Wenn das Beten sich lohnen würde …

Liebe Gemeinde,

alle Sonntage nach Ostern können wir nur feiern, weil wir Ostern gefeiert haben. Das hört sich ziemlich banal an, ich weiß. Aber ich meine es nicht vom Kalender her, sondern inhaltlich. Weil wir wissen, was Ostern für uns bedeutet, nämlich ein neues und unverlierbares Leben auch über den Tod hinaus, darum brauchen wir die Botschaft davon immer wieder so dringend, wie Säuglinge die Muttermilch. Weil Jesus auferstanden ist und lebt, darum kann er unser guter Hirte sein, der immer für uns da ist und für uns sorgt. Weil mit Ostern das neue Leben angefangen hat, darum freuen wir uns über die Schöpfung Gottes, die neu werden wird und können jubeln und jauchzen. Mit dem neuen Leben als Hoffnung und Zusage können wir das neue Lied singen, das Lied vom Leben in einer vom Tod bedrohten Welt. Und auch der heutige Sonntag ist ohne Ostern nicht denkbar, es machte keinen Sinn zu beten, wenn Jesus nicht auferstanden wäre und lebte. Aber nun ist er auferstanden und lebt. Das ist die Botschaft von Ostern, das glauben wir und als Christen leben wir davon. Es gäbe uns als Christen nicht, wenn es Ostern nicht gäbe. Was wäre ein Glaube wert, der keine Aussicht hätte, keinen Blick in die Zukunft, keine Hoffnung? Wäre er nicht nur eine Hilfe zu einem etwas besseren und ruhigeren Gefühl, aber eben nur eine Vertröstung? Trost kann nur der Glaube schenken, dass Jesus Christus den Weg ins neue Leben gegangen hat uns ihn uns vorbereitet hat. Die Welt bräuchte uns nicht, wenn wir nur dazu da wären, den Menschen ein schlechtes Gewissen zu machen, ihnen zu sagen, was sie alles nicht dürfen und wenn wir versuchten, ein gutes Beispiel zum frommen Leben zu sein. Aber nun ist Ostern gewesen, wir haben es wieder gefeiert und es bleibt nicht ohne Folgen. Wir glauben, wir singen und wir beten. Mit einem Toten muss man nicht reden, das wäre nichts als ein Selbstgespräch. Mit einem Lebenden kann man reden. Und wenn der mir wichtig ist, dann rede ich mit ihm. Eine Beziehung ist gesund, wenn man miteinander redet, sich austauscht, einander Anteil gibt an dem, was gut tut und an dem, worunter man leidet. Sie ist gesund, wenn man zuhört und Anteil nimmt, wenn man interessiert ist, sich mit freut und mit leidet. Was so für jede Beziehung gilt, ganz besonders natürlich für Ehen und Partnerschaften, aber auch für Freundschaften und gute Bekanntschaften, das gilt für die Beziehung zum auferstandenen Jesus Christus erst recht. Und wie man Menschen in Beziehungen rät: bemüht euch umeinander, redet miteinander, teil euch mit, hört auf den anderen, damit eure Beziehung lebendig bleibt, so gilt es für die Beziehung mit Jesus Christus auch. Der Apostel ermahnt, er erinnert, damit die Gemeindeglieder nicht vergessen zu beten. Wie sie das tun – ob allein oder zu zweit oder in Gruppen, ob zuhause, in der Kirche – darüber äußert er sich nicht, das spielt auch keine Rolle. Aber dass es beharrlich geschieht, dass wir nicht müde werden im Gebet, dass wir nicht träge werden und aufgrund vermeintlich schlechter Erfahrungen, ganz damit aufhören, das wird betont. Diese Gefahr ist ja sehr groß, das verschweigt die Bibel nicht. Im Garten Gethsemane, als Jesus seinen schwersten Weg vor sich hatte, da brauchte er Beter. Aber die wurden müde, schliefen ein und hörten auf zu beten.

So kann es gehen und für viele ist es das Ende des Gebets. Von der Kölner Rockgruppe ‚BAP’ gibt es ein Lied zu diesem Thema, das heißt: ‚Ja, wenn das Beten sich lohnen würde, was meinst du wohl, was ich dann beten würde.’ Dann zählt der Sänger auf, wofür er alles beten würde, immer wieder unterbrochen vom Refrain: ‚Ja, wenn das Beten sich lohnen würde, was meinst du wohl, was ich dann beten würde.’ Und am Ende heißt es resignierend und als Grund, warum er nicht betet: ‚Vielleicht beneide ich auch die, die glauben können, doch: was soll es, ich jage doch kein Phantom. Gott, wäre das Beten doch bloß nicht so sinnlos!’ Nur auf dem Boden des Osterglaubens gewinnt das Beten seinen Sinn; nur wenn ich glaube, dass Jesus Christus lebt, dass er hört und dass er für mich handelt, verliert das Beten seine Sinnlosigkeit. Der Glaube an den lebendigen Jesus Christus ist der Maßstab und nicht meine Erfahrung, was von den Gebetsanliegen sichtbar und nachweislich umgesetzt wurde. Weil das aber schwer ist und weil wir immer gerne sehen wollen, was dabei heraus kommt, wenn wir etwas tun, deswegen ist das Risiko so groß, dass wir aufhören zu beten, dass wir nachlässig werden, dass es einschläft. Möglicherweise steigt dieses Risiko in dem Maße, wie unser Gebet nur aus Bitten besteht, wenn also das Beten nichts anders ist als der Wunsch, Gotte möge in seinem Tun meinem Willen entsprechen. Dann kann es nur zu Enttäuschung kommen. Denn das Gebet ist ja etwas anderes, als wenn Kinder ihren Wunschzettel an den Weihnachtsmann schreiben. Es ist Ausdruck einer lebendigen Beziehung.

Damit sie lebendig bleibt werden wir ermahnt zu beten und nicht aufzuhören. Und der Blick wird auf das Danken gelenkt. Da entfällt die Frage, was denn daraus wird, was denn hinten dabei herauskommt. Der Dank ist der Zweck und das Ziel. Ich möchte danken für das, was ist. Ich möchte danken, dass ich lebe und dass ich glauben darf; ich möchte danken für die Menschen, die mir nahe sind und mit denen ich schöne Zeit erleben darf; ich möchte danken, dass mir alles zur Verfügung steht, damit ich leben kann; ich möchte danken, dass ich Gott wichtig bin, dass ich getauft und sein Kind bin. Ich danke für das Evangelium vom neuen Leben, dass es gesagt und gelesen und gehört, dass es geglaubt wird. Ich möchte danken für diese Gemeinde, dass es sie gibt und dass ich dazu gehören darf, dass ich bei allen Sorgen und unterschiedlichen Meinungen und Gedanken Gemeinschaft erlebe, die gut tut und die trägt.

Und genau an dieser schönen Stelle des Danks eröffnet der Apostel einen weiteren Gedanken für unser Gebet. Dass das Evangelium gesagt wird, dass es gesagt werden kann und dass es offene Ohren findet. Wir spüren ja manchmal wie das ist, wenn Menschen das Evangelium hören, aber es erreicht sie scheinbar nicht. Wir können das natürlich nie wissen, wie es in einem Menschen aussieht. Aber wir erleben, dass wir es nicht machen können – weder als Eltern bei unseren Kindern, noch als Pfarrer bei den Kindern, Konfirmanden, Jugendlichen oder Erwachsenen, noch als Gemeindeglieder bei anderen Menschen, die ihnen am Herzen liegen. Wir würden das manchmal gern und sei es mit Druck oder sanfter Gewalt oder in dem man sie vor Entscheidungen presst. Aber das öffnet keine Tür. Gott öffnet Türen – nicht als Folge dessen, was wir getan hätten, sondern Er tut es, vorweg, bevor wir etwas ausrichten könnten. Darum müssen wir ihm in den Ohren liegen mit unserem Gebet, was wir als Gemeinde im Allgemeinen Kirchengebet auch tun. Aber es ist ein Anliegen aller, die selber zu Jesus Christus gehören, dass das Evangelium gesagt, gehört und geglaubt wird. Das Problem des Apostels haben wir heute nicht; er sitzt im Gefängnis, weil er das Evangelium verkündigt. Da hat das Gebet eine ganz besondere Dynamik – eine Änderung der Politik ist im Blick, die Obrigkeit und die argwöhnischen Mitbürger sollen bewegt werden, die Verkündigung nicht zu verbieten. Wir haben heute sehr viele Möglichkeiten, dürfen Gottesdienste nicht nur feiern, sondern auch öffentlich dazu einladen über die Zeitung oder das Internet. Heute ist eher die Sorge, dass das Evangelium schlicht untergeht zwischen all dem, was sonst gesagt und wozu sonst eingeladen wird. Da kommen manche auf die Idee möglichst genau so bunt und schrill und Aufmerksamkeit heischend aufzutreten, um überhaupt noch wahrgenommen werden. Die Frage ist, wie viel Gemeinde von dem verliert, worum es wirklich geht, wenn sie sich einreiht in all die, die etwas anbieten und verkaufen wollen. Gemeinde bietet aber nicht an und verkauft nicht, sie verkündigt. Das Evangelium ist eine Kraft, keine Ware. Es braucht also zu allererst und ohne Aufhören, ohne Resignation dankbares Beten für Menschen, dass Gott sie öffne für das Evangelium – damit sie spüren und erleben, dass es genau das ist: Evangelium: gute Nachricht für ihr Leben, Hilfe, Halt und Perspektive. Etwas Gutes also wird gesagt, etwas, was den Menschen gut tut, was ihnen hilft. Darum ermahnt der Apostel, dass wir Christen weise sein sollen im Umgang mit Menschen, die nicht an Christus glauben. Es ist wichtig, die Menschen ernst zu nehmen mit ihrer Geschichte und ihren Einstellungen. Bevor wir anfangen zu reden sollten wir erst hören und uns um den anderen bemühen, damit das Reden überhaupt eine Chance hat, anzukommen. Nicht jede Zeit ist gut, um über den Glauben zu reden, weil es Situationen gibt, die das Zuhören nicht fördern. Weise sein und die Zeit auskaufen heißt auch, auf gute Situationen warten können, in denen die Bereitschaft da ist und darum die Ohren und vielleicht die Herzen auch offen. Es kann auch heißen, mit seinem eigenen Leben eine Einladung für Fragen sein; damit wir nicht mit unseren Worten andere in die Ecke drängen oder ihnen etwas überstülpen. Und wenn es dann zum Gespräch kommt, dann ist es wichtig, dass wir freundlich reden, dass wir Verständnis haben für ganz eigene und persönliche Wege, auch wenn sie uns fremd sind; dass durch unsere Worte die Liebe Gottes zu den Menschen kommt. Dabei soll unsere Rede mit Salz gewürzt sein, d.h. nicht oberflächlich, sondern das Leben soll ernst genommen werden, damit die Menschen spüren, damit hat das Evangelium zu tun; es soll ehrlich sein. Schwächen und Fehler des Menschen, seine Sünde soll nicht klein geredet, sondern wahrgenommen werden – aber eben auch die Liebe Gottes in Christus, die Sünde vergibt und den Menschen durch Leiden und Sterben das ewige Leben eröffnet. Nein, große Reden müssen wir nicht halten; aber sagen können, was wir glauben, was wir hoffen, wo unser Halt ist; woher unser Leben kommt und wohin es führt und dass uns nichts von der Liebe Gottes trennen kann. Wir lassen uns heute vom Apostel erinnern, dass es uns ein Anliegen ist, unsere Verantwortung für die Welt und für das Evangelium zu erkennen und zu beten und dann auch einstimmen können in den Wochenspruch des heutigen Sonntags Rogate: ‚Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet.‘

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