Mehr als gesunder Menschenverstand

Die Antependien sind rot. Das sind sie selten und verraten etwas Besondere. Heute geht es um Liebe und es geht um Feuer, das Feuer, das entbrennt, von dem wir eben gesungen haben. Dass Pfingsten wie Weihnachten und Ostern einen zweiten Feiertag kennen, verrät uns, dass es sich hierbei um ein christliches Hochfest handelt. Und doch ist es ein fest, an dem eher die Kirchen leer und die Autobahnen voll sind.

Pfingsten ist ein Fest, dessen Charme eher im Verborgenen blüht und so wissen viele gar nicht genau, worum es dabei geht. Ich will es kurz in Erinnerung rufen:

Pfingsten will Begeisterung entlocken – erfüllt vom Geist. Pfingsten beginnt im Verborgenen. Die Jünger sitzen abgeschottet zusammen, trauen sich nicht nach draußen. Sie haben Karfreitag und Ostern erlebt. Himmelfahrt – das Fest in dem ihnen zugesprochen wurde, dass sie als mündige ChristInnen ihren neu gewonnenen Glauben nun leben können ohne die leibliche Anwesenheit Jesu. Jesus hat ihnen die Vollmacht gegeben in die Welt zu gehen, zu predigen, zu verkünden, zu taufen. Aber sie trauen sich nicht. Sie sitzen zusammen, sie beten und erzählen sich gegenseitig, was ihnen wichtig ist, aber hinter verschlossenen Türen. Ein bisschen erinnert mich das an die Kirche von heute. Da passiert auch Vieles im Verborgenen, Sonntags um 10 hinter geschlossenen Türen.

Aber damals in Jerusalem passiert Unerklärliches an Pfingsten. Die Schriftsteller der Bibel können es nur in Bildern fassen: Brausen wie Sturm, Zungen wie von Feuer, Heiliger Geist, der sich auf jeden setzt.

Aber diese Bilder sind eigentlich auch nicht das Wichtige, sondern die Menschen, die eben noch hinter verschlossenen Türen sitzen und nun aufbrechen und erzählen von Jesu und von Gott und das in einer Weise, das auch Menschen fremder Sprache es verstehen können. Dieser Sturm entfesselt eine Bewegung, die bis auf den heutigen tag anhält.

Pfingsten ist das Fest der neuen Sprache von den Wundertaten Christi – und ich darf mitfeiern, mich begeistern lassen und mitsprechen. Die rote Farbe der Antependien begleitet mich dabei. Sie verrät etwas on der Liebe Gottes und dem Geist, der in uns brennen will. Was dieser Geist bei uns in Bewegung will, erzählt der Apostel Paulus in unserem heutigen Predigttext in ganz anderen Worten:

[TEXT]

Da ist plötzlich die Rede vom Geist der Welt, der irgendwie nicht zu uns gehört. Das klingt ja ganz schön weltfremd. Ist es aber eigentlich nicht. Denn eigentlich geht es hier um den gesunden Menschenverstand – und die Erkenntnis, dass der nicht immer so gesund ist.

Mit ihrem gesunden Menschenverstand hätten die Jünger nach Himmelfahrt ihre Siebensachen zusammenpacken können, hätten heimziehen können an den See Genezareth, die Fischerboote wieder flott machen, ein paar Fische an Land ziehen können und von alten Zeiten träumen, so wie heute 50 bis 60-jährige von Woodstock erzählen als hätten sie mit Jimi Hendrix persönlich auf der Bühne gestanden. Es war eine geile Zeit!

Kein gesunder Menschenverstand erwartet mehr als das von ihnen. Aber tief in ihnen schlummert eine Hoffnung, auf einen Hingerichteten der auferstanden ist und sie zurück gelassen hat mit den Worten: ‚Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen’. Sie haben keinen Ahnung, wie das aussehen soll, was sie da vielleicht erwartet, aber es hält sie zurück. Und darum wird bei ihnen Pfingsten. Darum erzählen sie nicht von glorreichen vergangenen Zeiten, von geschlagenen Schlachten, sondern sie reden von der Zukunft und die Erzählungen über Jesus dienen nur dem Zweck die Zukunft zu illustrieren. Einer der großen Fehler die Evangelien wie ein Geschichtsbuch zu nehmen. Sie sind eine Sammlung von Predigten, die von Jesus erzählen um unser Leben zu verändern. Um uns auch herauszureißen aus einem Alltag, der von großen Erinnerungen lebt hin zu einem Leben, das von Gott noch etwas erwartet, das seinen Geist erwartet mitten im Leben.

Pfingsten ist das Fest der Gabe des Geistes Gottes, das uns begeistern will, unseren Glauben zu leben in unserem Alltag zu erzählen von den Gaben Gottes, die wir empfangen haben. Darum ermutigt Paulus seine LeserInnen sich diesen Geist gefallen zu lassen, der oft genug dem gesunden Menschenverstand widerspricht, der mit normalen menschlichen Maßstäben nicht zu begreifen ist.

Darum geht es wohl auch bei dem Streit in Korinth, wo sich einige aus Gründen philosophischer Wissenschaft und gesunden Menschenverstandes auf ein Vernunftchristentum zurückziehen. Ihnen ist klar, dass das was Christus verkündet hat und seine JüngerInnen predigen, nicht in ein natürliches Weltbild passt und sie zogen die Konsequenz des gesunden Menschenverstandes: ‚Nicht sein darf, was nicht sein kann.’

Dagegen schreibt Paulus von dem Geist aus Gott, den wir empfangen kann, der uns helfen kann auch die Wunder Gottes wahrzunehmen, der uns beflügeln kann damit zu rechnen, dass Gottes Geist auch in unser Leben eingreifen will und dort ganz unvernünftige Dinge anstellen kann.

‚Wir aber haben Christi Sinn.’ Das ist für Paulus der Zielsatz seines Gedankens. Wir gehören mit ihm zusammen, er schenkt uns seinen Geist und unserem Leben einen neuen Sinn. Wir könne aufatmen, weil wir nicht alles selbst berechnen, selbst erklären müssen, sondern leben dürfen als Schwestern und Brüder, als Begeisterte.

Gott hat uns seinen Geist geschenkt, er hat uns mit Begeisterung erfüllt – reden wir darüber. Erzählen wir von diesem Jesus Christus und erzählen wir davon, was in unserem Leben alles anders werden kann, wenn wir seinem Geist Raum gewähren. Gerechtigkeit könnte wachsen, wie sie der Katholikentag letzte Woche beschoren hat, Gerechtigkeit, die nicht bedeutet jeder hat mehr, sondern es geht menschlich zu bei den Menschen.

Pfingsten ist auch das Fest der offenen Kirchentüren. Menschen gehen heraus und erzählen anderen Menschen, was ihnen wichtig ist vom Glauben an Gott, der Mensch wird, der leidet unter den Menschen, der stirbt und neues Leben schenkt. Pfingsten ist das Fest der Begegnung von Menschen, denen ihr Glaube wichtig ist, mit anderen Menschen. Wir können nicht einfach sitzen bleiben. Wir dürfen aufbrechen und von unserem Gott erzählen. Er wird seinen Geist dazugeben, dass auf unseren Gesprächen sein Segen liegt.

Wir dürfen leben aus dem Geschenk des Geistes heraus – dem Geist der Gemeinschaft. Das kann uns neu beflügeln, wenn in der kommenden Woche die Fußballweltmeisterschaft beginnt. ‚Die Welt zu Gast bei Freunden’. Das war schon so bei den Jüngern al sie in Jerusalem von Jesus erzählten und alle haben etwas verstanden, konnten etwas für sich mitnehmen. Vielleicht können die Freunde zu Gast bei uns auch etwas verstehen, etwas mitnehmen und wir können etwas verstehen und behalten von den großen Unterschieden auf dieser Welt, die uns ermutigen wollen, wenigstens sein wenig Gerechtigkeit zu schaffen. Und vielleicht können wir auch etwas mitnehmen von Freude und Ausgelassenheit trotz aller Sorge, die manche Menschen gerade aus armen Ländern empfinden. Die Welt rückt sich näher, rücken wir mit. Und teilen den Geist Gottes mit Schwestern und Brüdern – zu Gast bei uns.

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