Welche Lieder werden wir singen?

Liebe Gemeinde, liebe Familie X, liebe Schwestern und Brüder,

wie sollte es am Sonntag Kantate, dem Sonntag nicht nur der Kirchenmusik, sondern auch und vor allem des kräftigen Gemeindegesanges, auch anders sein, mir fiel als aller erstes ein Lied ein. Ich sah die kleine Helene, überlegte wie sie wohl auf die mächtigen Klänge der Orgel und den hoffentlich starken Gesang der Gottesdienstgemeinde reagieren würde und ob sie vielleicht auch ihre Stimme erheben und so in den Gesang einstimmen würde.

Das wäre nicht nur heute in diesem Taufgottesdienst angemessen, denn jetzt ist sie ja auch hier in dieser Gemeinde zu Hause. Hoffentlich erinnern wir uns immer daran.

Ein neues Tauflied, das in unsrem Gesangbuch nicht enthalten ist, fiel mir ein. Es beginnt mit den Worten:

Kind, du bist uns anvertraut./ Wozu werden wir dich bringen? Wenn du deine Wege gehst, / wessen Lieder wirst du singen? Welche Worte wirst du sagen / und an welches Ziel dich wagen?

Wessen Lieder oder welche Lieder wird Helene wohl allein für sich oder mit anderen zusammen singen?

Wie wird es ihr im Leben ergehen? Kann sie mit Liedern ausdrücken, was für Erfahrungen sie sammelt. Ich glaube, dass es für jede Lebenslage ein passendes Lied gibt und eigentlich muss der Gesang nie aufhören. Mit solchen Sätzen bitte ich allerdings um Nachsicht bei allen, die Tag für Tag erleben, dass der Partner oder die Partnerein wirklich nicht singen kann und es lieber bleiben lassen sollte.

Es gibt trotzdem für alle Lebenslagen ein passendes, manchmal auch überraschendes Lied. Nehmen wir allein diese Geschichte aus dem Leben und der Arbeit des Apostels Paulus und seines Mitarbeiters Silas. Nach langen Wegen in Europa mit der Absicht angekommen, allen die frohe und freimachende Botschaft von Jesus Christus und seinem Leben, seinem Tod und seiner Auferweckung weiterzuerzählen, machen sie sich erst einmal unbeliebt, als sie in Phillipi den vertrauten Trott und das gutgehende Geschäft mit der Leichtgläubigkeit und Angst der Menschen vor der Zukunft stören. Sie heilen eine junge Frau, die unter ihrer Gabe in die Zukunft zu schauen wie unter einer Besessenheit leidet und nur von ihrem Herrn ausgebeutet und ausgenutzt wird. Sie könnte ein Lied davon singen, was es heißt nur als Kapital angesehen und missbraucht zu werden, vielleicht hat sie aber auch nur in der Einsamkeit und in der Stille der langen Abende ein Lied der Trauer gesungen.

Paulus und Silas jedenfalls finden sich schnell in der Fängen der Justiz wieder, erfahren am eigenen Leib, wie wenig zimperlich mit Störenfrieden und Geschäftsschädlingen umgegangen wird und werden einer Spezialbetreuung durch den ortsansässigen Gefängnisaufseher anvertraut. Misshandelt und geschlagen werden sie in das innerste Gefängnis eingesperrt, wo sie nichts und niemanden sehen als die totale Dunkelheit und nur das Stöhnen und Leiden der anderen irgendwo sitzenden Mitgefangenen hören.

Ich werde schon unruhig, wenn ich nur von einem Gefängnisaufseher oder Häftlingsaufseher höre. Dieses Spiel von Macht und Gefangenschaft, von Unterdrückung und Misshandlung funktioniert auf erschreckende Weise bis heute in den dunklen uneinsichtigen Ecken der Gefängnisse dieser Welt.

Eigentlich, so dachte ich, müsste doch spätestens hier und spätestens jetzt Schluss mit den Liedern sein. Aber nicht bei Paulus und Silas. Als die Nacht am dunkelsten war, als die Enge der Gefängnismauern die Luft zum Atmen zu nehmen schien, als Angst eigentlich die Kehle hätte zuschnüren und Verzweiflung die Oberhand hätte gewinnen müssen, da beten und loben Paulus und Silas Gott.

Mit dem Trotz, der dem Glauben eigen ist, bekennen sie mit einer ungeheuren Freiheit mitten in den engen Gefängnismauern die Größe und die Macht Gottes, neben der alle Macht eines Gefängnisaufsehers und eines unrechten Justizsystems blass aussehen muss. Dieser Gott ist stärker, er kann Menschen die Kraft geben, nicht zu zerbrechen, er kann menschliche Mauern einreißen und in eine herrliche Freiheit führen.

Ich glaube viele unter uns können sich an diese Freiheit des Glaubens mitten in Unfreiheit noch gut erinnern. Wenn es am Ende vom Gefängniswärter heißt, dass er mehr von Jesus erfahren und Christ werden will, dann ist das sicher nicht den wundersamen Umständen einer nicht unternommenen Gefängnisflucht zu verdanken, sondern dem Staunen über solchen Glauben und solche innere Freiheit.

Lieder des Glaubens sind also ganz besondere Lieder. Denn ich kann mir die Situation – die Dunkelheit, die Enge und die Bedrohung des Lebens – nur so vorstellen, dass Paulus und Silas dagegen angesungen haben, so wie ein Kind gegen seine Angst ansingt oder anpfeift und wir Erwachsenen vielleicht es auch hin und wieder tun, wenn wir uns unbeobachtet fühlen.

Also, welche und wessen Lieder wird Helene mit ihren Eltern, Großeltern und Paten, ihren Geschwistern und Freunden einmal singen? Welche Lieder wird sie bei uns kennen lernen, wenn wir denn eine singende Gemeinde sind?

Versprechen können wir ihr nicht, dass sie sich nie gefangen wird fühlen. Versprechen können wir ihr nicht, dass Menschen ihr nie Böses wollen. Versprechen können wir ihr nicht, dass die Nacht nie über sie hereinbricht. Aber wir können mit ihr Lieder des Glaubens einüben, die Melodien und Botschaften gegen die Angst, gegen die Gefangenschaften und gegen die Nacht in uns aufnehmen. Wir können uns alle zusammen unter ihren Taufspruch stellen: ich bin der Herr, dein Gott, der deine rechte Hand fasst und zu dir spricht: fürchte dich nicht, ich helfe dir!

Dass zumindest ist uns allen in der Taufe versprochen: Gott hilft – Gott lässt unsere rechte Hand nicht los. Es gibt Augenblicke, da fassen wir automatisch nach der Hand zu unserer Rechten, eine Geste, die Sicherheit und Schutz und Beistand ausdrückt oder sucht. Gott hilft. Das ist auch die immer wiederkehrende Botschaft der Lieder unserer Tradition, unseres Gesangbuches und der vielen Werkstätten, in denen auch nach den Worten der neuen Lieder gesucht wird, mit denen von Gottes Wundern erzählt werden kann.

Es gibt Lieder in allen Lebenslagen, für alle Tage und alle Lebensstationen. Es gibt aber auch immer wieder Versuche, sich durch Lieder der Menschen zu bemächtigen. Deswegen hat jede Ideologie auch ihre eigenen, oft dann verführerischen oder aufrührerischen Lieder. Welche Lieder also wollen wir singen?

Paulus und Silas singen Loblieder von Gott Gottes Macht und Herrlichkeit, von seiner Güte und von seinen Wundern. Unsere Lieder wollen uns durch das Jahr begleiten. Sie erzählen von Advent und Weihnachten, vom Warten und Ankommen, sie erzählen von Karfreitag, von Leiden und Sterben und dass wir dann dennoch nicht allein sind:

Viele kennen diese Worte Paul Gerhards ( die z.B. D. Bonhoeffer in seiner Gefängniszeit besonders begleitet haben): Wenn ich einmal soll scheiden, / so scheide nicht von mir, / wenn ich den Tod soll leiden, / so tritt du dann herfür; / wenn mir am allerbängsten / wird um das Herze sein, / so reiß mich aus den Ängsten / kraft deiner Angst und Pein.

Sie erzählen aber auch von Auferstehung und neuem Leben: Jesus lebt, / nun ist der Tod / mir der Eingang in das Leben. / Welchen Trost in Todesnot / wird er meiner Seele geben, / wenn sie gläubig zu ihm spricht: Herr, Herr, meine Zuversicht.

Lieder begleiten uns im Gottesdienst. Sie sind geordnet in Loben und Danken, Rechtfertigung und Zuversicht, Angst und Vertrauen, Umkehr und Nachfolge, Geborgen in Gottes Liebe, Natur- und Jahreszeiten, Sterben und ewiges Leben. Sie begleiten uns beim Aufstehen und durch den Tag und so manches Kind ist mit Matthias Claudius „der Mond ist aufgegangen“ oder anderen Abendliedern eingeschlafen.

Unser Gesangbuch ist kein Buch nur für die Kirchen und Sonntagmorgende. Eigentlich will es ein Hausbuch und ein Lebensbuch sein. Lieder und Gebete haben unzählige Menschen begleitet, getröstet und gestärkt. Und wenn ich mich auch auf die alten Lieder neu einlasse, kann ich entdecken, welche Tiefe des Glaubens, welches Wissen um Gott und welche Erfahrung von Gottes Beistand und Treue sich hier niederschlagen. Und so mache Melodie lässt auch noch heute das Herz fröhlich springen.

Wer singt kann bei aller Not, bei aller Gefahr, bei aller Angst, die Menschen gefangen halten kann, seine Wunder erleben und im Glauben wachsen. Da mag der Gefängnisaufseher ganz am Ende noch so etwas wie ein Beispiel und Vorbild werden. Allen gemeinsam über Zeit und Raum hinweg gilt die Einladung: Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.

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