Früchte des Geistes

Liebe Gemeinde,

an diesem achten Sonntag nach Trinitatis geht es um die Früchte des Geistes. Es geht darum, wie man den Christen erkennt in der Welt. Was ihn unterscheidet von den anderen Menschen. Woran kann man sehen, dass der Geist Gottes ihn erreicht hat und seinem Leben eine Wende gegeben hat.

Wenn Sie dies für sich überlegen, dann werden Sie feststellen, dass diese Fragen für alle, die sich ernsthaft mit dem Glauben auseinander setzen, zu den zentralen Fragen überhaupt gehören. Und wir erfahren – aus in unserer kleinen Gemeinschaft hier – die unterschiedlichsten Antworten darauf. Da gibt es jene, die sagen, man müsse sich von der Volkskirche, so wie wir sie hier leben abwenden, denn da wäre zu viel laues Volk darunter. Menschen, so behaupten sie, die eben nur Karteikarten-Christen seinen, sich aber sonst überhaupt nicht um die Botschaft des Auferstandenen scheren. Man müsse, so sagen sie, in eine verbindlichere Gemeinschaft eintreten, mit mehr Regeln und mit mehr Kontrolle. Das wäre wahres Christentum.

Andere wiederum behaupten, Christentum, wenn es echt sei, müsse man an den Erfolgen ablesen können. Und die Erfolge könnten ganz vielschichtig sein: auf jeden Fall gehört dazu das Thema Gesundheit – wer richtig glaubt, der wird gesund, bzw. andersrum, wer nicht gesund wird, der glaubt eben nicht richtig. So habe ich bestimmte Aussagen im Ohr.

Aber auch: wer richtig glaubt, der wird reich werden, dem wird Besitz und Wohlstand zufallen. Man könnte dieser Beispiele noch mehrere aufzählen. Sie wissen: all diese Wege geht die Volkskirche und mit ihr die Gemeinde, der Sie angehören nicht. Manche ärgern sich darüber. Es gibt auch Menschen, die treten aus Ärger darüber aus der Kirche aus. Warum ist die Kirche nicht eindeutiger, warum verurteilt sie nicht konkreter bestimmte Missstände? Warum bezieht sie nicht eindeutiger Partei und Position? Die Antwort auf all diese Fragen, liebe Gemeinde, fällt nicht leicht. Sie fällt nicht leicht, weil sie versucht, dem Leben gerecht zu werden und der Unterschiedlichkeit der einzelnen Menschen. Die Kirche, wie wir sie kennen versucht in der Botschaft Jesu Christi dem nachzuspüren, worum es im Kern der Verkündigung Jesu ging. Und wenn sie eines gelernt hat, dann dies, dass Jesus all unser Tun, all unsere Anspruche, all unser Denken immer wieder in Frage stellt. Jesus gibt uns nicht Recht in unserem Tun. Er sagt nicht: wenn du nur dies und das tust, dann bist du auf der richtigen Seite. Sondern er verdeutlicht uns in den vielen Beispielsgeschichten, dass wir immer wieder den Blickwinkel ändern müssen, dass wir immer wieder versuchen müssen, aus unser selbst gewählten Gerechtigkeit, in die wir so gerne verfallen, hinaus müssen und wieder von vorne anfangen müssen. Das ist eine unbequeme Botschaft, weil es eine Botschaft ist, liebe Gemeinde, die uns nicht zur Ruhe kommen lässt. Es ist eben keine Botschaft, die Verkündigung Jesu, die uns sagt: Ja setzt dich nur in deine Ecke und sei recht still und fromm, dann ist alles in Ordnung. Nein, es ist eine Botschaft, die aufrüttelt und unruhig macht, weil sie weiß, dass das Ziel, das der Mensch hat, in dieser Welt niemals vollkommen erfüllt sein kann.

Keine Vollkommenheit also, kein absolutes Recht also, keiner, der von sich sagen könnte, er wäre frei von allem Fehler, frei von allem Zweifel, frei von allem Übel. Sondern immer wieder: jeden Tag neu von vorne anfangen, jeden Tag neu das Alte, Unvollkommene in mir besiegen. Deswegen, liebe Gemeinde, gibt es nichts, was in einem Buch beständig auf die schwarzen und beständig auf die weißen Seiten geschrieben werden könnte. Kein Handbuch für das rechte Christenleben, in dem alle Alltagsdinge aufgeführt wären und wir bloß nachschlagen bräuchten: ist diese Tätigkeit recht oder falsch. Nehmen Sie die Beispiele, die uns diese Tage umgeben: der Krieg im Libanon. Ist es recht, dass Israel diesen Krieg führt? Liegen die Fehler vielleicht ganz am Anfang in der Besitznahme des Landes oder noch zuvor in der Aufteilung der alliierten Mächte? Liegen die Fehler bei denen, die die Soldaten entführt hatten? Wer von uns mag dies beurteilen und sagen, dass er im Recht ist? Wir können nur sagen: Gewalt gegen Menschen ist nicht Recht und Krieg soll vor Gottes Augen nicht sein. Aber auch wir kennen Beispiele aus der Geschichte, in denen es notwendig war, gegen einzelne vorzugehen, auch mit Gewalt. Was bleibt ist dann vielleicht diese Haltung: wir müssen manches tun, obwohl wir wissen, dass wir große Schuld auf uns legen.

Nehmen wir ein anderes aktuelles Beispiel: die Heilung der Kranken. Die Welt in zwei Teile zu teilen und zu sagen: dort gibt es Heilung und dort nicht: da wäre dann der Satan. Das ist nicht die Botschaft Christi. Zu sagen, wer krank bleibt, glaubt nicht genug, ist nicht im Sinne Jesu. Sondern im Sinne Jesu ist das Mitleid mit den Kranken, die Fürsorge, das Gebet für jene, die Begleitung im Sterben. Wir reisen auf ein Ziel hin, das diese Welt übersteigt: das ja – dort wird es nicht geben: Krankheit, Leid und Tod. Aber dort sind wir noch nicht. Unsere Haltung sollte die des Mitgefühls mit den Leidenden sein, anstatt zu sagen: wer leidet, glaubt nicht genug oder nicht richtig.

In diesem Zusammenhang, liebe Gemeinde, spricht zu uns heute das Predigtwort aus dem ersten Brief des Paulus an die Korinther im sechsten Kapitel, aus den Versen neun bis 20:

[TEXT]

Es sind harte Worte, die wir heute von Paulus hören und doch liegen sie ganz auf der Linie dessen, was ich gerade sagte. Ich will es kurz erläutern: als die Botschaft Jesu Christi nach Korinth kam, da hatte man zunächst nur gehört: „wir sind frei geworden, wir sind im Geiste bereits vollkommen. Wir haben die Erleuchtung erlangt.“ Welchen Schluss zog man daraus? Man sagt sich: „wenn wir im Geiste bereits vollkommen sind, dann kann der Körper machen, was er will, es wird den Geist nicht mehr schädigen!“ Also tat man in Korinth folgendes: man soff, trieb Hurerei – sie müssen wissen, es gab dort einen großen Tempel einer Liebesgöttin mit ca. 1000 Prostituierten, die frei verfügbar waren. Man fraß ohne Rücksicht auf Verluste, das heißt v.a. ohne Rücksicht auf die Armen in der Gemeinde. Und vieles anderes mehr. Auch so kann man also die Botschaft missverstehen – es tun heute übrigens immer noch einige, nur abgemildert, wenn sie sagen: der liebe Gott hat mir doch schon verziehen – da ist doch egal, was ich so tue: er wird´s schon wieder gut machen. Nein, liebe Gemeinde: es ist das gleiche Missverständnis, wie diese, von denen ich gerade sprach: ihr seid noch nicht am Ziel, ihr seid noch nicht vollkommen, ihr lebt noch in dieser Welt, als Teil dieser Welt und seid doch schon ein Stückchen außerhalb dieser Welt. Deswegen ruft Paulus die Korinther zur Ordnung und stellt in der Mitte seiner Worte, die wir heute gehört haben, fest: „alles ist erlaubt, aber es dient nicht alles zum Guten. Nichts soll mich gefangen nehmen.“ Ich muss beweglich bleiben in meinem Denken und in meinem Tun. Ja, es ist also wahr: die Christen sind die freiesten Geschöpfe, die man sich vorstellen kann. Mir kann nichts schaden im geistigen Sinne: für die Korinther war es eine Frage: dürfen sie denn Fleisch essen, was für Götzen geopfert worden ist? Natürlich dürfen sie das, denn wir wissen: die Götzen haben keine Macht.

Aber: aufpassen: wenn ein Bruder, eine Schwester bei dir ist, die Angst hat und sich nicht sicher ist, dann lass es um ihrer willen und verzichte auf dieses Fleisch. Aber nicht, weil das Fleisch eine Macht hat, sondern weil du auf deinen Bruder Acht geben sollst. Nehmen wir ein paralleles Beispiel von heute: kann mir ein umgedrehtes Kreuz schaden oder ein Satanssymbol Schlechtes zufügen? Nein, natürlich nicht: diese Zeichen haben keine Kraft und dahinter steht keine Macht, die nicht in Christus schon längst besiegt wäre! Erinnern wir uns an das Osterlachen: am Ostersonntag wird der Teufel ausgelacht – er hat seine Macht endgültig verloren. Ich persönlich, liebe Gemeinde, muss lächeln über Gläserrücken und Pendeln, über Karten befragen und Sterne deuten. Aber: wenn ich merke, dass es meinem Bruder und meiner Schwester Angst macht, dann sei vorsichtig um des Bruders und um der Schwester willen. Aber nicht, weil dort eine Macht dahinter stünde, die Gottes Macht ebenbürtig wäre. Also auch hier wieder: wir sind frei, freier, als wir uns das manchmal eingestehen würden, denn allzu gerne binden wir uns an Regeln und Vorschriften, von denen wir glauben, sie würden uns zum Heil führen. Aber ich soll auf meinen Nächsten achten! Und wer ist der Nächste? Der Schwächere an meiner Seite. Der Leidende. Der Kranke. Der, der seinen Trost verloren hat. Der, der nicht weiß, wie es weiter gehen soll im Leben. Der, der seine Hoffnung verloren hat. Es ist die Beziehung zwischen Mensch und Gott und zwischen Mensch und Mensch, von der Christus redet. Und Beziehung ist lebendig, ist einmalig – sie lässt sich nicht in Regeln fassen, nicht in Kategorien pressen.

Ich habe eine Zeitlang, liebe Gemeinde, im Gefängnis gearbeitet. Dort traf ich auf Mörder, so alt wie unsere Konfirmanden, wie sie hier sitzen, heute sind. Sie haben gemordet aus unsinnigen, niederen Beweggründen. Was sie getan haben, war falsch und verdammungswürdig. Ein menschliches Gericht hat die Schuld dieser Menschen festgestellt und sie verurteilt. Und dennoch habe ich in diesen Menschen z.T. etwas gefunden, was selber gesucht hat nach Wärme und Verständnis, nach Erlösung und Befreiung. Und so muss ich leben in dieser Welt: mit meiner Abscheu der Tat gegenüber und dennoch der Hoffnung, das auch dieser Mensch vor Gott nicht verloren ist, in der Hoffnung, dass auch er wieder umkehren kann und seinen Weg zu Gott findet.

An den Früchten also soll ihr sie erkennen. Wir können sie nicht finden, diese Früchte in einen Handbuch, das von Menschen geschrieben wäre. Sondern wir müssen erkennen, dass diese Früchte selbst lebendiger Umgang sind. Dass diese Früchte lebendige, von Gott geführte und gewollte Beziehung zu meinen Mitmenschen ist. Wandelbar und in jeder Situation einmalig und anders. Wir sind befreit worden von Gott – das ist unser größtes Gut. Aber wir sind befreit worden auf den Nächsten hin, nicht zu Regelwerk oder zu Dogmatismus, nicht zu Rechthaberei und falscher Frömmigkeit. Nicht zu Erfolgsgläubigkeit und nicht zu Gesundheitsbeweisen, sondern auf den Schwachen hin, der uns braucht. Auf den Armen hin, an dem wir vorüber gehen. Auf den Traurigen hin, der allen Mut hat fahren lassen. Dort sollen wir Zeugen sein Jesu Christi. Dort sollen wir seine Botschaft leben. Dort dürfen wir von dem Geschenk, das wir selber erhalten haben weiter geben. Diese Früchte sind es, liebe Gemeinde, die das Christentum lebendig machen.

Und der Friede Gottes, der unvorstellbar alle menschlichen Grenzen sprengt, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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