Ein Loblied

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Martin liegt im Sterben. Seine Älteste, Tina, hat ihn vor einigen Wochen zu sich nach Hause geholt. Jetzt steht sie an seinem Bett und befeuchtet seine spröden Lippen mit einem Lappen. Sie kühlt ihm das Gesicht und streichelt seine Hand. Der Arzt ist gerade gegangen. Er hat ihm noch eine Spritze gegen die Schmerzen und gegen die Angst gegeben. Ihm tut nichts weh. Aber er kann sich nicht bewegen. Nicht einmal die Augen kann er willentlich öffnen. Alles scheint ihm so schwer, so schwer. Er ist müde und erschöpft. Nein, er mag nicht mehr. Es ist gut so. Das Ende naht und Martin wehrt sich nicht.

Wie durch dichten Nebel nimmt er seine Umgebung wahr. Eben ist Rita gekommen, seine zweite Tochter. Sie setzt sich an sein Bett und weint. „Psscht, mein Mädchen“ hätte er gerne gesagt. „Wein nicht. Ist alles in Ordnung so.“ Aber er kann den Mund nicht bewegen, die Zunge gehorcht ihm nicht. Und so bleibt er liegen, holt tief Luft und geht auf seine letzte große Reise.

„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus.“

Martin blickt auf ein langes Leben zurück: Er ist fast 87 Jahre alt. Gott zu loben – das ist ihm in den letzten Jahren schwer geworden: zu groß waren die ständigen Schmerzen, der Rücken war so ruiniert, dass er zuletzt nur noch liegen konnte. Seit mehr als fünf Jahren sind die Hüften kaputt, sie quälten ihn von morgens bis abends. So manches Mal hat er gebetet: Lieber Gott, mach ein Ende, hol mich nach Haus, ich mag nicht mehr.“

Aber das waren nur die letzten Jahre. Es war sonst ein gutes Leben, voller Segen. 52 Jahre lang war er verheiratet gewesen. Er hatte viel gearbeitet, aber auch viel gelebt. Nein, da war vieles gut. Und dann die Kinder! Drei Kinder, alle gesund: Tina, Rita und Matthias, gute Kinder, die alle etwas aus ihrem Leben gemacht haben, bis auf Mattias alle inzwischen selber Rentner und Großeltern. Martin denkt an seinen 85igsten Geburtstag zurück. Da waren alle zusammen, die Kinder, Enkel und Urenkel. Es war ein lautes und fröhliches Fest. Welch ein Geschenk! Martin versucht, die Hand zu heben. Er möchte den Kindern gerne danken, kann ja aber nichts sagen. Dennoch: Rita und Tina spüren es. Sie drücken die Hand des Vaters. Er soll wissen, dass er nicht allein ist.

„Denn in ihm hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir heilig und untadelig vor ihm sein sollten;“

Noch jetzt, wo Martin im Sterben liegt, würde er vor Scham am liebsten im Erdboden versinken. Nach außen hat sein Leben immer einen guten Eindruck gemacht, aber er weiß es besser. Da war diese andere Frau, viel jünger als er, fast 40 Jahre ist das her. Er war Feuer und Flamme, in Leidenschaft entbrannt, alles andere war ihm egal. Und als das nichts wurde, kam der Alkohol. Was hat seine Hilde durchgemacht in diesen Jahren! Oft hatte sie noch am morgen rote Augen von den Tränen, die sie in der Nacht geweint hatte, aber gesagt hat sie nie etwas. Auch später nicht. „Hilde, hast du mir vergeben?“ jetzt, wo er sterben wird, ist ihm das wichtig und er bekommt Angst bei dem Gedanken. Sie ist sei 15 Jahren tot und sein Geheimnis hat sie mit ins Grab genommen.

„In seiner Liebe hat er uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus….In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade“ – nun wird Martin wieder ganz ruhig. „Jesus ist für mich gestorben, ich weiß es doch. Er hat versprochen, dass meine Schuld vergeben sein wird. Mein Leben liegt in seiner Hand.“ Ruth und Tina merken, wie ihr Vater sich entspannt. Als ob eine Last von ihm genommen wäre. Nun hat er es sicher bald geschafft.

Martin sieht sich selbst in jungen Jahren. Was konnte er früher alles beregeln, was war er damals für ein starker Kerl! Arbeit von morgens bis abends, es war schwere körperliche Arbeit damals auf der Baustelle, 48 Stunden in der Woche, Samstags natürlich auch. Und am Sonntag wurde am eigenen Haus gearbeitet, das hat ihm alles nichts ausgemacht. Es musste ja voran gehen. 5-6 Stunden Schlaf, mehr waren nicht drin. Er war stolz auf sich und auf seine Kraft. Schöne Bilder sind das, die Martin sieht. Lang, lang ist´s her…..

„Denn Gott hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens,…… dass alles zusammengefasst würde in Christus, was im Himmel und auf Erden ist.“

„Früher war ganz anderes wichtig“ denkt Martin in seinen letzten Stunden. Früher war das Haus wichtig und die Arbeit, das Geld und die Kinder. Dann kam erstmal lange Zeit gar nichts. Man kann nichts mitnehmen, wird ihm bewusst. Das letzte Hemd hat keine Taschen. Und irgendwann bist du soweit, dass du dich nach dem Himmel sehnst.

Plötzlich sieht Martin Vater und Mutter an seinem Bett stehen. Mutter! Wie lange hat er nicht mehr an sie gedacht. Und Vater – er sieht aus wie früher vor der Krankheit, ein großer, stattlicher Mann und ein großartiges Vorbild. Martin hat ihn geliebt.

„Ach, ich wollte mich immer schon bei euch bedanken!“ denkt er. „Ihr habt mir so viel Gutes getan und habt mir soviel Liebe gegeben. Ich hatte eine wunderbare Kindheit. Ich hatte ein wunderbares Leben. Und das Erbe, das ich von euch bekommen habe, hat uns bescheidenen Wohlstand ermöglicht. Ich danke euch!“

Er reißt mit letzter Kraft die Augen auf und sieht dorthin, wo die beiden eben noch gestanden haben – aber sie sind nicht mehr da. Besorgt beugen sich Tina und Ruth über ihn. „Hast du Schmerzen, Vater? Soll der Arzt noch einmal kommen?“ Nein, keine Schmerzen. Kein Arzt. Nichts mehr.

„In Jesus sind wir auch zu Erben eingesetzt worden….in ihm seid auch ihr …. versiegelt worden mit dem Heiligen Geist…welcher ist das Unterpfand unsres Erbes, zu unsrer Erlösung.“ Martin wird noch einmal unruhig. Er zuppelt an seiner Bettdecke, er atmet schwer und sein Gesicht ist angespannt. Tina und Ruth sehen sich ratlos an. „Wenn doch nur Matthias endlich käme!“ sagt Ruth, „wo bleibt er denn?“ Und zu ihrem Vater sagt sie: „Hab keine Angst. Er wird gleich hier sein. Er kommt.“

Matthias, sein Jüngster. Die Mädchen waren schon 12 und 14 Jahre alt, als das Nesthäkchen geboren wurde. Sie hatten sich fast noch in die Haare gekriegt wegen des Namens. „Ich will, dass er Theodor heißt, Geschenk Gottes!“ hatte Martin insistiert. Aber Hilde konnte ihn besänftigen. Ob er dem armen jungen denn so einen altmodischen Namen antun wolle? Er sei nun ja selber mit Mitte 40 auch nicht der Jüngste aller Väter, da müsse er doch das Kind nicht unnötig in Schwierigkeiten bringen. Und dabei war es dann geblieben. Matthias.

Er sieht Matthias als Baby, die Badewanne in der Fernsehstube. Er sieht Matthias mit seinem dicken Windelpopo auf wackeligen Beinen die ersten Schritte tun, in Vaters, in seine Arme fällt er am Ende seines ersten Weges. Was für ein Geschenk, dieses Jüngste, was für eine Freude! Eine Träne kullert leise über seine Wange, die Tina im liebevoll wegstreicht. „Nicht traurig sein, Vater. Alles wird gut.“

Jetzt wird die Zeit lang in der kleinen Stube. Auch Tina und Ruth sind still geworden. An der Wand tickt die alte Uhr. Auch Martin liegt jetzt ganz ruhig. Er atmet flach. Es wird nicht mehr lange dauern. Er sieht nun sein Leben als Ganzes. Alle sind sie noch einmal da: Die längstverstorbenen Geschwister, Vater und Mutter, die Großeltern und Hilde. Ja, Hilde auch. Er kann sie sehen und sie lacht ihn freundlich an. Ja, alles wird gut. Martin merkt es auch. „Was für ein schönes Leben ich hatte!“ denkt er noch. Und plötzlich versteht er vieles, was ihm vormals unverstehbar schien: Der frühe Tod seiner Frau, der schreckliche Autounfall, bei dem Matthias fast um´s Leben gekommen wäre – alles ergibt nun einen Sinn. Die schlimme Alkoholzeit und das arme Enkelkind, das nicht leben konnte. Selbst die schweren letzten Jahre und die Schmerzen, ja, das auch. Nun kann er ganz ruhig gehen, ohne Angst.

Leise öffnet sich die Tür. Martin spürt, dass die Mädchen aufatmen. Jetzt sind sie komplett. Matthias tritt ans Bett und nimmt die Hand des Vaters. „Hallo Vater, ich bin da“ sagt er und Martin spürt, dass sein Jüngster lächelt.

Dann holt er noch einmal tief Luft, so laut, dass die beiden Frauen erschrecken. „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus.“ – das war sein Konfirmationsspruch, jetzt fällt es ihm wieder ein. „Soviel Segen in meinem Leben“ Martin merkt, wie sein Herz licht und frei wird. Was für ein Segen. „Meine Kinder, es ist soweit. Genießt, was Gott euch schenkte! Macht es gut und richtig, besser, als ich es gemacht habe! Möge Gott euch so segnen wie er mich gesegnet hat!“ Fast meint Martin, er hätte all dieses laut gesagt, aber seine Seele hat schon ihre Flügel ausgespannt, er ist schon unterwegs, Gott entgegen. Jetzt ist es soweit: Er tritt sein himmlisches Erbe an.

Matthias drückt ihm die Augen zu. Ruth legt ihn zurecht und faltet ihm die Hände über der Decke. Und Tina macht mit den Fingern ein Kreuzeszeichen auf seine Stirn. „Gute Reise, Vater“ sagt sie leise. „Gott behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit. Amen.“

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