Die leisen und die lauten Töne

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen

Ich will mit einer Geschichte beginnen: Ein Bettler sitzt am Wegesrand von Jericho. Er ist blind, Bartimäus ist sein Name. Früh morgens bringt ihn seine Familie hierher – das ist sein Teil am Broterwerb, ein paar Groschen nur kommen über den Tag zusammen – was soll er sonst auch tun? Er kann ja nichts sehen.

Es wird schon gegen Abend sein, die Sonne steht tief, da macht sich Jesus mit seinen Jüngern auf den Heimweg. Es ist ein langer Tag gewesen, wieder einmal hat er viel diskutieren müssen, war vielen Anfeindungen ausgesetzt und hat unendlich viel Not gesehen. Er kann einfach nicht allen helfen, das ist auch nicht sein Auftrag. Er soll predigen, dafür ist er gesandt und die Krankenheilungen sollen seinen Worten Nachdruck geben.

Viel Verkehr bewegt sich auf der Straße. Alle wollen noch vor Anbruch der Dunkelheit nach Hause. Am Rande Bartimäus und mittendrin, umringt von Menschen, Jesus von Nazareth.

Als der Blinde hört, wer da an ihm vorbeizugehen droht, fängt er an aus Leibeskräften zu schreien: Jesus, du Sohn Davids erbarme dich meiner! Er brüllt wie am Spieß! Nicht auszuhalten, das Gejammer! Die Leute weisen ihn zurecht, er möge doch still sein – aber Bartimäus schreit nur um so mehr. Er lässt ihm keine Ruhe, geht ihm so sehr auf die Nerven, bis der Nazarener endlich stehenbleibt und ihn zu sich rufen lässt.

So wird der Blinde gesund. Seiner Hartnäckigkeit und der Güte Gottes verdankt er sein Augenlicht und ein neues Leben.

Mich berührt diese Begegnung immer wieder. Da fällt einer aus der Rolle, da fällt einer aus dem Rahmen, der kann sich ja überhaupt nicht benehmen, der irre Bartimäus. Der schreit den ganzen Platz zusammen! Und Jesus erbarmt sich seiner und macht ihn sehend.

Da schert sich einer nicht um das, was die Leute sagen. Da hält einer unbeirrt an seiner einzigen Hoffnung fest, da lässt einer keine Ruhe und schreit unablässig um Gottes Erbarmen. Und Gott kommt und setzt ihn ins Recht.

Auch in unserem Predigttext geht es darum, Gott keine Ruhe zu lassen, ihn an seine Versprechen zu erinnern, ihn zu nerven, solange bis er alles ins Lot bringt. Ich lese aus dem Propheten Jesaja im 62. Kapitel:

[Text]

Jerusalem braucht Gottes Hilfe. Es ist zerschlagen, zerstört, von den Feinden besetzt. Im 500 Jh. vor Christus ist der Tempel immer noch nicht wieder aufgebaut, immer noch bestimmen Belagerung und Besetzung das Leben im Heiligen Land, Israel ist verwundet und kann nicht zu alter Kraft finden. Die ihr den Herrn erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen, lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden. Vielleicht ist dabei an die Priester gedacht, die ohne Unterlass im Schichtdienst beten sollten, sie sollten Hoffnungsträger sein für das Volk, sie sollten dem Volk den Weg der Hoffnung bereiten.

Am Ende dieses Textes steht, wie bei Bartimäus, Erlösung und Gottes Erbarmen: Man wird von Gottes Volk als von einem Heiligen Volk sprechen, man wird sie die Erlösten des Herrn nennen, Gesuchte, oder gar Geliebte Gottes wird man zu ihnen sagen. Alle werden sehen: Diese Stadt muß nicht mehr weinen.

Es ist in diesen beiden Texten, liebe Gemeinde, die Aufforderung und die Ermutigung erhalten, Gott ruhig auf den Keks zu gehen, immer wieder, wenn´s sein muß, unablässig um Gottes Erbarmen zu bitten, zu rufen, zu flehen, zu schreien. Nicht die Hoffnung aufgeben! So könnte man den Text zusammenfassung, bringt euch in Erinnerung, geht ihm ruhig auf die Nerven – er will und er wird alles gut machen.

Wie kommt das bei Ihnen an? Die unter uns, die krank sind, oder Kummer haben, schöpfen vielleicht neue Kraft und neuen Mut. Vielleicht habe ich bisher nicht laut genug gebetet, nicht energisch genug bei Gott angemeldet, was ich will! Vielleicht sollte ich es noch einmal mit Gott versuchen: Auch wenn die Krankheit unausweichlich scheint, auch wenn die Ärzte unheilbar gesagt haben, und selbst wenn das Ende mir bevorsteht, so will ich doch beten und bitten, bis Gott mich hört!

Einen anderen hat vielleicht der Streit in der Familie mürbe gemacht hat und er hat keine Kraft mehr und er möchte nur noch fort, aber dennoch raft er sich noch einmal auf und bringt sich bei Gott in Erinnerung, bis er ihn erhört und ihm und den seinen Frieden schenkt. Und wer schon einmal so verzweifelt gebetet hat wie der blinde Bartimäus, der erinnert sich vielleicht, dass diesem Gebet eine ganz eigene Kraft innewohnt.

Aber so ein Gebet kostet auch Kraft. Das kann man nicht ewig durchhalten. Wenn man eine Zeitlang mit allen Sinnen mit Gott und seinem Schicksal gehadert hat, ist man rechtschaffen müde, erschöpft, resigniert, leer und völlig fertig.

Ich höre und lese den Text in diesen Tagen auch als Ermutigung, in meinem Gebet um Frieden nicht nachzulassen. Ich will nicht verzweifeln und glauben, was sie mir alle sagen, nämlich dass es ohne Gewalt nicht geht. Ich will beten, will Gott auf die Nerven gehen, ihm auf die Pelle rücken: Wer kann denn hier helfen, wenn nicht er? Warum lässt er es zu, dass Menschen seinen Namen für Krieg und abscheuliche Gewalt missbrauchen? Hör mal zu, Gott – das geht dich an, was im Moment in der Welt geschieht, du kannst nicht immer achselzuckend daneben sitzen und zugucken, wie wir uns die Köpfe einschlagen!!! Laute Worte sage ich ihm, im Stillen, wenn ich allein bin, in meinem Gebet.

Leicht werde ich dabei müde, fast im selben Atemzug. Mein Gebet scheint nicht erhört zu werden, der Fernseher verspottet in den Nachrichten meinen Glauben. Es scheint alles so sinnlos. Ich werde still und resigniert. Wer hört schon die leisen Töne, wer hört mein Gebet, das ich in der Stille spreche? Gott offenbar nicht, ist Gott vielleicht nur auf der Seite derer, die lauthals schreien?

„Gott stehe uns bei“ – so verkündigte der amerikanische Präsident seine Vergeltungsschläge gegen Afghanistan. „Allah ist groß“ so tönte auf der anderen Seite Osama bin Laden und die Welt hörte ihm zu. Wen wunderts, dass unsere leisen Gebete niemanden interessieren?

Das kann doch nicht angehen, mein Gott! Bist du denn wirklich nur auf der Seite der Lauten, derer, die um ihr Recht kämpfen? Bist du ein Gott der Vorderen, der Starken, der Mutigen? Bist du nicht ein Gott der leisen Töne, bist du nicht ein Gott, der uns hört, auch wenn unser Gebet zum verzagten Flüstern wird? Muss ich dich an deine Versprechen erinnern, immer neu, kannst du nicht auch mal einfach an mich denken und dich mir liebevoll zuwenden, noch bevor ich schreien muss?

Der Predigttext, liebe Gemeinde, will uns ermutigen, Gott keine Ruhe zu lassen. Er will uns ermutigen, ihm ruhig auf die Nerven zu gehen, solange, bis er uns hilft. Fast scheint es so, als warte Gott auf die Flut unserer Gebete. Er will helfen, aber er will auch gebeten werden. So verstehe ich unseren Predigttext. „Die ihr den Herrn erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen, lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden!“ Der Predigttext meint es gut mit uns. Er will uns zum Gebet ermutigen. Wir sollen nicht meinen, Gott habe uns vergessen, sondern dran bleiben am Gebet und an der Hoffnung, es wird alles gut werden.

Aber ich setze ihm dennoch meinen Einwand entgegen: Manchmal habe ich keine Kraft, zu betteln, zu beten und zu streiten. Manchmal bin ich müde und resigniert. Ich wende gegen den Predigttext Namen ein, von Menschen aus der Gemeinde, die nicht einmal die Kraft zum Glauben finden, geschweige denn zum Gebet. Menschen, die ihr Leben lang haben kämpfen müssen und immer nur verloren haben. Menschen, denen nie etwas geschenkt wurde. Menschen, die es immer nur schwer hatten, denen eine Last nach der nächsten aufgelegt wurde. Die können nicht mehr beten, die können nicht mehr zu Gott schreien. Die brauchen nicht die Ermutigung des Predigttextes, sondern einen Gott, der ihre Verzweiflung sieht und sich ihrer annimmt, einen Gott, der kommt, noch bevor sie ihn rufen, einen Gott, der ihnen beisteht, noch bevor sie darum gebeten haben.

Ich habe Wächter über dich gesetzt – so steht es in dem Predigttext. Menschen, die für dich beten, habe ich bestellt. Sie lassen dem Herrn keine Ruhe, bis er dich erlöst. Dafür ist Jesus gestorben und auferstanden, er hört nicht auf, für uns zu sorgen. Wie ein Hirte ist er für uns da, wie eine Mutter sorgt er für uns. Noch bevor wir rufen, weiß er, was uns fehlt und er sagt es uns klar: Gott ist bei euch, immer, Tag und Nacht. Ihr könnt nicht aus seiner Gnade herausfallen, denn ich trete für euch ein. Euch kann nichts geschehen, einerlei, wer ihr seid, ob ihr krank seid oder gesund, ob ihr stark seid oder schwach, laut oder leise. Jesus von Nazareth war einer, der für die Schwachen eintrat und den Leisen seine Stimme lieh. Er ist der eine Wächter, der Gott unablässig an unser Schicksal erinnert und ihm in den Ohren liegt um sein Erbarmen.

In ihm ist Gott uns nahe, bevor wir rufen. In ihm steht Gott uns bei, wenn Verzweiflung und Angst uns verzagen lassen. In ihm erkennen wir Gottes Friedenswillen für die Welt. In ihm finden wir Erlösung und Heilung und Kraft. Und durch ihn wird sich alles zum Guten wenden, darauf können wir uns verlassen.

Amen

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