Gott sprengt unsere engen Grenzen

Pastor S. ist auf Dienstreise, ein Theologenkongress in einer ostdeutschen Großstadt, also gewissermaßen ein Auswärtsspiel, Theologen, Kirchenvertreter und Kirchengemeinden spielen hier nicht so die entscheidende Rolle – eine „religiös gemäßigte Zone“, so jedenfalls pflegt unser Generalsuperintendent immer die religiöse Grundhaltung in den ostdeutschen Ländern zu beschreiben.

Pastor S. benutzt die Tram, die Straßenbahn, um zum Tagungsort zu kommen. Das Thema – wie sollte es anders sein „Missionarische Aufbrüche“. In der Straßenbahn fällt ihm eine Jugendliche auf, die in einem Buch liest, das wie eine Bibel aussieht. Er schaut etwas genauer hin und beobachtet, dass sie tatsächlich im Neuen Testament im Matthäusevangelium liest. In der Öffentlichkeit in der Bibel lesen – „Mutig denkt“ er sich und spricht das junge Mädchen an. „Verstehst du denn, was du da liest ?“ „Nicht alles“ antwortet sie und sie kommen bald in ein Gespräch über Jungfrauengeburt, Wundergeschichte, Kreuz und Auferstehung.

Durch Zufall war das junge Mädchen an die Bibel gekommen, zu Hause spielte Religion keine Rolle und es war neugierig geworden. Das Gespräch faszinierte sie und bewegte sie und am Ende sagte sie ganz spontan: „ich möchte getauft werden, am besten so schnell wie möglich!“

Die alte Frage: was hinderts, dass ich getauft werde. Aber seit die Kirche sich in dieser Welt eingerichtet hat, nicht mehr so jung, unerfahren, aber dennoch dynamisch wie am Anfang war, seit sie eine ordentliche Kirche war, hatte sie für alles eine Ordnung. Und da wir uns in Deutschland befinden, haben wir auch eine richtige ordentliche Ordnung, in der alles genauestens geregelt ist.

Da gibt es zum Beispiel eine Grundordnung unserer Kirche: in ihr kann man lesen. „Die Gliedschaft in der Kirche Jesu Christi gründet sich auf Gottes Handeln in der Taufe. Mitglieder der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz sind alle getauften Evangelischen, die ihren Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt im Bereich der EKBO haben …“ Gott handelt und dann bin ich Mitglied da, wo ich wohne.

Das klingt nach rechtlicher Klärung, was die Taufe anstößt mit dem Hinweis, dass es eigentlich um mehr als juristische Mitgliedschaft in einer Vereinigung geht. Bleibt die Frage: Was hinderts? Bis hierher erst einmal nichts! Aber dann gibt es auch noch eine Lebensordnung, die einen Entscheidungsrahmen und Handlungsspielraum geben will. Dort gibt es ein ganzes Kapitel zu Fragen um die Taufe.

Ich lese uns einmal Artikel 13 der Lebensordnung der UEK: Das Sakrament der heiligen Taufe ist die grundlegende kirchliche Handlung, durch die die Getauften zu Gliedern am Leibe Christi berufen werden und ihre Mitgliedschaft in der Kirche begründet wird. Die Gemeinde lässt sich im Gottesdienst an die Gabe und Verpflichtung der Taufe erinnern und dankt für die Freundlichkeit Gottes, die im Glauben ihre Antwort findet. Artikel 13: Taufvorbereitung: (1) Der Taufe geht eine Taufvorbereitung voraus. Sie richtet sich nach dem Lebensalter des Täuflings. (2) Wird für Kinder die Taufe begehrt, führt die Pfarrerin oder der Pfarrer mit den Eltern – wenn möglich auch mit den Patinnen und Paten – ein Gespräch über Verheißung und Verpflichtung der Taufe. Heranwachsende Kinder sind ihrem Lebensalter entsprechend in die Taufvorbereitung einzubeziehen. (3) Für ungetaufte Jugendliche im Konfirmandenalter ist der Konfirmandenunterricht die zur Taufe hinführende Taufunterweisung. Ihre Taufe kann während der Unterrichtszeit oder im Konfirmationsgottesdienst erfolgen. (4) Der Taufe Erwachsener geht eine Taufunterweisung voraus, wobei auch die persönlichen Beweggründe des Taufwunsches zur Sprache kommen. Die Taufunterweisung darf nicht durch überfordernde Ansprüche davon abschrecken, Gottes Zusage für sich in Anspruch zu nehmen.

Danach werden dann noch die Verantwortung der Eltern und Paten und alle Fragen des Patenamtes geregelt. Es gibt gute Gründe für diese Ordnung. Die Taufe ist ein Sakrament, sie hat fundamentale Bedeutung. Deshalb bekommt sie in der Folge der Sonntage auch mit dem 6. Sonntag nach Trinitatis ihren eigenen Sonntag, der uns daran erinnern will, was uns alles von Gott in der Taufe geschenkt wurde. Wir dürfen seine Kinder heißen. Wir dürfen darauf vertrauen, dass unsre Namen, unsere Lebensgeschichten, wir selber am Ende nicht verloren gehen, wir dürfen Vertrauen fassen in das Leben und auf Gottes bleibende Nähe. Wir dürfen uns rufen lassen in die Nachfolge und dieser Welt das Evangelium weitersagen. Wir dürfen uns erinnern lassen, dass alles von Gott trennende , alle Schuld, alle Sünde abgewaschen ist. Wir dürfen darauf vertrauen, in allen Gefährdungen bewahrt zu bleiben zu einem guten Ziel. Und noch vieles mehr, aufgehoben in der biblischen Botschaft.

Und dennoch steht manchmal die Frage im Raum: was hinderts jetzt. Muss ich denn ein bestimmtes Alter erreicht haben, wie es manche Freikirchen erwarten, die nur Erwachsene taufen, muss ich einen entsprechend langen Taufunterricht erfahren haben (LO: er soll nicht überfordern), muss ich ein bestimmtes Maß an Verständnis mitbringen, um mich taufen zu lassen( und was ist mit den Bewohnern des Waldhofes, die unsere Gottesdienste mitfeiern, aber nicht immer alles verstehen werden?).

Die Ordnung unserer Kirche sagt: im Prinzip ja. Und so ist es auch in der Regel. Die Taufe eines Kindes wird angemeldet und dann führen Eltern, Paten und Pfarrerinnen und Pfarrer ein Gespräch, in dem es um die Bedeutung der Taufe und die Feier des Taufgottesdienstes geht.. Ungetaufte Konfirmanden werden im Laufe des Unterrichtes oder am Konfirmationstag getauft.

Erwachsene nehmen am Erwachsenenunterricht teil und erbitten zum Ende die Taufe. Und das ist gut so. Aber es gibt eben auch Situationen, die kann ich nicht ordentlich regeln oder da kann die Ordnung und Regel auch den Blick für das Wesentlich verstellen. Lukas, und das ist das eigentlich Erfrischende an dieser Episode aus der Apostelgeschichte schreibt keine Theologie der Taufe, so wie Paulus das in der heutigen Epistel ein Stück weit getan hat, sondern er erzählt, welche sonderbaren und wunderbaren Wege das Leben eben manchmal nehmen kann und hält damit ganz wesentliche Einsichten fest.

Die erste Einsicht ist die wichtigste.

Nicht wir Menschen sind die Akteure. Gott handelt an uns. Nicht wir tun ihm oder anderen einen Gefallen ( auch wenn das manchmal durchaus eine Rolle spielen kann), sondern er schenkt uns alles. Gott wollte, dass sich die Wege des Philippus und des Kämmerers kreuzen. Dazu musste er Philippus aber erst einmal auf den Weg bringen. Gott hat alle Menschen im Blick, will allen alles schenken. Dazu braucht er aber Menschen, die sich wie Philippus auf den Weg machen. Es ist eigentlich wie ein Schneeball. Es fängt klein an mit Menschen, deren Herz von der Botschaft Jesu bewegt und deren Leben in der Taufe mit Gottes Verheißung und Segen beschenkt wird. Die machen sich dann auf, denn sie wollen dieses Geschenk, diese Erfahrung, sie wollen den Glauben nicht für sich behalten und treffen auf andere, die zu Recht sagen: wie soll ich denn das alles verstehen, wenn es mir keiner erklärt.

Zwischen Philippus und dem Kämmerer kommt es zu einem Bibelgespräch und damit zu einem Dreiergespräch. Denn jetzt sind die beiden nicht mehr allein, – das ist für mich die zweite Entdeckung bei Lukas – Gott selbst schaltet sich mit ein, Gott selbst verschafft sich Gehör und Zugang zum Herzen und Leben des Kämmerers. Nichts anderes meint die Rede davon, dass uns in der Bibel, z.B. in der Rolle des Propheten Jesaja, Gottes Wort begegnet. Gott schaltet sich in das Gespräch ein und spricht Menschen an, den Kämmerer aus dem Morgenland, mich, der ich als erster über diesen biblischen Text nachgedacht habe und uns alle, die wir uns heute morgen voll und ganz der biblischen Botschaft aussetzen.

So, nur so kann Glaube wachsen, kann Glaube erwachsen werden, kann er sich Gehör verschaffen. Wir sollten in aller Ordnung darauf achten, dass dieses Gespräch möglich bleibt unter uns, in unserer Gemeinde, in unserer Stadt, in unserem Land, damit Gott Menschen ansprechen kann.

Wir sollten Räume und Gelegenheiten öffnen, dass Gott Menschen begegnet. Schließlich geht es , wenn ich die Epistel ernstnehme um eine Angelegenheit von Leben und Tod, Tod und Leben Jesu und meinen Tod und mein Leben.

Da gibt es Situationen, da darf und kann nichts hindern in solchen Angelegenheiten. Mein Glaube, mein Vertrauen kann nie ausreichen, um mir Gottes Geschenk und seine Liebe zu verdienen, ich kann nie genügend Glaube in die Waagschale werfen, um seine Liebe angemessen zu beantworten. Und so tauft Philippus im Vertrauen, dass Gott sein Werk vollenden wird und ist trotz aller dann getrennten Wege auf wundervolle Weise mit dem Kämmerer aus Äthiopien verbunden.

Und das ist die dritte immer wieder neue Entdeckung. Durch das Evangelium kommen Menschen zusammen, deren Wege sich sonst nie gekreuzt, oder besser: ein Stück gemeinsam verlaufen wären. Hier wird für einen kleinen Augenblick die enge Grenze, die Menschen oft ziehen, aufgehoben. Hier leuchtet auf, dass im Geschenk der Taufe alles Trennende wegfallen muss. Hier ist nicht Jude noch Grieche, nicht Deutscher noch Pole, nicht Weißer noch Schwarzer, hier sind alle eins in Christus.

Ich glaube, dass gerade in einer Welt, in der trotz aller Globalisierung immer mehr das Trennende zum Vorschein tritt, wir als die eine Kirche Jesu Christi – und das ist ja mehr als die Summe aller Konfessionen – wir als die eine Kirche Jesu Christi vorleben müssen und dürfen, dass nur die eine Menschheit leben und überleben wird. Es gab schon einmal eine Zeit, da spielte die weltweite Ökumene eine Vorreiterrolle in der wirtschaftlichen und politischen Völkerverständigung. Sie muss es wieder tun, auch wenn die Verschiedenheit der Religionen heute mit zur Spaltung beiträgt. Verständigung in der weltweiten Ökumene kann aber ein Zeichen der Hoffnung sein, dass gemeinsame Wege möglich sind.

So spannt Lukas mit einer kleinen Geschichte einen großen Bogen. Er zeigt, wie Gott selbst die Initiative ergreift. Deshalb ist mir um die Zukunft nicht bange. Aber er zeigt auch, dass Gott dazu eine Gemeinde auf dem Weg will und braucht, also uns, unsere Bereitschaft, Dolmetscher seines Wortes zu werden.

Am Ende steht die Hoffung, dass die ganze Welt nicht nur in Gottes Hand ruht, sondern in ihm auch zusammenfindet. Können wir denn gerade in diesen Tagen weltweiter Konflikte Größeres hoffen? Nicht nur der Kämmerer darf fröhlich seines Weges ziehn. Wir auch!

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