Wahrheit tröstet

Der Prophet Jeremia wirkte im 7. Jahrhundert vor Christus. Er warnte immer wieder die Menschen seiner Zeit vor politischen Bündnissen und Koalitionen, die kurzfristig vielleicht Erfolg verheißen können, aber dem Willen Gottes widersprechen. Er verkündete sehr deutlich den Menschen, dass sie sich auf Gott verlassen sollen, sagte den Königen ihr Unrecht offen ins Gesicht. Man hat auf ihn nicht gehört. Am Ende seiner Zeit steht die Auflösung Judas und die Zerstörung Jerusalems und des Tempels. Alles, was die Vorfahren als Gottes Verheißung und Erfüllung erfahren hatten, war zerstört. Sie blieben bei ihrem Gott und bewahrten die prophetischen Worte, die ihr Versagen offenbar machten.

Darüber, wie er zum Propheten Berufen wird, erzählt sein Buch gleich zu Beginn, direkt nach einer Zeitansage, in der deutlich wird in der Zeit welcher Könige er gewirkt hat. Inmitten dieser politischen Situation wird er angesprochen:

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Für mich ein eigentümlicher Gedanke: Er ist berufen bevor es ihn schon gab, bevor seine Eltern ihn gezeugt haben, ausgewählt ohne irgend etwas zu sein, als nur wein bloßer Gedanke, eine Möglichkeit, eine Hoffnung eines jungen Paares.

Und auch jetzt fühlt dieser Jeremia sich nicht viel besser: ‚Ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung’. Der Prophet disqualifiziert sich selber. Er widerspricht so allem, was uns menschlich normal zu seins scheint. Er ist selbstkritisch und bescheiden – oder er hat Angst, Angst vor der Aufgabe, vor der Verantwortung, die da auf ihn zukommt. Angst die Wahrheit zu sagen in einer Welt, die nur Lügen hören will. Angst Menschen ein Spiegelbild vorzuhalten, die nur hören wollen, wie toll sie doch sind.

Gott übergeht alles diese Einwände. Er übergeht die Ängste des jungen Jeremia, so wie Jesus alle möglichen Einwände übergangen hat, als er seine Jünger berief, die nicht gebildet waren, keine großen Reden halten konnten und ihn ja auch tatsächlich oft nicht verstanden haben.

Der Widerspruch des Propheten ist typisch für Menschen, die wissen worum es geht, die eine Ahnung haben von ihren Schwächen und der Größe der Aufgabe, die sie erwartet. Aber Gott kennt keinen Widerspruch. Auch nicht meinen Widerspruch zu jung oder zu alt, keine Zeit, oder ohne Begabung. Wo Gott Menschen in den Dienst nimmt, wird es immer schwer. Ausweichen aber geht nicht. Gott beruft oft Menschen, die sich selber für unwürdig halten oder für ungeeignet, für zu jung oder zu ungeschickt.

Zu jung ist keiner. Gerade der Mut zum neuen Aufbruch wird gebraucht. Wer in Gottes Dienst treten soll, braucht den Mut, neue Wege zu beschreiten, braucht den mut Brücken zu bauen, wo andere nur tiefe Täler sehen.

Vielleicht ist unsere Kirche ja schon zu alt. Nicht mehr wie Jeremia, der am Anfang eine beschwerlichen Weges Angst hat, sondern eher wie ein greis am Ende eines langen Weges, der nun einfach seine Ruhe braucht. Vielleicht brauchen wir ja neue junge Prophetinnen und Propheten, die dem Wort Gottes vertrauen und uns mit Jeremia unbequeme Wahrheiten ins Gesicht schleudern, freche Dinge sagen, um uns anzustacheln zu neuem Mut und neuer Hoffnung, zu Aufbrüchen, die darauf vertrauen, dass Gottes Wort wahr ist, wenn es in Vers 8 heißt: ‚Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.’

Ich glaube allerdings jeder von uns sollte sich als Berufene oder Berufener fühlen. Jedem / jeder gilt der Anspruch Gottes, der Ruf in seine Kirche, der Ruf zur Deutlichkeit des Glaubens. Berufung vor der Geburt, genauer: vor der Zeugung gilt allen Menschen. Da geht es auch um das, was in mir schlummert, in mir angelegt ist – Priestertum aller Gläubigen, also in jedem und in jeder hat Gott etwas angelegt, hat sie zu Mägden und Knechten seines Wortes und seines Geistes berufen. Jeder Mensch kann an seiner Stelle von Gott reden und handeln. Auch in der Tradition der Propheten, die wir oft als Redner wahrnehmen, liegt die Gefahr zu meinen, es ginge allein um das Prophetische Wort. Aber da war mehr: Gerade Jeremia wurde berühmt für seine Handlungen, auch die zeichenhaften Handlungen. Nachfolge ist immer beides Wort und Handlung. Und mir sind viele fromme Menschen begegnet, denen war es nicht gegeben zu reden, aber sie konnten handeln, manche können zupacken, wo Taten der Liebe notwendig sind, manche haben die Gaben, anderen ein Gefühl von Wert zu vermitteln, Selbstbewusstsein zu stärken, bei denen, die am Boden liegen, wieder andere haben missionarische Fähigkeiten, indem sie einfach bescheiden von ihrem Glauben erzählen und andere einladen. Wieder andere schaffen es selbstverständlich durch ein auswendig gelerntes Tischgebet andere zum Mitbeten zu ermutigen. Es gibt viele Möglichkeiten Gottes Wort zu verkünden, Gottes Willen zu tun. Ich kann das in der Politik oder in der Wirtschaft, im beruf, in der Nachbarschaft, im Verein oder am Stammtisch. Ich muss nur meine Bedenken aufgeben und mich von seinem Geist begeistern lassen.

Der Mund Jeremias wird berührt und dadurch wird sein Mund zum verlängerten Mund Gottes. Er erhält Macht direkt von Gott – Berufung ist Macht, ist verlängerte Gewalt Gottes: Gott hat keine anderen Hände als unsere Hände. Er hat keinen anderen Mund als unseren Mund und darum sagt er zu Jeremia: ‚ Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.’

Er will sich an uns binden, an uns fest machen. Er will uns alle in seinen Dienst nehmen. Er traut uns das zu. Und er sagt auch deutlich, dass dort wo sein Wort gesagt und getan wird, nicht einfach alles gut ist, sondern Zerstörung und Trennung ist. Es kann gar nicht anders sein, als dass das Wort Gottes Menschen verprellt, die Unrecht tun, die andere quälen oder auf Kosten Anderer leben. Wer die Wahrheit sagt, macht sich leider auch Feinde. Aber er wird auch getröstet. Diese Zusage gibt Gott Jeremia, diese Zusage gilt auch uns. Und er lädt uns ein, auf ihn zu vertrauen und mit ihm zu reden.

Den Weg zu Gott finden wir im Gebet und wenn wir uns von ihm in den Dienst nehmen lassen.

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