Strebt nach der Liebe

<i>[Die in der Predigt angesprochenen Bilder sind zu finden unter: <a href="http://www.christoph-fleischer.de/krueger1.jpg" target="_blank">Bild 1</a> und <a href="http://www.christoph-fleischer.de/krueger2.jpg" target="_blank">Bild 2</a>]</i>

Liebe Gemeinde,

immer wieder stehen wir vor der reizvollen Aufgabe, eine für uns zunächst unbekannte Welt auf unsere heutige Lebenswirklichkeit zu beziehen. Dabei geht es hier um zwei wichtige Elemente der christlichen Gemeinde, die es in dieser Form bei nicht mehr gibt. Die Zungenrede und die prophetische Rede. Beide Ausformungen des christlichen Glaubens stehen unter der allgemeinen Überschrift: „Strebt nach der Liebe!“ Hierbei geht Paulus auf das vorhergehende Kapitel zurück, in dem es zum Schluss heißt: „Es bleiben aber Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Die Liebe aber ist die größte unter ihnen.“ Dies wird auf die Gaben bezogen die in der Gemeinschaft der Kirche benötigt werden:

„Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen rede und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönernes Erz und eine klingende Schelle. Und wenn ich prophetische reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.“

Den meisten Hörern dieses Textes gelingt es eher, die prophetische Rede in die heutige Zeit zu übertragen. Sie wird im Allgemeinen mit der Predigt im Gottesdienst gleichgesetzt.

Daher frage ich mich zuerst einmal nach dem anderen Element der Gemeinde in Korinth: Was ist die Zungenrede und womit können wir sie vergleichen? Damit möchte ich gar nicht verschweigen, dass es die Zungenrede selbst sogar heute noch gibt. Sie wird in den so genannten Pfingstkirchen geübt. Ich habe einmal ein solches Beispiel auf einer Kassette gehört. Der Vorgang ist ganz einfach vorzustellen: In einem mehr gefühlsbetonten Gottesdienst kommt es nicht nur zu spontanen Zwischenrufen wie „Halleluja“ oder „Gelobt sei Gott“, sondern es kommt auch dazu, dass einzelne Gottesdienstbesucher von sich aus reden, beten oder singen. Das ist kein Gottesdienst in einer ganz festen Ordnung wie bei uns, sondern jeder kann etwas beitragen. Solche Gottesdienste können leicht 2-3 Stunden dauern. In einem solchen Gottesdienst kommt es dann vor, dass jemand nach vorn geht und beginnt zu reden, aber völlig unverständliche Laute, die sich aber schon so anhören, als seien sie aus einer fremden Sprache. Mich selbst hat dieses Rede immer ein wenig an das Arabische erinnert. Es kann aber auch ein Sprachengemisch sein. Wenn dieser Mensch eine Zeitlang etwas Unverständliches gesagt hat, dann steht ein anderer auf, der mit dieser Zungenrede vertraut ist und übersetzt es in die eigenen Worte. In dem Beispiel das ich gehört habe, ging es um allgemeine Gottesaussagen aus der Bibel, aus den Psalmen: Gott ist der größte, Gott ist barmherzig und ähnliche Worte.

Obwohl man glaubt, dass es sich um eine fremde Sprache handelt, würde sich aber im Grunde herausstellen müssen, dass diese Zungenrede mehr ein Gefühlsausdruck ist, als eine bestimmte Aussage. Deswegen kann sie Paulus ja auch sehr gut von der prophetischen Rede unterscheiden. Zungenrede ist mehr Ausdruck des Lobpreises und des Gefühls. Trotzdem wird diese Zungenrede konkret übersetzt. Es gibt Menschen, die diese unverständliche Worte besser verstehen als andere und dann mitteilen können, was sie hören.

Mich erinnert dies ein wenig an das, was mal als abstrakte Malerei bezeichnet, oder an klassische Musik. Es kommt auf die Wahrnehmung des Betrachters an, auf die Einstimmung in ein bestimmtes Gefühl. Dazu habe ich ein Beispiel mitgebracht. Es heißt mit einem Englischen Begriff Remote Viewing, entferntes Sehen. Ein Mann im Mescheder DRK – Seniorenzentrum ist auf diesem Gebiet Spezialist. Er stellt Collagen aus Illustrierten her, die dafür sehr gut geeignet sind.

Auf dieser Collage []mag jeder nun ein bestimmtes Bild entdecken, womit aber nicht die []erkennbaren Symbole, wie Erde, Text, Wasser oder so gemeint sind. Jeder ordnet die Elemente auf seine Weise. Manch einer sieht ein Haus, einen Baum, eine Landschaft oder ein Tier. Ich sehe auf diesem Bild das Profil eines Mannes mit einem dreieckigen Hut:

Der Gegensatz zwischen Zungenrede und prophetischer Rede ist also der Gegensatz zwischen einem Vorgang, der erklärt und gedeutet werden muss und einem Vorgang, der klar und deutlich verstehbar ist. Und, es geht dabei natürlich um den christlichen Gottesdienst.

Deshalb hat man darin heute gern all das, was mit Musik zu tun hat in die Nachfolge der Zungenrede gestellt und alles was eine klare Sprache hat, Lesung und Predigt etwa zur prophetischen Rede gezählt.

Die eigentliche Absicht des Paulus ist für unsere Kirche heute geradezu absolut aktuell.

Er empfiehlt: Bei allem, was in einer Gemeinde geschieht und auch in dem was Menschen miteinander reden, sollten wir uns fragen: ob es in diesem Moment möglich wäre, dass ein Außenstehender hinzukommt. Die prophetische Rede ist mehr oder weniger nichts andere3s als das Wort Gottes selbst. Dieses Wort spricht Menschen unmittelbar an. Es geht zu Herzen, ist aber auch gedanklich nachvollziehbar. Menschen sehen ihren eignen Lebenswandel vor sich oder denken über die Frage nach dem Sinn ihres eignen Lebens nach. Im Mittelpunkt jedes Gottesdienstes steht ein einzelner Mensch ganz persönlich. Es geht um die Frage, wie die Gegenwart Gottes im eigenen Leben zu erfahren und zu verstehen ist. Dies macht Paulus am Beispiel der prophetischen Rede klar. „(24+25) Wenn sie aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen geprüft und von allen überführt; was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.“

Nun gibt es heute für unsere Gottesdienste zwei Möglichkeiten:

Die erste Möglichkeit ist diese: Wir denken nur an die Außenstehenden und Ungläubigen und überlegen von ihnen her, wie sie Gott heute erfahren können. Der Gottesdienst sollte dann voraussetzungslos sein. Dann müssen wir alles aus dem Gottesdienst verschwinden lassen, was aus sich heraus unverständlich ist. Viele Stücke der Liturgie sind unbekannt. Viele können „Allein Gott in der Höh“ nicht auswendig oder gar das Glaubensbekenntnis. Gerade junge Menschen tun sich sehr schwer mit den alten Liedern des Gesangbuchs, nicht nur mit den Noten und den Texten. Auch manche Bibeltexte aus den Lesungen und den Psalmen sind unverständlich. Ich finde es gut, dass es inzwischen manche Gottesdienste gibt, die sich an Außenstehende richten, wie ja auch Familiengottesdienste für Kinder verständlich sein müssen.

Die zweite Möglichkeit ergibt sich, wenn wie Paulus trotz der Bedenken der Zungenrede ein gewisses Recht einräumt. Dies hieße im übertragenen Sinn bezogen auf unsere Gottesdienstgestaltung auch eine gewisse Toleranz gegenüber eingeübten, aber von außen unverständlichen Elementen. Wenn jemand in eine Synagoge oder in eine Moschee gehen würde, dann würde er sich doch nicht darüber wundern, dass er sehr viele Riten und Lesungen nicht versteht, vor allem wenn auch noch in Arabisch oder in Hebräisch gelesen wird. Religion ist nicht nur eine Sache des Intellekts, sondern auch des Gefühls. Es muss in der Religion auch Dinge geben, die dem Verstand zunächst verschlossen sind. An die man sich vielleicht eher gewöhnt, als dass man sie versteht. Religion ist immer auch ein Geheimnis und sollte es auch bleiben. Doch es ist ein Geheimnis, dass jeden und jede persönlich betrifft und im Kern verständlich ist. Noch einmal in der Welt des Paulus gesagt: Die Zungenrede ist ein Zeichen für die Ungläubigen, weil sie diese Menschen mit der geistigen Wirklichkeit der Religion konfrontiert. Für die Gläubigen wird Kirche eher zu einer Heimat als zu einem Ort, an dem immer alles nur mit dem Verstand erschlossen wird. Es geht um die Gegenwart des heiligen Gottes, der uns auch Furcht und Respekt einflößt. Die prophetische Rede ist Zeichen für die Gläubigen, weil sie den Glauben nun auch vom Verstand her erklärt, so dass er nicht nur für die Kirchen selbst gilt, sondern auch für das ganze Leben. Und für beides gilt gemeinsam: „Strebt nach der Liebe!“ Kürzer kann man die christliche Religion nicht zusammenfassen.

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