Ein Geschenk Gottes

Enthusiasmus in der christlichen Gemeinde in Korinth: fromme Menschen beten voller Inbrunst zu Gott, versuchen ihre ganze Spiritualität auf den Glauben an diesen Gott zu orientieren, der in seinem lebendigen Sohn den Menschen begegnet ist. Aber auch nur ihre Spiritualität. Den Körper sehen sie an wie ein Abfallprodukt: Er hat mit dem Glauben nichts zu tun, mein Körper, mein Fleisch ist etwas rein diesseitiges. Was ich damit mache ist meine Privatsache, das geht niemanden etwas an und hat nichts mit meiner Seele oder meinem Glauben zu tun. – so etwa werden sie argumentiert haben.

‚Alles ist erlaubt’ war eine ihrer Parolen, die Paulus zitiert. Was den Körper betraf, so predigt diese Gruppe eine große Freizügigkeit. Weil es ja nur um den Geist, um den Glauben ging, war alles Andere nebensächlich. Und so lebten sie fröhlich nach Lust und Laune, vor Allem nach Lust: Da gab es welche, die gingen regelmäßig zu Prostituierten oder missbrauchten Jungen oder soffen und fraßen ohne Ende.

Dagegen argumentiert Paulus: ‚Preiset Gott mit Eurem Leibe’; schreibt er etwa im Sinne unseres Wochenspruchs. ‚Lebt als Kinder des Lichts’!

Leben im Geiste Christi kann nicht funktionieren, wenn wir uns nicht als Einheit von Seele und Körper verstehen. Der Glaube ist für Paulus keine geistige Sache, sondern eine Frage der Einheit. Darum argumentiert er so scharf:

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Erst einmal geht es um die Früchte des Geistes, um die Frage: was bewirkt Taufe bei uns Menschen – woran merken Menschen, dass wir getauft sind und dass diese Taufe etwas bedeutet in unserem Leben. Unser Lebensstil kann Ausdruck der Taufe werden, kann bezeugen: Da ist etwas passiert mit mir, dass mich nachhaltig beeinflusst. Die Aussage ‚ich bin getauft’, kann nicht folgenlos bleiben und hat auch nicht nur geistige oder seelische Folgen, sondern Konsequenzen für mein ganzes Sein.

Es geht um unseren eignen Leib – und trotzdem sind die Gedanken so wie Paulus sie äußert erst einmal fremd, eben 2000 Jahre alt. Wir müssen sie in unseren Alltag herüberholen: Vielleicht sind Prostitution und sexueller Missbrauch nicht wirklich Themen, die Menschen berühren, die sich heute und hier zum Gottesdienst versammeln. Aber die Thematik, dass wir mit unserem eigenen Körper Schindluder treiben, kann uns schon beschäftigen. Egal ob jemand zu viel trinkt oder raucht, sich ungesund ernährt oder nur im Stress lebt. Wir gehen manchmal so rücksichtslos mit unserem Körper um, als würde er uns gar nichts angehen.

Dagegen formuliert Paulus ein positives Ziel: Wer Gemeinschaft mit Christus hat, dem ist der Leib ein ‚Tempel des Heiligen Geistes’. Der Körper als Ort, wo Gott angebetet wird. Die so Angesprochen sind bereits erlöst. Sie sind getauft und bekennen Christus als ihren Herrn. Sie dürfen befreit ihren Körper und ihre Seele betrachten und dankbar beides gebrauchen zum menschlichen Leben.

Ziel ist für Paulus nicht die widerchristliche Leibfeindlichkeit, die es auch innerhalb der Kirche lange gab, sondern Ziel ist, dass ich Ja sage zu meinem eigenen Körper, dass ich meinen Geist, meine Seele und meinen Körper einsetze um Christus zu loben und Glauben zu leben.

Für ihn geht es wesentlich auch um Sexualität und Prostitution. Gerade wir wissen, wie viel Leid die mit diesem Thema eng verbundene Zwangsprostitution über Menschen bringt. Aber inhaltlich geht es ihm um die Verachtung des Körpers der Anderen, den fehlenden Respekt, der zur sexuellen Ausbeutung führt. Im Kern geht es darum sich selbst treu zu bleiben und das Körperliche nicht zu nutzen für die Flucht aus dem Alltag, sondern Körper und Seele zusammen zu halten. Wichtig ist, dass wir mit Allem, was wir haben verantwortlich umgehen und unseren Glauben leben. Dass wir keinen rein innerlichen Glauben zu leben versuchen, sondern dass wir mit Körper und Geist Gott loben und preisen.

‚Wisst Ihr nicht, dass Euer Leib ein Tempel ist’, ein Ort an dem Gott in besonderer Weise geheiligt wird. Mein Körper mit Sexualität und Partnerschaft, mit Genuss und Sucht, mit Leib und Seele ist Teil meines Lebens und meines Glaubens. Auch Essen und Trinken, Ehe und Partnerschaft sind Bereiche, in denen Glaube gelebt wird.

Wenn ChristInnen das Salz der Erde und das Licht der Welt sind (Lesung), dann kann auch ihr leibliches Verhalten der Mission dienen. So wie die ersten ChristInnen mit ihrem Verhalten gegenüber Anderen überzeugend und missionierend wirkten, in dem sie sich um die Schwachen, die Witwen und Waisen, die Sklaven kümmerten, so können wir heute mit unserem Verhalten Etliches zur Verbreitung des christlichen Glaubens beitragen. Dort wo Menschen in ihrem Glauben erkennbar werden, da geschieht christliche Mission, da lebt christlicher Glaube.

Das Motto: ‚Alles ist mir erlaubt’, das Paulus aufgreift hat seine Berechtigung. Ich lebe in christlicher Freiheit, befreit vom Geist Gottes zu einem neuen Leben. Aber diese Freiheit ist nicht losgelöst von meinem Glauben.

Ich bin befreit – wozu? Zum Guten! Das ist die einfache Aussage des Paulus.

Ziel ist ein ganzheitliches verbindliches Leben der Christenmenschen. Nichts am Glauben ist Privatsache. Es geht um die alltägliche Wirklichkeit der Bekenntnissynode von Barmen: Kein Bereich unseres Lebens ist frei von Gott, oder wie es im Original vom Mai 1934 heißt: Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürften.

Was Paulus schreibt, passt in unsere Situation mitten in den Sommerferien: Ferien sind Zeiten, in denen ich mit der Seele baumeln darf, mir Gutes gönnen, mich des Lebens freuen. Ich darf genießen – und trotzdem ist nicht alles erlaubt. Da gibt es die Grenze der Rücksicht auf die Nächsten. Wer sich an die mitternächtlichen Lärmtiraden mancher Fußball-Fans erinnert, mag daran denken, dass da auch im Überschwang der Gefühle Grenzen überschritten wurden. Jeder mag sich an eigene Situationen erinnern, wo das passiert ist, dass er rücksichtslos gewesen ist.

Da gibt es aber auch die Rücksicht auf den eigenen Körper. Wer manche Schnapsleiche am Strand sieht, ahnt, dass sich da ein Mensch überfordert hat, seinen Körper nicht gepflegt oder erholt hat. Die Vergebung Gottes bleibt an diesen Stellen ebenso wie die Ermahnung des Paulus nicht alles zuzulassen, was mir möglich ist. Ich kann täglich neu lernen, mein Leben, mein Tun und Lassen zu ordnen.

Ich kann meine Prioritäten neu ordnen, kann lernen zu fragen, was wichtig ist für Körper und Seele.

Es gibt eine rabbinische Legende, in der die Schüler ihren Meister fragen, wohin er denn gerade gehe: ‚Den Herrn loben’ – ist die Antwort. Etwas irritiert wird nachgefragt, was er denn genau tue: ‚Ich geh ins Badehaus, meinen Körper zu pflegen, der ja ein Geschenk Gottes ist.’

Daraus kann ich lernen: Dankbar sein für meinen Körper, ihn pflegen, weil er Gabe Gottes für mich ist, ein Geschenk, das ich genießen darf und Gott loben mit meinem Körper. So wie ein Sportler nur Leistung bringen kann, wenn er seinen Körper ernst nimmt, auf seine Signale achtet, sich massieren lässt und ihn vor dem Sport warm macht, so kann ich auch lernen meinen Körper gut zu behandeln, damit in ihm ein guter Geist leben kann.

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