Größenwahn?

Wir feiern Pfingsten, das Fest des heiligen Geistes. Es ist das unbekannteste der christlichen Feste. Laut Umfragen wissen nur ungefähr 30% der Menschen in unserem Land, was wir an Pfingsten feiern. Wir beginnen jeden Gottesdienst im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, aber was wir uns unter dem heiligen Geist vorstellen sollen, wissen wir nicht so genau. Irgendwie ist der Heilige Geist nicht so gut fassbar. Zumal er oder sie oder es im Alten Testament einfach Windhauch oder Lebensatem heißt. Und überhaupt woran erkennen wir, das Wirken des heiligen Geistes? Gibt es also an Pfingsten überhaupt etwas zu feiern?

Diese Fragen wird uns sicher unser heutiger Predigtext aus dem 1. Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth beantworten.

[TEXT]

An Selbstbewusstsein fehlt es Paulus nicht. „Ich habe die Gedanken Jesu. Ich weiß, was Gott will und denkt. Ich kann alles richtig beurteilen, aber niemand kann mich beurteilen. Ich verstehe Gott.“ Wenn jemand heute so etwas zu uns sagen würde, würden wir denken der tickt nicht mehr richtig. Gott, der das Universum geschaffen hat, von dem wir noch nicht einmal wissen ob es endlich oder unendlich ist. Gott, der die Naturkonstanten entwickelt hat, von denen wir noch nicht einmal genau wissen ob sie immer gelten oder ob sie sich im Laufe der Jahrmillionen geändert haben. Wie kann jemand behaupten, er versteht Gott? Das ist doch Größenwahn.

Ja, wahrscheinlich. Und doch ist es bei Paulus auch Demut. Denn er sagt auch: Von mir aus verstehe ich überhaupt nichts. Von mir aus würde ich alles, was Gott mir zeigt für Unsinn halten. Ich verstehe nur deshalb etwas, weil Gottes Geist in mir wirkt. Nur durch den heiligen Geist kann ich überhaupt etwas von Gott erfassen. Und darin unterscheidet Paulus sich ja nicht von den Menschen, an die er seinen Brief schreibt. Auch die haben den heiligen Geist empfangen. Auch die werden vom heiligen Geist belehrt. Also hat Paulus ihnen ja gar nichts voraus. Und darin unterscheidet sich Paulus ja auch nicht von uns, die wir hier in der Kirche sitzen. Auch wir haben in unserer Taufe den heiligen Geist empfangen auch wir gehören zu Jesus Christus. Auch in uns wirkt Gottes Geist. Wir brauchen uns nur dafür zu öffnen.

Das ist die Theorie. Eine etwas überraschende Theorie wie ich zugeben muss. Aber was hilft uns die beste Theorie, wenn wir unserem Alltag nichts davon merken. Der heilige Geist die schließlich die dritte Person Gottes und damit eine nicht zu übersehende Macht. So ganz unauffällig kann sein Wirken ja wohl nicht sein. Also merken wir etwas davon, dass wir den heiligen Geist erhalten haben? Und wenn nein, hat Paulus vielleicht unrecht. Oder galt das damals aber für uns heute ist es überholt?

Ich glaube da hilft uns der erste Satz unseres Predigttextes: „Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Heiligen Geist von Gott, damit wir erfassen können, was Gott uns geschenkt hat.“ Die Wirkung des Heiligen Geistes ist: Wir können erfassen, was Gott uns geschenkt hat. Es geht nicht darum, dass wir die Welt und das Leben und Gott in all seiner Weisheit und Größe verstehen. Aber wir können verstehen, was Gott uns geschenkt hat. Und wenn wir verstehen, was wir von Gott geschenkt bekommen haben, dann ist das ein völlig anderes Leben als wenn wir das nicht verstanden haben. Der Heilige Geist ist tatsächlich spürbar. Der Heilige Geist kann unser Leben bestimmen, und zwar dadurch, dass wir verstehen, was wir von Gott geschenkt bekommen haben. Ja, was haben wir denn von Gott geschenkt bekommen?

Einfach alles: Unser Leben, unsere Familien, Kinder und Eltern und Geschwister und Freundinnen und Freunde, unsere Mitchristinnen und Mitchristen, diese Welt voller Wunder, die Farben der Blumen und die Früchte der Erde, zu Essen und etwas anzuziehen, Wohnung und Wärme, Wasser und Luft. Gott hat uns diese Erde anvertraut und er hat sie uns gegeben, damit wir in ihr leben in Beziehung mit allem, was er geschaffen hat. Und wenn wir das nicht nur mit dem Kopf sondern auch mit dem Herzen verstehen, dann werden wir gut auf unsere Welt aufpassen und dann können wir gar nicht anders als Gott loben und uns freuen und dieses große Geschenk dankbar annehmen. Das ist aber noch nicht alles.

Gott hat uns uns selbst geschenkt. Gott hat uns unseren Körper gegeben. Wir können sehen und schmecken und hören und riechen und lieben und hassen. Wir können Möbel bauen und Spülen putzen, wir können Kinder lehren und Kranke pflegen, wir können Logarithmen berechnen und Gedichte schreiben. Und jede und jeder tut etwas davon ein bisschen anders. Wir sind einmalige Wesen. Es gibt niemanden auf der Welt, der so ist wie wir. Niemand hat die gleichen Gene, niemand hat die gleichen Erfahrungen, niemand hat die gleichen Fähigkeiten und Möglichkeiten wie wir. Für Gott sind wir nicht ersetzbar und nicht austauschbar. Gott braucht und will uns genau so wie wir sind. Und wenn wir das nicht nur mit dem Kopf sondern auch mit dem Herzen verstehen, dann werden wir gut auf uns selbst aufpassen und dann können wir gar nicht anders als Gott loben und uns freuen und dieses große Geschenk dankbar annehmen.

Gott hat uns noch etwas sehr wichtiges geschenkt: nämlich eine Beziehung zu sich selbst. Und zwar durch Jesus Christus. Dieses Geschenk ist mindestens so wunderbar wie die anderen beiden Geschenke – die Welt und wir selbst. In allen Schwierigkeiten können wir uns an Gott wenden, und um Hilfe bitten. Wir können uns darauf verlassen, dass Gott uns trägt und leitet. Wir können ihm unsere Sorgen anvertrauen und uns darauf verlassen, dass er für uns sorgt. In der Bibel, in der Menschen ihre Erfahrung mit Gott aufgeschrieben haben, finden wir Trost und Orientierung. Und wenn wir uns einmal verlaufen haben, uns von Gott entfernt haben dann sucht er nach uns. Und wenn wir nicht mehr weiter wissen, dann dürfen wir zu Gott umkehren. Und er wird uns vergeben und sich freuen, das Verlorene wieder gefunden zu haben. Wenn wir das nicht nur mit dem Kopf sondern auch mit dem Herzen verstehen, dann werden wir gut auf unsere Beziehung zu Gott aufpassen und dann können wir gar nicht anders als Gott loben und uns freuen und dieses große Geschenk dankbar annehmen.

So wirkt der heilige Geist in uns. Wir können erfassen, was Gott uns geschenkt hat. Was ich da jetzt beschrieben habe, ist ziemlich allgemein. Spannend wird es aber vor allen Dingen, wenn es mehr in die Einzelheiten geht. Ich habe im letzten Jahr angefangen aufzuschreiben, was Gott mir in meinem Leben geschenkt hat. Das ist eine gute Übung. Ich kann sie nur weiterempfehlen. Ich habe lange Zeit nur auf die Schwierigkeiten und das Leid geblickt und die Dinge mit denen ich schwer zu kämpfen hatte in meinem Leben. Aber das andere, das Gute ist auch da. Ich habe zu sehen gelernt, was für Fähigkeiten ich durch das Leben mit einer schwierigen Person geschenkt bekommen habe. Bisher hatte ich immer nur die Einschränkungen gesehen, die ich dabei zweifellos auch erfahren habe. Ich habe sehen gelernt, wie Gott mich beschützt hat und mir einen Weg gezeigt hat in einer Zeit als ich gegen eine Wand gelaufen war. Aus all dem ist eine tiefe Dankbarkeit gewachsen. Und Dankbarkeit ist einfach eine Quelle der Freude. Es ist schön auf das sehen zu dürfen, was gut geworden ist.

Wissen Sie, ich bin nicht für positives Denken und rosarote Brillen. Wenn es schwierig wird, kosten sie einfach zuviel Kraft. Und dann haben wir keine Kraft mehr übrig, um das Bedrohliche von uns fern zu halten. Aber das wovon ich rede, ist etwas anderes. Es ist damit vereinbar das Schreckliche und Bedrohliche in der Welt zu sehen und auszuhalten. Der heilige Geist bewirkt, dass ich erfassen kann, was Gott mir geschenkt hat. Und Gott hat mir gerade in leidvollen Situationen viel Gutes geschenkt. Und wenn ich mich daran erinnere und darauf sehe, dann kann ich gar nicht anders als Gott zu loben, mich zu freuen und sein Geschenk dankbar annehmen.

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