Von der Macht der Worte

"Satan wütet unter uns wie ein brüllender Löwe! … Oskari Huuskonen predigte scharfzüngig – anders als die meistigen heutigen Geistlichen schonte er seine Gemeinde nicht. Harte Zeiten verlangten nach einem strengen Pastor, und das war Huuskonen.“

So beginnt der skurille und dennoch humorvolle finnische Roman „Ein Bär im Beichtstuhl“. Eine empfehlenswerte Urlaubslektüre für alle, die sich auf schräge Geschichten einlassen können. Strenge Zeiten verlangen nach einem strengen Pastor. Und ich muss zugeben – diese strenge, ermahnende, das Gewissen wachrüttelnde Rede liegt mir nicht. Ich habe immer die Furcht, dass viele gutgemeinte oder strenge Ratschläge in das eine Ohr hinein und sofort zum anderen Ohr wieder hinausgehen. Es ist wie bei Kindern, eine lange strenge Gardinenpredigt muss noch lange nicht wirken.

Deshalb will ich heute morgen erst einmal nicht ermahnen, obwohl der Predigttext, das Evangelium und auch noch die Epistel, die wir gar nicht gehört haben, das nahe legen würden. Ich möchte viel lieber mit einer Geschichte beginnen, die so weise und so lebensnah ist, wie man es sich nur wünschen kann.

Den Schluss dieser Geschichte haben wir schon gehört. Die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern gehört zu den großen Stücken der Weltliteratur – und das nicht erst seit Thomas Mann, sondern schon seit biblischer Zeit. Es ist die wechselvolle Geschichte zwölf Brüder, eine Geschichte wechselvoller Beziehungen, eine Geschichte von Liebe und Eifersucht, von Hochmut und Rachegelüste, eine Geschichte menschlicher Regungen, von denen auch wir nicht frei sind. Joseph, Sohn der Rahel, der Lieblingsfrau Jakobs, war dem Herzen seines Vaters besonders nahe. Vielleicht sah er, Jakob, in ihm in besonderer Weise seine verstorbene Frau. Bei den Brüdern löste jedoch die permanente Bevorzugung Josephs nur Eifersucht aus, die sich am Ende in einem vorgetäuschten Unglück und dem Verkauf in die Sklaverei entlädt. Der Vater muss nun mit der Mitteilung und dem Glauben leben, dass der Sohn einem Raubtier zum Opfer gefallen ist, obwohl er „nur“ in die Fremde nch Ägypten verschleppt wird. Dort spielt sein Leben zwischen Intrige und Karriere, im Haus des Potifar und seiner verführerischen Frau, im Gefängnis und schließlich am königlichen Hof. Joseph wird es vorbehalten sein nicht nur das ägyptische Volk, sondern auch seine eigene Sippe vor dem Hungerstod zu bewahren. Als er sich seinen Brüdern wiederzuerkennen gegeben hat und der Vater zum Sterben kam, fürcheten die Brüder die ungezügelte Rache des Bruders. Der aber hat längst begriffen, dass Gott der eigentlich Handelnde ist und alles, was Menschen an Bösem ersonnen haben, einem Guten dienen soll.

Wir können uns alle hineinlesen in diese alte biblische Geschichte. Unsere Eltern-Kind Geschichten kommen hier vor. Das eine Kind fühlt sich hintenangestellt, sieht das andere bevorzugt. Der eine Elternteil fühlt sich mit einem Kind besonders verbunden. Eifersucht prägt das Miteinander der Kinder, Streit gehört zur Tagesordnung, dem einen wird fast jeder Wunsch erfüllt, der andere muss um die kleinsten Zugeständnisse ringen. Vernachlässigung wird mit Vergeltung bestraft. Geschwister verlieren sich über Jahrzehnte aus dem Blick und erkennen sich am Ende nicht wieder. Und wenn dann das Bindeglied in der Familie stirbt – der Vater, die Mutter, die Großmutter, oder wer sonst diese Rolle innehatte – dann brechen die Bindungen ganz ab.

Und genauso kann es im Berufsleben, im Kollegenkreis, ja selbst im Freundeskreis aussehen. Und ich bin mir sicher, diese menschlichen Verhaltensmuster machen auch vor uns nicht Halt. Auch in der Gemeinde gibt es Eifersüchteleien, Rangstreitigkeiten, Gerangel und vielleicht Vergeltung, die der Rache nahe kommen. Wer das eingesteht ist kein Netzbeschmutzer, sondern einer, der zugesteht, dass Christen Menschen mit ihren Schwächen und Fehlern bleiben.

Wir leben in einer Umwelt, die genau das sehr bewusst wahrnimmt und sich denkt: gerade das dürfte doch aber nicht sein. Die Ermahungen der heutigen Lesungen legen diese Latte sehr hoch: vergeltet nicht Böses mit Bösem, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt. Josef hat das auf seine Art und Weise letztlich gelebt, wenn auch nicht vollkommen, eben menschlich. Denn auch er hat ja seine Brüder in Angst und Schrecken versetzt, als einer des Diebstahls bezichtigt wird, aber er hat sich zum Werkzeug der Familienrettung machen lassen.

Neben der Macht der Beziehungen, die wir alle kennen, gibt es auch eine Macht der Worte. Manchmal unterschätzen wir sie und ahnen gar nicht, was ein gedankenlos ausgesprochenes Wort an Verletzumg und Schaden ausrichten kann. Die Josefsgeschgeschichte ist mehr eine der Beziehungen, der erste Petrusbrief ein Dokument der machtvollen Worte. Worte können überzeugen oder überreden – wider besseren Wissens. Worte können trösten oder verletzen. Worte können Menschen das Rückgrat brechen, das letzte Selbstvertrauen rauben oder die Persönlichkeit stärken. Lobende Worte können die Brust anschwellen lassen vor Stolz, kritische Worte können Tränen auslösen. Worte können helfen oder mutlos machen. Es gibt also wohl nichts schlimmeres, nichts verhehrenderes als gedankenlos und planlos dahingesagte Worte.

Wir als Kirche leben ja gerade aus der Macht des Wortes, in dem sich Gott Menschen zuwenden will. Gottes Wort will trösten, heilen, Weg weisen und Glauben wecken und kommt doch immer in Menschenworte gekleidet daher. Deshalb kommt es auf jedes Wort an, auch jedes unserer Worte. Die negativen Folgen menschlicher Worte haben wir alle schon einmal erlebt, da bin ich mir sicher, der positiven Wirkung dürfen wir ruhig noch mehr zutrauen. So jedenfalls möchte ich die Mahung des ersten Petrusbriefes verstehen: nicht Scheltwort mit Scheltwort vergelten, sondern segnen.

Nun gibt es im Augenblick eine Inflation der Segensworte, sei es dass sie aus Irland stammen sollen und schier unerschöpfliche religiöse Lyrik sind, oder dass sie aus Engelbüchern stammen und uns sanft umhüllen, manchmal auch sanft und zugleich aufdringlich umlullen. Aber unabhängig davon wäre es doch ein guter Weg, dass wir uns auch im Alltag häufiger Segen zusprechen. Den Wunsch behütet zu bleiben müssen wir nicht den Flieges der Talkshows überlassen, sondern dürfen ihn zu einem alltäglichen Ritual machen. Unsere alten Grüße bewahren oft eine Erinnerung daran auf. Unser Gruß „Ade“ oder der Ruf „Tschüss“ haben ihre Wurzeln im Lateinischen und meinen „zu Gott“. In alten Zeiten haben Mütter ihre Kinder mit dem Kreuz gezeichnet, signiert, gesegnet, ehe sie aus dem Haus gingen oder bevor sie einschliefen. Wir wünschen uns zu Geburtstagen, Festen, Jubiläen so vieles, warum nicht auch Segen, denn er ist bestimmt nicht weniger als die Gesundheit, von der manche sagen, dass sie das wichtigste sei, aber ist sie wirklich wichtiger als der Wunsch nicht aus Gottes Hand zu fallen, mit ihm der Quelle des Lebens verbunden zu bleiben?

Ich glaube wir können mit unseren Worten viel anstellen und viel bewirken. Der Segen ist eine Kraft, die dem Leben dient. Der Segen ist Gottes Lebenswunsch und Lebensmacht, die sich der Welt schenkt. Wenn wir segnen, dann stellen wir Menschen unter die Güte und Zugewandheit Gottes, dann holen wir Gott in unseren Alltag. Wir dürfen dem Segen etwas zutrauen. Aber vor allem machen wir deutlich, wessen Geistes Kinder wir sind. Mit jedem Segenswunsch bekennen wir, wem wir uns anvertrauen, wem wir Hilfe und Macht zutrauen, unter wessen Schutz und Beistand wir stehen wollen: Unter der Güte Gottes die wir in Jesus erfahren.

Wir machen ernst mit der letzen großen Ermahnung des Pedigttextes: Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist. Wir machen ernst damit, ob wir es ernst meinen, wenn wir uns Christen nennen. Wenn am Anfang Oskar Huuskonen meint, harte Zeiten verlangen nach einem harten Pastor, dann hat er ja vielleicht nicht einmal unrecht. Aber harte, weil gottvergessene oder im Laufe der Jahre gottverlorene Zeiten, verlangen vor allem nach Menschen, die in der Lage sind, verantwortungsvoll von diesem Gott und von ihrer Hoffnung Rechenschaft abzulegen. Harte Zeiten verlangen vor allem nach Menschen, die ihrem Wort noch etwas zutrauen und dieses Wort dann auch sagen. Nicht umsonst stand der letzte evangelische Kirchentag genau aus diesem Grund unter dem Motto: wenn dein Kind dich fragt … Was werden wir antworten? Was können wir sagen?

Ein Wort des Segens ist immer möglich. Und über unsere Hoffnung, die eine Hoffnung auf Leben und Tod ist, müssen wir eben mehr reden. Und das dürfen wir nicht nur den Pastoren, den Katecheten und Kirchenmusikern überlassen, die in ihren Berufen mit ihren Gaben es sich zum Beruf gemacht haben, Rechenshaft abzulegen. Wir untereinander sollten sonntags und alltags viel häufiger über unseren Glauben und unsere Hoffnung Zeugnis geben um der Menschen willen, die auf der Suche sind, die sich Halt wünschen und sich nach Gott sehnen. Trauen wir unseren Worten etwas zu. Gott kann und will durch sie Menschen treffen, ihnen begegnen, sich ihnen zeigen. Worte, in denen das geschieht können diese Welt und Leben verändern.

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