Gebrauchanleitung zum Zusammenleben (Kol 3,12-14)

Kol 3,12-14
[12] So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; [13] und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! [14] Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.

Liebe A., lieber J.,

als Trautext habt ihr euch einen der klassischen Texte ausgesucht, die man sich gerne am Anfang der Ehe zu Herzen nimmt. Das ist auch gut so, denn in diesem Text ist sowohl Verheißung und Freude als auch Ermahnung enthalten. Also: auch wenn’s schwer ist in diesem Augenblick: Entspannt euch! Lehnt euch zurück, und hört einfach nur zu, was das Wort Gottes euch sagen möchte.

[TEXT]

Wenn ich euch hier vor mir sitzen sehe, als das strahlende Brautpaar, die ihr euch schon so lange auf diesen Tag gefreut habt, dann denke ich mir im Stillen: die brauche ich doch nicht zu ermahnen im Sinne von „Streitet nicht miteinander, und seid bereit, einander zu vergeben, selbst wenn ihr glaubt, im Recht zu sein …”

Das Gute an eurem Trautext ist doch, dass hier ganz allgemein die Grundlagen unseres Miteinanders beschrieben werden. Deshalb soll jetzt auch bittesehr nicht nur das Brautpaar zuhören, sondern alle anderen ebenso.

Also: Ich finde, dieser Text ist so etwas wie eine Gebrauchsanleitung für das Zusammenleben von Menschen. So gesehen ist es egal, ob es da um 200 Leute geht, oder um 20, oder ob es eben nur zwei Leute sind, so wie in der Ehe. Ich rede jetzt also ganz besonders für euch zwei, A. und J.. Und alle anderen dürfen „rein zufällig” mithören.

Bei jeder anständigen Gebrauchsanleitung gibt es nicht nur den Abschnitt, wo das Gerät erklärt wird, und was man damit alles wie machen kann. Bevor das alles erklärt wird, gibt es noch den Vorspann, und der heißt: Inbetriebnahme. Die schwäbischen Cleverle denken oft, dass sie den Abschnitt mit der Inbetriebnahme überspringen könnten, weil es sowieso klar ist, wie man das machen muss – aber weit gefehlt! Bei einem simplen Föhn, bei dem es nur einen Ein/Aus-Schalter gibt, mag das ja noch angehen, aber wehe es geht um einen DVD-Recorder … Je komplexer das Gerät ist, das ihr da gekauft habt, desto schwieriger habt ihr es, bei der Inbetriebnahme das Ding überhaupt ans Laufen zu kriegen, geschweige denn, dass ihr alle Feinheiten des Geräts ausnutzt. Es reicht eben nicht aus, nur den Stecker einzustöpseln.

Und ich kann euch sagen: Eine Ehe ist eine sehr anspruchsvolle Sache. Es reicht nicht aus, dass man sozusagen nur den Stecker einstöpselt indem man auf dem Standesamt und am Traualtar „JA” sagt. Da ist man wirklich gut beraten, wenn man dafür sorgt, dass man von Anfang an, sozusagen bei der Inbetriebnahme und beim Aufstellen des „Geräts” sehr sorgfältig ist.

Wie das geht, steht in Kol 3, 9+10 und dann noch in Vers 11: „Denn ihr habt den alten Menschen mit seinen Taten abgelegt, und seid zu einem neuen Menschen geworden, der gemäß dem Bild seines Schöpfers erneuert wird, um ihn zu erkennen. … V12: Weil ihr also nun von Gott auserwählt und seine geliebten Kinder seid, die zu ihm gehören, sollt ihr euch untereinander auch herzlich lieben in Barmherzigkeit, Güte, Demut, Nachsicht und Geduld.”

Also: Zur Inbetriebnahme des Glaubens gehört es, das alte Leben abzulegen, und das neue Leben gemäß Jesus Christus anzuziehen. Das Bedeutet:

– Umkehren zu Jesus.
– Um Vergebung bitten.
– Vergebung erfahren.
– Das bisherige Leben nach eigenem Gutdünken beenden.
– Ein neues Leben beginnen unter der Regie des Wortes Gottes.
– Sich von der Gerechtigkeit Gottes, dem Frieden und der Freude im Heiligen Geist (Vgl. Rö 14, 17) erfüllen lassen.

Für die Inbetriebnahme der Ehe bedeutet das: Der bisherige Lebensabschnitt wird beendet. Es fängt etwas komplett Neues an. Dazu gehört z.B. auch 1.Mo 2, 24: „Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden "ein" Fleisch sein .” Das ICH steht nicht mehr im Vordergrund, sondern das WIR. Das ist dann der Anfang. Sozusagen die Inbetriebnahme. Aber damit ist es noch nicht getan. Danach geht es ja eigentlich erst richtig los, denn man will ja dieses wunderbare Gerät mit dem Namen „Ehe” auch nutzen.

In der Ehe bedeutet das: Wenn man die Grundlagen gelegt hat, geht es darum, den Alltag zu gestalten und zu nutzen. Das ist ja auch das Eigentliche – ihr wollt das Leben miteinander teilen. Und das ist auch gut so. Ihr habt allen Grund, rundum fröhlich und zuversichtlich zu beginnen, so wie es in Spr 5, 18 heißt: „Freue dich an der Frau deiner Jugend.”

Und weil die Liebe nicht nur ein schönes Wort ist, und erst recht nicht nur ein schönes Gefühl, wird Paulus hier sehr konkret und praktisch, denn die Liebe besteht nicht nur in Händchenhalten, roten Rosen, leidenschaftlichen Küssen und schmachtenden Blicken, sondern Paulus beschreibt darüber hinaus ganz praktisch, wie sich die Liebe im Alltag erweisen soll. Da steht nämlich in V.12: „… Darum … Sollt ihr euch untereinander herzlich (!) lieben, in Barmherzigkeit, Güte, Demut, Nachsicht und Geduld.” Ihr merkt schon, hier kommen auf einmal ganz andere Töne zum Vorschein. Und dann geht es ja noch weiter: „Streitet nicht miteinander, und seid bereit, einander zu vergeben, selbst wenn ihr glaubt im Recht zu sein.”

Warum sind diese Worte so wichtig? Nun, wo Menschen mit anderen Menschen zu tun haben, besteht immer die Gefahr, selber verletzt zu werden, oder andere zu verletzen. Und es kann sein, dass man hinter dem zurückbleibt, was andere von einem erwarten, oder was man von sich selber fordert. Das ist dann sehr schmerzhaft – für einen selbst – und auch für den anderen der davon betroffen ist. Es kann sein, dass einem dann „das eigene Versagen sozusagen tonnenschwer auf der eigenen Seele liegt”. Und weil man dann schon beschwert ist, kann man womöglich die Fehler der anderen um so weniger verzeihen, weil sie nämlich die Last auf den eigenen Schultern immer mehr vergrößern. Und die Ansprüche an die erwartete Vollkommenheit werden dabei nicht etwa revidiert, sondern sie stellen leider einen Teil der Belastung dar.

Und was tun wir dann? Es ist dann so natürlich, immer wieder auf die Fehler der anderen hinzuweisen, weil man damit von der eigenen Schwäche ablenkt, und weil man damit die eigene Position stärkt. Wir tun das nicht unbedingt mit böser Absicht. Aber wir tun es trotzdem. Es geschieht einfach. „Dabei fordert es oft mehr Kraft, im Zorn zu bleiben, als einander zu vergeben. Was passiert denn, wenn man vergibt? Vergeben richtet das Augenmerk weg von den Schwächen hin zu den Stärken, des Mitmenschen, die Vergebung gibt den guten Seiten eine Chance, die in jedem von uns stecken. Gott hat es uns in Jesus vorgelebt, so können wir es ihm nachmachen.”

In der Lutherübersetzung heißt es dazu ganz poetisch, geradezu schon romantisch: ”Über alles aber ziehet an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit …” Die Liebe kann man also anziehen wie ein Kleidungsstück. Man kann sich die Liebe geben lassen. Und anders geht es auch gar nicht. Denn mit unserer Liebe sind wir gar zu schnell am sprichwörtlichen „Ende der Fahnenstange” angelangt. Diese Liebe Gottes, ist durch den Heiligen Geist ausgegossen in unsere Herzen (Rö 5, 5). Diese Liebe „bindet alle Schmerzen, alles Leid, allen Streit und auch alles Glück zusammen zu einem Paket, zu einem vollkommenen Geschenk, einem Leben, das wahrhaftig voll Liebe ist. Dieses Geschenk kommt von Gott. Mit seiner Liebe hält er unser Leben zusammen, er trägt uns, er hält uns und er lässt uns die wesentlichen Seiten des Lebens kennen lernen. Dieses Leben ist dann nicht vollkommen im Sinne von allezeit total glücklich. Dieses Leben gibt sehr wohl Glück und Lebensfreude, aber trotzdem immer noch auch Enttäuschungen und Schmerz. Aber es wird vollkommen durch die Liebe, die alles trägt, zusammenhält und überdauert.” Diese Liebe Gottes wird in vielen guten Eigenschaften deutlich, die wir untereinander erleben, besonders in der Ehe. Da sind: Treue, Ausdauer, Opferbereitschaft, Hingabe, Liebe zu Kindern, Liebe zu anderen Menschen und noch viel mehr.(Vgl. Gal 5, 22: Früchte des Heiligen Geistes) So ist Gott unser Zufluchtsort, unser Anker im Sturm, unsere Geborgenheit und unsere Bestätigung zum Leben. Er gibt uns Menschen, an denen wir das immer wieder ganz nahe erleben. Unser Ehepartner ist einer der ersten davon.

Zum Schluss noch der Vers 15: „Und der Friede, den Christus schenkt, soll euer ganzes Leben bestimmen. Gott hat euch dazu berufen, als Gemeinde Jesu in diesem Frieden eins zu sein. Dankt Gott dafür.” Dieser Frieden, der von Jesus kommt, schenkt uns den Frieden im Herzen, und die Ruhe und Gelassenheit, die wir so nötig brauchen, um mit den Unzulänglichkeiten und Schwachheiten, ja, und auch mit den Fehlern umzugehen, die wir bei unseren Mitmenschen erleben. Und dazu gehört zuerst einmal unser Ehepartner.

Diese Friede Gottes, unter den wir uns in jedem Gottesdienst am Ende stellen, dieser Friede Gottes bindet uns zunächst einmal ganz fest an Jesus selbst, und an die Menschen, die zu ihm gehören und zu denen auch wir gehören. Dafür können wir dankbar sein. Wenn ihr an dieser Stelle auch danken könnt, merkt ihr, dass ihr anfangt, die Welt und die Menschen mit den Augen Jesu zu sehen. Dann erkennt ihr, was wichtig ist, und was man eher vernachlässigen kann.

Ich wünsche euch also die Grundlage der tiefen Gewissheit der Gnade und der Vergebung Gottes, aus der ein eheliches Miteinander kommt, wo einer dem andern Gnade, Annahme, Liebe und Vergebung gibt. Das geschieht durch die Liebe Gottes, das Band der Vollkommenheit. So wird der FRIEDEN Gottes euer Leben bestimmen.

Dazu helfe euch Gott.

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