Keine Experimente

Dass Menschen ihre Heimat verlassen müssen, erleben wir oft auf unserem Kontinent. Ich erinnere noch meine Kindheit als die Zahl der Gastarbeiter immer größer wurde. Sie wurden jubelnd empfangen, weil sie die Wirtschaftskraft in Deutschland immer mehr stärkten. Sie rackerten sich ab, um etwas in die Heimat überweisen zu können. Bahnhöfe waren oft ihr Treffpunkt, weil dort ihre Sehnsucht nach der Heimfahrt einen Ort fand.

Eigentlich waren sie das, was man heute Wirtschaftsflüchtlinge nennt. Menschen die ihre Heimat verließen, weil sie dort kein Auskommen mehr fanden. Italienische Namen, spanische, jugoslawische wurden heimisch bei uns. Später kamen Namen wie Podolski, Klose, Asamoah und Odonkor dazu. Aus unterschiedlichen Gründen kamen Fremde zu uns. Menschen die ihre Heimat verließen aus wirtschaftlichen Nöten, oder wegen des Terrors in ihrer Heimat. Es tut weh mit ansehen zu müssen, dass es nicht mehr so ist, dass die Welt der Flüchtlinge nicht mehr so einfach zu Gast bei Freunden ist.

Ich persönlich kenne Auszüge aus der Heimat ja eher als Urlaubsfahrten oder als gesicherte Wechsel innerhalb Deutschlands, habe sie also in durchaus angenehmer Erinnerung. Wie wäre das, wenn ich plötzlich fort müsste in ein unbekanntes Land, abgeschnitten von meinen Wurzeln, meine Freunden und Verwandten?

Dass es das immer schon gab, dass Menschen ihre Heimat verlassen müssen, belegen nicht nur die Völkerwanderungen. Schon die Bibel erzählt davon, wie Menschen das, was ihnen Heimat ist, verlassen müssen. Sie begründet das mit einem Befehl Gottes in schwieriger Situation:

[TEXT]

Der ganze Text ist kein Befehl, sondern die Geschichte einer Verheißung, die Menschen auf den Weg bringt, wie später eine andere Verheißung die Hirten auf einen Weg bringt. Und auch Jesu Wort an die Jünger zur Nachfolge ist eine Einladung, keine Anweisung. Und neben den Menschen, die Ja gesagt haben, gab es wohl auch Menschen, die sich verweigert haben. Was aus ihnen geworden ist, wissen wir nicht.

Abraham hat Ja gesagt und bleibt uns trotzdem fremd, denn das Aufbrechen, das Neues wagen, ist nicht tief verwurzelt in der christlichen Tradition. Lieber halten wir fest an dem Bewährten, bleiben bei dem, was wir gelernt haben, glauben die Technik dürfte sich weiter entwickeln, aber nicht Mutter Kirche. Ängstlich behüten wir unsere Traditionen, unsere Formen. Keine Experimente!

Die Geschichte vom Turmbau beendet in der Bibel die Urgeschichte, bevor die Geschichte von Abraham beginnt. Sie ist eine Geschichte vom Sesshaftwerden der Menschen. Die Geschichte von Abraham ist eine Aufbruchsgeschichte. Da wo Menschen zu sesshaft werden, geraten sie in Gefahr unbeweglich zu werden. Der Segen Gottes aber ist eine Bewegung schaffende Macht. Der Segen der ihm verheißen wird, setzt Abraham in Bewegung.

Abraham zieht nicht in blindem Gehorsam los, sondern im Vertrauen auf den Segen, der ihm zugesprochen wurde. Dieses Vertrauen auf den Segen, in dem sich Gott den Menschen mitteilt, macht ihn zu einem Großen, zu einem Vorbild.

Die Geschichte von Abraham ist der Beginn von Gottes Geschichte mit seinem Volk. Da ist dieser Abraham und seine Frau Sara. Sie sind kinderlos. Das bedeutet im damaligen Zusammenhang, eigentlich ganz arme Leute ohne Gegenwart und ohne Zukunft, von Gott schmählich im Stich gelassen. Ohne Kinder – ungesegnet – ohne jemandem, der im Alter für einen sorgt, das galt als wahrhaft gottverlassenes Schicksal. Das empfinden übrigens heute noch manchmal Paare so, die sich ein Kind wünschen, aber es klappt nicht.

Dieses gottverlassene Paar erhält plötzlich einen Auftrag von Gott: Geht in das Land, das ich dir zeigen will. Und das Wunder geschieht. Sie vertrauen diesem Gott, von dem die Menschen sagen, er habe sie im Stich gelassen. Sie hören auf ihn und verlassen die letzte Soziale Sicherheit, die ihnen geblieben ist, die Sippe. Einige nehmen sie mit, aber das ist ein schwaches Netz. Das wichtigste, was sie mitnehmen ist ihr Glaube, ihr Vertrauen, dass dieser Gott, der sie auf einen Weg gesandt hat, ihnen auch beistehen wird, wenn dieser Weg Hindernisse bereit hält.

Eine uralte Geschichte aus der Bibel, mir vertraut seit Kindergottesdiensttagen, und immer eng verbunden mit der Frage: Würdest du Dir das zutrauen, loszugehen auf ein Wort Gottes. Antwort. Ein spontanes fröhliches Ja jedenfalls ist es nicht.

Wäre ich bereit Vieles aufzugeben für ein Land, das mir der Herr zeigen wird? Oder würde ich angstvoll kleben an dem, was mir heute und jetzt wichtig und lieb ist?

Abraham trennt sich von der vertrauten Sippe, dem vertrauten Terrain, von vertrauten Sicherheiten und Hoffnungen. Er spürt den Segen, der mit ihm geht.

Auch Jesus hat sein Haus, sein Land, seine Familie verlassen, um die Botschaft Gottes zu suchen. Und er hat Andere in seine Nachfolge berufen.

Wie Jesus Fischer von ihren Fanggründen wegführt, wird Abraham weggeführt. Nicht wie bei den Stadtmusikanten aus Bremen ‚Etwas Besseres als den Tod finden wir überall’, sondern mit einer Verheißung. Diese Verheißung ist allerdings wie die Geschichte von Abraham und seinen Nachkommen zeigt, dauernd erneuerungsbedürftig. Darum muss am Ende jeden Gottesdienstes ein Segen stehen, darum sollen sich Menschen immer wieder gegenseitig den Segen zusprechen, wo immer sie sich begegnen – Pfüat di = Gott behüte Dich. Uns ist der Segen zugesprochen und wir dürfen ihn uns weiter sagen. Wir dürfen aus diesem Segen heraus leben und neue Aufbrüche wagen in Länder, die der Herr uns zeigen wird.

Der Weg von Abraham hat nicht einfach ein happy-end. Wir erinnern die vielen Irrwege Abrahams und des Volkes Israels. Der Segen ist kein Allheilmittel, verhindert kein Leid. Wir können denken an manche Verirrungen, an Sodom und Gomorrha, die Unfruchtbarkeit Saras und den Betrug Jakobs, an dessen Söhne (Joseph), die Gefangenschaft in Ägypten, die Befreiung …… Aber Segen liegt drin, dass er geht, dass er den willen Gottes hört und mit ihm sein Leben lebt. Darin, dass er weiß: Ich bin nicht allein, ich werde begleitet von Gott und von Menschen.

Ich brauche Menschen, die mir Mut machen, mich begleiten, mit mir gehen, sich mit mir in Bewegung setzen lassen von dem Segen des Herrn.

‚Einen alten Baum verpflanzt man nicht’ – der Widersinn dieses Spruches wird deutlich, wenn man den 75-jährigen Abraham betrachtet, der mit seiner alten Frau, kinderlos losgeht, weil Gott ihm seinen Segen gibt.

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