Ordnungskraft

Liebe Gemeinde,

„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Sie kennen wahrscheinlich alle diese Geschichte. Vielleicht bekommen Sie sogar die Abfolge der Schöpfungstage hin. Was wann geschaffen wurde. Über diesen Text, diese Schilderung gibt es gerade in den USA eine große Debatte. Wer hat Recht? Dieser Text von der Schaffung der Welt in 7 Tagen oder die Wissenschaft, die behauptet, die Welt wurde in einer Art Urknall geschaffen und das Weltall breitet sich seit der Zeit aus. Alle Lebewesen auf dem Planeten Erde sind in einem langen Entwicklungsprozess entstanden. Durch Evolution. Wie wurde die Welt geschaffen?

Ich glaube, dass eine solche Debatte, eine solche Diskussion am eigentlichen vorbeiführt. Es geht da bei den Gegner der Evolutionstheorie um das Verständnis der Bibel. Solche Menschen verstehen die Bibel wörtlich. D.h. sie sagen: so wie es dort steht, so ist es auch gewesen. Und in dem Streit um diesen Text führt das sogar dazu, dass es Schulen gibt, in denen die naturwissenschaftliche Vorstellung gar nicht mehr gelehrt werden darf. Es steht ja alles in der Bibel.

Ich glaube, solch eine Verständnis der Bibel ist falsch. Die Texte sind nicht aufgeschrieben worden, um beschreiben wie es wirklich war. Und zwar wirklich im Sinne von naturwissenschaftlich beweisbar. Die Texte der Bibel sind aufgeschrieben worden, um Gott zu umschreiben. Um Gottes Handeln zu beschreiben. Sie sind so wahr wie ein Gedicht. Wenn es heißt, der „Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüft “, dann wissen wir alle, dass es weder den Frühling als Person gibt, noch im März am Himmel ein blaues Band zu sehen ist oder so etwas ähnliches. Wir wissen aber, was gemeint ist. Und Vorstellungen von Frühling, von Sonne und Blüten kommen in unsere Gedanken. Und so wird das Gedicht wahr. Auch wenn das blaue Band nicht naturwissenschaftlich beweisbar ist.

So ist es auch mit dem Text am Anfang der Bibel. Mit der Schöpfungsgeschichte. Die Wahrheit der Schöpfungsgeschichte hat nichts damit zu tun, ob es so oder so wirklich passiert ist. Sie steht nicht am Anfang der Bibel, um zu beweisen: die Welt ist tatsächlich in sieben Tagen geschaffen worden.

Sie steht aber auch nicht zufällig am Anfang, so glaube ich das. Wovon handelt die Schöpfungsgeschichte eigentlich? Wenn ich eine einfache Überschrift, einen Satz finden sollte, der die Schöpfungsgeschichte beschreibt, dann würde ich den Satz nehmen: „Gott räumt auf!“

Am Anfang war die Erde wüst und leer, auf hebräisch: Tohuwabohu. Und Gott räumt nun dieses Tohuwabohu auf. Gott schafft oben und unten. Trennt fest und flüssig. Unterscheidet zwischen Dunkel und Hell. Und belebt das Ganze mit Tieren und Pflanzen und schließlich dem Mensch.

Am Anfang räumt Gott erst mal auf. Am Anfang steht die Ordnung. Alles hat seinen Platz. Das ist wie eine Grundstruktur. Jeder, der einmal irgendwo eingezogen ist, oder sogar sein haus selbst gebaut hat, der kann davon ein Lied singen. Am Anfang ist immer Tohuwabohu. Umzugskisten, Mörtel, Ausschachtung des Kellers, Dreck, leere Wände, nackte Birnen von der Decke. Und dann schafft man Ordnung, oben und unten. Wände und Rohre, Regale und Schränke. Ja, und dann belebt man das Ganze mit Bilder, und Pflanzen und dem ganzen kleinen Zeugs am schönen Dingen, die man so mit sich herumschleppt. Und zum Schluss, da kommen die Menschen. Man selber setzt sich auf das Sofa, lädt Freundinnen und Freunde ein. Dann ist da ein Raum, wo man gut sein kann. Wo man leben kann. Und so war das auch am Anfang. Gott schafft einen Raum, in dem man gut leben kann.

Als wir im Studium die Geschichte von der Schöpfung behandelt haben, sagte der Professor: die Geschichte gehe davon aus, dass das Chaos, das Tohuwabohu völlig abgeschafft ist. Es gibt kein Chaos mehr, nur noch Ordnung, guten Raum. Das mag sein, wenn man die Geschichte für sich nimmt. Aber wenn ich mir diese Welt, mein Leben und auch die weiteren Geschichten aus der Bibel anschaue, dann kann ich das nicht so ganz glauben. Da ist eine Menge Chaos. Und kann ein ganzes Leben lang spekulieren, ob dieses Chaos eine dunkle Seite in Gott ist, oder ob es neben Gott noch eine andere Macht, andere Mächte gibt. Das Chaos, das Dunkle ist jedenfalls da.

Und ich brauche nur meine Wohnung anzuschauen. Wenn ich nichts tue, dann versinkt im Chaos. Es beginnt mit Stapeln, die ich nicht einräume. Staub, den ich nicht wische, Geschirr, dass seinen Weg nicht zurück in die Schränke findet. Zeitschriften, die liegen bleiben. Ich denke, jeder von uns kennt das. Wenn ich keine Kraft investiere und putze und räume, dann übernimmt nach und nach das Chaos, das Tohuwabohu das Regiment über meine Ordnung, meinen guten Raum. Es ist schwierig, das richtige Maß zu finden. Wenn ich zuviel an Energie hineinstecke, dann ist alles geordnet, und das Chaos weit, aber es auch kaum mehr Leben da, weil sich nur wenig entfalten kann. Wie ein perfekter Rasen, auf dem aber nichts mehr lebt und den man nicht mehr betreten darf.

So ist das, glaube ich, auch mit der ganzen Welt.

Einmal geordnet, gibt es immer die Tendenz, dass sie ins Chaos zurückfällt. Mit den üblichen Verdächtigen: Hunger, Krieg, Neid, Missgunst, Terror, Gewalt, Armut. Es braucht auch in der Welt eine Kraft, die dafür sorgt, das Chaos in Schach zu halten.

Wir nennen in der Kirche diese Kraft, den Segen Gottes. Gottes Segen ist die Energie, die dafür sorgt, den guten Raum der Schöpfung zu erhalten. Gottes Segen zeigt sich darin, dass auch im Chaos noch sichtbar wird dieser gute Raum, die gute Schöpfung, da wo man sich fallen lassen kann, da, wo man zuhause ist; wo Ordnung ist, und gleichzeitig noch Raum zu Leben. Nicht zuviel Ordnung, nicht zu wenig. Segen ist da, wo ich genug für mich habe, dass ich davon auch abgeben kann.

Eine Beispielgeschichte für diesen Segen, für diese Ordnungsenergie, ist die Geschichte von Abraham, aus der auch der heutige Predigttext genommen ist.

[TEXT]

Abraham wird von Gott beauftragt, aus seinem Land zu ziehen. Und damit ist von Abraham und seiner Frau Sarah viel Vertrauen gefordert. Die Geschichte handelt davon, wie zwei Menschen ihre eigenen Ordnungsvorstellungen beiseite lassen und sich ganz auf Gottes Segen verlassen. Und die Geschichte, die sich da entspannt, die handelt auch davon wie schwer das ist. Wie undurchschaubar Gott manchmal ist.

Wie schnell Gott verwechseln kann mit dem Chaos, mit den dunklen Seiten der Welt. Stürzt Gott die beiden nicht in das Chaos, in dem er sie auf den Weg schickt? Indem er den beiden alten Menschen noch ein Kind verspricht? Indem Gott dann Abram später befiehlt, seinen Sohn zu opfern? Diese Fragen bleiben unbeantwortet. Bzw. sie werden auf eine Weise beantwortet, die einiges klar stellt, aber auch vieles offen lässt.

Denn in dieser Geschichte wird ja auch erzählt: Gott begleitet die beiden ja tatsächlich. Sie finden eine neue Heimat. Sie kommen zu einem neuen, gesicherten Leben. Sie bekommen tatsächlich trotz aller biologischen Unwahrscheinlichkeit einen Sohn. Dieser Sohn, Isaak, wird gerettet, bevor sein eigener Vater ihn opferte.

Gottes Segen, so erzählt es die Abrahamgeschichte, so erzählt es die Schöpfungsgeschichte, ist stärker als das Chaos, da, wo Menschen diesem Segen vertrauen. Und nicht vorschnell ihre eigenen Ordnungsvorstellungen verwirklichen. Sondern zuerst Vertrauen, dann genau hinschauen und hinhören, wo denn Gottes guter Raum sein könnte, wie der aussehen könnte. Ein Raum, eine Zeit, in der es allen gut geht. Was braucht es dafür? Wann und wie kommen wir dahin?

Ich wünsche uns allen, dass in uns diese Fragen lebendig bleiben. Und wir in unserem Leben entdecken, wo Gottes Segen gewirkt hat und wirkt. Ich wünsche uns, dass wir in uns den Wunsch und die Sehnsucht lebendig halten, dass wir wissen, wo wir Gottes Segen nötig haben, seine Kraft, Leben zu schaffen und zu erhalten. Und so unsere Ordnungskraft unserer Ordnungsenergie mit dem Segen Gottes in Deckung bringen, dass Gott durch uns segnen kann und diese Welt und unser Leben zum Guten dienen.

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