Erwählung

Geht es Ihnen auch so, dass Sie manche Texte der Bibel, immer wieder lesen müssen, bevor Sie den Sinn erfassen? Manche Texte lassen es oft nicht zu, dass wir über ihren Inhalt reden. Was dort gesagt wird, sollen wir einfach auf uns wirken lassen. Und mancher Text bedarf keiner Auslegung; er spricht für sich. So, liebe Gemeinde, erging es mir bei der Vorbereitung der heutigen Predigt.

[TEXT]

Das ist Erwählung. Nicht einfach eine billige Garantie für das ewige Heil, sondern die Befähigung zu einer besonderen und bestimmten Aufgabe. Solch ein Auftrag Gottes, liebe Gemeinde, kann für uns unbequem und auch belastend sein, so dass wir uns mit Händen und Füßen dagegen wehren.

Gottes Liebe zu uns ist nicht allgemein und unpersönlich. Gott kann erwählen, aussuchen und auch bevorzugen. Er kann aber auch verwerfen und zurückstellen.

Und Gott kennt uns sogar besser als wir uns selbst kennen und andere uns kennen. Gott kennt uns. Er hat einen Blick für uns und Gott weiß von unseren Fähigkeiten und Begabungen, die noch ganz tief in uns schlummern und die wir vielleicht noch nicht entdeckt haben.

Ein toller Gedanke ist das für mich, was Gott an mir persönlich sieht, woher ich komme, wie ich bin und was ich aus meinem Leben gemacht habe.

Gott sieht offenbar viel tiefer und auch viel weiter. Ja, Gott sieht auch, was noch aus mir werden kann und wozu ich fähig bin und welche verborgenen Schätze in mir liegen.

Gott weiß auch, dass wir glücklich sind, wenn wir wissen, dass unsere Nächste und auch unser Nächster um mich wissen. Ja, meine Nächsten schätzen mich. Freunde sind mir zugetan. Für meinen Lebenspartner bin ich Mittelpunkt. Mein Name ist in den Herzen all derer eingeschrieben, die mir wohl gesonnen sind.

Nicht alle von uns haben das Glück, von anderen angenommen zu sein. Vielleicht fehlt ihnen etwas Liebenswertes. Vielleicht wurden ihnen Freunde und Lebenspartner genommen.

Sie sind wie Kinder, die noch nie die Geborgenheit ihrer Eltern erfahren haben. Wir alle sind im Mutterleib geformt worden. Gingen aus dem Mutterschoß hervor. ─ Was war vorher?

Ehe unsere Eltern uns zu Gesicht bekamen, wusste einer schon um uns, Gott ─ wir waren sein Eigentum.

Zu einem bestimmten Zeitpunkt wurden wir in die Welt gestellt und niemand von uns konnte sich Eltern, Volk, Sprache oder Zeitumstände auswählen.

Wir finden einfach das vor, was wir „das Leben" nennen. Und eine jede und ein jeder von uns erfährt dabei, wer er und sie ist. Ja, diese unverwechselbare Veranlagung, diese Gaben und diese Grenzen haben wir. Dementsprechend ist auch unsere Berufswahl ausgefallen, um nur ein Beispiel zu nennen.

Und nicht wenige von uns haben das Gefühl, zum Leben verurteilt worden zu sein. Sie denken, dass sie von einem blinden und erbarmungslosen Schicksal ins Leben geworfen worden sind. Das Leben ist für sie eine Last. Es fordert mehr als es gibt.

Was auf den ersten Blick so hart und kompromisslos erscheint, ist doch letztlich eine große Entlastung, die auch mir gut tut. Denn ich höre aus der Antwort Gottes: Seine Boten sollen wir sein, nicht mehr und auch nicht weniger. Als Christinnen und Christen sind wir eigentlich Gottes Boten. Ja, wir sind Gottes Boten ─ nicht mehr und auch nicht weniger.

Superchristen, so denke ich, braucht Gott heute in unserer Zeit und in unserer Kirche keine. Gott braucht keine Fanatiker und keine religiösen Fundamentalisten. Auch mit unserem manchmal armseligen Glauben kann Gott etwas anfangen.

Wir sollen leben. Zusammenleben mit denen, die unsere Nächsten sind. Zusammenarbeiten mit denen, die wir Freunde und Nachbarn nennen.

Ja, wir sollen mit unseren Konflikten, mit unseren Krankheiten, mit unseren Behinderungen, mit unserer Schuld, mit Erfolglosigkeit, Alter und Tod, sowie mit unserem manchmal armseligen Glauben leben. Und wir leben. Damit, liebe Gemeinde, kann Gott etwas anfangen.

Auch wenn wir selbst mit vielen Fragen nicht ins Reine kommen, Gott hat für uns trotzdem einen Plan und eine Aufgabe. Auch wenn wir jetzt vielleicht zögern, wie Jeremia, von Anfang an hat Gott uns als Christen berufen: Gott hat uns ─ denken wir an unsere Taufe ─ von Anfang an in sein Reich aufgenommen. Wir konnten und wir mussten zunächst gar nichts dazutun. Von Anfang an sind wir für Gott wichtig und wertvoll.

Viele Menschen der Bibel ob Abraham, Mose, die Propheten oder die Apostel, die von Gott berufen worden sind, sie alle wurden von ihrer Bodenständigkeit und ihrem direktem sozialem Umfeld abberufen.

Stets waren es Menschen die vom Vorhaben Gottes überrascht und überrollt wurden. Nach Eignung wurde nicht gefragt. Massive Klagen wurden abgewiesen. Den Menschen in ihrer Angst wird nur gesagt, dass Gott mit ihnen ist.

Auch uns ruft Gott, weil er uns braucht. Hören wir sein Rufen? Merken wir, wo wir gebraucht werden? Wie würden wir reagieren? Ob gutes Zureden ausreichen würde? Würden bei uns Angst und Schwäche verschwinden, auch dann, wenn die notwendigen Voraussetzungen und Qualifikationen für die neue Aufgabe fehlen?

Als Christen, liebe Gemeinde, ist es unser Beruf und unsere Berufung, wie der Prophet damals, Missstände beim Namen zu nennen, auch wenn es uns Überwindung kostet und uns manchmal vielleicht selbst in Schwierigkeiten bringt. Ob der Auftrag gelingt, das ist eine andere Frage.

Von Jeremia wissen wir, dass sein Leben durch die Berufung zum Propheten nicht leichter wurde. Jeremia hatte bei der Ausübung seines Berufes keinen großen Erfolg. Er ist zwischen die Fronten geraten. Auf der einen Seite wird er von Gott belagert und auf der anderen Seite wird er von seinem Volk mit Spott und Verachtung beschossen.

Gott, der um die Leiden und Lebensgefahren des Propheten Jeremia wusste, er hält auch seine schützende Hand über unser Leben, denn auch uns gilt die tröstliche Zusage: Hab keine Angst vor Menschen, denn ich bin bei dir und schütze dich.

drucken