Ich setze auf Liebe

<i>[Teile der Predigt sind entnommen aus: <a href="http://www.e-pistel.de/" target="_blank">e-pistel</a> – die neue Form der Predigtvorbereitung!]</i>

Liebe Gemeinde!

Fragt man: Was ist am Freitag, den 9. Juni 06, in Deutschland? Da gibt es eine einfache klare Antwort: Die WM – in Deutschland. Was sonst?! Da erfolgt der Anpfiff des WM – Eröffnungsspieles. Wer bis dahin noch nicht vom Fußballfieber ergriffen ist, wird es spätestens dann wohl sein. Denn seit Wochen werden wir auf vielfältige Weise darauf eingestimmt. Auch ich bekenne mich dazu, dass ich mich auf spannende Spiele und ein mitreißendes Fußballfest freue.

Fragt man: Was ist Pfingsten? Dann erhält man ganz unterschiedliche Antworten: Ein langes Wochenende. Da gehen wir segeln. Da geht’s auf Ausflug mit dem Verein. Da wandern wir.

Was ist Pfingsten? – Nur noch 30 % der Deutschen wissen, dass es neben Weihnachten und Ostern das dritte große Fest des Glaubens ist: Die Aussendung des Geistes. Was ist denn das? fragen mich die Konfis. Und wenn ich dann erzähle vom ersten Pfingstfest in Jerusalem, wie begeistert die Jünger waren, so dass alle in ihrer Sprache verstanden, was die Jünger von Jesus zu erzählen wussten, dann entlockt es ihnen ein Gähnen und vielleicht die Bemerkung: „Mag ja so gewesen sein, aber davon lässt sich heute niemand mehr begeistern.“ Und der Augenschein gibt ihnen ja recht: die Autobahnen sind voller als die Kirchen.

Was ist Pfingsten? Der Apostel Paulus schreibt seiner Gemeinde in Korinth:

[TEXT]

Wir aber haben Christi Sinn. Das klingt doch beim ersten Hören irgendwie abgehoben, weltfremd, ja überheblich. Als bildeten wir ChristInnen eine geistliche Elite, die sich ein Urteil über die Welt erlauben kann, selbst aber jenseits aller Kritik steht. Doch das kann Paulus so nicht gemeint haben. Der hatte zwar ein gesundes Selbstbewusstsein und entrückte schon mal in den dritten Himmel. Aber ansonsten war er doch recht bodenständig und bescheiden.

Seine Worte müssen wohl anders gemeint sein, und dieses "anders" fasziniert mich. Wir ChristInnen stehen nicht über dieser Welt, sondern quer zu ihr, wir sind nicht über die Menschen erhaben, kommen ihnen aber in die Quere. Warum? Weil wir begeistert sind. Nein, nicht von uns selbst, sondern von Gott! Begeistert sind wir von dem, was er uns zu bieten hat: Liebe, Barmherzigkeit, Zuwendung, Fürsorge, Friedfertigkeit, Sanftmut, Wahrhaftigkeit … Ich könnte die Liste noch weiterführen, breche hier aber ab, da es sonst zu lange dauert. Denn was er uns bietet, ist das, was uns in unserer Welt so oft und an allen Ecken und Enden fehlt. Und was uns und anderen das Leben so schwer macht.

Ein Beispiel: Da stehen wir fassungslos vor einem jungen Mann, der durch Berlin irrt und mal eben 36 Menschen niedersticht. Und ich frage mich: In welch einem Klima musste dieser Mensch aufwachsen, dass er dermaßen ausrastet? Politiker analysieren: Scheidungskind, Alkohol, Milieu … ein ganz normaler Werdegang eines Jugendlichen in Berlin, der hier und da schon mal aufgefallen ist, von Schulen flog, weil er ein Fenster eingeschmissen hatte, die ein oder andere Prügelei veranstaltete und ein Butterfly-Messer in der Hosentasche trug. Man kennt das.

Und dann verlangen sie nach Konsequenzen, fordern für das menschliche Miteinander in unserer Gesellschaft die Beschleunigung von Strafverfahren, die Verschärfung des Jugendstrafrechts. Und im Hinblick auf andere Probleme unserer Zeit eine Leitkulturdiskussion, Wertedebatte, Einhaltung des Generationenvertrags … Paulus nennt das den Geist der Welt. Und erinnert seine Gemeinde daran: Wir aber haben Christi Sinn.

Seit ein paar Jahren gibt man der Kirche das Gefühl, dass sie in dieser Gesellschaft nicht mehr gebraucht wird. Die meisten haben dabei die Institution im Kopf, vielleicht auch noch den Pfarrer oder die Pfarrerin, über den/die man sich einmal geärgert hat, sicher auch manche antiquierte Ansichten, die in ihr kursieren. Doch Kirche – das dürfen wir nicht vergessen! -, Kirche, das sind wir, die Menschen, die in den Gottesdienst kommen, die sich in irgendeiner Art und Weise am Gemeindeleben beteiligen, die sich zur Gemeinde dazugehörig fühlen, die Christus im Sinn haben, wie es im Predigttext heißt. Und diese Menschen braucht unsere Gesellschaft noch immer und immer wieder, damit in dieser Welt noch eine andere, nämlich Gottes Wirklichkeit, durchscheint.

Und die ist eben nicht geprägt von Wirtschaftswachstum, Pisastudien und Arbeitslosenzahlen, die steht nicht unter dem Einfluss von Lobbyisten, Gewerkschaftsvertretern und Arbeitgeberpräsidenten, die urteilt nicht nach Kriterien des globalen Marktes, in dem es Gewinner und Verlierer gibt, Leistungsträger und Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger und Spitzenverdiener. Diese Wirklichkeit ist geprägt von Liebe, Barmherzigkeit, Zuwendung, Fürsorge, Friedfertigkeit, Sanftmut, Wahrhaftigkeit … Und sie gilt auch noch da, wo alle menschlichen Antworten versagen, ja versagen müssen.

Diese Gesellschaft braucht Begeisterte, die nicht aufhören, an Gottes Geist zu glauben. „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.“ (D. Bonhoeffer) Diese Gesellschaft braucht Begeisterte, die jenseits aller Wirklichkeit von einer Wahrheit wissen, die nicht berechnet werden kann; die gegen aller Härte des Gesetzes Mut zur Sanftheit haben; die inmitten von Krieg und Gewalt Frieden wagen; die sich auch um diejenigen noch sorgen, die nichts mehr zum Bruttosozialprodukt beitragen können; die sich auch denen noch zuwenden, von denen sich alle anderen abwenden; die auch denen Liebe zusprechen, die keiner mehr lieben will … auch einem 16jährigen Messerstecher in Berlin.

Darum: nicht nur an Pfingsten feiert diese Kirche der Begeisterten ihren Geburtstag, sondern an jedem Tag, an dem wir es zulassen, mit Worten und Taten, "die der Geist lehrt", zu leben. Dietrich Bonhoeffer begann einmal eine seiner ersten Vorlesungen mit den Worten: "Wir fragen alle: Brauchen wir die Kirche noch, brauchen wir Gott noch, brauchen wir Christus? Diese Frage ist falsch gestellt. Gott ist da, Christus ist da, die Kirche ist da. Könnt ihr nicht ändern, könnt ihr nur ja oder nein sagen." (zitiert nach <a href="http://www.netzeitung.de/voiceofgermany/380416.html" target="_blank">netzeitung.de</a>).

Meine Antwort lautet: Ja, sie wird gebraucht, gerade da, wo es Probleme gibt, wo das Leben schwierig ist. Das verlangt viel von denen, die sich in ihr, der Kirche. zu Hause fühlen. Und es macht sie vielleicht auch unscheinbar, weil dort, wo es dunkel ist, niemand gerne hinschaut. Aber dennoch und gerade deswegen hat sie da zu sein. Nicht als alternativer Lebensraum zu Politik und Gesellschaft, sondern als Gemeinde Gottes, die in Politik und Gesellschaft barmherzig redet und tätig ist. Mögen unsere Worte und unser Handeln auch manch einem töricht erscheinen; wir dürfen gewiss sein, dass es dieser Welt gut tut.

Was der Welt gut tut, hat Hans Dieter Hüsch in seiner Weise unnachahmlich so beschrieben:

Ich setze auf Liebe.

Wenn Sturm mich in die knie zwingt

Und Angst in meinen Schläfen buchstabiert

Ein dunkler Abend mir die Sinne trübt

Ein Freund im andern Lager singt

Ein alter Mensch den Abschied übt

Ich setze auf Liebe

Das ist das Thema

Den Hass aus der Welt zu vertreiben

Ihn immer neu zu beschreiben

Die einen sagen es läge am Geld

Die anderen sagen es wäre die Welt

Sie läg in den falschen Händen

Jeder weiß besser woran es liegt

Doch es hat noch niemand den Hass besiegt

Ohne ihn selbst zu beenden

Er kann mir sagen was er will

Er kann mir singen wie er’s meint

Und mir erklären was er muss

Und mir begründen wie er’s braucht

Ich setze auf die Liebe! Schluss!

(aus: Das Schwere leicht gesagt, 1994, S.106)

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