Risiko?

Liebe Gemeinde,

heute ist der dritte Tag der Kerb. Manche sind vom feiern schon etwas müde. Aber heute und morgen wird noch durchgehalten. Der ökumenische Kerbgottesdienst ist eine Gelegenheit darüber nachzudenken, aus welchem Anlass wir eigentlich Kerb feiern. Kerb heißt ja Kirchweih. Und wir feiern die Kerb um die Zeit Ende August, um uns daran zu erinnern, dass da einmal die alte Kirche eingeweiht wurde. Wir feiern, dass es im Ort einen Ort gibt, an dem Gott verehrt wird. Genau genommen sind es inzwischen mindestens drei Orte, die evangelische Kirche, die katholische Kirche und die Sankt Antonius Kappelle. Die Glocken machen uns jeden Tag darauf aufmerksam. Messel ist nicht von Gott verlassen. Hier in Messel halten Leute den Kontakt zu Gott. Sie beten, sie feiern Gottesdienste, sie lesen in der Bibel. Sie versuchen sich von Gott ansprechen und bewegen zu lassen. Darum geht es auch heute morgen in diesem Gottesdienst. Der Predigttext heute steht im Brief von Paulus an die Gemeinde in Galatien:

Ich lese Galater 2,16-21:

[TEXT]

Vielleicht haben Sie schon nach dem ersten Satz abgeschaltet. Vielleicht haben sie auch zu Ende zugehört und fragen sich nun. Was soll denn das? Ich versteh nur Bahnhof. Ja, der Paulus damals und diese Gemeinde von 2000 Jahren die hatten wirklich andere Probleme als wir. Stimmt, die hatten wirklich andere Probleme. Sie wollten gerecht werden. Und sie haben sich gefragt auf welchen Weg sie das schaffen. Wir heute wollen einfach glücklich werden, oder nicht so hoch gehängt unseren Spaß haben. Natürlich fragen wir uns auch auf welchem Weg wir das schaffen.

Ich glaube, dass der Weg des alten Paulus auch heute noch funktioniert. Und ich glaube dass man auf diesem Weg nicht nur gerecht sondern auch glücklich werden kann. Neugierig geworden? Es ist der Weg der Liebe. Und von dem Weg will ich Ihnen in einer alten Kerbgeschichte erzählen. Jemand hat sie meinem Mann in der letzten Woche erzählt. Sie handelt von einem jungen Mädchen und einem jungen Mann und spielt vor über 50 Jahren. Der Mann war auf dem Feuerwehrfest in Urberach gewesen und hatte sich dort gut vergnügt. Er hat getanzt, und ein paar Mal hat er mit dem gleichen Mädchen getanzt. Am nächsten Tag hatte er sie schon wieder vergessen, was wahrscheinlich daran lag, dass er sich von seinem Kater erholen musste und sich sowieso an nicht besonders viel erinnert hat. Als dann die Kerb in Messel war ist das junge Mädchen nach Messel gekommen, denn ihr hatte der junge Mann gefallen und sie dachte: Mal sehen ob ich ihn in Messel auf der Kerb wieder treffe. Aber wie enttäuscht war sie als der Auserwählte zwar da am Rand der Tanzfläche stand, aber da stand ganz eindeutig eine Frau in seinem Alter neben ihn und die beiden unterhielten sich ganz vertraut. Dann hat er mit dieser Frau getanzt und unser Mädchen aus Urberach dachte: Mist er hat eine Freundin. Aber zu ihrer Überraschung ging die Tänzerin dann weg und sie hat sich nicht mit einem Kuß verabschiedet. Also schöpft unsere Urberacherin Hoffnung und sorgt dafür, dass sie sich so hinstellt, dass sie gut gesehen werden kann, ganz in die Nähe. Und es klappt. Er fordert sie zum Tanz auf. Sie tanzen noch ein paar mal miteinander. Bei dieser Kerb wird es noch nichts. Aber drei Monate später hat sie es geschafft. Die beiden haben sich verliebt. Sie sind ein Paar geworden. Heute sind sie glücklich verheiratet. Sie hat dann auch die Cousine unseres Mannes näher kennen gelernt mit der er auf der Kerb zuerst getanzt hatte.

Ich habe Ihnen diese alte Liebesgeschichte erzählt, weil es auch in unserem Predigttext um eine Liebesgeschichte geht. Und weil wir, wenn wir Kirchweih feiern, auch diese Liebesgeschichte feiern. Paulus sagt: Ich lebe im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat, und davor: Nicht mehr ich lebe sondern Christus lebt in mir. Die Geschichte zwischen Gott und uns Menschen ist eine Liebesgeschichte. Und es geht dabei um die gleiche Sorte Glück, wie wir sie finden können, wenn wir uns verlieben. Und es geht um die gleichen Enttäuschungen und Missverständnisse und Schwierigkeiten wie in jeder anderen Liebesgeschichte. Um all das um das es in jedem zweiten Film und jedem dritten Buch auch geht. Und ich meine dabei durchaus die Liebe zwischen einer Frau und einem Mann aber auch die zwischen Eltern und Kindern, oder zwischen Geschwistern oder auch zwischen einem Kind und seinem geliebten Haustier, Liebe eben.

Ich lebe im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat, sagt Paulus. Diese Liebe ist wie in der Geschichte zwischen der Urberacherin und dem Messeler anfangs etwas einseitig verteilt. Da hat einer mit dem Lieben angefangen. Der andere hat es noch nicht gleich bemerkt. Paulus war übrigens besonders hartnäckig im Nicht-Merken. Er hat erst mal die Freunde von Jesus Christus, umbringen lassen, bis er gemerkt hat, dass dieser dabei ist eine Liebesgeschichte mit ihm anzufangen. Aber irgendwann hat er es dann in einem ziemlich umwerfenden Erlebnis doch gemerkt und hat sich auf die Geschichte eingelassen. Er hat sich so tief auf diese Liebesgeschichte eingelassen, dass er in seinem Brief schreibt: Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Die Verbindung zwischen Christus und ihm ist so stark und eng geworden, dass sie Paulus von innen heraus verändert hat. Ich glaube übrigens, dass das bei allen Liebesgeschichten, die den Namen verdienen, so ist. Sie verändern einen von innen heraus. Das fängt damit an, wenn man einen neuen Freund oder eine neue Freundin hat, dann hat man Sehnsucht nacheinander, dann will man mit ihr oder ihm zusammen sein. Dann trifft man sich öfter zum reden und zum schmusen. Man versucht rauszubekommen was dem einen gut tut und was der anderen gefällt. Und dann hat man halt nicht mehr soviel Zeit für die alten Hobbys und die alten Freunde. Die Liebe ist erst einmal in den Mittelpunkt des Denkens und Fühlens gerückt. Und mit der Zeit stellt man sich aufeinander ein, und wenn man lange genug verheiratet ist hat man sich stark gegenseitig beeinflusst. So ist das auch mit der Liebe zwischen Gott und uns Menschen. Dann kann Paulus sagen: Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Nach zwanzig Jahren Ehe kann ich auch sagen, mein Mann ist ein Teil von mir und ich bin ein Teil von ihm. Was wir schon alles zusammen erlebt haben, das verbindet. Und so ist es auch zwischen Gott und uns Menschen.

Wer hat eben gedacht, „ist doch Quatsch!“ Gott kann man ja noch nicht einmal sehen. Meine Freundin kann ich in den Arm nehmen, Christus in den Arm nehmen stell ich mir schwierig vor. Das ist allerdings wahr. Trotzdem ist die Erfahrung der Nähe Gottes auch etwas körperliches. Ein großer Theologe hat einmal gesagt Leiblichkeit ist der Anfang und das Ende aller Wege Gottes. Unsere Liebe zu Gott und Gottes Liebe zu uns ist nicht etwas Hochgeistiges. Glauben, Vertrauen, das findet nicht in erster Linie im Kopf statt. Glauben und auf Gott vertrauen das ist wie man heute so schön sagt: etwas Ganzheitliches wie die Liebe halt, die nicht nur im Körper sondern auch im Kopf stattfindet.

Im Grunde ist das eine ganz einfache Wahrheit. Jeder Schlager singt sie uns in die Ohren. Es ist die Liebe, die uns glücklich macht, es ist die Liebe, die uns verändert, es ist die Liebe, die uns einen Sinn gibt und die uns manchmal leiden lässt. Die Bibel sagt dazu: Gott ist die Liebe, und Paulus hier unserem Predigttext: Ich glaube an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat. Dieses Wissen ist der innere Kern unseres Glaubens. Um das zu feiern und dem einen Ort zu geben, sind die Kirchen – auch hier in Messel – gebaut worden. Jeder Glockenschlag, den wir den Tag über hören, erinnert uns daran. Jedes Gebet knüpft daran an. Jeder Gottesdienst ist eine Antwort auf die Liebe, die Gott uns entgegen gebracht hat. Und diese Liebe Gottes ist genauso erfahrbar, wie die Liebe eines Menschen. Man kann natürlich behaupten, es gibt sie nicht. Das wird übrigens auch über die Liebe zwischen Menschen behauptet. Aber wer einmal verliebt war, findet so eine Behauptung absurd. Und genauso ist es bei der Liebe Gottes, wer sie einmal erfahren hat, findet die Behauptung, es gebe sie nicht, völlig abwegig. Und falls Sie sich jetzt fragen, und warum ist mir das noch nicht begegnet? Dann habe ich zwei Antworten: Die erste ist eine Gegenfrage: Sind Sie sicher? Oder wollen Sie sich nicht mehr daran erinnern wie es war als ein Neugeborenes zum ersten Mal seine Augen aufgeschlagen hat, sie sich nur mühsam davon abhalten konnten zu weinen und plötzlich wussten; da ist etwas, was größer ist als ich selbst.

Und die andere Antwort heißt: Falls Sie wirklich noch nicht die Liebe Gottes erfahren haben sollten, was es geben soll, was ich aber für sehr selten halte, dann kann ich ihnen sagen, wie sie sie wahrscheinlich erfahren können, falls sie das wollen. Es ist nichts anderes dazu nötig als sich dafür zu öffnen. Sie müssten allerdings ein Risiko eingehen. Das erste Risiko ist, sie müssten in Erwägung ziehen, dass es Gott vielleicht gibt, (er ist nicht erforderlich fest daran zu glauben) sie müssen es wollen (seine Gegenwart wahrnehmen – er ist jetzt hier). Und das zweite Risiko ist, die Erfahrung könnte Sie verändern. Sie entscheiden, ob Sie das Risiko eingehen wollen.

Und wenn sie jetzt sagen: Ach, ich halt mich lieber an meine Freundin oder meinen Freund. Dann sage ich Ihnen: Das ist wirklich eine gute Idee. Allerdings können Sie keineswegs sicher sein, dass in der Liebesgeschichte mit Ihrer Freundin oder Ihrem Freund nicht Gott am Ende doch seine Finger im Spiel hat. Denn eigentlich ist er da, in jeder Liebe, die diesen Namen verdient.

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