Sie haben Post …

Liebe Gemeinde,

<b>Sie haben Post …</b>

Es klopft an der Tür? Ich öffne schnell noch. „Ja. Bitte. Ein Brief für mich? Von wem? – Eine Einladung , oh, danke! – Ja, hier sind auch noch andere im Haus. – Da passt der Brief um so besser. – Ein Brief für alle. – Sie machen mich richtig neugierig. Halt – ehe sie gehen. Eine Frage hätte ich. Von welcher Firma kommen sie? Sie sind doch ein besonderer Bote- oder. Schauen aus, wie von der Kirche. Macht die Kirche jetzt auch Briefdienste. Geht alles aus dem Schreiben hervor? Gut – ich lese es sofort.“

Postwurfsendungen und Werbung nehmen bei mir für gewöhnlich den „kurzen Dienstweg“. Das ist die Strecke vom Schreibtisch zum Papierkorb. Aber lesen wir ruhig einmal.

<i>[Pfarrer/in öffnet den „Brief“ (=Predigttext; „Gute Nachricht“; selbst gewählte Überschrift: „Gebet für ein Leben in Güte und Frieden“) auf der Kanzel und liest ihn vor.]</i>

„Gebet für ein Leben in Güte und Frieden.“ Seltsamer Titel für einen eigenartigen Brief. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Warum bekommen ausgerechnet wir diesen Brief? Hält das irgend jemand für nötig? Sind wir so verrufen, dass man uns solche Texte zustellen muss? „Tröstet ihr euch gegenseitig in Liebe? Seid ihr im Heiligen Geist verbunden? Gibt es unter euch Barmherzigkeit und Mitgefühl?“ Penetrante Fragerei. Wer sind wir denn, dass man uns so kommt!

<b>Belehrungen verärgern</b>

Welchen Satz unserer Mutter haben wir alle gehasst? „Sei schön artig!“ Schrecklich, dieser verbal umgehängte Maulkorb. Als wäre man ein Biest, das ohne Bewachung gleich um sich bisse. Und wenn Papa noch ein „Benimm dich und blamiere uns nicht“ drauf packte, war die Demütigung perfekt. Ermahnungen, brav, gut und lieb zu sein, sind ab einem gewissen Alter lästig – mehr noch – beleidigend. Als könnte man sich nicht benehmen.

Belehrungen verärgern. Warum? Ich nenne Ihnen zwei Gründe: Weil uns da jemand begegnet, der sich scheinbar für etwas Besseres hält. Dem steht das evangelische Grundbekenntnis entgegen, dass wir alle allzumal Sünder sind. Grund zwei: Ich bin doch gut – in Christus. Ich glaube – was mehr müsste ich tun?

<b>Gebete hebt man auf</b>

Mein Blick bleibt an der Überschrift unseres Briefes hängen: Gebet für ein Leben in Güte und Frieden. Ich denke mir – wo ich diese Zeilen so in Händen halte -: Wenn doch dieser Brief als Postwurfsendung über Israel herab regnen würde. Ach, wenn man diesen Brief doch im gesamten Nahen Osten lesen, verstehen, beherzigen und leben könnte. Ein Land, in dem Prediger der Versöhnung als Verräter gelten, eine Region, die vom Satan im Hass gehalten wird seit Jahrhunderten, hätten diese Fragen bitter nötig:

Tröstet ihr euch gegenseitig in Liebe? Seid ihr im Heiligen Geist verbunden? Gibt es unter euch Barmherzigkeit und Mitgefühl?

Seien wir bescheiden. Es bräuchte ja nur diese letzte Frage gestellt und öffentlich, politisch beantwortet und gemeinsam gelebt zu werden: Gibt es unter euch Barmherzigkeit und Mitgefühl?

Was hatten wir uns eben deutlich gemacht? Belehrungen verärgern. Aber wie steht es mit Gebeten? Wie steht es mit einem Gebet für Menschen, dass sie zum Frieden finden, einem Gebet, Barmherzigkeit möge in ihnen wachsen? Wie steht es mit einem Gebet, Mitgefühl möge stärker sein als Hass, Wie steht es mit einem Gebet, einer Einladung, in guter Gemeinschaft zu leben. Das Gebet öffnet eine Tür im Himmel. Und wenn die offen steht, kann sich auch auf Erden etwas ändern.

Seltsam, wie anders unser Brief wirkt, wenn wir ihn als Gebet verstehen anstatt hochnäsiger Belehrung.

Wem noch könnten wir unseren Brief, unser Gebet zustellen? Die Ermahnung zur Bescheidenheit – „Seid nicht selbstsüchtig; strebt nicht danach, einen guten Eindruck auf andere zu machen, sondern seid bescheiden und achtet die anderen höher als euch selbst.“ – diese Ermahnung, dieses Gebet, möchte ich an Jan Ulrich, Floyd Landis und all die anderen Radfahrer – das Wort Sportler vermeide ich bewusst – senden. Nicht als Belehrung, wohl aber als Erinnerung an Ehrlichkeit. Wenn diese schlichte, einfache Basis im Sport fehlt, wird der gute Wettkampf zum ehrlosen Spektakel. Wir sollten uns erkundigen, ob italienische Übersetzungen unseres Bibel-Textes vorliegen.

Und dann könnten wir unseren Brief an den Kulmbacher Stadtrat senden und mit Sicherheit wäre es auch für kirchliche Gremien und Dienststellen heilsam, den Text zu kennen und zu beherzigen: Tröstet ihr euch gegenseitig in Liebe? Seid ihr im Heiligen Geist verbunden? Gibt es unter euch Barmherzigkeit und Mitgefühl?

Also, Gebete hebt man auf, man spricht sie und wirft sie nicht weg.

Weitere Adressen nehme ich gerne auf.

<b>Im Bierzelt muss man nicht beten …</b>

Heuet fängt die „Kulmbacher Bierwoche“ an. Unmittelbar nach unserem Gottesdienst ziehen die „Kampftrinker“ an uns vorbei im Festzug hin zum Bierzelt. Sie erwarten jetzt weitere, bissig-spöttische Bemerkungen zu diesem Thema? Weit gefehlt!

Das Bierzelt soll uns heute als Vorbild dienen. In welcher Hinsicht? In dieser:

Zwölf Menschen drängen sich auf den achtplätzigen Bierbänken trotz Hitze zusammen. „Hock da hie, Paul“, hieß es eben noch, „Rutsch´n ma z’amm; für dich ist auch Platz.“ Hören sie den Unterton? Einer ruft: „Jetzt trink ´ma was“. Ein anderer protestiert: „Geht nicht, Paul hat noch nichts“. Und entweder wartet man, bis die Bedienung Paul etwas bringt, oder man schenkt ihm – sollte er Besitzer eines leeren Kruges sein- etwas ein. Tagtäglich passiert das, was ich eben beschrieben habe, und die nächsten acht Tage wird sich diese Szene in vielen Variationen wiederholen.

„Er hat noch nichts. Wir fangen erst an, wenn alle etwas haben.“ Verstehen sie den Unterton?

In unserem Gebet heißt es: Gibt es unter euch Barmherzigkeit und Mitgefühl? Dann macht doch meine Freude vollkommen, indem ihr in guter Gemeinschaft zusammenarbeitet, einander liebt und von ganzem Herzen zusammenhaltet.

Stört es Sie, dass ich diese Zeile ins Kulmbacher Bierzelt übersetze? Oder irritiert Sie die Pointe, die auf unser Zusammenleben außerhalb des Bierfestes zielt?

<b>Wenn uns Gutes widerfährt …</b>

Den eingangs zugestellten Brief könnten wir als beleidigende Anmutung abtun. „Kurzer Dienstweg“ – und ab dafür. Wir sind gut – Nachfragen überflüssig.

Wir haben gelernt, ihn als Gebet zu verstehen und wüssten sicherlich noch tausend andere Adressaten.

„Sie haben Post“ – mit dieser Zeile hatten wir begonnen.

Mahnungen mögen wir nicht, haben wir schon festgestellt. Beten tun wir für andere – Hand auf´s Herz. Das „Bierzelt“ akzeptieren wir mit viel „Wenn und Aber“ als gleichnishaftes Bild.

Und wie wäre es, wenn wir unsere Postwurfsendung „für ein Leben in Güte und Frieden“ als Suchspiel begreifen würden: Ich suche nach all der Güte, nach Frieden, nach Barmherzigkeit und Mitgefühl, die ich in den letzten Tagen erlebt habe.

Ich suche nach erlebter, erfahrener „ guter Gemeinschaft, Liebe und Zusammenhalt.“ Ich überprüfe mich, wo ich Liebe und Zusammenhalt erfahren habe.

Ich prüfe mich, ob ich nicht selbstsüchtig aufgetreten bin. Ich prüfe mich, ob ich nicht nur für meine eigenen Angelegenheiten da war, sondern interessiert am Leben deren um mich teilgenommen habe. Ich suche mit Freude und Eifer , wie ich als Christ/in leben könnte.

Das Ergebnis könnte lauten: Ich glaube – Herr, hilf meinem Unglauben. Grund zwei: Ich bin doch gut – in Christus. Ich glaube – Zeige mir, was mehr müsste ich tun müsste.

Übrigens: Die Frage, welche Kleidung der Postbote trug, ist noch offen. Wie heißt es bei Paulus: Ihr seid ein Brief Christi (2. Kor. 3,3) – muss ich noch mehr zur Kleidung des Postboten dieses Briefes sagen?

Verzeih, Herr, dass ich deinen Brief zuerst nicht predigen wollte.

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