Ich steck dir die Tasche in Brand, in die du mich steckst!

Liebe Gemeinde!

Zwei Wochen nach Pfingsten, zwei Wochen nach dem Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes, nach Höhenflügen und Begeisterung: eine Standpauke, eine Mahnung: Bleib auf dem Boden, Menschlein! Aus ist´s mit „Jesus liebt dich, so wie du bist, egal, was du tust.“ Vielmehr heißt es: Kehrt um von euerem bösen Tun! Aus ist´s mit Kuschelkirche und religiösen Nugatherzchen. Hier wird die Kirche fertig gemacht, fertig gemacht zum Leben in der Welt, fertig gemacht für den Alltag des Glaubens. Sie bekommt gesagt, wer sie ist:

Halte dich dicht am Wort Gottes! Rufe zur Umkehr, statt einzulullen! Ich behalte dich im Auge, Kirche! An Pfingsten habt ihr gehört: Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende. Ich umschließe alles! Wie kannst du meinen, du könntest in meinem Namen reden, was dir gerade in den Kram passt und sich gut anhört von Kanzeln herab, die Taube des Heiligen Geistes über dir, als würde aus deinem Mund mein Wort fließen.

Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, und nicht auch ein Gott, der fern ist? Meine Autorität wirst du nicht ungestraft in deine Westentasche stecken und bei Bedarf herausholen! Glaubst du, ich passe in deine Westentasche? Ich mach dir dein Feuer-Pfingsten, liebe Kirche. Ich lass dir die Tasche, in die du mich stecken willst in Feuer aufgehen! Ist mein Wort nicht wie Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?

Wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Halte dich dicht an meinem Wort! Dann und nur dann gilt: Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich.

Liebe Gemeinde!

Angesichts dieser Standpauke Gottes gehen unsere liebgewonnenen Gottesbilder in Flammen auf, das süßlich Liebe verdampft und Gott zertrümmert unser religiöses Wohnzimmer, die gemütliche Heimstatt unseres Glaubens an einen lieben, nahen Gott, der recht kuschelig ist, immer greifbar im passenden Moment, ganz nach unseren Wünschen und Vorstellungen, aber kaum mehr Gott. Bin ich der Gott deines Wohnzimmers oder nicht viel mehr – berührbar, aber unbegreiflich?

Ich meine, da taucht plötzlich Gott auf, wie er leibt und lebt, fegt durch die gute Stube unseres Glaubens wie Jesus durch den Tempel, schlägt alles kurz und klein, wo wir uns so wohnlich eingerichtet hatten mit netten Gottesbildern an der Wand und steckt zu guter letzt noch alles in Brand. Wir stehen vor rauchenden Trümmern, die Träume zerstört und fragen uns: Wer ist dieser Gott?

Marschiert er einfach rein und macht alles kaputt! Es war doch immer so schön gewesen, wenn ich abends betete, den Teddy im Arm und Gott sich an mein Bett setzte und zuhörte. Da liegt er nun, der Teddy: Ein Klumpen verschmortes Polyester. Wer ist dieser Gott, der meinen Glauben wegfegt, als wäre er nichts, der mich dastehen lässt vor den Trümmern meines Lebens? Wer ist dieser Gott?

Ich habe lange Zeit gedacht, dass Glauben viel mit Gefühlen zusammenhängt. Ich habe immer gedacht: Solange ich Gott und das Leben liebe, glaube ich an Gott. Und wenn ich irgendwie das Leben aus meinem Herzen verlieren würde, dann würde ich auch Gott verlieren. Heute vor den Trümmern meines religiösen Wohnzimmers frage ich mich: Stimmt das denn? Kann Gott und der Sinn des Lebens wirklich einfach von meinen Gefühlen abhängen? Oder habe ich meine Gefühle mit Gott verwechselt.

Dieser Gott, der eben meinen Glauben niedergebrannt hat, scheint jedenfalls nicht von mir, meinen Gefühlen und meinem Glauben abhängig zu sein. Schließlich hat er ja gerade mein religiöses Wohnzimmer samt Herrgottswinkel verwüstet, ist herumgetrampelt auf meinen Gefühlen. Wer ist also dieser Gott, der von sich behauptet vielmehr ein uns ferner als naher Gott zu sein?

Das Zentrum des Universums, so dämmert mir, scheine wohl nicht ich zu sein. Und, ihr mögt lachen, hier (zeigt auf Gehirn) weiß das wohl jeder; aber hier? (zeigt auf Herz).

Ich stehe vor den Trümmern meines Glaubens und es sieht ganz danach aus, als würde Gott weder hier noch dorthin passen. Als würde er weder in meine Vorstellung, noch in meine Westentasche, noch in meinen Glauben, noch in mein Leben passen. Vielmehr scheint mein Leben locker in seine Tasche zu passen und Welt und Geschichte gleich mit dazu.

Und ich finde, es hat etwas Tröstliches festzustellen, dass Gott nicht von mir abhängt, sondern ich von ihm. Dass er das Zentrum ist – und nicht ich. Ihr mögt mich für verrückt halten, aber vor den Trümmern meines Lebens finde ich es tröstlich, dass mein Leben vielleicht nichts besagt, und dass Gott noch allemal uns und die Welt und was es sonst noch geben mag, in die Tasche steckt.

Eigentlich ein schöner Gedanke, oder? Gott steckt mich in seine Tasche. Und die scheint allemal geräumiger zu sein, als mein bisheriges Wohnzimmerchen, in dem ich meinen Glauben gepflegt habe. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich Gott in meinem Herzen tragen möchte. Es würde mich wohl zerreißen wie es mein Wohnzimmer zerrissen hat. Soll er mich im Herzen tragen. Er kann´s wohl besser.

Es geht wohl nicht darum, Gott zu erkennen, das Leben zu begreifen oder möglichst stark zu glauben, sich gar selbst die Vollmacht Gottes anzumaßen. Wichtig scheint mir nicht zu sein, dass wir Gott kennen, sondern dass er uns kennt:

Ich behalte dich im Auge, spricht der Herr. Meinst du, ich würde mich so ereifern, wenn du mir egal wärst.

23,24 Meinst du, daß sich jemand so heimlich verbergen könne, daß ich ihn nicht sehe? Spricht der HERR. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt? spricht der HERR.

Dass wir der Versuchung widerstehen, Gott zu verharmlosen, das gebe Gott der Vater, der Sohn und Heilige Geist. Amen.

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