Maßstab der Liebe

Es gab Streit in Korinth. Das ist für christliche Gemeinden nichts Ungewöhnliches, schon gar nichts Schlimmes: Streit muss sein, wo Menschen sich über das Evangelium unterhalten, wo sie um Wahrheit und Deutung ihres Lebens ringen.

Aber bei diesem Streit ging es noch um etwas Anderes: Der Gottesdienst sah anders aus, als unsere Gottesdienste. Menschen kamen zusammen zum Brotbrechen und Gebet und zum Gespräch über das, was man von Jesus wusste. Die Evangelien waren ja noch nicht geschrieben. Geschichten, die man kannte und Briefe, die geschrieben wurden, wurden ausgelegt. Man versuchte im Gespräch den Willen Gottes zu erkunden und da redeten alle durcheinander, einer versuchte den anderen zu ‚überreden’, kaputt zu reden. Da wird viel Wahres gesagt. Aber was nun wirklich wahr ist, bleibt im Nebel. Vom Geist berauscht und in Ekstase wird oft unverständlich durcheinander geredet. Die Stillen werden dabei immer mehr an die Wand gedrängt. Darauf reagiert Paulus. Er hat andere Maßstäbe. Die Wahrheit kann nicht der einzige Maßstab im Gespräch miteinander sein. Die Existenz des Nächsten und der Aufbau der christlichen Gemeinde, das ist sein Maßstab. Inhalte müssen sich daran messen lassen.

Darum schreibt er ihnen einen sehr deutlichen Brief, in dessen 14. Kapitel das Wichtigste gleich am Anfang steht:

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Erbauung aus Liebe ist entscheidendes Argument gegen alles kindische Verhalten. Ja, er nennt dieses Verhalten kindisch, obwohl es sehr ernst gemeint ist. Kindisch ist für ihn alles Verhalten, das sich selbst zu wichtig nimmt und die Gemeinschaft derer vergisst, die da zusammen ist. Er würde es wahrscheinlich auch kindisch nennen, wenn da ein Prediger aufgetreten wäre, der lauter gelehrte Richtigkeiten sagt, die kein Mensch versteht. Er würde auch uns kindisch nennen, wenn wir hier Dinge täten, die ein Fremder, der neu hereinkommt nicht versteht. Auch daran muss sich ein Gottesdienst in seiner Qualität messen lassen.

Die Gegenwart des Geistes Gottes steht im Mittelpunkt. Ihr hat sich alles unterzuordnen. Nicht Menschen – auch nicht Prediger – dürfen das letzte Wort behalten.

In den Gottesdiensten zu Paulus Zeiten gab es alles, was es heute auch gibt. Da wurde gelacht und gestritten, da wurde gebetet und gesungen. Da begrüßten sich alte Bekannte und sprachen auch über Fragen des Alltags. Es gab auch Streit und Ärger, aber (vielleicht anders als heute) langweilig waren sie nie. Für Paulus ist es wichtig, dass sie aber auch einladend sind. Der Zufällig Anwesende soll sich eingeladen fühlen, soll etwas erleben, das wichtig ist für ihn.

Worauf kommt es dabei im Leben der Gemeinde an? – Gott selber will zur Sprache kommen, nicht menschliche Geltungssucht. Der Apostel kämpft leidenschaftlich um den Vorrang des lebendigen und klaren Evangeliums-Zeugnisses in der Gemeinde. Er setzt sich dafür ein, dass sich diesem Zeugnis alles unterordnet. Die Ordnung des Gottesdienstes ist kein Selbstzweck sondern soll dem dienen, dass sein Wort verkündet wird und die Menschen erreicht.

Oikodomä ist das alles entscheidende Stichwort. Der Begriff bedeutet wörtlich Hausbau und darum geht es ihm. Das alte Haus der Kirche immer wieder neu bauen. Alles ist gut, das diesem Zweck dient, dass das Haus der Kirche auf festem Fundament des Wortes Gottes immer wieder neu aufgebaut wird.

Die ganze Gemeinde wirkt gemeinsam einen guten Gottesdienst. Jede Begabung ist wichtig, die diesem gemeinsamen Hören auf Gottes Wort, Beten und Singen dient. Da kann der Mensch, der am Eingang die Schwestern und Brüder begrüßt wesentlicher sein als der, der die Predigt hält, weil ohne freundliche Begrüßung vieles Andere kaputt geht.

Jeder Getaufte hat Anteil an den Geistesgaben Gottes. Er muss das entdecken und darf das leben in der Gemeinde – es soll zur Verbreitung der frohen Botschaft und zum Aufbau der Gemeinde dienen. Der Herr selber gibt seine Verheißung dazu.

Wir können daran denken, wie vielfältig die Gaben in unserer Gemeinde sind: Die Gaben zu reden und zu handeln, zu trösten und aufzufangen, zu leiten oder anzupacken. Die Gabe einzuladen und zu begleiten. Viele Menschen haben mehrere Gaben. Sie könne sie einbringen.

Die Geistesgaben sind vorhanden und gleichberechtigt – sie müssen sich messen lassen an ihrer Hilfe für die Gemeinde. Maßstab ist die Liebe. Auch die ‚richtige’ Prophetie oder Zungenrede muss sich am Maßstab der Liebe messen lassen.

Das Evangelium von den ungeladenen Gästen am Tisch rückt die Einladung Jesu zum Mahl der Endzeit in den Mittelpunkt. Es gibt viele, gute Gründe, dem auszuweichen. Aber keiner ist ausreichend. Das Heil will erkannt und ergriffen sein. Ein Angeld auf dieses Heil erhalten wir im Mahl der Gemeinde, zu dem alle Getauften eingeladen sind. Auch die, die wir vielleicht für unwürdig halten könnten. Herr dieses Mahles ist Jesus Christus selber. Er lädt ein, gerade auch die von den Hecken und Zäunen.

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