Es geht nicht um den Erhalt der Kirche!

Liebe Leser!

Unser heutiger Predigttext bietet sich an, abschnittsweise besprochen zu werden. Beginnen wir also diesmal ganz herkömmlich am Anfang:

4,11 Und er hat einige als Apostel eingesetzt, einige als Propheten, einige als Evangelisten, einige als Hirten und Lehrer, (…).

Liebe Gemeinde! Gott schenkt Menschen die Begabung, Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrende zu sein. Apostel: Bewahrer des rechten Evangeliums. Propheten: hellsichtige und scharfsinnige Ausleger des Wortes Gottes in unsere Zeit hinein. Evangelisten, die die Gemeinde aufbauen. Hirten: Gemeindeleiter Lehrende. Eine Menge an unterschiedlichen Aufgaben für unterschiedlichste Menschen: Das ist keine Pfarrerkirche. Das ist Gemeinde, gebaut aus allen ihren Gliedern.

Ich lese weiter: Wozu das alles?

(4,12) damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes. Dadurch soll der Leib Christi erbaut werden, (13) bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Menschen, zum vollen Maß der Fülle Christi, (14) damit wir nicht mehr unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen durch trügerisches Spiel der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen.

Soweit. Gott schenkt die unterschiedlichen Gaben, damit die Heiligen, also die Kirche, die Gemeinde als der Leib Christi erbaut werde, bis wir alle gemeinsam voll und ganz Jesus Christus erkennen und vollendete Menschen werden. Denn wer Christus voll erkannt hat, dem macht keiner mehr etwas vor, den führt keiner mehr hinters Licht, in bezug auf das, was die Wahrheit ist, der fällt auf keine Sekte herein und auf kein dummes Geschwätz, denn er weiß vollkommen, was Wahrheit ist. Um die Wahrheit geht es.

(4,15) Laßt uns aber von der Wahrheit reden in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus,

(16) von dem aus der ganze Leib zusammengefügt ist und ein Glied am andern hängt durch alle Gelenke, wodurch jedes Glied das andere unterstützt nach dem Maß seiner Kraft und macht, daß der Leib wächst und sich selbst aufbaut in der Liebe.

Um die Wahrheit geht es! Und die Wahrheit schlägt man sich und anderen nicht wie eine nassen Waschlappen um die Ohren, sondern hält sie höflich, wie einen Mantel hin, damit man hineinschlüpfen kann. Höflich ist noch nicht ganz das rechte Wort, Paulus redet von Liebe: liebevoll sollten wir uns und anderen die Wahrheit hinhalten, damit man hineinschlüpfen kann wie in einen Mantel.

So mit wachsamen Augen, die Wahrheit als Leitstern, höflich und liebevoll sich selbst und anderen gegenüber, wächst die Gemeinde ihrem Haupt entgegen: Christus. Wenn wir ihm durch liebevoll vertretene Wahrheit entgegenwachsen, ist auch schon klar, wie dieses Haupt, Christus ist: wahrhaftig, ja die Wahrheit selbst, der Welten tiefster Grund, höflich, ja liebevoll kommt er uns entgegen, hält uns die Wahrheit, um die wir uns bemühen, wie einen Mantel hin.

Liebe Gemeinde! Wenn wir gemeinsam, wahrheitsliebend, höflich, ja liebevoll gegenüber uns selbst und anderen auf Christus zuwachsen, dann verschmelzen wir mit ihm wie die Glieder eines Körpers. Die Wahrheit muss dann nicht mehr von uns geschaffen werden, wie könnte sie auch? Die Liebe muss dann nicht mehr aus uns kommen, wie sollte sie auch, wo sie doch nur geschenkt werden kann? Die Gaben Apostel, Bewahrer des rechten Evangeliums zu sein oder Propheten, hellsichtige und scharfsinnige Ausleger des Wortes Gottes oder Evangelisten, die die Gemeinde aufbauen oder Hirten, Gemeindeleiter oder Lehrende, – diese Gaben müssen dann nicht aus uns kommen, sondern sie sind im wahrsten Sinne des Wortes GABEN, die uns zufließen von unserem gemeinsamen Haupt Jesus Christus her.

Es geht um die Wahrheit, nicht um den Erhalt oder Aufbau der Kirche. Aber gegen den Trend, sich von anderen zu isolieren oder isoliert zu sehen, auch was Glauben, die Wahrheit angeht, weist Paulus auf die Überlebensnotwendigkeit von Gemeinschaft hin.

»Ich kritisiere hier eine an vielen Stellen zu beobachtende Tendenz, sich selber und sich allein zur Norm und zum Horizont dessen zu machen, was man sagen, was man denken und was man glauben kann. Ich kritisiere den Isolationismus und die magersüchtige Redlichkeit, die nicht zulässt, was man nicht selber gedacht und gefühlt hat … Auf Dauer gibt es Glauben ohne Kirche nicht. Glaube und Hoffnung sind zu schwer für den einzelnen« (Steffensky S. 17). Ohne Kirche gibt es bald auch keinen Glauben mehr, keine gemeinsam bezeugte Wahrheit. Allein kann man eben nicht höflich sein, allein kann man nicht lieben. Allein hält man niemandem den Mantel hin, allein gibt es keine Wahrheit. Höflichkeit, Liebe und Wahrheit gibt es nur in Gemeinschaft untereinander und gemeinsam mit Jesus Christus, der die Liebe ist. Und ohne diese geradezu körperliche Gemeinschaft bleibt von uns nichts.

In der Gemeinschaft untereinander und gemeinsam mit Christus aber, wenn wir die Wahrheit im Blick behalten und liebevoll in die Welt tragen, wachsen wir zur Vollkommenheit: Vollkommenheit: schon das Wort birgt es in sich: Allein kann man nicht vollkommen sein, weder als Einzelperson noch als Einzelgemeinde noch als einzelne Kirche. Vollkommenheit, schon das Wort birgt es in sich, zielt auf die ganze Welt. Vollkommen sein kann man weder allein in seiner Wohnung, noch allein als Gemeinde, noch allein als Kirche. Vollkommen sein kann man nicht einmal allein als Welt oder Universum. Allein kann man nicht vollkommen sein, bestenfalls eingebildet.

Vollkommen sein können wir nur, wenn wir bereit sind, uns einbinden zu lassen, zu verschmelzen mit dem Körper Jesu Christi, der die Liebe ist, und allem und jedem, der bereits dazugehört. Vollkommen: nicht mit einem Hautstückchen, einer Sehne, oder einem Muskelstrang, nicht nur im Kopf, nicht nur mit der Hand, nicht nur ideell, nicht nur finanziell, wie als wenn die Hand nur an einer Sehne am Körper hängen würde. Sondern vollkommen, unauflöslich mit Haut und Haaren, Muskeln und Gelenken, Geldbeutel und Geist, Körper und Seele verschmolzen mit Jesus Christus und untereinander. Das ist die Vollkommenheit, von der Paulus redet.

Ob wir vollkommen mit Christus verschmolzen sind, zeigt sich im liebevollen Umgang miteinander beim Bemühen um die Wahrheit in der Gemeinschaft untereinander und in Jesus Christus. Vollkommenheit zeigt sich daran, ob wir die Wahrheit noch selbst schaffen wollen oder ob sie uns zufließt, ob wir die Liebe noch aus uns selbst zu holen versuchen, oder die Liebe Christi verschenken.

Ich denke, in diesem Sinne sind wir wohl alle noch rechte Heiden.

Aber uns gilt der Ruf und mit dem Ruf die Verheißung:

(4,15) Laßt uns (…) von der Wahrheit reden in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus,

(16) von dem aus der ganze Leib zusammengefügt ist und ein Glied am andern hängt durch alle Gelenke, wodurch jedes Glied das andere unterstützt nach dem Maß seiner Kraft und macht, daß der Leib wächst und sich selbst aufbaut in der Liebe.

Dazu geleite uns Gott, der höher ist als all unsere Vernunft. Er bewahre und geleite unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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