. Wir hatten uns ganz einfach die Frage gestellt, was wir mit unserem Leben eigentlich wollten. Da sagte er: ich möchte ein Heiliger werden (und ich halte es für möglich, dass er es geworden ist!) – das beeindruckte mich damals sehr. Trotzdem widersprach ich ihm und sagte ungefähr: "Ich möchte glauben lernen …". Lange Zeit habe ich die Tiefe dieses Gegensatzes nicht verstanden. Später erfuhr ich und erfahre es bis zur Stunde, dass man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt. Wenn man völlig verzichtet hat, etwas aus sich zu machen – sei es einen Heiligen oder einen bekehrten Sünder oder einen Kirchenmann, einen Gerechten oder einen Ungerechten, einen Kranken oder einen Gesunden – und dies nenne ich Diesseitigkeit: nämlich in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Misserfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten leben – dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern die Leiden Gottes in der Welt ernst, dann wacht man mit Christus in Gethsemane, und ich denke: das ist Glaube, das ist Umkehr; und so wird man ein Mensch, ein Christ." (W&E im Chr. Kaiser-Verlag, S. 194f)

Nicht versuchen ein Heiliger zu werden, sondern in der Diesseitigkeit des Lebens glauben lernen: das ist es, wozu uns Christus befreit. Und darum können wir jetzt auch die symbolischen Hürden beiseite räumen, bevor wir miteinander das Abendmahl feiern – um deutlich zu machen, dass nichts mehr im Wege steht, dass es keine Vorleistung, keine Verpflichtung, keine Vorbedingung mehr gibt, um Gott nahe zu sein, sondern dass wir kommen dürfen zu seinem Tisch, und eingeladen sind, so wie wir sind, unverstellt – und genau so sind wir Gott recht!

Wer hilft mit beim Beiseiteräumen der Hürden?

Nach getaner Arbeit folgt noch der Kanzelgruß!

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