Gesicht im Wind

Liebe Gemeinde!

Auf was wird das alles hinauslaufen mit der Welt, der Kirche, mit unseren Gemeinden, mit unserem Leben?

Der Seher Johannes schaut, auf was alles hinausläuft: Sieben Geister stehen vor dem Thron Gottes, die Geister sieben symbolischer Gemeinden der Alten Kirche, als Symbol für die ge-samte Kirche und all ihre Gemeinden, zu der auch wir gehören. Wir sind das also, die dort stehen, die Geister unserer Zukunft.

„Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt, und von den sieben Geistern, die vor sei-nem Thron sind.“ Unser zukünftiges Ich grüßt uns, gemeinsam mit Gott, aus der Zukunft. Ich sehe uns, wie wir uns selbst zuwin-ken vom Thron Gottes her: „Hallo, ihr dort drüben, ich bin´s eue-re Zukunft! Was schaut ihr so bedrückt? Schaut her, alles wird gut werden.“

Unglaublich, oder? Wir winken uns selbst aus der Zukunft, aus dem Himmel zu: „Alles wird gut.“

Aber so unglaublich, wie es scheint, ist es nun auch wieder nicht. Denn etwas ganz ähnliches kennen Sie sicher: Wir stehen uns ja öfters selbst gegenüber, winken uns zu. Dem Kind, das wir einmal waren, winken wir zu und es winkt uns zu – aus der Vergangen-heit. Der Mensch, der wir träumen zu sein, winkt uns zu – aus der Zukunft.

Wenn man uns fragt, wie die Zeit abläuft, sind wir gewohnt, zu sagen: Von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zu-kunft. Und die Vergangenheit kommt nicht wieder. Aber so ist es doch nicht: Wir leben gleichzeitig in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das Kind aus unserer Vergangenheit lebt noch in uns. Ja manchmal frage ich mich, ob ich denn wirklich schon 30 bin, und nicht vielmehr ein Mensch, den es im Spiegel nicht mehr gibt, der aber umso lebendiger ist in mir. Auch der Mensch, der ich träume zu sein, ist meist viel realer als der, der ich gerade bin. Und selbst der, der ich gerade bin … Wer ist das denn? Ich bin immer wieder erstaunt, wie mich andere be-schreiben.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft laufen also nicht so stur nacheinander ab, wie wir es gelernt haben. Sie sind wohl eher et-was Gleichzeitiges als etwas, das nacheinander kommt. Wir win-ken uns zu aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Jeden Moment unseres Lebens.

Zwei Beispiele: „Woran denkst du?,“, fragt ein Mädchen den Jungen neben sich. „An das Leben, das vor mir liegt. Ich möchte glücklich sein. Sie werden alle sehen, was in mir steckt. Manchmal denke daran, wie ich dich zum ersten mal küssen werde.“ Und der Junge ist berühmt und glücklich und verliebt, trotz pick-ligem Gesicht, dem versauten Zeugnis und der Freundin, die noch nicht einmal seine Freundin ist – vielleicht aber bald wird.

„Woran denkst du Mutter?“, fragt die Tochter die sterbende Mutter. „An deinen Vater und mich, als wir jung waren.“ Und sie ist jung und glücklich mit ihrem frisch Vermählten im Sterbebett.

Liebe Gemeinde! Die Vergangenheit kennen wir, sie bestimmt un-sere Gegenwart entscheidend mit. Die Zukunft erträumen wir, und unsere Träume bestimmen unserer Gegenwart. Vielleicht sollten wir wagen, eine Zukunft zu glauben, obwohl wir keine Zukunft mehr zu haben scheinen, wo unser Leben ein Ende zu nehmen scheint. Vielleicht sollten wir Johannes folgen und uns glauben, wie wir uns aus der Zukunft entgegenwinken, stehend neben dem Thron Gottes.

Wir könnten unser Leben dann etwas mehr mit den Augen sehen, wie Gott es sieht: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft inein-ander, gleichzeitig: und alles würde gehalten in einer Vergangen-heit, in der es heißt: „Siehe, alles war sehr gut.“ Und einer Zu-kunft, in der es heißt „Siehe, alles wird gut.“

Beides geschieht nicht durch uns, beides können wir nicht erar-beiten. Wir können uns dazwischen bewegen, lieben und leiden, uns freuen und traurig sein. Wir sind gehalten in Gott. Anfang und Ende sind gut und sie tränken das Dazwischen mit Glück. Es ist nicht die Frage, ob Gott in der Welt und der Geschichte einen Ort hat. Die Wahrheit ist, das bezeugt die Johannesoffenbarung, und das ist das Evangelium: Die Welt und die Geschichte hat Platz in Gott. Es gibt keine Welt und keine Geschichte, die aus Gott herausragt. Wie könnte sie auch:

1,8 Ich bin das Alpha und das Omega, spricht Gott der Herr, der da ist und der da war und der

da kommt, der Allmächtige.

In diesem Gott ist alles gut, nimmt alles ein gutes Ende. Wenn wir Johannes glauben, haben wir das Glück, das gute Ende bereits zu kennen.

Aber uns fehlen noch einige Verse aus der Mitte unseres Predig-textes:

Gnade sei mit euch und Friede

1,5 … von Jesus Christus, welcher ist der

treue Zeuge, der Erstgeborene von den Toten

und Herr über die Könige auf Erden! Ihm, der uns

liebt und uns erlöst hat von unsern Sünden mit

seinem Blut

1,6 und uns zu Königen und Priestern gemacht

hat vor Gott, seinem Vater, ihm sei Ehre und Gewalt

von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

1,7 Siehe, er kommt mit den Wolken, und es

werden ihn sehen alle Augen und alle, die ihn

durchbohrt haben, und es werden weinen um seinetwillen

alle Geschlechter der Erde. Ja, Amen.

Liebe Gemeinde!

Der Junge aus unserem vorherigen Gespräch hat doch Recht, wenn ihm wichtig ist, dass jeder einmal sehen wird, was in ihm steckt. Der erträumte Mensch der uns aus der Zukunft zuwinkt, muss für alle Welt Wirklichkeit werden, damit niemand mehr sa-gen kann: „Ach was, träum weiter, Kleiner. Du bist und bleibst ein Depp.“

Ich muss sagen können, mit dem Gesicht im Wind: „Da, schau auf die Wolken! So wie die auf uns zukommen, wird einmal mein Glück auf mich zu kommen. Und niemand wird es aufhalten. Heute siehst du einen Deppen, wie auch Jesus einer war. Aber mach die Augen auf! Morgen oder übermorgen oder überüber-morgen wirst du einen Menschen in mir sehen und der wird gut sein, sehr, sehr gut. Und dann, mein Lieber, wird der Tag des Ge-richts sein. An diesem Tag werden alle Geschlechter der Erde weinen!“

Warum wir weinen werden, liebe Gemeinde, daran entscheidet sich, ob der Junge jugendlichen Allmachtsphantasien aufsitzt o-der ob seine Worte Wahrheit bergen; ob er wahnsinnig geworde-ner Fundamentalist oder Prophet des Evangeliums ist. Warum werden wir weinen? Lassen wir den Jungen Prophet des Evangeliums sein. Dann wird er uns erklären: „Weinen werden wir alle, alle Menschen und Völker der Erde, auch ich. Denn alle Augen werden sehen, wie gut alles sein wird.

Wir werden vor dem Thron Gottes stehen, und werden in Jesus Christus Gott erkennen, den, der alles in Händen hat. Wir werden weinen, über das, was wir ihm, Gott in Jesus Chris-tus, angetan haben, ihm als Menschen, ihm als seiner Schöpfung und ihm in jedem von uns. Wir werden weinen und uns nicht ent-scheiden können, ob wir aus Trauer über unsere eigene Grau-samkeit weinen oder aus Freude darüber, dass aus den Wunden, die wir geschlagen haben, keine Pfeile des Hasses fliegen, sondern Ströme der Liebe fließen. Er aber wird uns die Entscheidung ab-nehmen, indem er uns samt Vergangenheit, Gegenwart und Zu-kunft in die Arme nimmt, uns übers Haar streicht und sagt: Nun aber ist alles gut.

Unsere Heimat, liebe Gemeinde, ist der Himmel. Darauf läuft al-les hinaus. Egal, ob wir nun in den Himmel kommen oder nicht. Denn er wird zu uns kommen. Da, schau auf die Wolken! So wie die auf uns zukommen, wird einmal mein Glück auf mich zu kommen. Und niemand wird es aufhalten. Heute siehst du einen Deppen, wie auch Jesus einer war. Aber mach die Augen auf! Morgen oder übermorgen oder überübermorgen wirst du einen Menschen in mir sehen und der wird gut sein, sehr, sehr gut. Und dann, mein Lieber, wird der Tag des Gerichts sein. Wir wer-den alle weinen, überwältigt von der Liebe, die uns entgegen-strömt: Auch die Verspäteten, auch die Letzten, auch die Hinter-letzten, die Vatertags-Männer, die Mai-Ausflügler, die Männer und Frauen, auch wir. Es werden ihn sehen alle Augen und alle, die ihn durchbohrt haben, und es werden weinen um seinetwillen alle Geschlechter der Erde. Vor Freude. Ja, Amen.

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