Partnerschaft

Kurz vor Pfingsten, direkt nach Himmelfahrt denke ich nach darüber, was uns anvertraut ist. Jesus hat die Seinen verlassen, er ist zu seinem Vater zurückgekehrt. Die Jünger stehen da wie begossene Pudel, wie allein gelassene Kinder. Sie erinnern mich an manche Witwen und Witwer, die voller Wut sind auf den Menschen, der gestorben ist, der sie alleingelassen hat mit ihren Problemen oder Ängsten. Da ist so vieles abgebrochen, gemeinsame Pläne und Projekte. Da wäre so vieles, was man noch miteinander hätte tun können, hätte gemeinsam zu Ende führen oder beginnen wollen.

So ähnlich haben sich auch die Jünger gefühlt, nach einer großen und schweren Zeit mit Jesus, nach diesem Wechselbad der Gefühle: Einzug in Jerusalem, Gethsemane, Golgatha – und dann die Auferstehung. Und nun sind sie wieder allein, hilflos, verschanzen sich in ihren Hütten. Im Vertrauen auf den, der gesagt hat, dass sie nicht allein gelassen sind, aber ohne rechtes Zutrauen in ihre eigenen Kräfte. Hin- und hergerissen zwischen Resignation und Hoffnung auf Neuanfang, auf neues Leben.

Es gibt scheinbar immer solche Situationen im Leben eines Menschen und schon gar im Leben des Glaubens. Unser heutiger Predigttext stammt aus dem Alten Testament. Israel war verzweifelt im Exil. Viele hatten die Hoffnung auf eine Heimkehr verloren, aufgegeben, waren realistisch genug, sich in der neuen Situation einzufinden, sich anzupassen, hatten neue Heimat im fremden Land gefunden, waren dabei sich einzurichten.

Die Anderen taten sich schwer damit. Das kann doch nicht alles gewesen sein. Wir hatten doch einen Bund mit unserem Gott, der für alle Zeit gelten sollte. Klar wussten sie, dass ihre Vorfahren diesen Bund gebrochen hatten und dass auch bei ihnen nicht Alles in Ordnung war. Aber sie vertrauten trotzdem auf diesen Bund. Ihre Hoffnung blieb bei der Treue dieses Gottes, die das Volks Israel immer wieder trotz seiner eigenen Verfehlungen erfahren hatte. Da tritt ein Prophet auf bei dieser Gruppe, ein Nachfolger Jeremias, der nahtlos an seine Prophetie anknüpft und darum auch in seinem Buch Platz gefunden hat. Er hat Trost und Hoffnung für die Menschen zu überbringen, eine Botschaft Gottes:

[TEXT]

Es ist schon erstaunlich, wie Israel als Stehaufmännchen immer wieder zu Gott zurückfindet – und wie Gott immer wieder bereit ist, neu anzufangen mit seinem Volk, wenn es denn seine Stimme hören will.

Ein neuer Bund wird angekündigt und wir hören manchmal gerne, es ginge dabei um das Neue Testament, so als wäre die Geschichte mit Jesus dieser angekündigte Neue Bund. Das Volk Israel sieht das etwas anders. Der neue Bund, den Gott hier ankündigt, geschieht immer wieder neu. Gott wird durch die ganze Geschichte immer wieder als der bezeugt, der sich umstimmen lässt, der seinen Bund hält, obwohl die Partner den Vertrag brechen. Ein großartiges Glaubenszeugnis.

In Jesus Christus finden wir als Christinnen und Christen diesen Bund auf wunderbare Weise wieder. Er hat uns diesen Gott bezeugt, der Liebe Vergebung und andauernden Neuanfang will. In ihm ist Gott Mensch geworden und eröffnet neue Perspektiven, weil wir in ihm neu erkennen können, dass wir Bild Gottes sind, wie es die Schöpfungsgeschichte bekennt. Gott lässt seine Gemeinde eben nicht alleine, auch in den dunkelsten Stunden nicht. Er sendet uns seinen Geist, der neue Lebendigkeit schafft. Leben, das auch durch den Tod nicht zu beenden ist.

Der Neue Bund ist nicht das Neue Testament, aber als ChristInnen finden wir manches davon in ihm wieder. Wer sich zu diesem Gott bekennt lässt sich eingliedern in den Bund, den Gott geschlossen hat mit seinem Volk nach der Befreiung aus dem Land der Sklaverei. Der Gott Jesu Christi ist der, der keine Gefangenschaft will, auf Guantanamo nicht und nirgends. Er will Menschen, die sein Gesetz in den Herzen und im Sinn haben. Er will, dass Menschen sich nicht gegenseitig belehren, sondern sie alle gemeinsam die Erkenntnis haben – sind wir auf dem Weg? Sicher ist das Ziel ein Werk Gottes, aber wer den Weg will, kann nicht die Hände in den Schoß legen. Das Gesetz, wie es genannt wird, ist kein starres Gesetz, es sind die 10 Gebote, der Wille Gottes, der nicht dem Buchstaben nach, sondern dem Sinn nach erkannt werden will.

Gottes Bereitschaft zur Vergebung und Gottes Liebe zu den Menschen haben Konsequenzen, die in den Menschen eingraviert werden sollen – ins Herz. Darum ein neuer Bund. Der zerbrochene Bund macht die Menschen (Israel) schutzlos und hilflos, er macht sie gottverlassen.

Der neue Bund ist keine Neuauflage, sondern etwas komplett Neues. Gott bietet sich uns immer wieder neu an. In jeder Lebenssituation neu. Er bietet den Menschen, die zu ihm gehören, seinen Bund an. Aus freien Stücken kommt er uns entgegen und will unsere Befreiung aus Ängsten und Zwängen, aus Gefangenschaft und Sklaverei. Das ist zugleich ‚schon jetzt‘ geschehen und ‚noch nicht‘. Die Gemeinde lebt im Wartestand und zugleich in der Zuversicht mit der Gabe des Heiligen Geistes. Die Gemeinde lebt wie die Jünger vor Pfingsten. Sie wartet ängstlich, dass etwas geschieht und ist zugleich zuversichtlich, dass der, der in der Taufe gesagt hat: ‚Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.’, auch heute sein ja sagt zu den Menschen, die zu ihm gehören.

Hier geht es im Grunde und dem Wesen nach um Freundschaft, um Partnerschaft: Um freie Zuwendung um des Anderen willen. Dieser Bund ist am Ehesten der Ehe vergleichbar. Da fängt auch immer wieder etwas Neues an, weil das ewige Verharren im Alten die Ehe kaputt macht. Gott bietet uns immer wieder eine neuen Anfang an getragen von seinem Geist. Jesus will unser Licht sein, wir müssen es nur ergreifen.

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