Der Pfarrer irrt und merkt es / Jerusalem: Wie im Himmel so auch auf Erden

Durchs heilige Land rollen die Panzer. Mittlerweile holt Israel seine Truppen zurück aus dem Libanon. Stück für Stück noch das Geschwätz eines iranischen Präsidenten im Ohr, er würde Israel vernichten. Durch Jerusalem läuft eine Betonwand. In einer Synagoge direkt daneben wird auf hebräisch gelesen. Der Rabbi berührt den Text nicht mit den Fingern, sondern mit einem Zeiger. Zu heilig ist der Text. Neben ihm steht jemand der leise mitliest, den Rabbi unterbricht, wenn er sich verliest. Der Rabbi liest das Wort nocheinmal, richtig. Jeder Buchstabe ist wichtig. Er steht dort und so wird er sich erfüllen.

Ein paar tausend Kilometer nördlich liest ein Pfarrer den gleichen Text. In einer Kirche. In ihrer Kirche, auf deutsch. So dass Sie ihn verstehen können. Er liest ihn mit Abstand zur Mauer, mit Abstand zu den Panzern mit Abstand zu Ahmadenidschad, dem Präsidenten, der die Welt mit seinem Atomprogramm in Atem hält. Ihm kann es egal sein, ob die Truppen sich zurückziehen oder nicht, denkt er. Aber er irrt sich und er merkt es, wenn er liest. Denn er betet mit dem Rabbi, wenn er liest:

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Der Pfarrer auf ihrer Kanzel betet mit dem Rabbi dasselbe Gebet um die selbe Stadt, um Jerusalem. Er betet um ein neues Jerusalem nach den Verheißungen der Propheten. Anfangs bildet sich der Pfarrer ein, dass er selbst das himmlische Jerusalem meint, von dem Johannes schreibt, in dem Gott alle Tränen abwischen wird. Er bildet sich ein, der Rabbi meine das Jerusalem mit der Mauer zwischen durch und den Panzern an den Grenzen. All das bildet er sich ein, aber er täuscht sich. Er liest: „Erfülle Zion mit deiner Majestät und dein Volk mit deiner Herrlichkeit.“ Er denkt an das neue Jerusalem des Johannes, dessen Vorstellung ihm so gut gefällt. Immer wenn er daran denkt, fällt ihm ein, wie sein Mentor im Vikariat ihn darauf hingewiesen hat, dass ihm, dem Mentor, das Bild von der Hütte Gottes bei den Menschen besser gefalle. Auch die Hütte steht bei Johannes: Eines der tröstlichsten Worte bei Beerdigungen, findet der Pfarrer: Der Seher Johannes bezeugt im letzten Buch der Bibel:

Ich sah einen neuen Himmel und einen neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen und ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!

(Offenbarung 21,1.3-5a)

Schön wäre es doch, wenn der Rabbi, dessen Sohn gefallen ist, letzte Woche, das auch lesen könnte in seiner Bibel. Wenn er das auch glauben könnte. Wenn er auch das neue Jerusalem erbitten würde, statt des alten. Und da merkt der Pfarrer dass er irrt. Er merkt es an der Randnotiz in seiner Lutherbibel. Neben dem Satz, den er so liebt, steht ein Verweis. Jesaja 25 steht dort und Jesaja 35. Und als er nachliest, weiß er, dass er irrt. Dort steht, was der Rabbi glaubt. Was er liest, vielleicht bei der Beerdigung seines Sohnes:

(Jes 25,8) Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der HERR wird die Tränen abwischen von allen Angesichtern (…)

(Jes 35)Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.

Da weiß der Pfarrer, dass er irrt. Er und der Rabbi beten um die gleiche Stadt. Es ist die mit den zwölf Perlen als Tore, von der Johannes spricht. Zwölf Perlen für die zwölf Stämme Israels. Die Stadt, in der es nicht Nacht wird, wenn die Raketen einschlagen. Weil es keine Raketen gibt. Der Pfarrer erinnert sich, wie interessant es war, im Studium, wenn er herausgefunden hatte, wer in der Bibel von wem abgeschrieben hatte. Und er versteht, dass sie nicht abgeschrieben haben, sondern das gleiche gesehen, das gleiche geglaubt, das gleiche erbeten und erhofft haben. Johannes kannte Jesaja. Der Rabbi kennt Jesaja. Der Pfarrer kennt den Rabbi. Jesaja kennt den Pfarrer und der Rabbi kennt Christus. Sie sind sich nie begegnet. Aber sie haben das Gleiche gefunden in der Schrift. Sie bitten für das Gleiche: Für Jerusalem – wie im Himmel so auf Erden. Beides ist nicht zu trennen und das ist gut so. Gottes Welt und unsere Welt, Himmel und Erde durchdringen sich. Das wusste schon Jesaja. Sonst hätte Jesus recht behalten als er rief: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Sonst wäre die Welt wirklich ein gottverlassener Ort.

Himmel und Erde durchdringen sich. Sonst wäre Christus nicht auferstanden. Der Rabbi und sein Sohn leben in derselben Stadt. Der eine sichtbar für alle. Der andere sichtbar für Jesaja, den Rabbi, den Pfarrer, Johannes und Jesus und alle anderen, die glauben und hoffen wie sie. Sie leben in der gleichen Stadt durch die die Mauer läuft quer durchs Land, durch die Welt, durch Köpfe und Herzen, durch Gottesdienste und Trauerfeiern. Sie leben in der gleichen Welt, durch die die Mauer läuft und in der sie aufgehoben ist. Sie leben in der gleichen Welt, in der die Tränen fließen und getrocknet werden. Sie leben in der gleichen Welt, der gleichen Stadt, in der gebetet und erfüllt wird.

Jedes noch so kleine Dorf auf dieser Welt, jeder scheinbar noch so gottverlassene Ort, jedes Golgatha im Herzen ist allemal noch Vorstadt der Stadt der Himmel.

Um Jerusalem, um das mit der Mauer und das mit den Panzern und den Toten, wo immer es sich findet, überall auf der Welt. Um das Jerusalem der Tränen breitet sich das himmlische Jerusalem mit zwölf Perlen als Verheißung, dass in Erfüllung geht, um was sie beten: Jesaja, Johannes, der Rabbi, Jesus und der Pfarrer:

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Den Segen Aarons wird er sprechen, der Pfarrer, am Ende des Gottesdienstes und hoffen: Erhöre, Herr, das Gebet derer, die dich anrufen, damit alle, die auf Erden wohnen, erkennen, dass du der Herr bist, der ewige Gott.

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