Nicht mehr verlassen

Liebe Gemeinde,

unser Thema heute lautet: macht Bahn und räumt die Steine weg. Nach dem Urlaub war meine Frau vom Drang erfüllt, aufzuräumen. Die Regale in zwei Zimmern hat sie geordnet. Ich habe meinen Schreibtisch zwar noch nicht aufgeräumt, ich bin etwas fauler und bequemer als meine Frau, aber auch ich merke: nach dem Urlaub sehe ich alles etwas anders an. Ich überlege mir, muss denn etwas so sein, nur weil es immer so war. Und für den Gemeindebrief habe ich im Gespräch mit meiner Frau viele neue Ideen entwickelt. Ein neuer Blick war das nach dem Urlaub. Ein bisschen wie ein Blick von außen. Und wenn man neu hinschaut, dann können sich die Dinge neu und überraschend ordnen.

Neu ordnen – das kann nicht nur was die Wohnung betrifft, heilsam sein. Viel wichtiger ist, wie ich auf mein Leben schaue. Wie bewerte ich, was passiert ist? Und wie gehe ich damit um? Wie nutze ich meine Chancen? Gelingt es mir, das Beste daraus zu machen?

Deshalb ist es gut, neu hinzuschauen. Die Dinge neu zu ordnen und zu bewerten. Die Bahn freizumachen für die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Und die Steine wegzuräumen, die uns daran hindern, das Gute von Gott anzunehmen, weil wir zu sehr noch am alten kleben. Da ärgern wir uns noch über Menschen, die uns schlecht behandelt haben. Und dabei fängt jetzt in diesem Gottesdienst schon etwas neues an. Wir werden gut behandelt. Und zwar von jemandem, der viel wichtiger ist, von Gott selbst. Dazu müssen wir den Ärger loslassen, um die Gnade spüren zu können.

Ich lese den heutigen Predigttext Jesaja 62,6-12:

[TEXT]

Jerusalem oder auch Zion oder Tochter Zion ist die Hauptstadt des Gottesvolkes. Neben den Juden sind auch wir Christinnen und Christen gemeint (und auch die Muslims als Kinder Abrahams beziehen sich auf die göttlichen Verheißungen für die Gottesstadt). Wir können dem heutigen Jerusalem nur Frieden wünschen und das unsere zum Frieden tun, indem wir respektvoll mit den Weltreligionen Judentum und Islam umgehen. Mit den Juden sind wir als Geschwister besonders verbunden, nicht nur wegen der deutschen Geschichte, sondern weil wir den größten Teil unserer Heiligen Schrift, das Alte Testament, mit ihnen gemeinsam als Grundlage des Glaubens haben. Und dieses Alte Testament war die Bibel Jesu.

Wir Christinnen und Christen in Messel dürfen uns angesprochen. Wir sind in Christus das Gottesvolk (ohne dass wir den Juden das Gottesvolksein streitig machen wollen). Wir sind das Gottesvolk. Liebe Gemeinde, wieso ist es dann manchmal so ärmlich bei uns? Wieso kommen so wenige in den Gottesdienst? Ich glaube, wir alle haben die Erfahrung, wie wunderbar der Glaube ist und wie gut er tut? Wieso haben nicht mehr Menschen Sehnsucht nach dieser Nähe Gottes? Wieso brauchen nicht mehr Menschen eine Beziehung zu Gott?

Sicher, was da in einem Gottesdienst passiert, das ist nicht einfach zu verstehen. Heute z.B. denken wir nach über einen Predigttext aus der Zeit um 500 vor Christus. Da kommen Stadtwächter auf den Stadtmauern drin vor – wir heute haben Überwachungskameras und streiten uns um eine Terrordatei und wir fragen uns, wieso Terroristen im Namen ihres Gottes Massenmord begehen können.

Sehr fremd ist das, was da in einem Gottesdienst einem zugemutet wird.

Aber das alleine kann es nicht sein. Das Fernsehen entführt uns dauernd in fremde Welten und wir genießen es. Fernsehen ist natürlich bequemer. Ich kann die Füße hochlegen und Chips dazu futtern. Im Vergleich dazu ist ein Gottesdienst natürlich gesünder und es ist schön, andere Leute zu treffen.

Wir sind das Gottesvolk. Das sagt uns die Bibel zu. Und wir machen ja auch die Erfahrung, dass Gott uns nahe ist und dass er in den Gottesdiensten wirkt und uns seine Gnade spüren lässt. Aber was wir sehen, ist doch manchmal sehr ärmlich. Und nach allem, was die Statistik sagt, wird es noch ärmlicher werden. Wir werden immer weniger evangelische Christinnen und Christen sein. Und die, die noch dazu gehören, können nur begrenzt etwas anfangen mit dieser merkwürdigen Sache mit Gott.

Unser Predigttext sagt uns zu: man wird dich nennen „Gesuchte“ und „Nicht mehr verlassene Stadt“. Und man wird sie, die dazugehören zum Gottesvolk, nennen: „Heiliges Volk“, „Erlöste des Herrn“. Jetzt ist es ärmlich. Jetzt sind wir manchmal wie von Gott verlassen. Jetzt sind wir wie entfremdet und enteignet. Viele Menschen beten. Viele Menschen erleben Wunder. Aber irgendwie finden sie sich in den alten Formen nicht richtig wieder. So dass oft nur ältere Damen und Konfis in der Kirche sind. Und das gilt dann nicht richtig, weil sich nicht genug angeblich wichtige Leute dort finden. Dabei finde ich ältere Damen und Konfis sehr wichtig und einflussreicher als man normalerweise denkt. Aber natürlich fällt man als Mann in mittleren Jahren im Gottesdienst auf. Und das ist schade – v.a. schade für die Männer.

Jetzt ist es ärmlich, wie das Gottesvolk lebt. Aber Gott kommt. Wir müssen ihm den Weg frei räumen, damit er nicht aufgehalten wird. Und wenn Gott da ist – dann wir das Gottesvolk nicht mehr unwichtig und randständig sein. Dann werden wir uns gesucht und gefunden fühlen. Dann werden wir uns erlöst fühlen. Dann werden wir uns wie ein heiliges Volk fühlen – alle gehören dazu und es geht wieder voran. Alle alten Verletzungen und Kränkungen sind beiseite geräumt. Die Steine, die Gottes Gnade behindert haben, sind weg.

Und dann werden wir ein Fest feiern. Wir dürfen die Früchte unserer Arbeit sehen. Wir dürfen den Wein trinken und das Brot essen. Kein Feind darf uns mehr die Freude am Leben rauben.

Wein trinken und Brot essen – weil Gott endlich da ist und uns findet. Wir tun das schon im Abendmahl. Aber jetzt wirkt es noch ein wenig steif und gesetzt und nicht richtig festlich. Abendmahl – wenn Gott da ist, dann wird das sein, als wenn wir Fußballweltmeister werden und die Arbeitslosigkeit vorbei ist und die Steuern gesenkt werden, weil der Staat genug hat und ein Mittel gegen Krebs gefunden wurde und eine Versöhnungskonferenz zwischen westlicher und muslimischer Welt erfolgreich ist und die Kriegsherde im Nahen Osten und in Afrika und in Sri Lanka beseitigt werden.

Dann können wir wirklich feiern. Dann läuten alle Glocken und dann fließt der Wein. Dann feiert das Volk Gottes. Und dann werden wir erlöst aussehen, weil wir erlöst sind. Und dann kommt es eigentlich nicht mehr darauf an, wie viel Leute in die Kirche gehen, weil Gott im Herzen der Menschen wohnt.

Gott wird kommen. So verheißt es uns die Bibel. Und wir schmecken ja manchmal schon ein wenig davon, wie es einst sein wird.

Aber was ist bis dahin? Was können wir bis dahin tun? Ich z.B. könnte mich aufraffen und meinen Schreibtisch aufräumen. Und dabei begegnet einem ja immer ein Stück Vergangenheit und kann neu geordnet werden. Das eine fliegt in den Papierkorb und ist vorbei. Das andere kommt mit einer neuen Idee zur Wiedervorlage. Und das dritte sieht mit etwas Abstand ganz anders aus. Die Aufregung damals verstehe ich kaum noch.

Wir als Evangelische Kirchengemeinde Messel könnten den freundlichen Blick üben. Den freundlichen Blick auf die, die ihre Kirchengemeinde nur ab und zu in Anspruch nehmen. Dann wenn Taufe, Konfirmation, Trauung oder Beerdigung ansteht. Wir wollen diesen Menschen Gutes wünschen und sie von Herzen segnen. Wenn Leute sagen „Mir begegnet Gott im Wald.“ – vielleicht begegnet er ihnen ja wirklich im Wald. Dann können wir nur sagen: möge Gott dir oft begegnen. Möge dein Leben davon Frieden, Gelassenheit und Fülle bekommen. Und mögest du lernen zu teilen und dabei zu merken, dass geteiltes Glück doppeltes Glück ist und geteiltes Leid halbes Leid.

Liebe Gemeinde, ich finde es wichtig, dass wir eine offene und einladende Gemeinde sind. Zum Glück machen viele Menschen gute Erfahrungen mit Beten. Viele Menschen haben Hilfe erlebt in der Krankheit oder in Schwierigkeiten. Andere sind verbittert und mit Dingen nicht zurechtgekommen, die ihnen passiert sind – und doch ist da eine Sehnsucht, die Liebe Gottes zu erfahren und eine Sehnsucht, das loslassen zu können, was einen da so blockiert und was einem die Lebensfreude einschränkt. Und dann gibt es leider viel zu viele Menschen, die haben schlechte Erfahrungen mit Christen gemacht. Mit Berufschristen wie Pfarrern oder mit Kirchgängern oder besonders frommen Menschen, die irgendwie die Wahrheit gepachtet zu haben schienen. Ich finde es schade, wenn Menschen sich von so etwas abhalten lassen, die Liebe Gottes zu spüren. Denn was gibt es schöneres und sinnvolleres?

Es bleibt uns nur, so gut wir es können, einladend zu sein und einen freundlichen und barmherzigen, nicht verurteilenden und richtenden Blick einzuüben. Und ansonsten diesen Menschen von Herzen Gutes zu wünschen. D.h. für sie zu beten und sie zu segnen. Aber sie nicht mit frommen Sprüchen zu nerven.

Liebe Gemeinde, wir haben eine große Übersetzungsaufgabe. Wir müssen diese alten Worte in Gesangbuch und Bibel, diese alten Gebäude und die alten Traditionen wie z.B. dass man in der Bank vorm Gottesdienst ein stilles Gebet spricht und am Ausgang dezent etwas in die Kollektenschale legt, all das übersetzen. Wir müssen etwas übersetzen, was wir immer nur begrenzt selbst verstanden haben. Und wir müssen irgendwie deutlich machen, dass in diesem Alten etwas steckt, was uns neu macht, was unser Leben sinnvoll macht, was unsere Liebe erneuert, unsere Hoffnung beflügelt, unser Vertrauen dazu bringt, Berge zu versetzen.

Wir können an dieser Übersetzungsaufgabe nur scheitern. Aber wie sagte Martin Luther: Sündige tapfer. Tu, was in deinen Möglichkeiten liegt. Und den Rest überlasse dem Gott, der auf krummen Linien gerade schreibt.

Ich glaube, wir müssen nicht mehr sein, als wir sind. Wenn wir nur ein wenig von der Gnade umsetzen, indem wir ein wenig gnädiger auf die Menschen kucken, dann wirkt das schon auf Dauer.

Und ansonsten: Gott kommt. Wir müssen nur die Bahn frei machen, die Steine wegräumen. Und ihn ständig drängen: komm endlich. Wir sind die Wächter auf den Stadtmauern, nicht Ausschau halten nach den Feinden, sondern Gott herbeiwinken, der schon am Horizont zu sehen ist.

Die Welt ist schon dabei, neu zu werden. Deshalb lohnt es sich schon, das Leben neu zu ordnen. Ich glaube, ich fange mal mit meinem Schreibtisch an. Und das mit dem freundlichen Blick, das kriegen wir schon hin, das kostet ja nicht viel. Es ist ja nur eine kleine Veränderung des Hinschauens. Jedenfalls erstmal.

Der Gott, der uns sucht, und der uns schon längst gefunden hat, der finde uns, damit wir heißen: Gesuchte und nicht mehr verlassene Stadt.

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