Kein Schraubstock!

Wird heute noch gebetet? Das gemeinsame Tischgebet scheint aus der Mode – vielleicht nur noch in wenigen Familien, auf etlichen kirchlichen Tagungen und Freizeiten. Und das private Gebet – im stillen Kämmerlein, als Nachtgebet, als Gebet an der Ampel oder im Bus oder im Schaukelstuhl? Ich wage nicht zu urteilen. Aber wer regelmäßig betet, weiß vielleicht auch um das Wohltuende dieses Gebets, auch wenn es manchmal kurz und belanglos ausfällt.

Manchmal erfahre ich etwas davon, wie wichtig das Gebet ist, wenn mich ein Kranker bittet: Beten Sie für mich! Oder wie wohltuend, wenn mir jemand sagt: Ich habe für dich gebetet.

Dass Menschen füreinander beten können, gehört zu den großen Gaben des Glaubens. Sie können ihre Ängste und ihre Schuld vor Gott bringen. Sie können ihm danken und ihre Bitten für die Menschen in der Welt vorbringen.

In Krisensituationen wird vielen Menschen das Gebet besonders wichtig – Not lehrt beten sagt man, aber manche wissen in der Not nicht mehr, wie sie beten können. Dann brauchen sie Hilfe. Als Jesus von seinen Jüngern gefragt wurde, wie sie beten lernen könnte, gab er ihnen das Vaterunser als Gebet, in dem sie ihre Bitten vor Gott bringen können. Es ist eine Hilfe zum beten lernen und eine Hilfe für mein persönliches Gebet.

Für Paulus war das Gebet der Gemeinde ein ganz zentrales Anliegen. So will er (oder einer seiner Schüler) am Ende des Kolosserbriefes der Gemeinde in Kolossä Mut machen zum Gebet. Aus dem Gefängnis heraus schreibt er so der Gemeinde:

[TEXT]

Es handelt sich um Schlussworte – nicht um Ermahnungen, sondern um gute Worte, die man einem lieben Menschen mit auf den Weg gibt – ‚Halt die Ohren steif’!, sagen wir oft, wenn wir einem Menschen solche guten Wünsche mitgeben wollen. Nichts Anderes ist hier gemeint.

Paulus (oder sein Schüler) weiß um die Kolosser, um ihre Streitereien, um die vagabundierenden Irrlehren. Manches ist in Unordnung geraten in der Gemeinde. Man ist sich nicht immer grün. Es menschelt auch dort. Er versucht ihnen Strategien an die Hand zu geben, damit umzugehen: Strategien im Gebet, den Glauben zu finden. Im persönlichen Gebet und im gemeinsamen Gebet. Getragen von der Hoffnung, dass dort wo wir miteinander und füreinander beten, wir auch im gemeinsamen Glauben Antworten finden auf die drängenden Fragen des Glaubens.

Beten ist für ihn gerade nicht das Aussteigen aus einer Wirklichkeit, sondern Beten bedeutet für Ihn, die eigene Wirklichkeit zu sehen und vor Gott zu bringen, auch die eigene Hilfsbedürftigkeit zuzugeben und Gott um Hilfe zu bitten. Im Gebet bietet sich Gott uns an, macht sich uns verfügbar – er stellt sich uns zur Verfügung. Wir müssen nur am Ball bleiben, das Angebot nutzen.

Zum Gebet gehört auch die Ausdauer. Ausdauer braucht jeder Sportler. Wer zur Fußball-WM anreist und nicht optimal austrainiert ist, kann eigentlich gleich wieder heimfahren. Das gilt auch für die Fans vor Ort oder am Fernsehen. Ohne Ausdauer werde ich auch solch ein Ereignis nicht genießen können. Wer immer wieder wegzappt, verpasst womöglich das Entscheidende. Wer im Gebet immer wieder wegzappt ‚Jetzt nicht, jetzt hab ich gerade keine Zeit’, verpasst auch das Entscheidende. Er verpasst, wie wohltuend es sein kann, seine Sorgen, Ängste und Bitten in Gottes Hand legen zu können. Der verpasst womöglich auch Gottes Antwort. Der verlernt vielleicht auch das Beten. Denn mit dem Beten ist es wie mit vielen Fertigkeiten. Die Behauptung ‚das verlernt man nicht’ erweist sich als allzu frommer Wunsch, dem die Wirklichkeit nicht entspricht.

Beten muss ich immer wieder einüben. Es kann weiter helfen in der Gemeinde oder in einer Gemeinschaft zu beten. Mir das Beten wieder anzueignen. Es darf aber nicht zum zwang werden. Weder aus dem Gebet im stillen Kämmerlein noch aus dem Gemeindegebet darf eine zwanghafte Handlung werden. Ich bewundere immer wieder wenn einige Muslime zu festgelegten Zeiten sich gen Mekka wenden um zu beten – und merke gleichzeitig, wie fremd mir das ist. Gebet als Regel – ich finde das schwierig und merke doch, dass es helfen könnte, mich im Gebet einzuüben. Vielleicht muss ich meine eigenen Rituale entwickeln, tun, was mir gut tut, und Gott bitten, dass er mich und mein Gebet segnet.

Beten heißt nicht, die Hände in den Schoß zu legen. Beten heißt etwas zu tun. Viele Kirchen und kirchliche Gruppen veröffentlichen regelmäßig Listen mit Gebetsanliegen, mit Menschen, für die man beten kann, ChristInnen in Verfolgung. Zu Zeiten der NS-Herrschaft war eine wesentliche Aktion im gemeinsamen Einsatz der Bekennenden Kirche die Fürbittenliste, mit deren Hilfe die isolierten Gemeinden beten konnten für die Brüder und Schwestern im Gefängnis genauso wie für die, die im Krieg kämpfen mussten und ihr Leben riskierten. Auch das Gebet für die Verfolgten ist nicht ohne Gefahren. Im Gegenteil: Mächtige entwickeln eine eigenartige Angst vor den Gebeten der Gemeinde für die von ihnen Verfolgten.

‚Ich habe heute viel zu tun, da muss ich viel beten’ – Martin Luther. Beten nicht , weil ich zuviel Zeit habe, sondern weil ich ohne das Gebet nichts tun kann. Das Gebet verleiht mir Kraft, mutig das Meine zu tun und das Andere in Gottes Hand zu legen. Im Gebet bitte ich Gott, dass er das tut. Das ist übrigens bei der kirchlichen Trauung im Rahmen der evangelischen Kirche wichtig.

Die so beliebten ‚Ja-Worte’ sind für einen evangelischen Traugottesdienst absolut überflüssig, weil klar ist: Die beiden, die da in die Kirche kommen, sind ordentlich verheiratet und müssen dazu nicht erst Ja sagen. Wichtiger ist im Traugottesdienst das Gebet. Das Gebet der Gemeinde für die beiden Menschen, dass sie es schaffen können ein Leben lang einander in Liebe, Respekt und Verantwortung füreinander u begegnen. Und genauso das Gebet der beiden Brautleute füreinander, dass Gott ihnen hilft, gut in die Zukunft zu gehen. Die Formel ‚Ja, mit Gottes Hilfe’ drückt den Gebetscharakter ein wenig aus. Eine Traugottesdienst macht nur dann Sinn, wenn dieses Gebet ehrlich gemeint ist.

Wer ehrlich betet, muss auch damit rechnen, dass Gottes Wege nicht meine Wege sind. Damit muss ich sogar leben lernen, dass Gott mit mir ganz andere Ideen hat – und dass darum meine ganz persönlichen Anliegen nicht erhört werden. Ein gutes Gebet enthält immer auch die Bitte des Vaterunser: ‚Dein Wille geschehe’.

Das Gebet ist auch Meditation und Selbstvergewisserung, aber vor allem ist es Gespräch eines Menschen mit seinem Gott.

‚Staecks’ Ironisierung von Dürers betenden Händen mit dem Schraubstock ist Ihnen vielleicht bekannt. Die berühmten ‚betenden Hände’ werden zusammengehalten von einem Schraubstock. Die Grafik illustriert, worum es nicht geht – um das zwanghafte Gebet. Sie bezeugt aber auch, wie oft Texte wie unser missbraucht worden sind, um Menschen zu etwas zu zwingen, wovon man Menschen eigentlich nur überzeugen kann: Dem Gebet.

Es geht um eine Gebet eines freien Menschen mit Gott, der sich ins einer Freiheit zur Verfügung stellt.

drucken