Keine Moralpredigt

Liebe Gemeinde.

Auf den ersten Blick ist der kleine Abschnitt eine Liste von Aufforderungen – tut dies, tut das – dann macht ihr mir eine Freude, dann benehmt ihr euch wie Christen das tun sollten.

Naja, wir kennen das, ich als Lehrer kenne das:

Immer wenn ich im Unterricht darauf zu sprechen komme, dass christlicher Glaube nicht ohne Folgen für unser Handeln bleiben kann, dann reagieren die Schüler und Schülerinnen oft mit schablonenhaften Vorstellungen, wie christliche Lebensführung auszusehen hat: Einander helfen, lieb sein, Geld für die Armen spenden, in die Kirche gehen, die zehn Gebote halten.

Hmm, so ganz falsch wäre das ja alles gar nicht, aber es sind meistens die Antworten, von denen die Schüler wissen, dass wir Erwachsenen sie hören wollen. Wenn ich dann nachfrage und versuche, die innere Motivation zu solchen Antworten zu erkunden, dann entsteht meist ein ratloser Ausdruck auf den Gesichtern der Schüler – was will er denn jetzt?

Und nun Paulus an seine Gemeinde: Tut dies, tut das, dann freue ich mich. HA! Sind doch die Leute damals in Philippi alles erwachsene Menschen – sind wir hier doch schon konfirmiert und wissen selber, was gut ist. Wie ein Überpapa schreibt Paulus und ermahnt zu Wohlverhalten – da schließen wir unsere Ohren zu, zumal die Forderungen reichlich utopisch anmuten.

Demut, jeder achte auf das, was dem anderen dient. Und gleichzeitig meldet sich die Erkenntnis, dass das Wort: ”Liebe Deinen nächsten, wie dich selbst” ja auch Eigenliebe voraussetzt.

Ich könnte jetzt die einzelnen Forderungen des Paulus noch einmal durchgehen, und um weitere konkretere Anweisungen ergänzen und erläutern, damit der Katalog der Forderungen nicht so unvermittelt im Raum steht, sondern jeder erkennen kann, wo er nun gefordert wäre, seinen Lebenswandel zu verbessern, aber liebe Gemeinde, das werde ich nicht tun.

Nein, vielmehr will ich mein Ohr noch einmal sehr genau an den Mund des Paulus legen, um zu hören, was er eigentlich sagt. Zum besseren Verständnis lese ich den Text diesmal in der Übersetzung des Heidelberger Theologen Klaus Berger. Er hat, zusammen mit seiner Frau Christiane Nord – einer Übersetzerin – den Versuch unternommen, die Schriften der frühen Christen erneut zu übertragen, in unser Deutsch, und doch ganz nah am Text. Hier also noch einmal der Text (Übersetzung aus: Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, übersetzt und kommentiert von Klaus Berger und Christiane Nord, Insel, 1999):

"Ihr werdet ständig ermuntert, die Gemeinschaft mit Christus zu bewahren. Ihr werdet liebevoll getröstet, ihr habt die Gemeinschaft, die von Gottes Geist getragen ist, ihr habt die Kraft, euch zu erbarmen und mitzufühlen. Über all das freue ich mich. Ihr könnt meine Freude vollkommen machen, wenn ihr euch ganz einig seid, einander gleichmäßig liebt und ein Herz und eine Seele seid und wenn ihr alle an demselben Strang zieht. Lasst euch weder von Eifersucht noch von Ehrgeiz leiten, sondern übertrefft euch gegenseitig in Demut. Seht nicht auf euere eigenen Ziele, sondern blickt alle auf das, was für andere gut ist.

Liebe Gemeinde, wir dürfen den ersten teil gar nicht ernst genug nehmen: Da ist schon so viel: Gemeinschaft, Trost, Gottes Geist, Kraft, Erbarmen und Mitgefühl. Welch wunderbarer Reichtum. So viel findet Paulus bereits in der Gemeinde, an die er sich wendet.

Und liebe Gemeinde, ich bin in ihrer Gemeinde nicht heimisch, aber all das gibt es ganz sicher auch hier. Vielleicht nicht in dem Maße, wie man es sich erträumt, aber es ist da – überlegen sie nur mal, und ich bin sicher, all diese Eigenschaften, diese Geschenke finden sich:

Gemeinschaft, Trost, Gottes Geist, Kraft, Erbarmen und Mitgefühl.

Ich gehe nun aber noch einen Schritt zurück und suche nach der Quelle all dieser Schätze. Wenn ich Paulus ernst nehme, dann muss ich nachsprechen, was er so vielfältig ausformuliert:

Wir sind mit Christus gestorben und mit Christus auferstanden, um ganz in seiner Gemeinschaft zu sein – viele Glieder zwar, aber ein Leib.

Symbolisch vollziehen wir Tod und Auferstehung in der Taufe und erneuern und erinnern diese Vereinigung immer, wenn wir Abendmahl feiern. Das Abendmahl hat viele Bedeutungsebenen, wovon die eine Ebene, die ich heute betonen will, uns wohl am fremdesten scheint, und im Gottesdienst normalerweise nicht betont wird, zumal sie etwas archaisch und anstößig wirkt.

Wir haben viele Bilder für diese Einheit: Gemeinsam sitzen wir am Tisch des Herrn und versammeln uns zur Mahlgemeinschaft. Aus vielen Körnern wird ein Brot, aus vielen Trauben der Wein, alles Symbole der Gemeinschaft. Das archaische aber taucht jeweils in den Einsetzungsworten auf: Wir essen Jesu Leib, trinken sein Blut. Eine genauere Vorstellung davon vermeiden wir, da es in unserer Kultur eben nicht zum guten Ton gehört, Feind oder Freund zu verspeisen.

Und dennoch: Wir essen und trinken unseren Herrn, dadurch wird sein Leib ein Teil unseres Leibes, unser Leib aber wird ein Teil der Gemeinschaft Gottes. Im Abendmahl werden wir – ohne jeden Unterschied – aufgenommen in die unmittelbare Gottesnähe, die wir an Jesus so verehren. Diese unmittelbare Gottesnähe wird uns zum Geschenk gemacht, jedesmal, wenn wir zum Abendmahl geladen werden.

Warum betone ich gerade diesen Aspekt so? Ich denke, ohne diesen Aspekt bleibt der Brief des Paulus wirklich ein moralischer Appell. Seine Forderungen werden zu Überforderungen, der Anspruch ist einfach zu hoch. Die Einheit, die Verschmelzung mit Christus, sie wird meist nicht so sehr betont, denn sie entspringt eigentlich einer Richtung des Christentums, die sich nie wirklich hat durchsetzen können, diese starke Erfahrung der Einheit ist die Grundaussage der Mystik.

Mystiker sind komische Gesellen mit Erfahrungen, die sie nur schwer in Worte fassen können, deswegen schreiben sie eigenartige Texte und singen Strophen, die uns sehr fremd sind. Ich habe ihnen in den Liedern dieses Gottesdienstes heute einige mystische Texte angeboten – vielleicht sind sie darüber gestolpert: Wir sangen vorhin:

"Wunder aller Wunder:

Ich senk mich in dich hinunter

Ich in dir, du in mir

lass mich ganz verschwinden"

Normalerweise ist uns dieser Vers wohl fast zu fromm. Eigentlich widerstrebt uns diese Idee, uns ganz in Gott oder Jesus aufzulösen, und nur schwerlich sind wir bereit darauf zu verzichten, unsere Individualität zu betonen.

Paulus aber denkt wie ein Mystiker, und in der Vereinigung mit Jesus Christus erben wir all diese gaben, auf die Paulus oben Bezug nimmt: Gemeinschaft, Trost, Gottes Geist, Kraft, Erbarmen und Mitgefühl. Göttliche gaben, wie sie uns in der Gemeinschaft Christi geschenkt werden, da wir eins sind mit dem Nächsten. So wie man Schmerz empfindet, wenn man eine Verletzung erleidet, empfindet man dann ebenso Schmerz, wenn sich ein Mitmensch Schmerz erleidet – Mitgefühl entsteht aus der Erfahrung der Einheit. Trost, Gottes Geist: Gaben, die Jesus ausgezeichnet haben, gaben, die den auszeichnen, der in seiner Gemeinschaft lebt.

Und folgerichtig schreibt Paulus dann auch gleich im nächsten Vers anschließend an den Predigttext: So sollt ihr miteinander umgehen, wie es für die Gemeinschaft mit Jesus Christus selbstverständlich ist. Paulus meint also nicht eine ethische Sonderleistung, die als Aufgabe an uns Christen herangetragen wird, er spricht vielmehr von den Folgen, die das Christsein mit sich bringt.

Luther sagte einst: ”Ein guter Baum trägt gute Früchte.” Von einer besonderen Leistung steht da nichts – ja, der gute Baum hat gar keine andere Wahl – er bringt die Früchte einfach. Genau so sieht Paulus seine geliebte Gemeinde. So spricht er mit ihr – nicht fordernd, sondern ganz selbstverständlich. Er droht nicht – muss er gar nicht – er beschreibt nur, was selbstverständlich ist in der Gemeinschaft Jesu.

Wir, liebe Gemeinde haben jetzt nur ein Problem: Ja, wir sind getauft, und wir haben auch schon mehrmals am Abendmahl teilgenommen, aber diese mystische Erfahrung der Einheit mit Gott und den Mitmenschen mag sich nicht einstellen. Was bleibt uns also? Müssen wir also dennoch, um den Forderungen des Paulus gerecht zu werden, uns anstrengen und abmühen mit seinen Forderungen, die immer noch so überzogen wirken?

Nein, liebe Gemeinde, die sogenannten ”Guten Taten” sind keine Forderung an uns. Die einzige Forderung ist die, dass wir uns darauf verlassen, dass wir in Gottes Gemeinschaft stehen, untrennbar mit Gott verbunden und verbunden mit allen seinen Geschöpfen.

Dies ist aber eigentlich keine Forderung, sondern ein wunderbares Angebot, auf das wir uns Schritt für Schritt einlassen können. Es ist ein Geschenk, das wir annehmen können, alles, was uns von diesem Geschenk trennt, ist allein unser Zögern. Je weiter wir in die Erfahrung der Gemeinschaft eindringen, desto eher werden uns die Dinge, die Paulus fordert, als ganz selbstverständlich erscheinen: Das Ich, das nach Ehre strebt, wird schwächer, das Mitgefühl kann wachsen, das Sehen auf das, was dem anderen dient, wird mühelos, denn der andere ist nicht mehr der ganz andere, sondern ein Teil unserer Gemeinschaft.

Liebe Gemeinde, wenn Jesus vom Reich Gottes sprach – so mein Verdacht – meinte er nichts anderes als dies: Es ist mitten unter uns – exemplarisch in Jesus von Nazareth – aber auch in jedem von uns, wenn wir es denn zulassen.

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