Suboptimal – superoptimal

Liebe Gemeinde!

Seit dem Bundestagswahlkampf des letzten Jahres hat sich ein neues Wort bei uns eingebürgert, und zwar das Wort „suboptimal“. Wenn etwas nicht so gelaufen ist, wie es sein sollte, dann war das eben suboptimal. Das heißt: Es hätte durchaus besser sein können. Wir alle könnten sicherlich aus unserem eigenen Leben und aus unserem alltäglichen Umfeld mühelos tausend Dinge nennen, die suboptimal sind. Vom Wetter angefangen bis hin zu manchen Zuständen in Kirche und Gesellschaft.

Doch lassen wir das heute einmal beiseite. Denn wir feiern heute Himmelfahrt. Und Himmelfahrt ist nicht suboptimal. Im Gegenteil: Himmelfahrt ist superoptimal, um eine neue Wortschöpfung ins Leben zu rufen. Himmelfahrt bedeutet: Gott ruft Jesus zu sich in sein himmlisches Reich. Das heißt: Er ruft ihn heraus aus den suboptimalen, mittelmäßigen und schlechten Verhältnissen hier auf der Erde. Jesus wird aufgehoben in den Himmel, und damit unseren suboptimalen Bedingungen entzogen. Er sitzt zur Rechten Gottes, so heißt es im Glaubensbekenntnis nach der Erwähnung der Himmelfahrt, mit anderen Worten, er hält sich nicht mehr da auf, wo Menschen versuchen, ihn, für sich zu vereinnahmen, als Freund oder Feind, zur Rechten oder zur Linken. Er ist all dem entzogen. Er gehört nicht zur Verfügungsmasse dessen, was wir Menschen in den Griff zu bekommen versuchen, worüber wir bestimmen möchten und was wir regeln wollen. Die Himmelfahrt Jesu ist Ausdruck der Freiheit und Unverfügbarkeit Gottes, jenseits aller Versuche aller Religionen, sich Gott gefügig zu machen und ihn nach Belieben zu gebrauchen – oder auch nicht. Himmelfahrt ist die Ankündigung der Herrschaft Gottes.

Jesus Christus herrscht als König, so haben wir eben gesungen, und damit sind alle Herrschaften dieser Welt, gerade auch die, die suboptimal regieren und agieren, in ihre Schranken verwiesen. Gleichzeitig ist für alle Menschen eine neue Perspektive geschaffen, eine neue Tür geöffnet, und diese heißt Hoffnung. Ob nun der Blick in einen strahlen blauend Himmel diese Hoffnung vermittelt, oder der Blick in das Gesicht eines Menschen, oder ob man auch die Hoffnung auch in sich gekehrt, also selbst mit geschlossenen Augen erfahren kann, bleibt dabei gleich. Himmelfahrt sprengt alle Grenzen unserer Vorstellungen und schränkt dabei unsere Möglichkeiten, zu hoffen und zu glauben, nicht ein, sondern öffnet sie. Und alle, die unter suboptimalen Bedingungen ihres Lebens zu leiden haben, könnenneuen Mut schöpfen. Himmelfahrt, das superoptimale Fest ist Anlas genug.

Ich bin das A und das O, spricht Gott der Herr, der ist und der da war und der kommt, der Allmächtige. Das ist einer der ersten Verse aus dem 1. Kapitel aus der Offenbarung des Johannes, des letzten Buches der Bibel. Sozusagen der Anfang vom Ende, aber dieses mal nicht in einem negativen Sinne, sondern in einem ganz positiven: Gott selbst stellt sich als Anfang und Ende vor, alle Zeiten und alle Möglichkeiten von uns Menschen übergreifend, vor uns da und nach uns da – und vor allem da, wo wir jetzt sind. Die Offenbarung – auch wenn sie viele rätselhafte Bilder enthält – ist vor allem eine Ermutigung für bedrängte Christen. Wobei die Ängste, Sorgen und Nöte, in denen die Gemeinden damals steckten, ungleich schwerwiegender sind als die, die wir heute haben. Ging es den Menschen damals doch buchstäblich an den Kragen, riskierten sie doch ihr Leben, wenn sie sich zu Jesus Christus bekannten. Daran, dass gerade aus solcher Bedrängnis ungeheuer Großes gewachsen ist, nämlich die weltweite Kirche Jesu Christi, daran sollten wir uns immer wieder erinnern lassen und darum auch nicht über Gebührt erschrecken, wenn Schreckensnachrichten kommen. Nicht wir bestimmen den Anfang der Kirche, und wir werden ganz sicher auch nicht ihr Ende herbeiführen, selbst wenn wir uns noch so ungeschickt anstellen. Anfang und Ende, A und O liegen in Gottes Hand, werden von Gott selbst bestimmt. Den Zwischenraum allerdings, die Zeit, die wir zur Verfügung haben, die gehört zu unseren Aufgaben und Möglichkeiten, die wir nutzen oder auch vertun können.

Himmelfahrt: Der weit gespannte Himmel, den wir an einem schönen Sommertag über uns bewundern, ist wohl weniger der Aufenthaltsort Gottes, lässt uns aber seine Größe erahnen. Manche erschrecken vielleicht vor der Unfassbarkeit und Unendlichkeit des Alls. Aber da kann uns die Botschaft des Himmelfahrtsfestes helfen. Es geht zu Himmelfahrt nicht um die unergründliche Weite des Himmels, sondern um die unergründliche Nähe Gottes zu uns Menschen in Jesus Christus.

Um noch einmal das gegenwärtige Schlagwort zu benutzen: Viele Menschen hätten damals sein irdisches Leben also suboptimal bezeichnet: Er hatte es zu nichts weiter als zu einem armen Wanderprediger gebracht, Geld hat er nie richtig verdient, nicht einmal eine Familie hatte er gründen zu können, allen Roman- und Filmfantasien zum trotz, und sein Leben hatte in jungen Jahren ein unrühmliches, gewaltsames Ende genommen. Doch, so heißt es sinngemäß im Neuen Testament immer wieder: Gott machte diesen Tod zum Anfang eines neuen Lebens, Gott, so heißt es im Philipperbrief, hat ihn erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist. Hatte man über seinem Kreuz als Verhöhnung den Namen: „König der Juden“ angeschlagen, so ist er durch Gottes liebende Macht zum König der Welt geworden. Zu einem ganz anderen König freilich, als menschliche Könige und Mächtige sind. Ein König, der selbst durch Schwäche, Leiden und Tod hindurchgegangen ist, vom Bösen zum Guten geführt wurde, vom suboptimalen zum superoptimalen, zum Besten, was wir uns vorstellen können: Zu einem Leben bei Gott.

Himmelfahrt bringt uns zweifellos an die Grenzen dessen, was wir uns vorstellen können. Aber ist die Botschaft dieses Festes deswegen weniger wahr? Vieles im Leben können wir nicht begreifen, und leben doch damit und leben sogar davon: Von Liebe und Zuwendung, von Vergebung und Frieden. Alles Erfahrungen, die oft unbegreiflich und wenig berechenbar sind und doch unser Leben reich und schön machen. Darauf sollten wir setzen, auch heute. Darauf, dass die Himmelfahrt der Enge und Begrenztheit unseres Lebens mit allen seinen Möglichkeiten einen neuen Anfang und ein offenes Ende setzt, das A und O Gottes.

Wir Menschen sind hier auf der Erde. Wir leben und sterben, wir setzen einerseits Kinder in die Welt und vernichten andererseits Leben, geborenes und ungeborenes, wir schützen und verderben unsere Umwelt, oft gleichzeitig, ohne dass wir es merken, wir bauen Häuser oder reißen sie ab, wir errichten Luftschlösser und lassen uns von der Realität einholen. All das tun wir Menschen. Über uns aber ist der Himmel. Kein Luftschloss, kein unendlich weit entferntes Nirgendwo, sondern ein schützendes Dach. Ein Dach, das aus Gottes Segen für uns besteht. Gottes Segen über uns.

Himmelfahrt ist wirklich eine superotopimale Sache. Nicht wir können über Gott verfügen, sondern Gott verfügt es für uns so, dass wir durch Jesus Christus einen Zugang zu ihm finden können, auf dem Weg seiner Nachfolge, dem Weg der Liebe, der Verständigung, des Friedens, auf einem Weg, der uns nicht geradewegs in den Himmel führt, schon gar nicht in den Himmel auf Erden. Auf einem Weg, der aber unter dem Himmel entlangführt, unter seinem Segen. Nicht in den Himmel starren, ist die Botschaft des Himmelfahrtsfestes, so wurde es den Jüngern gesagt, wie wir in der Lesung gehört haben. Nicht in den Himmel starren, sondern auf den Weg blicken, der vor einem liegt, und sich auf den Weg machen. Als Hoffende und Gesegnete, begleitet und gehalten von dem, der Anfang und Ende markiert, das das A und das O unseres Lebens und der Welt ist.

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