Verstrickt mit Israel

Liebe Gemeinde!

Hier habe ich ein Wollknäuel. An dieses Bild vom Wollknäuel musste ich denken, als ich den heutigen Sonntag im Blick hatte. Es ist sehr unübersichtlich, was an diesem Israelsonntag zu sagen ist. Entstanden ist der Sonntag, um über das Verhältnis von Kirche und Israel zu denken. Aber noch viele andere Dinge sind mit hinein geflochten. Jetzt die aktuellen Geschehnisse im Libanon, dann der ganze Nahostkonflikt, der nicht zur Ruhe kommt. Und auch der ganze europäische Antisemitismus über Jahrhunderte ist für mich an diesem Sonntag in besonderer Weise präsent und muss mit bedacht sein.

Es wird nicht einfacher dadurch, dass alleine das Wort „Israel“ viele Bedeutungen hat. Da ist der moderne Staat Israel, entstanden 1948, und dann der Staat Israel, von dem man im Alten Testament lesen kann. Jene Geschichte beginnt um 1000 vor Christus mit dem Königreich unter König David und endet mit dem jüdischen Aufstand um 70 nach Christus. Zwischen 70 nach Christus und 1948 nach Christus gibt es also keinen Staat Israel. Die römischen Soldaten vertrieben die meisten jüdischen Bewohner, die in dieser ganzen Zeit in der Diaspora lebten. Und dieser langen Zeit ist Israel eine Idee, ein Traum, eine Vorstellung. Wie schon vorher, als es noch einen Staat gab. Zwischen 1000 vor Christus und 70 nach Christus. In dieser Zeit war „Israel“ immer dann eine Idee, wenn es Krisenzeiten gab, wenn es nicht so gut lief, wenn fremde Besatzer im Land waren. Dann gab es ja keinen Staat.

All das und noch viel wahrscheinlich ist zu bedenken an einem Sonntag wie diesem. Es ist wirklich ein Knäuel. Entwirren kann man Knäuel wahrscheinlich nicht mehr. Aber ich möchte den Anfang suchen.

Und wenn es um Israel geht, dann gibt es zwei Anfänge. Wie in einem Knäuel. Ein solcher Anfang erklärt vielleicht auch einiges von dem aktuellen Konflikten. Aber es kann vor allem klären, wie ich selbst mit drin hänge in diesem Wort „Israel“. So wie ich vieles in meinem eigenen Leben verstehe, wenn ich in der Vergangenheit danach suche wie es alles angefangen hat.

Ganz am Anfang, auf der einen Seite des Knäuels sozusagen, steht ein Dornbusch. Ein brennender Dornbusch, der aber nicht verbrennt. Aus diesem Dornbusch spricht ein Gott zu einem Menschen. Dieser Mensch war Mose. Und Mose erhält von diesem Gott einen Auftrag. Den Auftrag, das unterdrückte Volk der Israeliten aus Ägypten zu führen. Damit sagt dieser Gott aus dem Dornbusch: ihr Unterdrückten, ihr seid mein Volk und ich, ich bin Euer Gott. Dieser Gott wählt diese Menschen aus.

Wer ist dieser Gott? Ein Gott, der nicht möchte, dass man ihn darstellt. Es soll keine Bilder geben. Alle anderen Völker haben Götter, in der Mehrzahl. Sie stellen ihre Götter dar, als Bilder, als Statuen. Ab dem Zeitpunkt, wo ein Gott aus einem brennenden Dornbusch zu einem Menschen spricht, hat dieses Volk Israel nur einen Gott; und der ist unsichtbar.

Wichtig aber für die Zukunft ist: Gott hat dieses Volk erwählt. Nicht eines der mächtigen Völker, sondern ein kleines, unscheinbares Volk, das in Ägypten Zwangsarbeit leisten muss für den Pharao.

Das ist der eine Anfang. Das Fundament des Judentums ist diese Geschichte.

Da ist ein Gott, der sich ein kleines Volk erwählt aus allen Völkern.

Da ist ein Gott, der dieses Volk befreit.

Das Hauptfest des Judentums ist das Passahfest. Und da wird genau das gefeiert: der Auszug, die Befreiung aus dem Land der Sklaverei.

Und dann ist noch wichtig: mit diesem Auszug ist natürlich auch noch ein Einzug verbunden. Dieser Gott verspricht dem Volk ein Land, in dem Milch und Honig fließt. Und dieser Gott hält dieses Versprechen ein.

Die Bibel berichtet, wie das Volk Israel 40 Jahre durch die Wüste zieht. Wie das Land Kanaan eingenommen wird und mit Jerusalem als der Hauptstadt besiedelt wird. Keiner weiß, ob es sich tatsächlich so zugetragen hat.

Aber dieses Land und diese Stadt gehört ebenfalls mit zu dem Fundament des Judentums. Und als die Stadt 500 Jahre vor Christus verloren geht in einem Krieg, da entstehen solche Sehnsuchtstexte wie der aus dem Buch Jesaja, dem Predigttext für heute.

[TEXT]

Da ist alles drin in dem Text: das Land, die Stadt, die Erwählung, das besondere Volk, der besondere Gott.

Der Gott, der sich im Dornbusch den Namen gibt: Jahwe. Das heißt: ich werde sein oder Ich bin.

An dieser Stelle könnte es ja zu Ende sein. Da ist ein Volk, das auserwählt ist. Und da sind die anderen, die es nicht sind. Was das bedeutet, das wäre eine Frage für die Menschen dieses Volkes. Nicht unser Problem.

Wenn es nicht einen Juden gegeben hätte mit Namen Joschua. Oder auf Griechisch: Jesus. Ein Lehrer, ein Theologe, ein Wanderprediger dessen Botschaft in einer Reihe steht mit all den Profeten. Die immer wieder das Volk daran erinnerten: Wenn ihr das von diesem Gott auserwählte Volk seid, dann habt ihr eine besondere Verantwortung: für die Armen, für die Witwen, für die Waisen. Für Euer Gebet, für Euren Gottesdiensten. Für Euren Gott. Jesus hat da nicht viel anderes gesagt als Jesaja, Jeremia, Hosea und wie die Propheten und Prophetinnen alle hießen. Er musste leiden und wurde getötet. Auch das ist kein außergewöhnliches Schicksal bei jemandem, der den Menschen auf den Zahn fühlt.

So weit so gut. Immer noch nicht unser Problem. Dann aber sind nach dem Tod des Wanderpredigers Joshua zwei Dinge passiert.

Erstens – Menschen haben gesagt, bezeugt: dieser Jesus würde weiterleben.

Zweitens – Menschen haben gesagt: dieser lebende Jesus, der auferstanden sei, habe sie beauftragt, die Botschaft jenes jüdischen Wanderpredigers gelte nicht mehr nur für Israel, sondern für die ganze Welt. Zu Israel gehöre nicht nur der, der von einer jüdischen Mutter geboren wurde, sondern der, der sich die Botschaft von Joshua zu Herzen nehme.

Seit diesem Zeitpunkt sind wir als Kirche mit drin in Israel. Verstrickt mit Israel. Mit in dem Knäuel. Seitdem ringen Christen und Juden darum, was sie trennt und was sie eint. Leider war in der Vergangenheit und auch in der Gegenwart dieses Ringen oft mit unbeschreiblicher Gewalt verbunden.

Aber uns einen ja die gemeinsamen Geschichten. Die Geschichte vom Dornbusch und all die anderen Geschichten des so genannten Alten Testamentes auch unsere Geschichten. Und auch jene alte Hoffnung auf Zion, auf Jerusalem, was auch immer das konkret bedeutet, ist nun auch unsere Hoffnung.

Und unser Gottesdienstraum ist davon ein Zeugnis. Das Bild hier ist ein Bild zu einer Geschichte aus der Offenbarung des Johannes. Dort schildert jemand seine Visionen davon, wie es in der Endzeit zugehen wird. Das sind sehr fremde Texte. Hier geht es um die Frau und den Drachen. Ich möchte jetzt keine Deutung liefern. Aber die Visionen enden mit der Vision des himmlischen Jerusalems, wo keine Tränen, kein Schmerz und kein Tod mehr sein wir.

Wir sind mittendrin. Wir sind mit drin in den Geschichten um Israel. Dafür zahlen wir auch einen Preis. Das bedeutet für mich: überall da, wo antijüdische oder antisemitische Parolen jüdische Menschen in Deutschland oder der Welt beleidigen oder bedrohen, da sind auch wir als Kirche mit beleidigt und mit bedroht. Es kann uns nicht egal sein, wenn jüdische Friedhöfe geschändet werden. Es kann uns nicht egal sein, dass vor jüdischen Synagogen auch 2006 immer noch Polizeiwagen stehen müssen, weil die, die den Gottesdienst oder Veranstaltungen besuchen, Angst vor Anschlägen haben müssen.

Das sagt nichts darüber, ob man nicht die Politik des modernen Staates Israel auch kritisieren darf wie jede Politik in jedem Land. Ob dies oder das politisch gerechtfertigt ist.

Das bedeutet aber für mich wohl da sehr genau zu unterscheiden: wo ich die Politik kritisiere, oder wo man in die alten Muster fällt von Hass und Neid auf jüdische Menschen. Jenen Hass und Neid, die zu den unzähligen Pogromen und schließlich hier in Deutschland zum Holocaust geführt haben.

Darum können wir nur immer wieder beten: dass uns jene Unterscheidung gelingt. So wie wir nur beten können, dass irgendwann einmal von Gott all das weggenommen wird, was Juden und Christen trennt und wir dann gemeinsam an jenem Ort sind, den man jetzt noch das Himmlische Jerusalem nennt.

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