Segensspuren

Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause …

Das scheint ein ungeschriebenes Menschheitsgesetz zu sein, seit Gottes Geschichte mit den Menschen in konkrete Zeit eingetreten ist und mit Abraham ein geschichtliches Gesicht bekommen hat, seit die Geschichte des Gottesvolkes ihren Anfang nahm. Nur die Vorzeichen wandeln sich im Positiven wie im Negativen.

Sommerzeit ist Reisezeit. Und da gehen viele aus ihrem Vaterland und aus der Familie und schwärmen aus in die ganze Welt. Wir erleben es in unserer Stadt, die Straßen und Cafes, der Strand und die offenen Kirchen sind as voller als sonst. Auch in unserem Gemeindehaus ist lebhaftes und buntes Treiben, denn es wird seit Montag von einer Kindergruppe aus Bad Seegeberg bevölkert. In den Straßen Berlins war bis vor kurzem noch die halbe Welt zu Gast. Reisen ist heute eine Selbstverständlichkeit und die modernen Verkehrsmittel bringen uns alle auch noch in den verborgensten Winkel dieser Welt, wo dann alles für die schönste Zeit des Jahres aufs genaueste vorbereitet ist.

„Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit“ – das war von Paul Gerhard sicher nicht so gemeint, könnte aber durchaus das Motto dieser Wochen sein. Aber es gibt auch andere, schmerzhafte Aufbrucherfahrungen unter der Überschrift „geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus“ – Fluchtgeschichten vor 60 Jahren als Flucht und Vertreibung an der Tagesordnung war. Ich höre sie immer wieder aus der Generation der Altgewordenen und sie schmerzen noch immer. Erinnerungen an einen übereilten Aufbruch ohne große Vorbereitung und ohne Rückkehr auf absehbare Zeit, für viele ein Aufbruch in eine völlig unklare Zukunft, für viele ein Aufbruch in den Tod und später nur ein ganz langsamer, mühsamer Neuanfang mit Misstrauen und Skepsis und Ablehnung der Einheimischen den Flüchtlingen gegenüber.

Und bis heute sind Menschen auf der Flucht. Wir sehen die Bilder von Menschen, die versuchen den schwarzafrikanischen Kontinent zu verlassen, um spanische Enklaven in Nordafrika zu erreichen oder boatpeople, die im Mittelmeer aufgegriffen werden, falls sie dort nicht ertrinken. Menschen auf der Flucht vor Gewaltherrschaft oder Hunger mit der Hoffnung, woanders ein besseres Leben führen zu können. Menschen, die wie Abraham ihre Heimat, ihre Familien, ihre Elternhäuser verlassen.

Aufbruch aus der heimatlichen Gegend, von den Orten der Kindheit und der Familie, das ist in den letzten 16, 17 Jahren nach der Wende auch die Geschichte vieler junger Familien, die der Arbeit hinterhergezogen sind, die woanders, in wirtschaftlich stärkeren Regionen, sich eine sichere Zukunft erhoffen. Jugendliche ziehen den Lehrstellen hinterher. Wir lernen im Berufsleben mobil und flexibel zu sein, um eine Chance zu haben.

Zurück bleiben in den Landstrichen, die die brandenburgische Politik den äußeren Entwicklungsraum nennt, altgewordene und weniger flexible und belastbare Menschen. Hinzukommen Wochenendbewohner unserer Dörfer oder Ruheständler, die hier ihren Lebensabend verbringen wollen. Die Gesellschaft in unseren Regionen, in der Uckermark und in der Prignitz, hat sich – manche sagen dramatisch – verändert. Vom demographischen Wandel, durch den Geburtenrückgang noch verstärkt, ist allerorts die Rede.

„Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus …“

ein ungeschriebenes Menschheitsgesetz seit Abrahams Tagen als viele Sippen noch Nomaden waren.

Aber es gibt einen wesentlichen Unterschied. Abraham wird von Gott gerufen. Dieser Ruf und Abrahams Bereitschaft, diesem Ruf zu folgen, sind der Beginn einer Heils- und einer Segensgeschichte. Unsere modernen Aufbruchsgeschichten dagegen sind Ausdruck einer nicht zu rechtfertigenden sozialen Schieflage in unserer Gesellschaft. Hier ruft oft nicht Gott, selbst wenn er noch Gutes und segensvolles daraus entstehen lassen kann, sondern die Not, wenn Menschen einen Neuanfang wagen.

Abraham weiß nicht, was ihn erwartet und wo Gott ihn hinführt. Aber er lässt sich auf den Ruf Gottes ein, er hat Vertrauen, wird allein deshalb später zum Vater und Vorbild des Glaubens. Das wiederum hat er mit vielen gemeinsam. Viele Aufbrüche kann man auch als Vertrauensbeweis in das Leben, in die Fähigkeit, Herausforderungen zu bewältigen, lesen. Es gehört Mut, Stärke und Vertrauen dazu, aufzubrechen. Und in mancher Entscheidung einen neuen, anderen Weg zu gehen, vertrautes zurück zu lassen, verbirgt sich dann so doch eine Herausforderung, ein Ruf Gottes.

So wie Gott mit Abraham Großes vorhatte, so hat er auch mit unserem Leben Pläne, hat Orte und Aufgaben, an die er uns stellen möchte. Er braucht dazu allerdings Menschen, die bereit sind, sich rufen zu lassen. Es gehört die Offenheit für Gottes „Geh“ oder Jesu „Komm, folge mir nach“ dazu und die Einsicht, dass ich nicht allein Herr und Planer und Macher meines Lebens bin, sondern mit meinem Weg und mit meinem Leben in Gottes Hand stehe. Abraham lässt sich auf den Ruf Gottes ein, obwohl er nicht mehr als ein Versprechen hat: ich will dich zu einem großen Volk machen, ich will dich segnen und ich will dir einen großen Namen geben. Er hatte das Versprechen, dass Gott seinen Weg begleiten will, dass er mitgeht und seine Hand nicht von ihm lässt.

Das nämlich ist Segen, in seinem Leben immer wieder die Nähe Gottes zu erfahren, zu entdecken, wie Gott in allem Auf und Ab da ist. Segen umhüllt und kleidet ein. So hat es Abraham erfahren, nachdem er sich eingelassen hat auf Gottes Weg. Gott ist trotz aller Bedrohungen und Gefahren, denen Abraham ausgesetzt war, trotz aller Augenblicke, wo die Verheißung ein großes Volk mit zahlreichen Nachkommen war selbst in Frage stand, an der Seite Abrahams geblieben. Ihm war es vergönnt im Alter noch einen Sohn geschenkt zu bekommen. Das ist Segen, Leben weitergeben zu dürfen, neues Leben in den Armen zu halten. Am Ende gehörte Abraham zu den Menschen, die alt und lebenssatt sterben durften.

Es ist Segen sagen zu können, ich lebe ein glückliches und zufriedenes Leben, ich habe ein gutes Leben hinter mir. Nehmen wir uns doch einmal einen Augenblick Zeit und fragen uns, wie wir unser Leben einschätzen würden. Trotz aller Probleme und Schwierigkeiten, trotz der sozialen und wirtschaftlichen Not in unseren Landstrichen, trotz der Schicksalsschläge und Zukunftsängste, die womöglich dazugehören. Ist da nicht auch eine Segensspur in unserem Leben zu entdecken, ist nicht oft genug Gott schützende Hand über uns gewesen?

Segen meint nicht unberührt von allem zu bleiben. Segen meint, Gottes Nähe im Leben und im Sterben nie zu verlieren. Ich bedaure, dass in Todesanzeigen am Ende eines langen Lebens oft viel von Mühe und Arbeit, von Leid und ähnlichem die Rede ist, aber selten vom sichtbaren Segen Gottes. Der Segen ist aus unserer Alltagssprache ausgezogen, taucht nur noch in Gestalt von Geldsegen und manchmal einem gesegneten Alter wieder auf. Menschen halten vieles eher für Glück denn für Segen. Aber ein gelingendes und ein behütetes Leben ist mehr als Glück, es ist ein Segen, ein Geschenk Gottes.

Abraham hat das in seinem Leben erfahren und sein Leben und seine Erfahrungen sollten auch für andere zum Segen werden. „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ Ein biblischer Schlüsselsatz, weil er zum einem deutlich macht, in welchem Maßstab und mit welchem Ziel Gott handelt. Es geht hier nicht um ein Einzelschicksal, so wie wir unser Leben ja oft vereinzelt und isoliert betrachten, sondern es geht hier um alle Völker, um alle Menschen. Gott schreibt hier umfassende Heilsgeschichte für seine Welt und nicht fromme Individualgeschichte.

Zum anderen liegt hier die Wurzel dafür, dass später die Botschaft Jesu vom Gottesreich, von Gottes Liebe, dann die Botschaft von Kreuz und Auferstehung Jesu nicht in den Mauern Jerusalems und in den Grenzen Galiläas und Palästinas blieb, sondern auf den Straßen des römishen Reiches die ganze damals bekannte Welt durchwanderte, veränderte und über die Generationen bis zu uns kam. Gott wollte sich schon immer bis in den kleinsten Winkel dieser Welt bekannt machen. Er erwählte sein Volk, um die ganze Welt zu erwählen. Ohne Abraham kein Israel, ohne Israel kein Jesus von Nazareth, ohne Jesus von Nazareth keine Kirche Jesu Christi.

Nun aber sind auch wir Kinder des Gottes Abrahams, der Segen setzt sich durch und fort. Jetzt wird auch uns gesagt: geht und folgt Jesus Christus nach. Ich will euch segnen und ihr sollt ein Segen sein. Es ist an uns Augen und Ohren für die Nähe und den Beistand Gottes zu öffnen, mit anderen die Segensspuren Gottes in dieser Welt und in unsrem Leben zu lesen und den Ruf Gottes in kleinsten Winkel zu tragen ohne die Nöte der Menschen zu verschweigen. Es ist die wunderbare Aufgabe der Welt immer wieder ein neues Gesicht zu geben.

Das Gesicht des Vertrauens und des Aufbruchs, das Gesicht der Liebe und des Verständnisses,

das Gesicht des Gottesreiches, das mit Jesus Christus schon seinen Anfang genommen hat. Dazu ermutige und darin bestärke uns der Segen Gottes, dass auch wir Segen werden.

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