Die 5. Dimension

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde – beginnen möchte ich mit ein bisschen Relativitätstheorie, so gut ich es vermag.

Die ersten Schritte sind ganz einfach: Hier ist ein Karton, an dem ich Ihnen die drei Dimensionen des Raumes zeigen kann: Das sind Länge, Höhe und Breite. So sehen wir alle Dinge in drei Dimensionen, ohne dass uns das bewusst wird. Wenn Sie zum Beispiel in die Kirche kommen, erfassen Sie auf den ersten Blick, dass die Bänke dreidimensional sind. Wären sie nämlich zweidimensional, also flach, könnte man sich nicht drauf setzen. Jeder Raum, den Sie betreten, hat diese drei Dimensionen. Ohne nachzudenken verstehen Sie das. Ihr Hirn kapiert das viel schneller als sie selber. So werden Sie sich instinktiv ducken, wenn die Dimension der Höhe sich zum Beispiel durch eine tiefhängende Lampe verändert. Die drei Dimensionen des Raumes bestimmen unseren Alltag, ohne sie könnten wir keine Kartoffeln schälen und keine Blumen setzen.

Manchmal müssen wir uns diese drei Dimensionen bewusst machen. Wenn wir zum Beispiel ein Haus malen wollen, dann müssen wir versuchen, drei Dimensionen auf zwei herunter zu brechen, das ist gar nicht so einfach, dann wird Malen schon schwierig und kunstvoll. Das kann man lernen und berechnen, aber einfach ist das nicht. Räumlich sehen und räumlich denken, das brauchen wir, wenn wir unsere Wirklichkeit abbilden wollen und manchmal auch, wenn wir uns in ihr bewegen wollen, z. B. beim Einparken. Da muss ich in meinem Kopf eine Vorstellung des hinter mir liegenden Raumes entwickeln, das ist gar nicht so leicht wie Männer immer sagen.

Aber die drei Dimensionen des Raumes sind noch gar nicht so schwierig. Albert Einstein hat entdeckt, dass dazu noch die Dimension der Zeit kommt, das meint: Die Geschwindigkeit mit der sich Dinge bewegen oder wir Dinge bewegen, nimmt Einfluss auf die Gegenstände. Einstein stellt fest, dass Zeit unterschiedlich schnell vergeht gemessen an der Geschwindigkeit des Lichts, die immer konstant bleibt. So wäre es theoretisch möglich, wenn man schneller als das Licht wäre, von einem fernen Planeten den eigenen, Jahre zurückliegenden Raketenstart zu beobachten, also quasi in der Zeit zurückzugehen. Früher hat man geglaubt, wenn alle Dinge aus der Welt verschwinden, so bleiben noch Raum und Zeit übrig. Nach der Relativitätstheorie verschwinden aber Raum und Zeit mit den Dingen.

Sie merken, liebe Gemeinde, ich verstehe selbst nicht, was ich da rede und Ihre pfingstliche Begeisterung hält sich folglich in Grenzen. Ich verstehe nur soviel: Der Zeitfaktor ist für unser Leben und für unsere Wahrnehmung von existentieller Bedeutung. Wir merken das ja daran, dass wir altern und vergehen und wie alle Dinge, auch unser Leben, sich dadurch verändern, dass sie mit dem Faktor Zeit in Berührung kommen.

Raum und Zeit bestimmen unser Leben, sie sind alles, unsere ganze Wirklichkeit. Oder fast alles. Ich will Sie mit meinen rudimentären Kenntnissen der 4 Dimensionen nur vorbereiten auf die 5. Dimension, die Paulus im Jahre 55 n. Chr. entdeckt. Ich lese den Predigttext aus seinem Brief an die Korinther:

– Text –

Das also ist die 5. Dimension: die Dimension des Geistes. Der Geist Gottes ist in allem und um alle, sagt Paulus (Kap 1, 21). Aber er ist nicht mit weltlichen Maßstäben zu errechnen. Die, die davon nichts verstehen, halten das Gerede von Gottes Geist für Unsinn, einfach weil sie an die Grenzen ihrer geistigen Kapazitäten stoßen. Er ist aber wirklich, der Geist Gottes, sagt Paulus, er ist eine Dimension unseres Lebens, genau wie der Raum und die Zeit. Immer und in allem ist Gott da und prägt unser Sein und unsere Existenz. Genauso wenig wie wir Raum oder Zeit in der Regel bewusst wahrnehmen, nehmen wir die Existenz Gottes wahr. Aber sie ist da. Es ist die geistliche Dimension unseres Lebens, die 5. Dimension unserer Existenz.

Der Gewinn Albert Einsteins besteht darin, die vierte Dimension, die Raumzeit Dimension, rechnerisch nachgewiesen zu haben. Er hat das auf eine Formel gebracht, man kann das Verhältnis von Raum und Zeit in Zahlen erfassen. Soweit sind wir in der Kirche noch nicht. Leider. Aber die geistliche Dimension, von der Paulus spricht, ist vielerorts anerkannt: Auch Physiker verstehen, dass menschliche Existenz mehr ist als ein Raum-Zeit-Geschehen. Sie beschäftigen sich z. B. sehr ernsthaft mit der Frage nach einem hinter dem vermuteten Urknall stehenden Schöpfungswillen, weil die Zusammenhänge der Entstehung der Welt so komplex sind, dass sie ohne einen ordnenden Willen kaum denkbar scheinen. Auch Physiker begreifen, dass es neben der sichtbaren Welt viel nicht Begreifbares, nicht Messbares und Unerforschliches gibt, es beginnt ja schon mit der Liebe zwischen Menschen, die man zwar mit Pheromenen erklären und doch nicht aus der Welt schaffen kann.

Gibt es gibt eine geistliche Welt, eine 5. Dimension? Paulus würde sagen: Ja, selbstverständlich. Nur fehlt es uns noch an einem Albert Einstein, der diese fünfte Dimension ermisst, berechnet und nachweist. Für die geistliche Welt gibt es keine Formel, wir sind da – noch? – auf unsere Erfahrungen angewiesen, auf das Gebet, auf das Lesen der Bibel.

Was wissen wir nun über diese 5. Dimension?

Sie ist laut Paulus in allem, auch in jedem Menschen. Jeder Mensch hat einen „Geist“, wir würden es eher Seele nennen. Und dieser Geist ist eine Art „Empfangsstation“ für die Dimension des Göttlichen. „Denn welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, als allein der Geist des Menschen, der in ihm ist?“

Die fünfte Dimension kann auf diesem Wege in unser Leben treten: „Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist.“ Das heißt, wir verstehen das in uns, aber es kommt trotzdem nicht aus uns. Der Geist Gottes ist der Bote der göttlichen Welt, der fünften Dimension.

Jesus war ein Kind der 5. Dimension. Er war wohl Mensch wie wir, aber ganz von Gottes Geist, vom Göttlichen erfüllt. Er ist der wichtigste Zeuge der Existenz des Göttlichen und gleichzeitig ist er ein Bote aus dieser anderen Welt. Er konnte Menschen heilen. Er hatte viel Verständnis und empfand große Liebe, gerade für die Armen und Benachteiligten. Er war eine sehr starke Persönlichkeit, stark genug, um dem Tod entgegenzugehen. Und: Er kam aus dem Tod zurück, der wichtigste „Beweis“: was uns umgibt, die Welt Gottes, hat ungeahnte Kraft und unausgeschöpfte Möglichkeiten. Die geistliche Welt, von der Paulus spricht, hält viel mehr für uns bereit als irdischen Trost. Da ist eine Wirklichkeit, die die Ketten unserer Realität sprengen kann.

Warum so viele Menschen das nicht verstehen, das sogar ablehnen und für Unsinn halten, das macht der Vergleich mit Albert Einsteins Relativitätstheorie einleuchtend. Wer versteht das schon? Es ist sehr schwer, sehr komplex – man sagt, es gibt auf der ganzen Welt nur eine Handvoll Wissenschaftler, die die Relativitätstheorie in ihrem vollen Umfang erfassen können. Wie viel komplizierter mag das mit der 5. Dimension sein? Wenn schon die 4. Dimension, die Dimension der Zeit, die ja noch relativ auf der Hand liegt, so schwierige Fragen aufwirft, wie viel komplexer würde eine wissenschaftliche Theorie der 5. Dimension ausfallen?

Aber keine Sorge, Sie und ich, wir müssen das nicht verstehen. Wir leben ja auch in Raum und Zeit ganz selbstverständlich und kommen dabei gut ohne die Relativitätstheorie aus. Ich hätte schon Schwierigkeiten genug, den Rauminhalt meines Kartons hier zu berechnen. Ich muss Albert Einstein nicht verstehen, ich muss auch an keiner Theorie der 5. Dimension arbeiten, dafür bin ich gar nicht klug genug. Aber ich habe wenig Zweifel daran, dass es diese Dimension gibt.

„Wir deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen“ so umschreibt Paulus seine Aufgabe. Er kann das tun, weil er den Geist Gottes empfangen hat, nicht, weil er Physik oder Theologie studiert hat. Es ist ganz einfach, sagt er: Empfangstationen einschalten, das meint: Die Seele öffnen; Sender suchen, das meint: Beten; und auf Empfang gehen, das meint: Gott hören, die fünfte Dimension in unser Leben lassen und sie begreifen. Dazu brauchen wir nicht Albert Einstein. Dazu brauchen wir nur, was Gott jedem von uns in die Wiege legte: Ein großes Herz und einen wachen Verstand. Wir brauchen Ohren, um das Wort Gottes zu hören, Augen, um die Schöpfung in ihrer Schönheit zu sehen und einen Mund, um von den Wundern unseres Gottes zu erzählen. Es ist ganz einfach und ganz schlicht und doch gleichzeitig von gewaltiger Größe. Wer die Wirklichkeit Gottes entdeckt hat, für den ist Albert Einstein nur ein weiterer kleiner Mensch, der eines der Wunder Gottes preist.

„Gott wird sichtbar, dort wo die Naturwissenschaftler an die Grenzen des sichtbaren Universums gelangen und über das Wunder unserer Existenz und seiner kosmologischen Voraussetzungen ins Staunen geraten“ – so schreibt einer dieser klugen Köpfe. „Der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.“ So schreibt der Apostel Paulus wenige Zeilen vor unserem Predigttext. Und wir? Wir horchen und staunen, wenn der Geist Gottes in unserem Leben raunt und wir spüren und wissen, dass da mehr ist, viel mehr, als Raum und Zeit zu fassen vermögen.

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