Gott sieht alles. Aber er petzt nicht.

Liebe Gemeinde,

als ich klein war, ungefähr sooo [mit Händen anzeigen], durfte ich manchmal für meine Mutter einkaufen gehen. Das fand ich dann meistens auch ganz toll, außer, wenn es zum Bäcker ging. Denn da gibt es ja diese hohen Theken, also die Vitrinen, wo der Kuchen und die Teilchen und so drin sind, und, klein wie ich war, hat mich die Verkäuferin manchmal nicht gesehen, und wenn dann nicht irgendein netter Mensch sagte: „Frollein, sie haben den jungen Mann hier übersehen“, dann hieß es auf einmal: „Der Nächste, bitte!“, und ich konnte sehen, wo ich blieb.

Übersehen werden, das ist eine Erfahrung, die wir alle schon gemacht haben. Ob eben als Kleinster unter lauter Großen, ob beim Mannschaften-Einteilen im Schulsport, bei der Damenwahl beim Tanztee oder bei der längst fälligen Beförderung, irgendwann ist jeder schon mal zu kurz gekommen, nicht wahr genommen oder sogar ignoriert worden, und meistens ist das keine schöne Erfahrung. Nein, übersehen werden, das will niemand.

Oder doch? Vielleicht gibt es doch manchmal Situationen, in denen man übersehen werden möchte: In zahlreichen Zeitungsinterviews beklagen sich Prominente allen Schlags, dass sie „endlich einmal ganz normal einkaufen gehen möchten, irgendwo, wo sie niemand kennt.“ Bei Gerichtsverhandlungen mit großem Medienaufgebot sieht man oft, wie die Angeklagten sich mit Jacken, Sonnenbrillen und ähnlichem vor den (neu-)gierigen Augen der Allgemeinheit zu schützen versuchen.

Manchmal möchte man also doch übersehen werden, vor allem, wenn man weiß, dass man nicht unbedingt mit der Sympathie der Umwelt rechnen kann.

Ähnlich wird es auch dem Menschen gehen, dem Jesus im heutigen Predigttext begegnet, der berühmten Geschichte von Zachäus, dem Zöllner. Ich lese aus dem 19. Kapitel des Lukasevangeliums die Verse eins bis zehn:

[TEXT]

Zachäus ist Zöllner, liebe Gemeinde, und, das werden die meisten von Ihnen wissen, die Zöllner im damaligen Palästina sind nicht zu vergleichen mit den blauen Zollbeamten, die uns an dieser und jener Seite der Öresundsbrücke freundlich durchwinken. Die Zöllner in der damaligen Zeit arrangierten sich mit der verhassten römischen Besatzungsmacht, um zu ihrem persönlichen Profit ihre eigenen Landsleute zu schröpfen. Wir dürfen davon ausgehen, dass Zachäus, laut unserem Bibeltext ein „Oberer der Zöllner“, also ein nicht zu kleines Rädchen im Getriebe eines korrupten Systems von Ausbeutung und Unterdrückung, zu den meist gehasstesten Personen in Galiläa gehörte- wir können allerdings auch davon ausgehen, dass Zachäus, im Gegensatz zu anderen Außenseitern, wie zum Beispiel der berühmt-berüchtigten Sünderin, nicht auf Grund einer bigotten gesellschaftlichen Doppelmoral ins soziale Abseits geraten ist, sondern, auch das lässt der Bibeltext durchblicken, schon ordentlich Dreck am Stecken hatte.

Eines Tages kommt nun Jesus von Nazareth nach Jericho; die Leute da werden schon von ihm gehört haben, aus Kafernaum oder Jerusalem; jener Jesus, von dem man sagt, er sei der Messias, der Gesalbte Gottes, und über man sich allerlei erzählt, er habe Dämonen ausgetrieben, Aussätzige und Lahme geheilt und sogar Tote auferweckt! Kein Wunder also, dass viele sich aufmachen, um sich diesen berüchtigten Wanderprediger ein bisschen näher anzusehen. Auch Zachäus macht sich auf, sieht aber nichts; die anderen verstellen ihm die Sicht auf Jesus. Und vielleicht ist es Zachäus auch gar nicht so unrecht, dass er einmal in der Menge untergeht. Jedenfalls sucht er sich einen Platz auf einem Maulbeerbaum, um sich das Ganze, vor neugierigen oder vielleicht feindlichen Blicken verborgen, in Ruhe anzusehen, als Zaungast sozusagen. Und dieses „einfach nur mal zugucken“-Wollen, statt direkt mittendrin dabei zu sein, dass kennen Sie und ich, wir alle, doch auch: In der Kirche zum Beispiel bleiben die Gottesdienstbesucher gerne in den hinteren Reihen – so wie Sie hier! Klar, Sie kennen mich jetzt nicht, wer weiß, vielleicht hüpfe ich ja auf einmal von der Kanzel und stelle sonst was an, und ähnlich geht es Zachäus! Wir bleiben gerne im Hintergrund, wenn wir nicht genau wissen, was uns erwartet.

Zachäus versteckt sich also in der laubreichen Krone des Maulbeerbaums, und betrachtet das Ganze in vermeintlicher Sicherheit „von oben herab“. Doch als Jesus unter dem Baum entlanggeht, passiert es: Er blickt nach oben, sieht den Zöllner, kennt wundersamer Weise seinen Namen, und sagt: „Zachäus, komm schnell runter!“. Er lädt sich sogar ganz unbefangen bei ihm zum Essen ein, keine große Sache für Jesus, eine überraschende und umso größere Ehre für Zachäus- und ein Skandal für die versammelte Bürgerlichkeit, die dieses unerhörte Durchkreuzen althergebrachter Gesellschaftsstrukturen mit Empörung zur Kenntnis nimmt- „Bei einem Sünder ist er eingekehrt!“ Aber die murrende Volksmenge soll uns nicht den Blick versperren auf das, was da passiert am Maulbeerbaum:

Jesus übersieht Zachäus nicht, er geht nicht einfach an ihm vorbei. Und das, liebe Gemeinde, ist eins der Dinge, die wir von dieser Geschichte lernen können. Jesus sieht uns. Gott sieht uns. Das ist selten so blumig-schön beschrieben worden wie in dem Psalm (139), den wir gerade zusammen gebetet haben: „Herr, du erforschest mich und kennest mich/ du siehst alle meine Wege/ Nähme ich Flügel der Morgenröte, und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich leiten.“ Gott sieht uns. Selbst, wenn uns das vielleicht selber gar nicht so recht ist, wenn wir lieber unentdeckt bleiben wollen, wie Zachäus. Denn im Leben eines jeden Einzelnen von uns gibt es Dinge, die wir lieber unentdeckt lassen wollen – Teile unserer Biografie, die wir nicht erzählen, persönliche Macken, die wir vor anderen gerne überspielen, Taten, auf die wir alles andere als stolz sind. Da kann die Vorstellung von einem Gott uns schon erschrecken, der nicht wie die Menschen das Äußere, das Augenscheinliche sieht, sondern direkt in unsere Herzen blickt.

Die schwarze Pädagogik vergangener Zeiten hat sich das zunutze gemacht mit der Mahnung: „Der liebe Gott sieht alles!“ Vielleicht, oder bestimmt, sind auch von Ihnen einige mit dieser Drohung groß geworden. Ich weiß nicht, ob Sie den Witz von dem alten Pfarrer und seinem Apfelbaum kennen? Ein alter Dorfpfarrer hat einen riesigen Apfelbaum in seinem Garten stehen, und immer und immer wieder klauen ihm die Dorfkinder seine Äpfel. Gutes Zureden, Schimpfen, Gespräche mit den Eltern, nichts hilft, doch der Pfarrer hat eine Idee: Er stellt ein großes Schild vor seinem Apfelbaum auf, auf dem in großen schwarzen Lettern geschrieben steht: „Der liebe Gott sieht alles!“. Am nächsten Morgen sind alle Äpfel weg, der Baum ist ratzekahl leer, auf dem Schild steht „Der liebe Gott sieht alles!“ und darunter, in krakeliger Kinderschrift: „Aber er petzt nicht!“

Gott sieht alles, aber er petzt nicht. Gott sieht uns, und, ja, auch unsere Fehler, unsere Schwächen, unsere Leichen im Keller – aber er legt uns nicht auf sie fest. Jesus sieht Zachäus, nicht den korrupten Zöllner. Deswegen haben wir in jedem Gottesdienst die Möglichkeit, mit allem, was wir in unserem Leben verkorksen, vor Gott zu treten und um die Vergebung unserer Sünden zu bitten. Deswegen können auch wir, ohne uns zu schämen, von unseren Bäumen herunterklettern, wenn wir Gott hören, der uns, leise zwar, aber über die Köpfe der schreienden Menge hinweg, durch die Mauern hindurch, die wir selbst oder andere um uns ziehen, ins Ohr flüstert: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“ (Jes 43,1)

Amen. Könnte ich jetzt sagen. Tu’ ich aber nicht. Noch nicht.

Denn so schön und beruhigend dieser Trost ist, so läuft er doch, wie das ganze Evangelium, Gefahr, zu einer frommen Vertröstung zu verkommen, wenn er nicht auch in der oft so harten Realität erfahrbar wird. Denn, so lautet der Auftrag Jesu im Matthäusevangelium (10,27) an uns alle: „Was euch gesagt wird ins Ohr, das predigt von den Dächern!“ Im Brief des Jakobus (1,22) steht es noch deutlicher: „Seid aber Täter des Wortes, nicht nur Hörer allein, sonst betrügt ihr euch selbst.“ Mit diesem Trost geht also ein Auftrag einher. Dem können wir uns nicht entziehen; Zachäus hat es versucht und gemerkt, dass man in der Begegnung mit Jesus und seinem Wort nicht unbeteiligt dabei stehen kann.

Wir sind, als Christenheit und Kirche, der Leib, der Körper Christi. Das heißt, wie jemand es einmal ausgedrückt hat: Gott hat keine Hände – außer unsere. Wie wollen wir also den Menschen glaubhaft machen, dass sie wirklich darauf vertrauen können, dass Gott sie sieht, dass sie bei Ihm nicht verloren gehen, wenn wir uns nicht aktiv dafür einsetzen, dass niemand übersehen wird? Das wäre dann ungefähr so, als wenn wir, um das Beispiel von vorhin noch einmal aufzugreifen, als wenn wir uns in der Bäckerei an dem kleinen Kind vorbeidrängeln würde und ihm dabei den Kopf tätscheln und sagen: „Aber Jesus sieht dich ja!“ Deswegen kann es uns als Kirche nicht kalt lassen, wenn Schweden als eins der reichsten Länder der Welt in gnadenloser Gesetzestreue apathische Flüchtlingskinder abschieben will, und in Deutschland, das bei allen ausgiebig bejammerten Konjunkturschwankungen in ähnlichem Wohlstand schwelgt, dieses traurige Phänomen gar nicht benannt wird. Wenn im Zuge eines gesamtgesellschaftlichen Jugendwahns die Bedürfnisse und Wünsche älterer Generationen einfach übergangen werden. Oder wenn in Fernsehsendungen wie BigBrother Menschen nach allen Hüllen auch noch das letzte bisschen Würde fallen lassen, um beachtet und wahrgenommen zu werden.

Und deswegen müssen wir auch als Einzelne uns fragen: Wo übersehe ich andere Menschen? Wo stelle ich mich vor andere und verstelle ihnen so den Blick auf Jesus? Und wo sehe ich nur den Zöllner, nicht aber Zachäus?

Denn es ist unsere Berufung, als Christenheit und Kirche, Menschen den Blick auf Jesus zu ermöglichen, den Messias Gottes, durch dessen Tod und Auferstehung wir zu Erben Abrahams werden; den Menschensohn, der gekommen ist, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

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