Wortgeklingel

<i>[Diese Predigt verarbeitet Material aus WPL und <a href="http://www.e-pistel.de" target="_blank">e-pistel – die neue Form der Predigtvorbereitung</a>]</i>

Liebe Gemeinde,

stellen Sie sich einmal vor, hier springt plötzlich jemand mitten im Gottesdienst auf und fängt an, für Sie unverständliche Worte zu reden. Wahrscheinlich würden Sie denken, der ist nicht ganz bei Sinnen und überlegen, wie Sie dem peinlichen Auftritt ein Ende bereiten können. Andererseits: Wenn Sie sich vorstellen, dass früher alle Gottesdienste in lateinischer Sprache gehalten wurden und alle das normal fanden, auch wenn sie nichts verstehen konnten, gewinnt dieser Gedanke einen anderen Aspekt. Mancher hat mir auch schon gesagt, er findet die orthodoxen Gottesdienste in Kirchenslawisch schön, einer außerhalb des Liturgischen ausgestorbenen Sprache – und es störe ihn nicht, wenn er nichts verstehen könne.

Zu Zeiten des Apostel Paulus war das Beten in fremden Sprachen, die der Beter selbst ansonsten gar nicht beherrschte, in manchen Gemeinden, besonders in Korinth, in Mode gekommen. Und darauf bezieht sich unser heutiger Predigttext. "In Zungen reden" nannte man das. Wer in Sprachen beten konnte, die er selbst niemals gelernt hatte, galt als besonders vom Geist begabt. Paulus erinnert nun die Korinther an Menschen, die noch ungläubig sind und die äußerst befremdet auf einen Gottesdienst reagieren könnten, in dem sie überhaupt nichts verstehen können, weil viele durcheinander in fremden Sprachen reden. Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen?

Ich war in Tanzania einmal in einer Kirche, die zu einem theologischen Seminar gehört. Dort war es ähnlich wie in Korinth: unter den Studenten war ein regelrechtes Fieber ausgebrochen, sich mit lauten Sprachengebeten an Gott zu wenden. Es war ein ziemlicher Lärmpegel in der Kirche, und ich dachte zuerst, tatsächlich, mit den Leuten sei irgendetwas nicht in Ordnung. Dann hat mir der Bischof erklärt, was hier los ist. Eine charismatische Welle hatte die Studenten erfasst … an sich eine begeisternde Sache. Der Bischof machte sich aber Sorgen darum, dass diese angehenden Pfarrer möglicherweise später in einer Gemeinde die Menschen irritieren könnten. Denn letztlich geht man ja in die Kirche, weil man etwas über Gott hören möchte, was man auch verstehen kann. So denkt auch Paulus. Er meint, da sei es doch angebrachter, so zu sprechen, dass es jeder versteht und allgemein verständlich davon zu reden, wie die Zukunft mit Jesus aussehen könnte und wie es aussieht mit der christlichen Hoffnung.

Wie ist das aber heute? Unsere Kirchensprache ist ja auch nicht unbedingt das Deutsch, was man außerhalb des Gottesdienstes spricht: "Der Herr sei mit Euch", so grüßt sich seit dreihundert Jahren keiner mehr auf der Straße. Und wenn, käme niemand auf die Idee, zu antworten: "Und mit deinem Geist". Für mich ist ein typisches Merkmal von Unverständnis, wenn mir die Gemeinde antwortet: "Und mit seinem Geist". Dass Gott mit seinem eigenen Geist ist, versteht sich doch von selbst. "Der Herr sei mit Euch", das bedeutet soviel wie "ich wünsche dir, dass Gott bei Euch ist". Die Antwort "und mit deinem Geist" heißt "Gott möge auch mit dir sein". Es ist eine Begrüßung zwischen dem Pfarrer und der Gemeinde.

Kommt jemand fremd in einen evangelischen oder auch katholischen Gottesdienst, so hat er eine Menge Hürden zu überwinden. Alleine schon, dass im Gesangbuch die Lieder nicht nach Seitenzahlen, sondern nach Nummern geordnet sind, ist ungewöhnlich. Und um die Liturgie zu verstehen, brauchte man eigentlich ein kleines Fremdwörterlexikon.

"Kyrie eleison" zum Beispiel bedeutet ja genau dasselbe, was dann auch auf Deutsch gesungen wird. "Herr, erbarme dich" – aber wer weiß das? Oder Halleluja, das ist hebräisch und heißt: "Preist Gott!" und Amen: "So ist es" oder "das ist wahr." Grenzen wir nicht mit solcher Sprache Kirchenfremde aus? Aber möchten Sie andererseits auf die vertraute Liturgie verzichten? Das verlangt ja auch Paulus nicht – er sagt nur, der Schwerpunkt des Gottesdienstes solle auf der "prophetischen Rede", auf der Verkündigung, heute würden wir sagen, auf der Predigt, liegen. So in sich verklärt – fast in Trance – beten zu können, ist sicher eine Gabe des Geistes. N Pfingstgemeinden erlebt sie ja gerade einen neuen Aufschwung. Aber sie dient eigentlich nur dem, der das kann. Niemand versteht ihn, vielmehr redet er im Geist von Geheimnissen, sagt Paulus.

Deshalb bevorzugt er das prophetische Reden. Damit soll nun nicht das Blaue vom Himmel herunterprophezeit werden. Prophetische Rede meint eben das nicht, sondern Propheten sind immer schon diejenigen gewesen, die in eine ganz konkrete Situation hinein das Wort Gottes gesprochen haben. Propheten haben nicht vertröstet, sondern in der Gegenwart Gottes Trost geschenkt. Sie haben nicht das Blaue vom Himmel heruntergeholt, sondern sie haben auf Erden angefangen, Gottes Gedanken mutig aufzubauen und Menschen in ihrer Situation zu ermutigen. Genau das soll ja Predigt heute auch tun.

Die Rede soll den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung sein. Erbauung, Ermahnung und Tröstung, das scheinen ja fast Gegensätze. Wie kann ich jemanden trösten, den ich gleichzeitig ermahne? Ich denke, das geht nur, wenn ich den anderen verstehe. Wenn ich weiß, wo seine Grenzen sind und wo er Zuspruch und Ermutigung braucht, wo aber auch ein Hinweis darauf angebracht ist, welches die Regeln für ein christliches Miteinander sind. Ein großer Trost ist es ja, zu wissen, dass Gott uns auch dann liebt, wenn etwas gründlich daneben gegangen ist.

Eine deutliche Sprache zu sprechen, die jede/r versteht, ist also alles andere als ein nebensächlicher Dienst, den unsere Kirche zu leisten hat. Es ist im Grunde genommen die Grundlage all ihrer Aufgaben. Und nicht nur die der PfarrerInnen bei ihrer Predigt! Jede/r ChristIn ist BotschafterIn des Evangeliums. Also auch Sie! Und als solche/r auch verantwortlich dafür, dass sie weitergetragen wird. Und zwar so, dass sie nicht ausschließt, sondern zum Mitmachen einlädt. Ob uns das immer gelingt? Und ob wir bereit sind, dafür auch Sprachbarrieren zu überwinden? "Gut drauf kommen die Leute, die niemandem mehr auf die Fresse hauen wollen, denn ihnen wird einmal alles gehören." … "Wenn ihr verarscht oder gelinkt werdet oder man Gerüchte über euch verbreitet wegen mir, dann könnt ihr darüber froh sein. Feiert und habt keine Angst, denn nach dem Leben werdet ihr dafür ganz fett absahnen." Klingt doch irgendwie sehr vertraut und gleichzeitig sehr fremd, nicht wahr?! Das sind zwei Zitate aus der Volxbibel, Mt 5,5 und 5,11f. Über die Volxbibel der Jesus-Freaks habe ich schon einmal hier gesprochen. Dieses Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, die biblischen Texte in jugendgerechte Sprache zu übersetzen. Das ist vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, aber vielleicht doch mehr prophetische Rede, als man anzunehmen bereit ist. Lutherdeutsch ist für 17-jährige ähnlich unverständlich wie das Zungenreden, das Paulus anführt. So muss man das wohl sehen … die Konfirmanden des letzten Jahrgangs jedenfalls haben durch dieses Buch ihre Lust am Bibellesen entdeckt. Keine Angst, ich werde nun hier nicht das Evangelium jeden Sonntag aus der Volxbibel lesen.

Ich habe Verständnis dafür, dass die meisten im Gottesdienst lieber das Althergebrachte hören, aber ich denke auch darüber nach, dass wir an den Konfirmanden damit so sehr vorbeireden, dass sie nach der Konfirmation selten wiederkommen mögen.

Und noch ein Aspekt fällt mir ein. Wir Protestanten setzen sehr auf das Wort – daher machen wir manchmal zu viele Worte. Der katholische Theologe Fulbert Steffensky

gibt in: Spiritualität in der Kirche von morgen zu bedenken:

"Der Gottesdienst lebt vom Schweigen, weil seine eigentlichen Aufgaben Lob und Anbetung sind. Kirchen sollen Räume des Schweigens sein. Wir haben das Schweigen verlernt. Wir haben es verlernt in unseren Gottesdiensten, in unseren Versammlungen und in unseren Räumen. Schweigen heißt nicht nur still sein und nicht reden. Das Schweigen hilft dem Wort wahrhaftig zu werden."

Ich möchte nicht für Gottesdienste plädieren, die nur aus Schweigeminuten bestehen. Aber gerade, wer dem Wort eine hohe Bedeutung einräumt, muss es auch dosieren, damit man noch zuhören kann und nicht im Wortgeklingel untergeht.

Und: zum Bereich Erbauung gehört es auch, dass wir wieder lernen, auf Gottes Antworten zu hören.

drucken