Begegnung am Straßenrand

<i>[Vielleicht gibt es im Gottesdienst eine Gelegenheit, an die Menschen zu denken, die jetzt in Angst und Verzweiflung am Ort des Geschehens leben: an der jetzt von Panzern befahrenen Straße nach Gaza im Streifen des Elends.]</i>

I – Ein fremdes Land

Mitten im schwarzen Afrika gibt es ein geheimnisvolles Land. Sagenhafte Schätze sollen dort sein. Hohe Gebirge und wilde Schluchten. Im Herzen Afrikas liegt es, und es hat doch viel ältere christliche Traditionen als irgendein Land Mitteleuropas. Sein Symboltier ist der Löwe. Viele Länder haben ihn im Wappen – aber sein Löwe ist der Löwe von Juda. Mitten in Afrika findet ein Land seine Wurzeln im Judentum. Auf geheimnisvollen Wegen ist der Löwe Judas seit der Zeit des Königs Salomo dort hin gewandert, nach Äthiopien.

Einer der ersten bekehrten Christen stammt aus dieser fremden und abgelegenen Region am Rand der damals bekannten Welt. Vor allem auch: außerhalb des römischen Herrschaftsgebietes. Außerhalb der damals fast die ganze Welt bestimmenden politischen Herrschaft. Es ist eine besondere Geschichte. Eine exemplarische Erzählung, wie sich Evangelium ausbreitet, über alle Grenzen hinweg. Wir hören als Predigtabschnitt von einem Minister aus Äthiopien.

[TEXT]

II Der Äthiopier

Aus dem fremden und fernen Land Äthiopien kam damals der Minister nach Jerusalem. Was wollte er da? Er kam, um anzubeten, heißt es. Warum gerade dort? Hat er am Tempel in Jerusalem eigene religiösen Wurzeln gesucht? War er den geheimnisvollen Verbindungen afrikanischer Hochebenen mit Israel auf der Spur? Oder hatte er einen ganz weltlichen Handelsauftrag seiner Königin, der Kandake? Es bleibt ungewiss. Klar ist allerdings, dass er in Jerusalem fremd gewesen war. Es ist nichts davon bekannt, dass zur damaligen Zeit äthiopische Juden in Israel als Teil des eigenen Volkes gesehen wurden.

Fremd war der Äthiopier noch auf ganz andere Weise: Das griechische Wort, das Luther mit „Kämmerer“ übersetzt – viele moderne Übersetzungen mit „Minister“ – heißt „Eunuchos“. Ja, er war Eunuch. Er war kastriert. Es gibt nicht viele Anfechtungen der eigenen Identität, die so heftig sind, wie den Verlust seines Geschlechts.

Die mächtigsten Beamten des Staates waren damals Eunuchen. Sie mussten es sein. Die Kastration hatte ausgeschlossen, dass sie für eine eigene Familie die Macht an sich reißen konnten. An der Spitze des Äthiopischen Staates stand eine Königin. Zu ihrem engsten Kreis zu gehören, ging als Mann nur, wenn man Eunuch war. Klar: um nicht legitimen Nachwuchs der Königsfamilie zu verhindern.

Allerdings: Jude werden konnte kein Mann, der kastriert war. Was also wollte bloß der Mann aus Äthiopien, der kein Mann war, in Jerusalem?

Er hatte Geld, er hatte Anteil an der Macht eines reichen und alten Landes. Aber er hatte keine Frau. Er hatte keine Kinder. Er war am heiligen Ort Jerusalem gewesen, im Zentrum des Glaubens, im Haus des wahren Gottes, den er – sucht? – und doch gehörte er nicht dazu. Konnte niemals dazu gehören. Er hatte sich eine Schriftrolle des Propheten Jesaja leisten können, für ein kleines Vermögen. Er war der hebräischen Sprache und Schrift mächtig, um sie zu lesen. Er war hochintelligent. Aber was er las, blieb fremd und unverständlich wie Nachrichten aus einer anderen Welt. Blieb unverständlich, blieb fremd, wie vermutlich viel in seinem eigenen Leben. Er war auf dem Heimweg.

Heimweg? Wohin zurück, wenn man sich heimatlos fühlt? Was ist ein Heimweg, wenn man nicht mehr weiß, wer man ist? Er war auf der Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt. Er war auf einer Straße, die im Evangelium einzig dadurch charakterisiert ist: dass sie öde ist. Ein Gedicht von Bert Brecht mag seiner Stimmung nahe kommen:

DER RADWECHSEL

Ich sitze am Straßenhang.

Der Fahrer wechselt das Rad.

Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.

Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.

Warum sehe ich den Radwechsel

Mit Ungeduld?

(1953)

III Philippus

Dieser Beamte aus Äthiopien mag eine schillernde Figur in dieser eigenartigen Geschichte sein. Philippus, der Mann, der ihm begegnet, ist auch nicht gerade alltäglich. Er war ein Mann ganz anderer Art: ohne äußere Macht und Einfluss. Warum ist er bloß auf diesem Weg nach Süden zur Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und die öde ist?

Philippus sucht dort gar nichts. Dort ist auch nichts. Da ist man in der Mitte von Nirgendwo. Kein Tempel, keine Stadt, kein Dorf. Nur Straße.

Es heißt: der Geist habe ihn dorthin gebracht. Wie man sich das auch immer vorstellen mag: es ist ein spannender Gedanke: wenn wir auf so einem öden Weg sind – vielleicht im überfüllten Stadtbus am Morgen eines wenig versprechenden Dienstags – es könnte doch sein, dass es da einen Sinn gibt! Wie ändert sich das Leben, wenn in jedem Augenblick gilt: dass genau jetzt der Heilige Geist mich gerade an diesen Ort gestellt hat? Achtsamkeit ist auf jeden Fall eine Konsequenz.

Philippus hat die Stimme des Engels gehört hat: „Steh auf und geh . . .“ Er kennt nicht einmal das Ziel seines Weges. Aber, er hat einen Auftrag. Einen Auftrag, der ihm eigentlich recht merkwürdig vorkommen muss. Nicht in die Stadt, nicht in den Tempel, sondern in die Öde, an eine Straße, an irgendeinen unbestimmten Ort. „Spalte ein Stück Holz und ich bin da. Hebe einen Stein auf und Du wirst mich finden.“ So heißt ein dazu passendes schönes Jesuswort im apokryphen Thomasevangelium.

IV Begegnung

Was erzählt wird, das ist alles, was zu einer guten menschlichen Begegnung gehört. Man kann es sogar als eine Anleitung zum Seelsorgegespräch nehmen.

+ Philippus geht in den Wagen, sie begegnen einander auf Augenhöhe. Sie reden auf einer Ebene. Über die wichtigsten Dinge des Lebens kann man nur auf einer Ebene reden. Weil es um das Geheimnis von Leben und Tod geht, da steht niemals einer über dem anderen.

+ Philippus labert nicht einfach los, er hört erst mal zu. Und er lässt sich fragen. Die Stelle, die der Äthiopische Beamte bei Jesaja gefunden hat: „Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen.“ Seine Frage lautet scheinbar einfach: „Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem?“

Was für eine Frage! Wer leidet? Wer stirbt? Wessen Urteil wurde aufgehoben? Der Prophet Jesaja? Ein anderer? Doch nicht … ich? Die Frage rührt an das letzte Geheimnis.

+ Folgerichtig erzählt Philippus vom Evangelium Jesu Christi. Aber was welche Worte hat Philippus denn gesagt? Warum in aller Welt hat Lukas, der Verfasser der Apostelgeschichte jetzt nicht aufgeschrieben, was genau er wirklich geredet hatte? Soll man das mit gutem Recht als die größte Panne bei der Entstehung der Bibel bezeichnen: das Wichtigste, die entscheidenden Worte, … die stehen einfach nicht da. Wie bei einem Krimi, den man liest, um am Ende festzustellen: die letzten 20 Seiten fehlen.

Vermutlich geht das nicht anders. Das Evangelium Jesu Christi sagen, so dass es gehört wird, kann man nur mit eigenen Worten. Es gibt es keine allgemein gültige Antwort, die man einfach so lernen und übernehmen könnte. Es gab damals die des Philippus. Es gibt jetzt meine und es gibt deine. Mehr ist nicht zu sagen.

Philippus hat es „auf seine Weise“ getan. Das moderne Wort dafür ist „authentisch“. Er hat das gesagt, was er selbst erfahren hat von Leben, Leiden, Sterben, Rechtfertigung und Auferstehen – in Jesus Christus. Das Evangelium Jesu Christi wird in jeder Lebenssituation neue Worte finden. In der Sache allerdings gehen es natürlich um: Leben, Sterben und Auferstehen.

Glaube ist nichts, was man nur aus Büchern lernen kann, weder damals noch heute. Freilich: der Hofbeamte liest in der Bibel. Das ist der Anknüpfungspunkt. Wichtiger ist seine lebendige Begegnung mit Philippus. Durch sie hat er im Evangelium Lebensmut gefunden, durch sie kommt er zur Taufe und vertraut sich der Macht Gottes an.

V Trennung

Die Geschichte könnte hier zu Ende sein. Ist sie aber nicht. Der Geist wirkt erstaunlicher Weise ein zweites Mal. Beim ersten Mal hat er zwei einander sehr fremde Menschen zusammen geführt. Jetzt trennt er zwei Menschen, die sich vor Gott nahe gekommen waren.

Warum? Der Äthiopier ist nach der Taufe kein besonderer Freund des Philippus. Würde jede geistliche Begegnung zu einer Freundschaft führen, würde uns bald ein Berg von Freunden die Luft zum Atmen nehmen.

Der Äthiopier ist auch kein „Klient“ des Philippus. Diese Taufe war keine „gestreckte Kasualie“. Es gab weder ein Nachreffen noch einen „Taufelternabend“, es gab keinen Besuch, keine Briefe, nicht mal Telefon, Fax und Email waren vorhanden. Nach menschlichem Ermessen haben sich die beiden schlicht und einfach niemals wieder gesehen oder nur von einander gehört. Jedenfalls nicht in dieser Welt.

Was heißt das für uns?

è Es ist wichtig, wahr zu nehmen, wie unterschiedlich menschliche Begegnungen sein können. Freundschaften sind wichtig. Manchmal brauchen wir dringend Menschen, die uns professionelle Hilfe leisten: medizinische, soziale oder psychologische. Und dann gibt es Menschen, die uns spirituell begleiten, vielleicht „begeistern“. So, wie Philippus für den nicht mit Namen genannten Äthiopier da war. Alles gleichzeitig wird schwierig. Da kann man sich leicht übernehmen.

+ Zum spirituellen Wachstum gehören Begegnungen mit besonderen Menschen genauso wie die Trennung von Ihnen. Ohne Trennungen finden wir keinen eigenen Weg. Vertrauen wir doch darauf, dass in jeder spirituellen Begegnung vor Gott, dass auch in den Sakramenten der Taufe und des Abendmahls etwas geschieht, das einfach weiter wirkt, ohne eigenes Zutun. Wie der Same einer Sonneblume in der feuchten Erde: er platzt auf, ein Keimling streckt sich nach dem Licht, die Wurzeln streben in die Tiefe der Erde – und das alles entwickelt sich ganz von alleine.

VI Die Straße

Ein kleiner letzter Satz sagt schlicht und klar, was weiter geschieht: "und er zog seine Straße fröhlich." Es war ziemlich viel Straße. 2000 Kilometer nach Äthiopien. Was immer auf dem Weg geschehen sein mag an Abenteuern, an wunderbaren und schlimmen: er hatte einen Halt, der weder im Weg noch im Ziel lag.

Es war eine Straße, die nicht nach Hause führte. Wahre Heimat hatte er dort nicht mehr – hatte er dort vielleicht nie gehabt. Heimat hat er woanders gefunden. Durch die Begegnung mit Philippus gab es eine innere Heimat, die unzerstörbar war. Durch Jesus Christus war er sowohl bei sich selbst als auch bei Gott angekommen. Seine lange Reise hatte also letztlich doch ein Ziel.

Jesus Christus, du Heimat der Heimatlosen,

der du im Glück die Seele bewahrst und in der Not Beistand bist

komm, du Hoffnung der Armen, du Kraft der Müden.

komm, du Stern auf dem Meer, du Hafen im Schiffbruch.

Komm, und erbarme dich unser.

drucken