Wenn einer eine Reise tut

Liebe Gemeinde,

„wenn einer eine Reise tut“, dann kann das ganz verschiedene Gründe haben: Den Einen zieht es ab in den Süden, der Sonne hinterher. Manche ziehen aus, das Fürchten zu lernen oder ihr Glück in der Fremde zu machen. Manch einer war noch niemals in New York und war noch niemals auf Hawaii, lief nie durch San Francisco in zeriss’nen Jeans. Solche Leute gehen freiwillig, viele andere jedoch fliehen, vor Armut, politischer Verfolgung, Hunger, Tod – oder vor sich selbst. Andere werden geschickt, sind Boten, Gesandte. Der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch war einmal auf einer Reise, einer Vorlesereise, im Himmel, zu der ihn der liebe Gott, mit dem er ja, wie seine Texte zeigen, gut bekannt ist, höchstpersönlich eingeladen hat. Von dem Weg dorthin erzählt Hüsch in seinem Buch „Wir sehen uns wieder“. Und Hanns-Dieter Hüsch ist bei weitem nicht der erste, der sich auf einen Weg gemacht hat, der ihm von Gott gezeigt wurde und nicht der letzte, mit dem Gott etwas vorhat – „seit leuchtend Gottes Bogen am hohen Himmel stand sind Menschen ausgezogen in das gelobte Land“, heißt es in einem Gesangbuchlied (das wir nachher natürlich singen). Ich lese aus dem ersten Buch Mose, Kapitel zwölf, die Verse eins bis vier:

[Text]

Liebe Gemeinde, der Weg, auf den Gott Abraham schickt, hat ein klare Richtung: Geh hinaus deinem Land, weg von deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters. Gottes Weg führt Abraham also zunächst ganz unvermittelt weg von alledem, was ihm nach 75 Jahren vertraut ist; raus aus den Gegenden, in denen er sich blind zurechtfindet und wo er sich nur auf sich und seine Ortskenntnis zu verlassen braucht. Raus aus der Geborgenheit seiner Familie mit ihrem eingespielten Alltag, in dem er seine feste Rolle hat. Weg von dem Weg, der ihm durch ihre Traditionen vorgezeichnet ist. Auch für uns, liebe Gemeinde, hat Gott sich einen Weg ausgedacht, den wir gehen sollen. Für jede und jeden von uns hat Gott einen Plan, wie unser Leben aussehen könnte. Und auch uns führt dieser Weg hinaus, wenn wir ihn denn gehen: Hinaus aus der Sicherheit, die unsere gewohnten Tagesabläufe und unsere eingefleischten Denkmuster und Urteile bieten, die die Welt für uns überschaubar machen. Denn Gottes Weg durchkreuzt unser Weltbild, die Begegnung mit Gott und seinem Wort stellt unsere bisherigen Maßstäbe und Vorstellungen von richtig und falsch, gut und schlecht, Sitte und Moral, wichtig und unwichtig und all das, wonach wir meinen unser Leben ausrichten zu müssen, radikal in Frage: Der Fremde wird zum Nächsten, dessen Schicksal mich plötzlich nicht mehr kalt lässt. Die Umwelt wird zur Schöpfung, zu einer Leihgabe Gottes, mit der wir vorsichtig umgehen müssen. Unser Kämpfen um Anerkennung und Sicherheit wird für sinnlos erklärt mit einem einzigen

göttlichen Kopfschütteln: Du brauchst das nicht! Huren und korrupte Zöllner werden Gäste am Tisch des Herrn. Zwei alte kinderlose Flüchtlinge aus Ur in Chaldäa werden Gottes Partner und Träger seiner Verheißung. Ein kleines und im Lauf der Weltgeschichte arg geschundenes Volk aus dem Nahen Osten wird zum Segen aller Völker dieser Welt.

Abraham lässt also einiges hinter sich, liebe Gemeinde, um einer Verheißung zu folgen, die doch, milde ausgedrückt, ziemlich vage ist: Gehe in ein Land, das ich dir noch zeigen werden und ich werde dich zu einem großen Volk machen. Wenn wir uns die konkrete Situation dieser Berufung vor Augen führen, dann wird klar, warum Abraham im späteren Judentum und im Neuen Testament und darüber hinaus oft und zu Recht als Beispiel für starken Glauben und ein tiefes Vertrauen in Gott und seinen Plan dargestellt wird: Abraham ist 75 Jahre alt und soll sich alten Baum noch einmal verpflanzen lassen und auf einen Weg machen, von dem er noch gar nicht weiß, wohin er führen soll. Seine Frau Sara wird ungefähr im gleichen Alter sein, und sie soll ihm dabei helfen, ein großes Volk zu werden. „Wer sich schon lange kennt, kriegt nicht mehr so schnell Nachwuchs“, schreibt Mark Twain, und wenn wir ein paar Kapitel weiter blättern, lesen wir, wie Sara den Engel, der ihr die Geburt eines Sohnes verheißt, erst einmal laut auslacht. Mit Sack und Pack machen sie sich also auf einen Weg, dessen Verlauf ihnen noch verborgen ist. Aber Gottes Versprechen lässt eine aufregende Reise erahnen: Ich werde dich segnen, ich will segnen die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen, mit anderen Worten: Ich werde da sein – und du wirst mich brauchen! Und wenn man sich die ganze Geschichte von Abraham anguckt, so stellt man fest, dass sich auf Abrahams Lebensweg die Ereignisse förmlich überschlagen und das in einer Dramatik, die jede Fernsehserie über Monate hin mit Stoff versorgen könnte: Als Sarah zum Beispiel trotz Verheißung kinderlos bleibt, schwängert Abraham seine ägyptische Sklavin Hagar, verstößt sie aber mitsamt ihrem Sohn, als er mit Sarah doch noch ein Kind bekommt, ihren Sohn Isaak. Abraham wird auch in den Krieg ziehen müssen, um seinen Neffen Lot zu befreien, den kriegerischer Stammesfürsten verschleppt haben. Gottes Weg muss also nicht der gerade Weg ohne Durststrecken und Hindernisse sein, ohne Rückschläge und persönliches Leid. Denn auch, wenn wir auf Gottes Weg gehen, so bleiben wir doch immer auch in dieser Welt, in der sich Missverständnisse, und seien sie auch noch so blöd, Schuld und Leiden nicht vermeiden lassen. In der viele Tragödien außerhalb unserer Einflussmöglichkeiten und außerhalb unseres Verstehens bleiben, wichtige Dinge ungesagt und manche Konflikte ungelöst.

Sich das vor Augen zu führen, ist schwer, aber es ist auch deshalb nötig, um uns vor einer frommen Erfolgsideologie zu schützen, die allen Christinnen und Christen bei angemessenem Lebenswandel ein sorgenfreies Leben verspricht und persönliches Leid eindeutig auf diagnostizierbare Störungen in der Christusbeziehung des Einzelnen zurück führen kann. Gottes Weg führt uns nicht nur die Sonnenseite des Lebens entlang und von einer grünen Aue zur nächsten, sondern auch durch finstere Täler und bittere Erfahrungen. Der Sänger Xavier Naidoo hat uns in seinem letzten Nummer-Eins-Hit deutlich daran erinnert: „Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer. Nicht mit vielen wirst du dir einig sein, doch dieses Leben bietet soviel mehr …“

Was veranlasst Abraham nun dazu, diesen Weg trotz aller offenkundigen – nennen wir es mal „Unannehmlichkeiten“ zu gehen? Warum sollten wir, die wir es doch ohnehin auch nicht einfach im Leben haben, uns auf dieses Abenteuer einlassen, ohne all das, was uns sonst Sicherheit und Orientierung gegeben hat, wonach wir sonst unser Leben ausrichten, und ohne ein klares Ziel vor Augen?

Die Antwort, liebe Gemeinde, gibt auch hier der biblische Text: Auf Gottes Weg liegt Segen. Auf Gottes Weg begleitet uns dieses Versprechen, diese eidesstattliche Erklärung Gottes: “Ich bin da, ich will dein Gott sein, fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Du kannst nicht tiefer fallen als in meine Hand, und keine Macht der Welt, nicht einmal der Tod kann dich aus meinen Armen reißen.“ Auch am Ende dieses Gottesdienstes macht Gott uns allen, die wir durch Jesus Christus Miterben der Verheißung Abrahams sind, wieder dieses Versprechen. Dabei stellen wir uns Schulter an Schulter mit dem Volk Israel unter Gottes Segen, denn ihnen gehört er noch und hat er immer gehört. Den Schulterschluss hat das Christentum, besonders in Deutschland, dem jüdischen Volk immer wieder verwehrt, mit verheerenden Folgen. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen. Und so ist dieser Segen für uns „nicht Selbstzweck, sondern Sendung“ (H. Gollwitzer) und Aufruf, als christliche Gemeinde laut und deutlich zu reagieren, wenn an den Stammtischen des Landes der Antisemitismus plötzlich (?) wieder salon-oder zumindest kneipenfähig wird, oder wenn sich nach einer politischen Resignationserklärung wie vor der WM rechtsradikale Neonazis rühmen, neger- und judenfreie Zonen in Brandenburg und anderswo eingerichtet zu haben.

Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer, doch der Segen Gottes gibt uns die Kraft dazu, auch unbequeme Wege zu gehen, und, liebe Gemeinde, vielleicht lässt sich all das, was hier heute über den Weg Gottes mit uns Menschen gesagt worden ist, mit dem englischen Sprichwort zusammen fassen: Gott hat uns keine ruhige Reise versprochen. Aber eine sichere Landung.

Gott hat uns keine ruhige Reise versprochen. Aber eine sichere Landung. Und ich wünsche uns allen, dass wir diese Überzeugung mitnehmen können auf unseren Weg mit Gott, egal, wo wir da gerade sind, ob ganz am Anfang, ein ganzes Stück weiter oder auch kurz davor. Dass sie uns auch durch schwere Zeiten begleitet, auf dass wir uns segnen lassen und zum Segen für andere werden.

drucken