Im Wartesaal zum großen Glück

"Im Wartesaal zum großen Glück

da warten viele, viele Leute

die warten seit gestern

auf das Glück von morgen

und leben mit Wünschen von übermorgen

und vergessen, es ist ja noch heute

ach, die armen, armen Leute"

Wenn das so ist, wie Berthold Brecht es in seinem Gedicht beschreibt, dann wäre das ja wohl ein verfehltes, ein verpasstest Leben. Wer will das schon, wer hätte daran schon Freude. Doch ist es auch schwierig dafür gegebenenfalls Abhilfe zu schaffen.

Vor unendlich langer Zeit, also lange vor HartzIV als die Firmen sich noch etwas dafür zugute hielten, ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern besondere Sozialleistungen zukommen zu lassen und kein Finanzminister es gewagt hätte, darin einen geldwerten zu versteuernden Vorteil zu sehen, da waren die Menschen nicht erwerbstätig sondern hatten einen Beruf. Das gibt es heute nicht mehr und das kann man sich auch kaum mehr vorstellen. Mit einer solchen Vorstellung heute zu kommen, das würde als blauäugig und überholt empfunden. Einen Beruf haben, das bedeutete etwas ganz anderes als heute. Das bedeutete nicht Geldverdienen, das auch, aber es war nicht der Hauptgesichtspunkt. Einen Beruf haben, das bedeutete, eine Fähigkeit, eine Kenntnis, die man erworben hatte, in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Wieder so ein altmodisches und verstaubtes Wort: Dienst. Der einfache Gemüsehändler handelte mit Gemüse, weil die Menschen in seinem Wohnviertel Obst und Gemüse brauchten. Dafür stand er vor Tagesanbruch auf, holte frische Ware und bot sie in seinem Laden zum Verkauf. Er verdiente nicht sein Geld als Gemüsehändler, er war es. Er lebte in seinem Laden und mit seinem Laden und empfand dies weder als Belastung noch als Benachteiligung, noch hatte er den Eindruck, dass ihm etwas entging. Wenn man die Grabsteine auf dem Südfriedhof anschaut, wird man festellen, dass dort in der Regel nicht nur die Namen der Verstorbenen angegeben sind, sondern oft genug auch der Beruf. Heute undenkbar. Damals war es ein allgemeines Bewusstsein. Der Bäcker nebenan und der Schuhmacher gegenüber machten es nicht anders. Ein Fabrikant versuchte mit seiner Fabrik etwas zu erreichen. Fabrikarbeiter definierten sich über ihre Firma. Eine Sache wie sie in dem Film „Schindlers Liste“ gezeigt wird, wäre unter gegenwärtigen Maßstäben kaum noch vorstellbar. Mit wieviel Würde erzählen ältere Menschen besonders auch Frauen, von dem Beruf den sie als junger Mensch erlernt haben und in welcher Firma sie tätig waren. Haben diese Menschen uns, die wir auf der Suche nach Erfüllung und Bestätigung sind, nicht vielleicht doch etwas voraus?

Es gehört zu den Entdeckungen der Reformation, dass man auch außerhalb von Klostermauern als Christ leben konnte. Und für dieses Leben außerhalb der Klostermauern fand und erfand man das Wort „Beruf“. Das auch jemand, der nicht in kirchlichem Dienst stand, damit einer Berufung folge leistete. Mit dem, was er oder sie tat, seiner oder ihrer Berufung lebte. Wie fremd erscheint uns das alles.

Szenenwechsel. Jeremia ist jung. Nach heutigen Maßstäben gerade an der Grenze zur Volljährigkeit. Er hat sein Leben vor sich. Vielleicht hat er Pläne, vielleicht hat er Ängste. Vielleicht hat er Vorstellungen davon, wo er in der Gesellschaft seiner Zeit einen Platz finden könnte. Oder er ist einer von denen, die nicht so recht wissen, was sie eigentlich anfangen sollen. Die auf der Suche sind und denen der Mut fehlt. Er weiß, dass man sich Mühe geben muss, wenn man erfolgreich sein will, aber er weiß wohl auch genauso, dass eine gehörige Portion Glück dazu gehört. Den rechten Menschen zur rechten Zeit zu begegnen und vieles mehr. Viel Erfahrung kann er mit seinem jungen Leben noch nicht aufweisen. Vieles weiß er nicht. Aber eines weiß er, das, was Gott von ihm will, dem fühlt er sich nicht gewachsen, dazu ist er zu jung. Seine Antwort, auf den Auftrag, den Gott ihm gibt ist NEIN. Dabei ist es massiv, wie Gott auf ihn zugeht. Er überfällt ihn regelrecht: ausgesondert von Mutterleib, berufen zum Profeten über die Völker. Jeremia wird nicht gefragt, ob er das sein will. Über sein Leben wird einfach verfügt. Da ist der von ihm vorgetragene Protest noch sehr zurückhaltend. Sein NEIN erscheint berechtigt. So habe ich mir doch mein Leben nicht vorgestellt. Lass mich doch in Ruhe. Such dir doch einen anderen. Es gibt bestimmt welche die es besser können und die es lieber machen, als ich. Ich bin kein Machtmensch. Ich will lieber zurückgezogen und bescheiden leben. Und dann dieser Auftrag: ausreißen und einreißen, zerstören und verderben und dann wieder bauen und pflanzen. Wer bin ich denn, wer gibt mir denn das Recht dazu. NEIN und nochmals NEIN, das ist nichts für einen jungen Menschen wie Jeremia.

Was bedeutet Berufung. Was bedeutet es, ein Leben zu führen, in dem das, was man tut, ein Beruf ist? Können wir das, von der Berufung des Jeremia auf uns und unsere Anliegen übertragen? Versuchen wir es! Berufung leben, bedeutet, sich selbst als einzigartig entdecken. Für Jeremia heißt das, ausgesondert von Mutterleibe an. Für jeden von uns heißt es: nur du mit deinen Möglichkeiten und Fähigkeiten, kannst an dem Platz, an den das Leben dich hin verschlagen hat das tun was zu tun ist. Niemand sonst. Du bist gefragt, du bist gefordert mit deinen Ideen deiner Erfahrung, deiner Urteilskraft. Hier und jetzt und heute. Berufung leben heißt auch, befähigt und begabt zu sein. Jeremia wird ausgestattet, mit dem was er nötig hat. Es geht nicht um das was ist schon kann. Er kann herzlich wenig. Er ist bestenfalls Azubi im Augenblick seiner Berufung. Es geht um das, was Gott ihm anvertraut, was er ihm zur Verfügung stellt, ihm zukommen lässt. Und mit jeder Begabung mit jeder Befähigung tragen wir eine Verpflichtung. Sind verpflichtet sie in den Dienst nehmen zu lassen und zum Gedeihen aller einzusetzen. Jeremia soll ein Profet sein für die Völker und auch unser aller Leben steht in einem weiten Horizont, in den es hineinwirken soll. In dem es Frucht bringen soll und Segen sein. Das können wir doch nicht bestimmen oder aufhalten. Berufung leben kann bedeuten, dass es dir so vorkommt, dass die Schuhe, in denen du gehst, dir so vorkommen als seien sie nicht die deinen. Weil sie dir zu groß sind. Weil du erst hineinwachsen musst. Weil du an den Aufgaben die sich dir stellen, wachsen musst. Berufung leben, kann bedeuten, dass du Dinge tust, die du dir niemals ausgesucht hättest. Manches im Leben können wir uns aussuchen, aber vieles haben wir zu bewältigen, das wir uns nicht ausgesucht haben. Keiner von uns entscheidet, in welcher Familie und an welchem Ort er oder sie zur Welt kommt. Die Weichen sind gestellt. Wir können uns als Opfer des Schicksals sehen. Wir können aber auch das, was wir vorfinden, als Auftrag sehen, unser Leben in die Hand zu nehmen und nach Kräften zu gestalten.

Eigentlich haben wir uns ja überlegt, wie es gelingen kann, das Leben so zu gestalten, dass es sich nicht anfühl, wie in einem Wartesaal, wo wir nur die Zeit verstreichen lassen. Und vergessen, es ist ja noch heute – ach die armen armen Leute. Ich bin mir sicher. In dem Moment, wo es uns gelingt, das, was wir tun, als Berufung zu sehen, wird sich vieles ändern. Dann werden wir mit einem mal ganz in der Gegenwart leben, und ganz da sein. Mit allen Sinnen und allen Kräften.

Ich weiß, was jetzt einige denken: den Jeremia hat Gott berufen, aber mich doch nicht. Täuschen wir uns nicht. Er hat es schon lange getan. Jeden einzelnen und schon ehe der Welt Grund gelegt war.

drucken