Aufbrüche

Liebe Gemeinde,

vor etwas über zwei Jahren ist mein alter Theologieprofessor gestorben, gerade mal 71 Jahre alt. Der in Schwaben geborene Hummel war zunächst Pfarrer und Religionslehrer in Württemberg, 1964 ging er als Professor für Systematische Theologie nach Saarbrücken. Durch eine Städtepartnerschaft von Saarbrücken und Tiflis kam Hummel in Kontakt mit Nachfahren deutscher Auswanderer in Georgien. Er lernte das Land und seine Menschen lieben.

Nach seiner Emeritierung 1998 verkaufte Hummel sein Haus in Saarbrücken und baute mit dem Erlös in Tiflis eine Kirche mit Gemeindezentrum, ein Altenheim und Sozialstationen. Die Arbeit der Einrichtungen finanzierte Hummel ebenfalls aus seinem Privatvermögen und aus Spenden eines Freundeskreises. Für ihren Einsatz wurden Gert Hummel und seiner Frau Christiane das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Hummel ist es auch zu verdanken, dass es in Abchasien wieder eine lutherische Kirche gibt. Deren Bischof war er bis zu seinem Tod. Christiane Hummel führt die Arbeit ihres Mannes weiter. Auch in Baku und anderen Städten im Süden der ehemaligen Sowjetunion entstanden durch Hummels Initiative evangelische Gemeinden, die ständig wachsen.

Als ich die Geschichte von Abram las, ist mir mein Professor, mit dem ich bis kurz vor seinem Tod Kontakt hatte, sofort eingefallen. Auch er hatte im fortgeschrittenen Alter den Mut, Gottes Ruf zu folgen und Heimat und Freunde zurückzulassen. Auch er hat gespürt, dass Gott ein zuverlässiger Begleiter ist, wenn man aufbricht. Natürlich hat er mancherlei Hindernisse vorgefunden, genau wie Abram. Aber für die Christen in Georgien ist mein alter Lehrer zum Segen geworden. Er hat seinen Schritt nie bereut – seine Frau führt heute seine Arbeit weiter. Viele haben Gerd Hummel damals nicht verstanden: "Er könnte sich doch nun zurücklehnen, könnte die Früchte seiner Lehrtätigkeit genießen." Aber ist man schon wirklich alt, wenn man die Mitte des sechsten Lebensjahrzehnts überschritten hat? Ist man zu alt, noch einmal etwas Neues anzufangen, bei dem einem das zugute kommt, was man gelernt hat im Lauf eines Lebens? Abram war 75 Jahre alt, als er aus Haran zog, so steht es im Alten Testament. Wir leben in einer Gesellschaft, in der rein statistisch die alten Menschen in der Mehrheit sind, und in unseren Kirchengemeinden hier im Pfarrbereich sind die Hälfte der Gemeindeglieder über 70 Jahre alt. Dennoch sind es die Jungen, die das Sagen haben, die gefragt sind – und die Jungen sind die, die sich rein räumlich gesehen – auf den Weg machen. Es fragt sich, ob der allgemeine Jugendkult und unser Umgang mit dem Alter wirklich in Ordnung ist. Eine Gesellschaft, die nur auf die Jugend setzt, weiß das Leben eigentlich nicht als Geschenk zu würdigen. Wer dem Alter nur negative Seiten abgewinnt, betrachtet das Leben als ständigen Abstieg. Ganz anders ist das in anderen Völkern, zum Beispiel in Afrika, da sind die Ältesten hochverehrte Menschen. So war das auch in Griechenland und in Rom.

In unserem Predigttext setzt Gott auf einen alten Mann. Er schickt keinen jungen dynamischen Menschen los, sondern einen, der eine reiche Lebenserfahrung hat. Abram kann das Risiko abschätzen, das er eingeht, wenn er Haran verlässt. Aber es ist für ihn keine Frage: Er vertraut Gott, er geht zuversichtlich ins Unbekannte, Unvertraute. Sie werden nun sagen: "Und soll ich mich jetzt auch mit meinen 70 oder gar 80 Jahren noch auf den Weg machen, weg von hier – oder was soll mir dieser Text sagen?" Sich auf den Weg machen, das ist nicht immer nur räumlich zu verstehen. Es steht für eine innere Haltung. Ich denke an meinen Vater. Als er mit 59 Jahren in den vorzeitigen Ruhestand getreten ist, begann für ihn etwas ganz Neues, ohne dass er sein Haus verlassen hätte. Er hat seine Zeit und seine Energie seitdem eingebracht für seine Kirchengemeinde. Vorher war er schon Kirchenältester gewesen und Sänger im Chor. Jetzt arbeitete er sich ein ins Gemeindearchiv, betreute die Ahnenforschungsanliegen und kümmerte sich um die Grundstücksangelegenheiten in der Gemeinde.

Und um die nötigen Mittel für Baumaßnahmen an den Kirchen beizuschaffen, gab er Kalender und Broschüren heraus. Zeichnen hatte er im Beruf gelernt, aber Texte schreiben und redigieren, das hat er sich neu erarbeitet. Auch viele Vorträge hat er gehalten, obwohl das für ihn Neuland war. Inzwischen ist meine Heimatgemeinde mit ihrer Vergangenheit sehr gut dokumentiert, es gibt eine "Geschichtswerkstatt", in der sich andere Leute dem gleichen Anliegen widmen. Noch bis zum letzten Jahr hat mein Vater Bücher und Ansichtskarten für die Kirchengemeinde zu Hause und auf dem Weihnachtsmarkt verkauft. Jetzt ist er gesundheitlich nicht mehr dazu in der Lage. Aber immer noch kommen Jüngere und holen sich Tipps und führen die Arbeit weiter. Mein Vater hat etwas angestoßen, was weitergehen wird, auch wenn er mit fast 87 Jahren nicht mehr aktiv sein kann.

Mir fallen andere Beispiele ein: Eine Ordensschwester aus Bingen, ehemalige Schulleiterin, die mit 65 Jahren umgezogen ist ins Mansfelder Land und im Kolping-Werk und auch in den katholischen Dorfgemeinden wichtige Aufgaben übernommen hat. Mir fällt auch der ehemalige Bürgermeister von Ulzigerode ein – nicht unbedingt ein überzeugter Christ – der als Vorsitzender des Fördervereins für die Dorfkirche aktiv geworden ist.

Ich selbst habe mit über 50 Jahren weit weg von meiner Heimat den Beruf gewechselt – auch ein Aufbruch, den manche mit Kopfschütteln verfolgt haben, zumal es viele Hindernisse gab. "Dein Gottvertrauen möchte ich haben", das habe ich öfter gehört, wenn es wieder einmal galt, Hürden zu überwinden, die oft innerhalb der Kirche aufgetreten sind. Ich kann Abram gut verstehen, aber ich verstehe auch, dass viele Leute Angst vor solchen Aufbrüchen haben. Sicher steht da oft die Frage: "Will Gott das wirklich so – oder habe ich ihn vielleicht falsch verstanden?" In meinem persönlichen Leben habe ich die Erfahrung gemacht, dass Gott mir schon recht eindeutig zeigt, wo er mich haben will und wo nicht. Manchmal bin ich ein bisschen betroffen, wenn ich im Deutschen Pfarrerblatt lese, wie groß die Angst der Pfarrer vor Veränderungen ist. Sei es die Debatte um die Ordination oder um dienstrechtliche Belange. Immer ist da ein großes Mühen um Besitzstandswahrung und um Sicherheit herauszulesen. Und Gemeindemitglieder denken meistens ähnlich. Möglichst soll sich nichts ändern an dem, was man einmal für sich persönlich erreicht hat.

Klar, die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt unaufhaltsam – aber was kann ich dafür? Ich möchte trotzdem am liebsten einen Pfarrer vor Ort nur für dieses Dorf alleine, auch wenn nur fünf Leute im Gottesdienst sitzen. Der könnte dann alle zum Geburtstag besuchen und dies und jenes tun, wozu er heute nicht mehr kommt. Und der Pfarrer hätte es am liebsten auch so, bei vollem Gehalt. Endlich brauchte er nur noch die Dinge zu tun, für die er eigentlich ausgebildet ist. Das ließe sich machen, wenn jeder in der Gemeinde den Zehnten von seinem Einkommen gäbe. Aber wer möchte schon aufbrechen auf so einen neuen Weg?

Abram ist nicht alleine losgezogen, er hat Menschen an seiner Seite gehabt, die bereit waren, mit ihm durch Dick und Dünn zu gehen und auch unbequeme Strecken in Kauf zu nehmen. Es war nicht alles Harmonie auf diesem langen Weg. Aber wer gar nicht erst aufbricht, der kann auch nicht ankommen. "Was, in Ihrem Alter haben Sie noch den Mut, umzuziehen?", diese Frage wird heute älteren Menschen auch oft gestellt, wenn sie ihre äußere Umgebung verändern. Ich habe sogar schon erlebt, dass alte Leute merkwürdig angeschaut wurden, wenn sie sich mit 80 Jahren eine neue Schlafzimmereinrichtung gekauft haben oder mit 90 ihr Bad umbauen ließen. Dabei ist es doch ein Zeichen von wirklich gelebtem Leben, wenn jemand seine Bedürfnisse wahrnimmt und etwas dafür tut, dass es ihm gutgeht, statt am Bestehenden so sehr zu kleben, dass er nichts mehr loslassen kann. Was halte ich fest in meinem Leben, was kann und will ich loslassen? Diese Frage stellt sich immer wieder, und auf jeder Lebensstufe muss sie neu entschieden werden. Und sie stellt sich auch der Kirche immer wieder. Wenn alles immer so bleiben muss wie es war, dann wird Kirche starr und unbeweglich. Wir haben im Evangelium die Geschichte vom Fischzug gehört. Wider allen Augenschein haben die Jünger ihre Netze noch einmal ausgeworfen, entgegen aller Erfahrung war der Fischzug so reich wie sonst nie. Dieser Fischzug hat das Leben der Jünger verändert, er hat sie überzeugt, dass mit Gottes Segen alles möglich ist. Das wollen sie künftig weitersagen, dafür setzen sie ihre Kräfte ein. Wer den Segen Gottes weitergeben möchte und damit für andere zum Segen werden, der muss bereit sein für neue Wege. Mit offenen Augen und Ohren. Ich darf glauben, dass Gott meine Fähigkeiten und meinen Wert für andere zu schätzen weiß. Egal wie alt ich bin. Es ist nie zu spät für ein Leben auf Gottes Wort hin.

Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Dieses Versprechen Gottes an Abraham wählen in verkürzter Form sehr oft Eltern als Taufspruch für ihre Kinder. Den wenigsten ist bewusst, dass dieser Satz das Leben eines Mannes verändert hat, der schon im Großvater-Alter war. Abraham wurde unterwegs Vater, aus seiner Sippe wurde das Volk Israel, er war der Stammvater von Jesus und damit letztendlich auch unserer christlichen Kirchen. Das konnte er nicht ahnen. Es ist nicht absehbar, was aus einem Aufbruch werden kann. "Sie können die Welt nicht retten", sagte neulich ein Gottesdienstbesucher mit resignierter Stimme zu mir. Mit diesem Anspruch wird wohl keiner antreten, die Welt retten kann Gott allein – aber Abrams Beispiel zeigt, was für großartige Folgen es haben kann, wenn einer voller Gottvertrauen aufbricht. Immerhin hat Gott sich Abrahams Familie ausgesucht, um aus ihr den Retter hervorgehen zu lassen.

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