Gottes Wahrheit bringt Bewegung

Liebe Gemeinde,

vor einigen Wochen hatten wir hier im Pfarrbereich Besuch aus Afrika, genau aus Tanzania, aus der Partnerdiözese Iringa. Ein Pfarrer war dabei, der ungefähr ebenso viele Gemeinden zu betreuen hat wie ich, allerdings etwas weiter voneinander entfernt. Und im Unterschied zu mir erledigt er alles mit dem Rad, ein Auto hat er nicht. Einmal alle zwei Monate, so erzählte er, sei er in jeder Gemeinde. Dennoch finden überall pro Sonntag zwei Gottesdienste statt, zu denen 55% der Gemeindeglieder erscheinen. "In jedem Ort gibt es zwei Evangelisten", sagt er. Evangelisten sind Leute, die ehrenamtlich Gottesdienste halten, ohne Theologie-Studium, aber voller Vertrauen auf den, der sie eingesetzt hat, auf Gott. Die Tanzanianer haben mich ins Nachdenken darüber gebracht, was Gemeinde ist, was diese Glieder am Leib Christi sind. Ich war ja selbst schon dort in Afrika, und als ich zurückkam, hatte ich das Gefühl, in Glaubensdingen müsse die Mission inzwischen umgekehrt verlaufen. Vor 100 Jahren haben Missionare aus Pommern das Christentum nach Tanzania gebracht. Heute kommen zu uns gläubige Menschen von dort, die uns vormachen können, was wir tun können, "bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Mann, zum vollen Maß der Fülle Christi, damit wir nicht mehr unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen durch trügerisches Spiel der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen."

Erst hatte ich ein paar Probleme mit diesem Predigttext aus dem Epheserbrief – mir ist es ein nicht so sympathisches Bild, mir den Leib Christi sozusagen nachgebaut durch die Kirche vorzustellen. Mir ist dabei dieses Massenpuzzle eingefallen, das mich im letzten Jahr befremdet hat: Aus Millionen Fotos einzelner Gläubiger wurde das Gesicht des verstorbenen Papstes Johannes Paul II zusammengesetzt. Aber dann habe ich mir gesagt, Jesus Christus und der Papst sind ja ein enormer Unterschied, und Fotos sind etwas anderes als Menschen, die sich darum bemühen, Jesus Christus lebendig werden zu lassen. Ich hatte zugegebenermaßen auch Schwierigkeiten damit, die Kirche, so wie sie sich heute darstellt, mit dem Leib Christi gleichzusetzen. Das wäre doch ein ziemlich unproportionierter Leib, mit etlichen Schwachstellen. Mir ist das Goethe- Wort aus dem "Faust" eingefallen: "Die Kirche hat einen guten Magen". Vom Haupt, von Christus, ist da nicht die Rede – allerdings sagt den Satz auch Mephisto, der Teufel.

Vielleicht ist das ja ein Dauerprojekt, den Leib Christi zu erbauen, bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Mann, zum vollen Maß der Fülle Christi. Einige, so meint Paulus, hat Gott als Apostel eingesetzt, einige als Propheten, einige als Evangelisten, einige als Hirten und Lehrer, nicht damit sie sich als etwas Besonderes vorkommen, sondern damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes. Die Heiligen, das ist die ganze Gemeinde, alle, die daran glauben, dass Jesus Christus gekreuzigt wurde und auferstanden ist, damit wir alle gerettet werden aus Tod, Angst und Abhängigkeiten. Aber wie ist das nun? Hat es sich nicht im Lauf der Jahrhunderte eingeschlichen, dass auch die Kirche, die eigentlich der Leib Christi sein sollte, die dafür sorgen sollte, damit wir nicht mehr unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen, ihre Eigendynamik entwickelt hat? Die Kirchengeschichte ist voller trüber Kapitel, in denen Menschen bewusst in Unmündigkeit gehalten wurden, von solchen, die sich Hirten und Lehrer nannten. Angefangen da, wo es bestimmten Kreisen vorbehalten war, die Bibel zu lesen, einfach, weil sie nicht in der Sprache, die die Gemeinde sprach, zu haben war und aufgehört da, wo bis heute dem Gesetz Christi, der Liebe, andere Gesetze hinzugefügt werden, die ihn möglicherweise in Wut gebracht hätten. Ich denke da an die dicken Bände des ius Canonici der katholischen Kirche, in dem Zölibat, Verbot gemeinsamer Abendmahlsfeiern, Ablass und allerhand andere Dinge festgeschrieben sind. Wie soll da die Einheit des Glaubens, die der Apostel fordert, gedeihen? Aber auch unser Kirchenrecht, unser Pfarrerdienstgesetz mit allen Ausführungsbestimmungen, Prädikantengesetz, Lektorenverordnung usw. lässt wenig übrig vom Pfingstgeist, vom Sprachen- oder Hörwunder, das jeden alles verstehen ließ. Statt den Leib Christi zu bauen, schnippeln wir daran herum wie ein plastischer Chirurg, fürchte ich.

Der Text lässt sich heute nicht mehr eins zu eins auf die Gegenwart übertragen. Die Realität von Predigenden und ihrer Gemeinde ist sicher eine andere als die des Epheser- Briefes. Damals ging es um eine noch im Aufbau befindliche Kirche in einem multikulturellen feindlichen Umfeld. Heute sind die Kirchen feste Institutionen, aber gerade hier in Deutschland ist die Situation dennoch durchaus vergleichbar.

Denn einerseits schwindet das Grundwissen in Sachen Glauben, andererseits ist in den neuen Herausforderungen (»Kampf der Kulturen«/Religionen) wie auch in der unerlässlichen Notwendigkeit von Neuorientierung einer globalisierten Welt die klare eigene Position unabdingbare Voraussetzung. Wer aber klar Position beziehen will, muss sich auskennen. Anlässlich des Katholikentages in Saarbrücken machte der lokale Fernsehsender eine Umfrage am Ort des Geschehens: "Kennen Sie die vier Evangelien?" wurden Passanten gefragt. Einer meinte: "Da sind sie bei mir an der falschen Adresse, ich bin katholisch."

Ein Ort, wo dieses Wissen vermittelt und in die Praxis des Lebens umgesetzt und eingeübt werden kann, ist die Kirche. Lernen und Einüben des Glaubens unter Mitwirkung all ihrer Glieder mit ihren vielfältigen Gaben bauen Kirche. Ein wichtiges Stichwort ist dabei »Liebe« (V.15f.) – im Umgang mit Wahrheit und untereinander. Es ist gar nicht so leicht, innerhalb der Kirche Liebe umzusetzen. Gemeint ist ja die brüderliche und schwesterliche Liebe, die sich entfaltet unter dem Aspekt, dass Gott unser aller Vater ist. Und diese Liebe bedeutet, den anderen mit all seinen Macken anzunehmen, so, wie er ist. Das kann einem ganz schön schwer fallen, auch mit Vorgesetzten innerhalb der Kirche. Ich habe mich gerade mit dem Papier "Gewalt in der Arbeitswelt" auseinandergesetzt, das im Rahmen der Friedensdekade an alle Pfarrämter geschickt wurde. Da geht es auch um Kirche als Arbeitgeber. Manchmal, wenn es um das Miteinander geht, wird da unter eher unbrüderlichen Bedingungen Kirchenrecht umgesetzt auf Biegen und Brechen. Und ich glaube, es ist nötig, immer wieder anzumahnen, dass wir eigentlich daran arbeiten, gemeinsam den Leib Christi zu erbauen.

Sie als Gemeindemitglieder merken gewiss manchmal auch, dass da etwas nicht stimmt. Dann zum Beispiel, wenn Sie als Ehrenamtliche nicht ge- sondern überfordert werden, einfach, weil auch die Hauptamtlichen nicht mehr alles schaffen. Oder wenn Sie mit Paragraphen konfrontiert werden, die manche kreative Lösung zum Wohl der Gemeinde einfach unterbinden. Sei es nun das Verbot, Kirchenland zu verkaufen oder auch das komplizierte Personalrecht. Wenn man sich die Frage stellt: "Was würde Jesus dazu sagen?", dann kann einem ganz schlecht werden. Es beschleicht mich in solchen Situationen das Gefühl, als leidet der Leib Christi empfindlich an Gelenk-Rheumatismus.

"Laßt uns aber wahrhaftig sein in der Liebe", das ist wirklich schwer umzusetzen – wieviel Wahrheit verträgt Liebe, um nicht umzuschlagen in Feindschaft? Andererseits: Ist das Liebe, wenn ich der Eintracht willen alles mögliche unter den Teppich kehre, Konflikte ausspare und auch eigene Fehler vertusche? Um aufrichtig sein zu können, braucht es eine Vertrauensatmosphäre, die manchmal in unserer Kirche nicht mehr gegeben ist. Wir brauchen dabei nicht mit dem Finger auf die Katholiken zu zeigen. Ein Beispiel aus jüngerer Vergangenheit fällt mir ein:

Der Todestag von Oskar Brüsewitz, der sich 1976 aus Protest gegen die DDR-Kirchenpolitik auf dem Marktplatz von Zeitz selbst verbrannt hat, jährt sich im August zum 30. Mal. Bereits in der nächsten Woche kommt ein neues Buch über den Zeitzer Pfarrer in den Handel. „Ich werde dann gehen“ lautet der Titel des Bandes, der neben Autorenbeiträgen – unter anderem von Manfred Stolpe oder Richard Schröder – außerdem bisher unveröffentlichte Zeitdokumente enthält.

Bischof Axel Noack in seinem Nachwort:„Von außen wurde unsere Kirche mit massiven Vorwürfen überzogen. Mittlerweile hat sich die Debatte versachlicht. Verstummen aber wird sie und darf sie nicht. Darüber, ob unsere Kirche versagt hat, darf man nicht nur in der Vergangenheitsform debattieren.“

Ich denke, auch das gehört zum "Geist der Wahrheit", dass Kirche sich immer wieder hinterfragt, hinterfragen muss, auch in weniger tragischen Situationen, wo sie anfällig wird, unmündig zu sein und sich von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben zu lassen durch trügerisches Spiel der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen.

Kirche hat sich zu prüfen an Gottes Wahrheit. Gottes Wahrheit verheißt nicht Harmonie und Ruhe. Sie bringt Bewegung, Unruhe und Leben. Der Geist der Wahrheit packt die Menschen und führt den Blick über den menschlichen Horizont hinaus, über die Geschichtlichkeit der Menschen hin zur Geschichte Gottes mit den Menschen. Wer sich dem Geist öffnet, nimmt Anteil an der unendlichen Geschichte der Liebe Gottes.

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