Gott handelt in Demut

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

allgemein ist die Erleichterung groß, dass die Feuerpause im Libanon bislang hält.

Warum kommen die Menschen dort nicht zur Ruhe? Was führt dazu, dass alle paar Jahre wieder Kämpfe aufflackern, denen wieder auf beiden Seiten Männer, Frauen und Kinder zum Opfer fallen, ganz zu schweigen vom materiellen Schaden der entsteht?

Es ist eine Verquickung von Religion und Politik, wie sie schon vor 5000 Jahren im Alten Orient bestand. Gott und Land hingen – und hängen heute noch – eng zusammen. Für Israel und seine Religion bedeutete das:

Ein Gott, ein Volk, ein Land.

Dieser Zusammenhang wurde auch nicht aufgelöst, als der babylonische König Nebukadnezar im Jahr 586 vor Christus Jerusalem eroberte und das dort ansässige jüdische Volk nach Babylon in die Verbannung mitnahm.

Fünfzig Jahre später kehrten die Juden, in ihre Heimat zurück. Sie kamen in eine völlig zerstörte Stadt und mussten mit allem von vorne anfangen. Häuser bauen, die Stadtbefestigung wieder anlegen, den Tempel neu errichten. Und das alles ohne großartige Mittel. Der Wiederaufbau war ein mühsames Geschäft und oft waren die Einwohner Jerusalems am Verzagen. Doch es traten Propheten auf, die das Volk daran erinnerten: Jerusalem ist eine Heilige Stadt. Jerusalem ist die Stadt Gottes und liegt im Land Gottes. Ich lese aus dem Buch des Propheten Jesaja aus dem 62. Kapitel:

[TEXT]

Liebe Schwestern und Brüder, aus diesem Abschnitt können einige bemerkenswerte Dinge herausgelesen werden:

1. Gott selbst kümmert sich um Jerusalem. Er ist es, der auf den Mauern Wächter postiert, Engel vielleicht, vielleicht auch Menschen, die mit ihren Rufen Gott in den Ohren liegen sollen, bis die zerstörte Stadt wieder aufgebaut ist. Zwar wird die Aufbauarbeit von Menschen geleistet, es ist aber Gott, der beides schafft: Das Wollen und das Vollbringen. Der Prophet erinnert die Jerusalemer und alle Israeliten daran, dass sie Gottes Volk sind und damit auch von Gott abhängig. Was sie tun, tun sie nicht aus eigener Machtvollkommenheit, sondern weil Gott es so will.

2. Gott will sein Volk zusammenholen aus allen Ländern der Erde. Er will es zurückführen in seine Heimat. Die Menschen sollen sich wieder in Jerusalem ansiedeln und auch den Tempel wieder aufbauen. Hier fordert er alle Einwohner Jerusalems auf, alles für den Empfang der Heimkehrenden vorzubereiten.

Beides ist in der Geschichte Israels mehrfach Wirklichkeit geworden, sowohl bei der Rückkehr aus Babylon, als auch bei der Rückkehr der Juden ins heutige Israel.

Jerusalem war und ist Mittelpunkt der Identität des jüdischen Volkes. Das wurde auch in der langen Zeit der jüdischen Diaspora nie vergessen. Egal wo das Passahfest gefeiert wurde, überall sagte man am Ende der Sederfeier die Worte: »Nächstes Jahr in Jerusalem.« Und als Anfang des 20. Jahrhunderts die jüdische Einwanderung ins Gelobte Land begann, da sprach man sehr bald von der Alija, dem Pilgerzug nach Jerusalem, um in der heiligen Stadt an den Überresten des Tempels zu beten. Denn der Tempel in Jerusalem ist der Ort, den Gott für alle Zeiten heiligte, in dem er erklärte: »Mein Herz soll für alle Zeiten an diesem Ort wohnen.«

Den jüdischen Einwanderern war sonnenklar: Gott ruft sein Volk zurück in sein Land und damit zu seinem Heiligen Ort und damit zu sich.

Es soll wieder gelten: Ein Gott, ein Volk, ein Land.

Peinlicherweise gilt dieses Prinzip aber nicht nur für die jüdische Religion, sondern in mindestens eben so starkem Maß auch für den Islam. Der Islam betrachtet sich selbst als Ur-Religion, als Religion aller Religionen, als die erste und einzige Wahrheit, die von Juden und Christen nachträglich verfälscht worden ist. Deshalb gelten die Christen auch als von Gott verdammte Irregeleitete und die Juden als gottverfluchte Feinde des Propheten.

Noch heute sehen die Muslime die schnellen Siege der Araber im 7. Jahrhundert als Bestätigung dafür an, dass der Islam wahr ist. Die wahre Religion wird sich dadurch als wahr erweisen, dass sie sich siegreich durchsetzt. Insofern war auch das Attentat auf das World Trade Center in New York in den Augen vieler Muslime ein Beweis für die Wahrheit des Islam.

Auch der Islam kennt das Prinzip des »Heiligen Landes«. Wo ein islamischer Herrscher einmal seinen Fuß hingesetzt hat, da ist islamischer Boden. 1300 Jahre lang war das Land Palästina unter islamischer Oberherrschaft – wenn man einmal von der Episode der Kreuzfahrerstaaten absieht. Erst seit 1967 ist Jerusalem wieder vollständig in der Hand Israels – und damit aus islamischer Sicht in der Hand von Juden, die doch nach dem Koran als verworfenes, verbrecherisches Volk gelten. Das aber ist eine Schmach, die der Islam als die wahre Religion nicht auf sich sitzen lassen darf, egal, was die Wiedereroberung kostet.

Jerusalem ist auch für den Islam in ganz besonderem Maße eine heilige Stadt, eine islamische Stadt. Der Prophet Mohammed selbst hat seinen Fuß auf Jerusalem gesetzt. Vom Tempelberg aus trat er auf dem geflügelten Ross Al Burak seine Reise in den Himmel an, die ihn mit Jesus und vielen anderen Propheten zusammentreffen ließ.

Jerusalem ist auch die Stadt, in der sich nach islamischer Vorstellung das Endgericht abspielen wird. Hier wird der Prophet Jesus wiederkommen und auf dem Tempelberg das Endgericht über die Ungläubigen wie über die Muslime halten. Er wird Christen und Juden ohne Erbarmen strafen und den Muslimen ihren gerechten Anteil zumessen. Wie soll das geschehen, wenn Jerusalem nicht in der Hand der Muslime ist? Die Herrschaft über den Tempelberg ist Symbol und Legitimation, sich als von Gott erwähltes Volk zu wissen. Es gibt also einen heiligen Grund, Israel zu vernichten.

Aber nicht nur für Juden und Muslime, auch für die Christen ist Jerusalem eine Heilige Stadt. Hier wird die Hütte Gottes bei den Menschen stehen, wenn der neue Himmel und die neue Erde entstehen und das neue Jerusalem vom Himmel herabkommt.

Wie sollen wir uns angesichts dieser verfahrenen Situation als Christen verhalten?

Spätestens seit Auschwitz wissen wir, dass die einfachen Formeln nicht mehr ziehen. »Gott hat die Juden verstoßen und die Kirche ist das neue und wahre Israel«, das stimmt nicht. Nach wie vor sind die Juden Gottes Volk und nach wie vor gilt, was Jesus selbst gesagt hat: »Das Heil kommt von den Juden.« Das hat Gott nie zurückgenommen. Das müssen wir als Christen anerkennen. Wenn das jüdische Volk leidet, dann ist der Platz der Christen an seiner Seite – und zwar ohne wenn und aber, auch wenn das nicht gerade populär sein sollte.

Was aber ist dann mit den arabischen Christen? Die suchen den Konflikt mit Israel nicht, werden aber mit hineingezogen und leiden an der Seite der muslimischen Brüder.

Was ist mit den vielen Muslimen, die einfach nur leben, arbeiten und beten wollen? Die leiden unter den schrillen Propagandatönen derer, die sie angeblich vertreten.

Für mich gibt Jesus in dieser Frage ein interessantes Vorbild: Er redet ohne Berührungsängste mit einer samaritanischen Frau und zwar buchstäblich über Gott und die Welt.

Er als Jude hat keinerlei Probleme damit, sich in ein samaritanisches Dorf einladen zu lassen und dort mit den Bewohnern zu essen und zu diskutieren und das, in einer Zeit, als die Juden, die was auf sich hielten, die Samaritaner verachteten.

Er hielt nicht mit der Wahrheit hinter dem Berg, wie er sie sah, aber er übte keinerlei Zwang oder Druck aus, um sie durchzusetzen. Die Wahrheit setzt sich selbst durch – ohne Gewalt. Das ist seine Ansicht, die er in der Bergpredigt niedergelegt hat und diese Wahrheit gilt bis heute. Deshalb ist unser Platz zuerst an der Seite derer, die Gewalt erleiden nicht an der Seite derer, die Gewalt planen.

Was können wir als Christen in Deutschland also angesichts dieser verfahrenen Situation tun? Wir können tun, was Gott selbst durch den Propheten seinem Volk ausrichten lässt:

Wir können Gott im Gebet in den Ohren liegen, dass er selbst alles nach seinen Plänen ausführt, unabhängig davon, wie wir Menschen die Dinge nun sehen oder nicht.

Wir können Gott im Gebet in den Ohren liegen, dass er uns und allen Beteiligten das Vertrauen schenkt, dass Gottes Plan letztlich der beste Plan für alle ist.

Und Gott deutet seinem Plan in der Bibel durchaus immer wieder an. Im Buch des Propheten Jesaja (19,24–25) verheißt er, dass der Tag kommen wird, an dem er Ägypten, Assur (das umfasste damals die heutige arabische Welt des Nahen Ostens) und Israel durch sein Gericht reinigt, ihren Stolz bricht, sie miteinander versöhnt und zusammen verbindet, um sie gemeinsam zu einem Segen auf Erden zu machen. Gott hat das Unvorstellbare in Aussicht gestellt, nämlich das Länder wie Syrien, Irak, Saudi-Arabien und Ägypten dereinst mit Israel einen Bund schließen werden, der nicht nur für sie selbst, sondern für die ganze Welt zum Segen wird.

Diese Verheißung Gottes, den Nahen Osten zum Segenszentrum zu machen, hat mit der Treue Gottes gegenüber Abraham zu tun. Den arabischen Völkern als Nachkommen Ismaels ist um Abrahams willen Segen verheißen. Segen heißt immer Lebensfülle, Fruchtbarkeit in allen Lebensbereichen, Friede, Freiheit, Heil.

Gott hat dazu eine Strategie gewählt, an der jeder Stolz zerbrechen muss, weil sie für Gott selbst eine unglaubliche Erniedrigung und Demütigung bedeutet. Er hat sich ein halsstarriges, stolzes und undankbares Volk erwählt und seinen Namen für alle Zeiten mit ihm verbunden als der »Gott Israels«. Er hat ertragen, dass sie in unzähliger Weise seinen Namen missbraucht und in den Dreck gezogen haben und sie nie verworfen. Er wurde selbst Mensch und sogar ein Teil dieses Volkes. Er wurde zum Fluch, um alle Finsternis der Welt auf sich zu laden. So vernichtete er den Tod auf immer.

Es werden die sein, die Gottes Strategie dankbar für sich annehmen und übernehmen, von denen Jesaja letztlich sagt:

"Es kommt eine Zeit, da wird der Berg, auf dem der Tempel des HERRN steht, unerschütterlich fest stehen und alle anderen Berge überragen. Alle Völker strömen zu ihm hin.

Überall werden die Leute sagen: »Kommt, wir gehen auf den Berg des HERRN, zu dem Haus, in dem der Gott Jakobs wohnt! Er soll uns lehren, was recht ist; was er sagt, wollen wir tun!«

Denn vom Zionsberg in Jerusalem wird der HERR sein Wort ausgehen lassen.

Er weist die Völker zurecht und schlichtet ihren Streit. Dann schmieden sie aus ihren Schwertern Pflugscharen und aus ihren Speerspitzen Winzermesser. Kein Volk wird mehr das andere angreifen und niemand lernt mehr das Kriegshandwerk." (Jes 2,2-5)

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