Ihr seid das Licht der Welt

(Gehalten auf den Husumer Hafentagen)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Ich möchte euch eine Geschichte erzählen:

Als Jesus nach einigen Jahren Abstinenz mal wieder seine Welt besuchte, nahm er sich vor – nicht nur mit Rücksicht auf seine Gesundheit – diesmal die Sache andersherum aufzuziehen. Diesmal wollte er nicht selbst die Welt verändern, sondern Menschen zu diesem Zweck aussenden und ausbilden. „Ihr seid das Licht der Welt!“ – das hatte er damals schon gesagt, vom Berg aus in seiner langen Predigt. Schon damals hatte er Menschen Mut machen wollen. „Sagt weiter, was ihr von mir lernt!“, hatte er gemeint. „Dann werdet ihr leuchten wie die Stadt auf dem Berge, einer nach dem anderen wird dazu kommen. Und wenn ihr mein Licht in die Welt tragt, dann wird es eines Tages überall hell und licht und freundlich sein.“

Er konnte sich gut an die Blicke seiner Zuhörer und Zuhörerinnen erinnern. Da glomm etwas von Hoffnung, aber auch Furcht. Sie hatten nie etwas anderes gelernt, als klein und unbedeutend zu sein und nun sollten sie leuchten?

Nun, so war das damals. Ihr wisst ja, was daraus geworden ist. Die Menschheit war seither durch finstere und finsterste Zeiten gegangen. In Jesu Namen hatten sie furchtbare Kriege geführt und schreckliche Gewalttaten begangen. Er hatte einige Male mit kaltem Grausen auf seine Welt gesehen.

Aber nun schien sich doch das Blatt zu wenden. Europa wurde vereint, der kalte Krieg war zu Ende. Man erklärte von sich selbst zu „zivilisierten“ Menschen und war mächtig stolz auf die modernen Errungenschaften und auf die Globalisierung. Jesus dachte: Das guck ich mir mal an. Vielleicht hören sie mir ja diesmal zu.

Er fing an bei dem Aufsichtsrat einer großen Automobilfirma. „Junge“, dachte er, „da steckt aber Geld hinter!“ Und er blickte hoch zu 16 Stockwerken aus Stahl und Glas, blank poliert wie für den Empfang der englischen Königin. „Bin doch bloß ich“, grinste er und dann ging er hinein und fuhr mit dem Fahrstuhl 16 Stockwerke hoch. „Damals in Babel ging das schief mit dem hohen Turm“, erinnerte er sich. Aber er fand, dieser hier wirkte recht stabil. Nur konnte er sich des Eindrucks nicht erwehren, dass auch hier Anmaßung und Eitelkeit am Werke war.

Zehn Männer in Schlips und Kragen erwarteten ihn an einem mächtigen Rauchglastisch. Sie saßen in hohen Ledersesseln und drehten sich um sich selber. Die Luft roch nach teurem Parfum und nach den Zigaretten, an denen sie gierig sogen. Vor jedem lag ein dicker Stapel Papier. Und einige hielten vor sich einen Blechkasten zum Aufklappen, in den sie aufgeregt mit den Fingern hackten und angespannt starrten.

„Das sind Laptops“, erklärte der Aufsichtsratsvorsitzende, als er den neugierigen Blick Jesu sah. „Aber nun zur Sache. Bitte.“ Dabei machte er eine Bewegung mit der Hand, die wohl einladend wirken sollte.

Jesus holte tief Luft und sprach ein kleines Stoßgebet zu seinem Vater im Himmel. Dann begann er: „Ihr seid das Licht der Welt. Und die Stadt, die auf dem Berge liegt, kann nicht verborgen bleiben.“

Die zehn Männer schauten ihn mit hochgezogenen Brauen erwartungsvoll an. „Das wissen wir selber“, sagte schließlich einer von ihnen. „Ohne uns wäre es hier zappenduster. Wir beschäftigen 100 000 Mitarbeiter. Allein schon dadurch haben wir natürlich enormen politischen Einfluss. Aber wir zeigen auch gerne, was wir haben. Sie haben sicher unser Haus gesehen: Es ist ja weithin sichtbar. Und unser Stern leuchtet buchstäblich über das Land.“ Die anderen lachten und klopften auf den Tisch, das sollte wohl Zustimmung signalisieren. Nun wollte Jesus fortfahren. Von Gerechtigkeit wollte er ihnen erzählen und von sozialer Verantwortung, aber da hatte die hübsche Sekretärin ihn schon am Ärmel und schob ihn freundlich, aber bestimmt vor die Tür. „Das hier ist nichts für Gutmenschen“, sagte sie, „das hier ist der Kapitalismus.“

Kapitalismus. Aha.

Jesus versuchte es woanders. Er ging zu den kirchenleitenden Gremien der EKD, die Versammlung der Bischöfe wollte er sprechen. „Ihr seid das Licht der Welt.“ – die würden es ja wohl verstehen, die hatten ja schließlich studiert. Er wollte ihnen begreiflich machen, dass die Liebe unter Christenmenschen das höchste Gut wäre und dass die Sorge um das Geld nicht der Gemeinschaft der Glaubenden zerstören dürfe. Die Kirche müsse wieder den einfachen, direkten Weg zu den Menschen finden, damit sie Licht für die Welt sein könne – das war es, was er ihnen sagen wollte.

Die Herren und Damen Bischöfe sahen müde aus und traurig. Sie hatten verkniffene Lippen und Augen, mit schweren Lidern und dicken Tränensäcken. Fast hatte Jesus Lust, ein paar Späße zu machen, nur damit diese armen Menschen mal wieder was zu lachen hätten. Aber er besann sich auf sein Amt und blieb mit einiger Mühe ernst.

„Ihr seid das Licht der Welt.“, sagte er. Aber es fiel ihm schwer, das zu glauben. Sie sahen ihn mit ihren müden Augen an und nickten schwerfällig. „Natürlich“, sagten sie, „das wissen wir doch. Wir kennen unsere Bibel.“ Und dann erzählten sie ihm, was sie alles auf die Beine stellten, um Licht für die Welt zu sein: Große Kirchentage, riesige Events mit Live-Musik, Lasershows und Öffentlichkeitskampagnen.

Nun verstand er auch, warum sie so müde waren.

„Sieh, dies ist unsere letzte Plakataktion.“ Und sie zeigten ihm eine Seilbahn vor blauem Himmel. „Was ist Glück?“ stand drauf. Und unten rechts, ganz klein, das EKD-Symbol. „Und?“, fragten sie, „Gefällt es dir? Wir haben ganz Deutschland damit plakatiert. Das hat uns Millionen gekostet.“

„Nein“, sagte Jesus nur, „es gefällt mir nicht.“ Und damit ließ er sie stehen und ging.

Jesus versuchte es weiter und dachte: „Dann werde ich es jetzt bei den einfachen Menschen versuchen, so wie damals.“ Und er ging nach Hamburg auf die Reeperbahn. Da traf er ein junges Mädchen mit hohen Stiefeln, die stand auf dem Bürgersteig und wartete. „Du bist das Licht der Welt.“, raunte er ihr zu. Sie sah ihn erheitert an. „Ich fürchte, du irrst dich, Schätzchen. Ich bin eher für´s Rotlicht, wenn du verstehst, was ich meine…“ Und weil sie merkte, dass bei Jesus nichts zu holen wäre, drehte sie sich um ging davon.

Jesus ging zur Arbeitsagentur und sah dort einen jungen Mann, höchstens 20 Jahre alt, der sich aufgeregt mit seiner Sachbearbeiterin stritt. Es ging offenbar um Geld. Und Jesus trat zu ihm und flüsterte: „Du bist das Licht der Welt.“ Aber der junge Mann sah ihn nur mit leeren Augen an, schwieg und ging fort.

Jesus traf eine alte Frau. Er sah sie, wie sie sich in der Stadt mit ihren Einkaufstaschen quälte und er konnte sehen, dass ihr jeder Schritt weh tat. Da ging er zu ihr, nahm ihr die Taschen ab und sagte: „Du bist das Licht der Welt.“ Doch sie schüttelte nur den Kopf. „Komm man erstmal in mein Alter, mein Junge, dann leuchtest du auch nicht mehr. Dann wartest du nur noch, dass dein Lebenslicht erlischt.“

Jesus war ein wenig schockiert. Dass Menschen, denen es so gut ging, so mutlos sein konnten, damit hatte er nicht gerechnet. Und dass eine Welt, die so reich war, so voller Glanz und Licht, inwendig so arm und verdunkelt sein konnte, das machte ihm Kummer und das tat ihm weh.

Nun, wo er schon mal da war, wollte er auch an die Nordsee. Er besuchte die wichtigste Stadt an der Nordseeküste und sah einige Tage lang zu, wie das Wasser kam und ging. „Was für eine witzige Idee“, dachte er erheitert und bewunderte nicht zum ersten Mal die kreative Schaffensfreude Gottes, seines Vaters.

Als er vom Deich zurückkam, war in der Stadt der Teufel los: Budenzauber und Riesenrad, Kleinkunstmarkt und Live-Musik. Jesus staunte. Aber er ließ sich nicht von Bier und Grillwurst verführen, sondern kam direkt an den Hafen, hierher, zu uns.

Und nun kommst du: Nun stell dir mal vor, nicht ich, sondern er selbst stünde hier und sagte dir: „Du bist das Licht der Welt. Du sollst mit Liebe und Freundlichkeit, mit offenem Herzen und offenen Händen diese Welt heller machen. Du bist das Licht. Ich will in dir leuchten.“ Nun stell dir vor: Nicht ich, sondern er selber würde dir hier und heute erzählen, wie er es meint, was er sich wünscht und was dein Auftrag ist.

Stellt euch vor, nicht ich, sondern Jesus selbst würde euch von seinem Traum erzählen: „Es müsste doch möglich sein, dass in einer zivilisierten Welt alle satt werden. Es sollten doch alle in eine solchen Gesellschaft einen Platz und eine Perspektive haben! Müsste nicht jeder Mensch Licht und Freundlichkeit finden können? Es müsste doch möglich sein, dass ihr diesen Traum festhaltet und das Wort der Liebe Gottes nicht wegwerft wie ein kaputtes Spielzeug?“

Nun stellt euch das mal vor: Jesus käme in diese Welt und würde das heute und hier jedem einzelnen von euch sagen. Und er würde jeden einzelnen meinen: die Alten und die Jungen, die Reichen und die Armen, die Pastoren und die, die Sonntags lieber ausschlafen: „Du bist das Licht der Welt. Durch dich will ich leuchten. Du musst mich nur einlassen.“

Dann müsste es hier doch den ein oder anderen geben, der kapiert, was er meint, oder?

Amen.

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