Gott ist bei uns

Liebe Gemeinde,

in unserem Predigttext heute geht es um die Berufung des Profeten Jeremia. Ich möchte mir diese Berufungsgeschichte ansehen und überlegen, was eine Berufung auszeichnet. Ich möchte einen Anstoß zum Nachdenken über die Frage geben, wo könnte meine Berufung liegen? Und wie finde ich meine Berufung? Denn ich bin davon überzeugt, dass das Leben eines jeden Menschen einen Sinn hat. Ich glaube, dass in jedem Leben eine Berufung liegt. Unsere Aufgabe ist es diese zu finden und zu leben. Und wahrscheinlich ist es nicht nur eine, sondern es sind unterschiedliche Aufgaben in unterschiedlichen Lebensphasen, vielleicht sogar verschiedene Berufungen an verschiedenen Tagen. Und ich frage mich, wie ich offen werden kann für das, was mir jeden Tag als Aufgabe von Gott entgegen kommt. Aber sehen wir uns erst einmal den Text an.

[TEXT]

Jeremia hat von Gott eine besondere Aufgabe zugewiesen bekommen. Schon vor seiner Geburt hat Gott ihn zum Profeten bestimmt. Gott beruft ihn dazu, die Worte öffentlich auszusprechen, die Gott ihm in den Mund legen wird. Er soll zu den Leuten gehen, die Gott ihm zeigt und er soll ihnen sagen, was Gott ihm aufträgt. Dies ist ein wichtiger und hoheitsvoller Auftrag. „Siehe ich setze dich über Völker und Königreiche!“ steht da. Er soll öffentlich predigen, öffentlich reden. Jeremia hat es gut. Er hat einen Ruf gehört. Sein Auftrag ist klar. Sein Auftrag ist wichtig. Der Sinn seines Lebens ist deutlich. Er muss nicht mühsam rumsuchen. Sein Weg liegt deutlich und klar vor ihm. Er muss eigentlich nur noch machen, was ihm gesagt wird. Er hat die Zusage Gottes, dass Gott bei ihm sein wird und ihn unterstützt. Fürchten muss er sich auch nicht. Alles bestens. Er muss nur noch loslegen.

Jeremia selbst sieht das etwas anders. Er versucht sich zu drücken. Er sagt: „Ach, ich kann das nicht, ich bin zu jung.“ Denn Jeremia ahnt, was da auf ihn zukommen wird. Seine Aufgabe wird es sein, den Untergang seines Landes anzukündigen. Und das ist keine schöne Aufgabe. Niemand will hören, dass die Politik, die da gerade gemacht wird falsch ist und in den Untergang führen wird. Niemand will hören, dass er umkehren und sein Leben ändern muss, damit es nicht in der Katastrophe endet. Jeremia wird nicht nur als Spinner betrachtet und belächelt werden. Er wird auch bedroht, verfolgt und ins Gefängnis geworfen werden. Als Zeichenhandlung soll er nicht heiraten, um deutlich zu machen, dass es gerade keine Zeit ist, um mit einer Frau glücklich zu sein und Kinder groß zu ziehen. Vor Jeremia liegt ein Leben im Dienst Gottes. Und er wird in diesem Dienst leiden müssen. Er wird keinen Erfolg haben. Der König und das Volk werden nicht auf ihn hören, und sein Land wird untergehen. Alles, was er sagt, wird umsonst sein. Also vor so einer Aufgabe hätte ich auch versucht mich zu drücken. Jeremia versucht also loszukommen mit der Begründung, er sei zu jung. Aber Gott lässt ihn nicht los: „ Du bist nicht zu jung, mach einfach, was ich dir sage!“ Und dann macht Jeremia.

Konnte den Gott nicht sehen, was passiert? Hat Gott Jeremia nicht einfach sinnlos verheizt? Wie kann Gott ihm so einen Auftrag, so ein Leben zumuten? Wenn Gottes Berufungen so sind, dann kann einem Angst und Bange davor werden. Aber was gibt es sonst an Möglichkeiten? Die Alternative ist, dass Gott sagt: Die profetische Aufgabe ist unzumutbar. Dann muss ich mein Volk halt in den Untergang laufen lassen, ohne dass es davor gewarnt wird. Und gibt es nicht auch eine andere Seite? Ja es gibt auch eine andere Seite. Jeremia muss den Untergang mit ansehen. Aber das hätte er auch ohne seine Berufung müssen. Die Feinde kommen und zerstören das Land. Dann wäre er einfach ahnungslos mittendrin gewesen. Im Grunde hat er es so besser. Er ist unverheiratet, er muss nicht mit ansehen wie seine Frau vergewaltigt wird und seine Kinder versklavt werden. Und er kann über die Katastrophe hinaus blicken. Er weiß, dass dies nicht das Ende ist. Er weiß vielmehr, dass dies der Anfang eines neuen Weges Gottes mit seinem Volk ist. Nachdem stattgefunden hat, was er angekündigt hat, darf Jeremia nun Hoffnung verkünden. Er darf den Leuten sagen: „Gott hat uns nicht verlassen, er wird etwas Neues mit uns anfangen, und dann wird sein Gebot in unserem Herzen sein, und wir werden sein Volk sein und er wird unser Gott sein. Die Zukunft wird gut werden.“ Gott hat Jeremia nicht nur etwas zugemutet. Gott hat auch für Jeremia gesorgt und ihn durch diese extrem schwierige Zeit getragen und beschützt.

Soweit Jeremia – und wir?

In einem kann ich mich gut wieder finden, nämlich in Jeremias Einwand gegen Gottes Auftrag. Ich finde auch, dass ich zu jung bin, oder vielleicht bin ich inzwischen auch zu alt, auf jeden Fall aber nicht gut genug und ganz sicher unfähig. Andere können das bestimmt besser. Ja, natürlich versuchen wir uns vor dem zu drücken, was Gott uns zumuten könnte. Denn eine Zumutung ist es alle Mal, wozu Gott uns berufen haben könnte. Es wird uns wahrscheinlich am Fernsehen hindern. Vielleicht wird es uns aber auch durch schwierige Zeiten tragen.

Aber bei uns ist sowieso alles anders: Also, an mich erging kein Wort des Herrn, wie an Jeremia. Also habe ich auch keine klare Berufung, oder? Oder vielleicht habe ich einfach nur die Ohren verschlossen als Gott mich gerufen hat?

Aber lassen Sie mich nachdenken, vielleicht ist das alles nicht so eindeutig, wie es auf den ersten Blick zu sein scheint. Vielleicht ist es ja ganz anders. Möglicherweise haben wir uns gar nicht gedrückt. Möglicherweise leben wir ja alle auf die eine oder andere Weise und zumindest bruchstückhaft, das, wozu Gott uns berufen hat. Vielleicht haben wir ja nicht nur nein, sondern auch ja gesagt. Und wir können in unserem Leben etwas finden, was einer Berufung gleichkommt, und dass wir einfach nur sehen lernen müssten, damit es klar und leuchtend zum Vorschein kommt.

Ich kenne eine Frau, die hat einen grünen Daumen. Ihre Berufung ist ganz eindeutig der Umgang mit Pflanzen. Sie schenkt mit ihren Pflanzen anderen Menschen Schönheit und Glück. Genauso können Backen oder Kochen oder eine handwerkliche Begabung, Zuhören können, gut mit Nachbarn auszukommen, gut mit Kindern umgehen können, eine Berufung sein. Gibt es etwas in ihrem Leben, was damit vergleichbar ist?

Dass so etwas ein Ruf Gottes ist, kann man daran erkennen, dass es anderen Menschen etwas gibt, dass es ihnen hilft oder sie erfreut oder ihnen nützt. Jeremia hatte einen Ruf zu predigen und damit etwas für sein Volk zu tun, nämlich es vor dem Untergang zu warnen. Unser Ruf hat wie der Jeremias einen Bezug zu anderen Menschen. Es geht dabei darum, etwas für andere zu tun. Damit Gottes Auftrag erfüllen wir Gottes Auftrag. Damit finden wir einen Sinn in unserem Leben.

Wenn ich über mein Leben nachdenke, dann finde ich an verschiedenen Stellen so etwas wie einen Ruf Gottes. Natürlich auch im Bezug auf meine Arbeit hier in der Kirchengemeinde. Aber erzählen möchte ich Ihnen von etwas anderem. In meiner Ausbildung im theologischen Seminar in Friedberg haben wir Beerdigung gelernt. Dazu haben wir eine Übung gemacht, die mein Leben von Grund auf verändert hat. Wir haben uns hingelegt, entspannt und sollten uns vorstellen, dass wir Abschied nehmen von allen Menschen die uns lieb und teuer sind und von der Welt. In dieser Übung lautete eine Frage: Was hat in deinem Leben gefehlt? Was bedauerst du, dass du es nie getan hast? Womit kannst du dich schwer abfinden, dass du es nie mehr tun wirst? Auf diese Frage habe ich eine klare Antwort gefunden. Ich habe kein Kind. In dieser Übung habe ich entdeckt, dass ich Kinder aufziehen möchte. Ich hatte vorher eigentlich gedacht, dass ich keine Kinder will. Dies war für mich eine Berufung Gottes. Mein Mann und ich haben überlegt, wann wir denn gut Kinder bekommen könnten, in welche Zeit unseres Berufslebens sie passen könnten, und kamen zu dem Ergebnis: eigentlich nie, eigentlich stören Kinder immer. Drei Monate später war ich schwanger, mitten in der Ausbildung, mitten in einer finanziell völlig ungesicherten Situation, mein Mann studierte noch. Das war alles nicht einfach. Es war ein Wagnis für meinen Mann und mich ohne Unterstützung aus unseren Familien mit wenig Geld und unklaren Berufsaussichten eine Familie zu gründen. Aber unsere Kinder haben uns auch durch die schwierigen Zeiten der Ausbildung getragen. Und heute, wo unsere Töchter fast groß sind, danke ich Gott, dass er uns ermutigt hat gerade auch in dieser Zeit diesen Schritt zu wagen. Selbstverständlich lag in diesem Ruf Gottes auch Leid und Schwierigkeiten und harte Arbeit aber eben auch Sinn und Glück und Liebe.

Gott hat zu Jeremia gesagt: „Fürchte dich nicht vor ihnen, ich bin bei dir und will dich erretten.“ Im Leben mit den Kindern habe ich soviel Nähe Gottes erfahren, dass ich es durchaus in so einem ähnlichen Satz zusammen fassen könnte: Gott ist bei mir gewesen und hat mich durch alle Schwierigkeiten im Leben mit den Kindern hindurch gerettet. Dafür danke ich Gott.

Also kurz gesagt: Wenn wir in unserer Berufung leben, dann wird es nicht unbedingt einfach, aber es wird immer sinnvoll und lebendig und erfüllt von der Nähe Gottes sein. Es wird nicht unbedingt erfolgreich sein und möglicherweise durch Leid hindurch führen, aber am Ende wird nicht nur etwas zerstört sein, sondern eben auch etwas gepflanzt und aufgebaut wie Gott es Jeremia in Vers 10 unseres Predigttextes verheißt. Diese Hoffnung schenkt uns unser heutiger Predigttext. Bauen wir darauf und probieren es aus. Dafür sind wir nie zu jung und auch nie zu alt. Ich wünsche uns allen, dass wir unsere Berufung immer klarer sehen. Und ich wünsche uns auch dass wir in unserer Berufung Sinn und Glück finden.

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