Als Berufene leben – befreiend und erschreckend zugleich

Liebe Gemeinde,

es gibt biblische Texte, die tun so richtig gut, die gehen „runter wie Öl“. Da geht einem das Herz auf, weil sie ermutigen und bestärken einer tiefen Sehnsucht entsprechen, oder aufwühlende Ängste besänftigen. Solche Texte kann ich nicht oft genug hören, ich lasse sie nur zu gern auf mich wirken.

Aber dann gibt es auch Texte, die setzten mich einer ungeheuren Spannung aus. Faszinierend befreiend wirken sie auf der einen Seite, beunruhigend, beängstigend, ja abstoßend auf der anderen. Und meistens lässt sich diese Spannung nicht auflösen.

Nun – eigentlich ist das ja in Ordnung. Was wäre auch ein Leben ohne Spannung. (körperlich veranschaulichen: Körperhaltung, Händedruck) Aber manchmal ist es unheimlich schwer, solch eine Spannung auszuhalten.

Sie ahnen schon: der heutige Predigttext führt in solch eine Spannung. Aber das ist kein Wunder; denn der, der diese Geschichte erzählt, war dieser Spannung nicht nur für die Zeit einer Predigt, sondern sein ganzes Leben ausgesetzt. Es ist der Prophet Jeremia.

Von ihm, genauer von seiner Berufung, hören wir heute in Kapitel 1, 4-10:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, wir sollten schon vorsichtig sein, allzu schnell die Geschichten der großen Heiligen eins zu eins auf uns zu übertragen. Wir sind weder kleine oder große Jeremiase noch kleine oder große Mose, wir sind und sollen ganz eigene Menschen sein, mit ganz eigenen Gottes-Geschichten. Und dennoch: diese Geschichten der Bibel sind uns nicht nur aus historischem Interesse überliefert, sondern weil sie auch eine Wahrheit für uns in sich tragen.

Was ist also diese spannungsvolle Wahrheit der Berufungsgeschichte des Jeremias?

1. Befreiend: Du bist gewollt und gebraucht

Es fängt zunächst richtig gut an:

Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.

Ganz ähnlich haben wir selbst am Anfang dieses Gottesdienstes gebetet: Du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe, ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin. … und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.

Ich kannte dich – ich kenne dich – und bestelle, d.h. berufe dich, das steht also nicht nur über dem Leben des Jeremia, das gilt also auch für uns! Noch bevor unsere Mütter bzw. unsere Eltern sich über uns freuen konnten, hat sich ein ganz anderer über uns gefreut. Egal ob erwünscht oder nicht, ob geplant oder „Unfall“, egal, was meine Eltern und meine Geschwister, egal, was meine Lehrer und Schulkameraden von mir halten, egal sogar, was ich selbst von mir denke: ich bin in dieser Welt, weil mich einer will – und noch mehr, weil er mich braucht in dieser Welt.

Gott kennt uns. Er kennt uns sogar besser als wir uns selbst kennen. Gott weiß von unseren Fähigkeiten und Begabungen, die noch ganz tief in uns schlummern und die wir vielleicht noch nicht entdeckt haben. Als Schöpfer hat Er selbst sie ja in uns hineingelegt.

Eine tolle Wahrheit über mich ist dies: Gott sieht also offenbar viel tiefer und auch viel weiter. Ja, Gott sieht auch, was noch aus mir werden kann und wozu ich fähig bin und welche verborgenen Schätze in mir liegen.

„Sag also nicht: ich bin zu jung.“ Sag nicht: was habe ich schon zu bieten, da gibt’s doch viel Bessere, viel Geschicktere. Ich will und brauch dich in dieser Welt. Ich brauch dich als Mitarbeiter und Mitarbeiterin in meinem Reich, in dem Frieden und Gerechtigkeit das Zusammenleben der Menschen und Völker bestimmt. Ja, lächle nicht: Du, Du bist wichtig dabei.

Liebe Gemeinde, ist könnte doch eine wirklich erlösende Botschaft sein! In einer Zeit, da Junge wie Ältere unbarmherzig gezeigt bekommen: auf Dich können wir gut verzichten, tut uns leid – das, was du einbringst, können Maschinen billiger und effizienter! In einer Zeit, wo auf der Hulb über Nacht mehr als hundert Arbeitsplätze leer geräumt werden können, ohne dass die Verantwortlichen unseres Landes etwas dagegen tun. „Frei-stellen“ –nennt man das dann zynisch, wenn man zwar über Wochen und Monate Gehälter zahlen kann, aber auf die Menschen mit ihrer Arbeitskraft verzichtet. Und dieses Beispiel ist ja nur die Spitze unseres im wahrsten Sinne des Wortes gesellschaftlichen Eisberges. Wie verächtlich wird hier mit Menschen umgegangen, die ihren Wert gerade auch darin erkennen, dass sie mit ihren Gaben gewollt und gebraucht werden.

Wie anders bei Gott – in seinem Reich – und dieses Reich hat schon hier seinen Anfang genommen. Da gibt es kein „du wirst nicht gebraucht“

Die Aufgabe eines jeden, einer jeden von uns ist es daher, die je eigene Berufung und Bestimmung zu entdecken. Nicht jeder mag als Prophet geschaffen sein aber alle haben als einmalige Geschöpfe Gottes Teil an Seinem Auftrag, diese Schöpfung zu bebauen – und vor allem zu bewahren. Dieser allgemeine Schöpfungsauftrag bekommt in der Taufe einen ganz persönlichen Zuschnitt: Du – Du Anna-Lena, Du Martin, Du Maria … – du bist in meinen Augen so wertvoll, dass ich Dich mit Deinen Gaben, wie gesellschaftlich anerkannt oder unbedeutend, wie laut oder leise auch immer, ich brauche Dich mit allem, was ich von Anfang an in Dich gelegt habe. Entdecke, entwickle und setze es ein.

2. Die erschreckend Seite

Vielleicht haben wir nun schon länger, bei aller befreienden Botschaft auch die andere, die erschreckende, schwer lastende Seite dieser Berufungsgeschichte gespürt.

Da mag uns zwar einer gewollt haben und kennen, und sei es tiefer als jeder und jede andere, aber wir haben es uns nicht aussuchen können, wir sind dabei nicht gefragt worden. Wir finden einfach vor, was wir "das Leben" nennen. Und erfahren dabei, wer wir sind. Diese unverwechselbare Veranlagung, diese Gaben und diese Grenzen haben wir zwar.

Doch das erleben wir nicht immer als angenehm und schön. Nicht wenige von uns haben immer wieder das Gefühl, zum Leben verurteilt worden zu sein. Das Leben ist für sie eine Last. Es fordert mehr als es gibt.

Deshalb mag manchen die Lebensklage des Jeremia vertraut sein, der wir in unterschiedlicher Form mehrmals im Jeremiabuch begegnen: „Herr, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich.“

Ja, wenn wir wirklich das leben, was Gott tief in uns hineingelegt hat, wenn wir seiner Stimme in uns wirklich folgen, müssen wir damit rechnen, dass dies von den Menschen nicht nur positiv aufgenommen wird. Da mag noch zu ertragen sein, dass jemand einfach ignoriert wird, aber wenn er oder sie lächerlich gemacht, ihr eigennützige, unlautere Motive unterstellt werden, oder sogar familiär, beruflich oder gesellschaftlich ins Aus gestellt wird, dann wird es wirklich bitter.

"Verflucht sei der Tag, an dem ich geboren bin … Warum bin ich doch aus dem Mutterleib hervorgekommen, wenn ich nur Jammer und Herzeleid sehen muss!" So jedenfalls bricht dann der Lebensverdruss aus Jeremia heraus.

Ja, unserer ureigenen Berufung zu folgen, das müssen wir bei Jeremia eben auch entdecken, garantiert noch lange nicht ein Leben voller Befriedigung. Da mögen wir immer wieder in tiefe Verzweiflung geraten. Wir werden irre an uns selbst – ich habe doch gewusst, dass ich das gar nicht kann und bin. Wir werden irre an den Menschen – wie können die nur so blind und menschenverachtend sein, und da brauchen wir ja wirklich nicht nur in den Nahen Osten schauen. Wir werden letztlich auch immer wieder irre an Gott – wie kann der das alles nur zulassen?

Solch ein Leben, das der gottgegebenen Bestimmung folgt, und sich mit den ganz eigenen Gaben und Grenzen, hinein gibt in den uns allen gegebenen Auftrag, am Reich des Friedens und der Gerechtigkeit Gottes mitzuwirken, solch ein Leben muss zwar nicht notgedrungen so dramatisch verlaufen wie das von den großen Gottes-Menschen wie z.B. Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King oder wie sie alle heißen mögen. Und schon gar nicht ist dies erst das wirkliche Zeichen echter und ernsthafter Nachfolge. Und doch müssen wir mit dieser dunklen Seite des Lebens – auch und manchmal gerade in der Nachfolge Gottes – rechnen. Als Christen und Christinnen haben wir das Leid zwar nicht zu suchen, aber wir sind herausgefordert, in allem Leid an unserer Berufung festzuhalten.

Was antworten wir also, wenn wir diesen Ruf Gottes hören Sagen wir – vielleicht ähnlich wie Jeremia: so belastungsfähig, so stark bin ich nicht? Und ich muss gestehen, das ist zunächst ganz sicher meine Antwort.

Aber bleiben wir heute nicht bei dieser Antwort stehen. Nehmen wir wahr, dass Gott gar nicht widerspricht, als Jeremia in ähnlicher Weise seinem Ruf ausweichen will. Gott redet ihm nicht gut zu: das packst Du schon, schau doch hin, was du alles kannst, wenn nicht du, wer dann … Nein, er sagt nur: mach’s trotzdem. Trotz deiner Angst, trotz deiner Unsicherheit, mach dich einfach auf den Weg – lebe, was ich in Dich gelegt habe, ganz und total. Und lass Dich dabei nicht beirren, weder von Menschen, die dich lieber angepasst, unauffällig, stromlinienförmig wollen, aber auch nicht von deiner Feigheit. Selbst wenn sie dich mal wieder in den Griff bekommen hat, beginn einfach von neuem.

Gegen den Strom schwimmen, ist zwar anstrengend, aber mit dem Strom schwimmen eigentlich nur tote Fische. Also lebe das Leben, wie ich es gedacht habe: lebe lebendig – schwimm gegen den Strom!

3. Was mich aushalten lässt

Möglich wird uns uns dieses wahrlich spannungsvolle Leben, wenn wir das entscheidende Wort nicht überhören, Wir können es noch weitere 1000 Male in der Bibel hören.:Fürchte dich nicht …; denn ich bin bei dir und will dich erretten.

Gott wirft uns nicht nur in dieses Leben, und überlässt dann uns selbst. Er selbst stellt sich an unsere Seite, wir können mit seiner Kraft und seinem Schutz rechnen. Wir mögen es manchmal vielleicht nicht spüren, aber ich bin sicher, manche von uns haben schon Erfahrungen gemacht, die sie in die so naiv anmutenden – und doch tief wahren – Verse von Julie Hausmann einstimmen lassen, manchmal nur zögernd, manchmal nur unter Tränen, aber bei allem doch gehalten und irgendwie getröstet:

Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht. so nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich!

Nun aber zum Schluss: Jeremia hat Gottes Ruf nicht nur gehört, er hat ihn als zarte und doch kraftvolle Berührung gespürt. So berichtet er: Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an.

Auch uns hat Gott ganz konkret angerührt: in jedem Miterleben einer Taufe, wenn das Wasser das Gesicht berührt, dürfen wir diese konkrete Berührung Gottes erinnern. Aber auch heute noch, dürfen und sollen wir diese Berührung Gottes spüren, wenn uns eine segnende Hand anrührt. Wann immer wir es wünschen, dürfen wir einen anderen Menschen bitten, und nicht nur einen Pfarrer, eine Pfarrerin, uns – auch unter Handauflegung – den Segen, das große göttliche "Fürchte dich nicht – ich bin bei dir", zuzusprechen.

Ich bin überzeugt, das wird uns helfen, dass wir die Kraft und den Mut finden, das Leben, für das Gott uns berufen hat, immer wieder neu zu wagen.

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