Die Geister scheiden lernen

Wenn wir etwas von Propheten hören, denken wir vielleicht an Wetterpropheten oder – ganz aktuell – an Fußballpropheten, an unsichere Vorhersagen, denen man nur bedingt trauen darf. Und ob es richtige Propheten waren, merkt man erst, wenn es zu spät ist, wenn das Grillfleisch nass geregnet wird und die Fußballwette verloren gegangen ist.

Wer im Gottesdienst ist, denkt bei Propheten womöglich auch an die biblischen Propheten. Aber bei denen ist ja alles klar. Das sind die wahren Propheten – nur leider oft so schwer zu verstehen.

Aber so einfach ist das nicht. In der Bibel finden wir nur bestimmte Prophetenbücher, deren Botschaft sich als wahr erwiesen hat. Das heißt für die Menschen, die diese Propheten live erlebt haben, was alles nicht so einfach. Ihnen war die Entscheidung abverlangt.

Schon Jesus kannte die Falle. Wir haben davon in der Lesung gehört: ‚Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.‘, so endete das Evangelium. Sie kennen di gesicherten Propheten und sie werden auch einem neuen Propheten, der von den toten aufersteht, nicht glauben. Das ist natürlich ein Pauschalurteil, aber in der konkreten Situation sicher richtig. Menschen glauben oft nur das, was sie glauben wollen, was in ihre Vorstellungen passt. Die Aussage, dass ich einmal zu den Weisen, Reichen und Schönen gehören werde, glaube ich – aber andere Aussagen?

Aber woran kann ich nun wahre Prophetie erkennen. Damit musste sich der Prophet Jeremia schon auseinandersetzen – und er versucht es.

[TEXT V. 16-17.21-22.26]

In der Pax-Christi-Kirche in Essen steht eine Statue von Toni Zenz. Die Statue trägt den Namen "Der Hörende". Wenn Sie diese Statue sehen oder ein Bild dieser Statue, wissen Sie sofort: Es geht ums Hören.

Dem Künstler ist es gelungen, einen Mann darzustellen, der eigentlich nur noch Ohr ist. Das nach oben gereckte Gesicht mit den weit aufgerissenen Augen, die an die Ohren gelegten großen Hände, die Unterarme, die sich an den Ellbogen berühren: Alles verschmilzt zu einer Einheit, die ganz bereit ist und nur eine Funktion hat: hören.

Wenn es doch gelingen könnte, dass wir alle zu solchen Hörern werden. Ganz Ohr, achtsam auf das, was gesagt wird: Es wäre sehr viel gewonnen.

Leben gelingt, wenn wir in unser Leben hören. Wenn wir ganz Ohr sind für die manchmal feinen Signale aus unserer Umgebung und mehr noch in uns.

Aber das Hören ist nur das Eine. Der Hörende darf es nicht beim Hören belassen. Er muss auch den gehörten Impulsen nachgehen. Das Gehörte will Gestalt bekommen, will ausprobiert werden, will getan werden. Dann hat alles Hören sein Ziel erreicht, wenn es umgesetzt wird in die Tat.

Hör-Menschen, die Tat-Menschen sind. Das ist eine Botschaft, die uns allen gut tut.

Darum geht es bei der Prophetie des Wortes Gottes. Prophet ist der, der um Gottes Willen weiß und sagt, was er weiß und die ganze Gemeinde prüft das an dem, was sie über den Willen Gottes weiß und denkt. Das kann harte und schmerzhafte Diskussionen ergeben, wie sie unser Prophet erlebt und wohl auch meint.

Träume werden hier charakterisiert als Trug und Schwindel, das Wort Gottes hat Macht. Auch Visionen müssen am Wort und Willen Gottes festgemacht werden. Auch ‚fromme Visionen’ müssen sich diesem Kriterium unterwerfen. Opfern sie die Realität nur ihren eigenen Träumen oder Wünschen, ihren Phantasien oder hören sie mutig auf Gottes Weg und gehen ihn?

Die Unterscheidung von Traum und Wort steht im Mittelpunkt. Der Traum wird zur Vision, wenn er von Gott kommt und nicht nur meinen Träumen, meinen Ideen und Wünschen entspringt.

Nicht gesandte Propheten, die trotzdem laufen und ihre Weisheit verkünden, um selbst im Mittelpunkt zu stehen, gibt es Viele. Jeder verkündet seine eigenen Weisheit und sein eigenes Interesse.

Die Wahrheit Gottes ist dagegen verletzend und selbstverletzend. Es tut weh, die Wahrheit Gottes auszusprechen. Der wahre Prophet muss von Gott gedrängt werden (wie Prophetenberufungen zeigen – Jeremia, Amos, Jesaja etc.). Auch Martin Luther King hat sich wohl weniger gedrängt, als dass er vielmehr in die Situation hineingedrängt wurde. Bei Martin Luther oder Dietrich Bonhoeffer ist das noch deutlicher.

Gott bleibt der Schöpfer und Herr der Welt. Darin muss sich alles einordnen, auch die Visionen.

Das ‚Nicht sehen wollen’ von Gottes Willen führt zu zahllosen talk-shows und Meinungsumfragen, aber nicht zu wirklichem Handeln für Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

Der richtige Prophet ist der, der zur Umkehr aufruft – aber hilft das weiter? Sind darum alle Diät-Ratgeber wahre Prophetien? Um welche Umkehr geht es wirklich? Es geht wohl um Annäherung an den willen Gottes in meinem Leben.

Der Wochenspruch ‚Lukas 10,16: Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich; wer aber mich verachtet, der verachtet den, der mich gesandt hat.’ erhebt den Anspruch, dass Jesus durch seine Jünger redet – durch uns? Unsere Rede muss sich daran messen lassen, dass sie diese Welt bewegen will, dass Gottes Reich kommen kann. Wann und Wie bestimmt Gott, aber er lädt mich ein, das Meine dazu beizutragen – zu hören und zu reden.

Prophetisch heißt: Umsetzen eines als richtig erkannten Weges auch gegen die Gemeinschaft. Wie die Nonne, die in Südamerika Kondome verteilt und deswegen aus dem Orden geworfen wird.

‚Wem vertraue ich?’ Ist die Frage an mich.

Missstände muss ich aufzeigen:

· Bei mir selbst

· In meiner Kirche

· In der Gesellschaft

Wir werden die Unterscheidung der Geister nie wirklich haben, wir müssen uns immer wieder neu entscheiden, unsere Position finden.

Dazu müssen wir immer wieder neu zu Hörenden werden.

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