Fuge musikalisch und handwerklich

Liebe Gemeinde,

<b>Die Fuge (musikalisch)</b>

Es mag wohl passen, am Sonntag Kantate in die Predigt kirchenmusikalisch einzusteigen. Wir tun das mit einer kleinen Vorlesung zum Thema: Was ist eine Fuge?

Die „Fuge“ ist eine musikalische Form, die im Barock entstanden ist. Besonderes Kennzeichen der Fuge ist ihre komplexe Themenverarbeitung. Eine Fuge beginnt mit der Darstellung der Stimmen: Die erste Stimme trägt das prägnante, kurze Thema vor. Dieser Themeneinsatz wird auch als Dux (lat. "Führer") bezeichnet. Hierzu gesellt sich eine zweite Stimme, die den Comes (lat. "Gefährte"), auf einer anderen Tonstufe vorträgt.

Der wohl bekannteste Komponist von Fugen war Johann Sebastian Bach. In seinen Werken erprobte er sämtliche Möglichkeiten der Fuge. Fugen mit drei musikalischen Themen nennt man übrigens „Tripelfuge“.

<b>Kompostion</b>

Würden wir unseren Predigttext aus der Apostelgeschichte als Fuge vertonen, so stünden wir vor der Aufgabe, drei Themen miteinander zu verweben. Ob Sie die drei Themen der „Tripelfuge“ aus der Apostelgeschichte erkennen?

[TEXT]

Unverkennbar deutlich beginnt unsere Fuge „Im Kerker“ (So würde ich das erste Thema nennen) mit dröhnend harten Akkorden, bei denen man die Fesseln rasseln hört und die drohenden, einsamen Stunden in finsterer, einsamer Verzweifelung ahnt.

Leicht und zart hingegen steigt gerade die Melodie der Seligkeit und des Glaubens an unser Ohr („Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott“) – da wird sie schon unterbrochen vom dritten Thema, der Erschütterung. Ein Erdbeben wirft alles durcheinander. Mauern stürzen ein, Türen springen auf und der Kerkermeister verliert im wahrsten Sinne des Wortes den Boden unter den Füßen und will aus Schmach seine Seele in den Hades schicken.

Dann aber gewinnt die feine Melodie der Seligkeit und des Glaubens wieder Oberhand. „Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier“, könnte eine chorische Zeile lauten und fulminant jubelnd müsste der Hauptsatz ertönen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig. Wobei wir uns musikalisch gesehen der Mottete genähert haben, die aber mit der Fuge durchaus zusammengefügt werden könnte. Sozusagen mit Fug und Recht.

<b>Hörproben</b>

Welche der drei Stimmen unserer „Fuge“ aus der Apostelgeschichte wäre ihnen denn am nächsten? Das Kerker-Thema? Das Erschütterungs-Motiv? Oder tatsächlich die schöne Melodie der Seligkeit?

Hören wir doch hinein in die Komposition unseres Textes: Das „Kerker-Thema“

„Wir jammern so gerne“, sagt man uns Deutschen nach. Es ist schon seltsam, über die negativen Dinge des Lebens kann man tatsächlich besser reden. Hören wir hinein in den biblischen Text: Hart geschlagen, gut bewacht, tief im Kerker, Füße im Block. Fügt sich gut zu unseren Gesprächsthemen des Alltags: Krankheiten, Abmagerungsversuche, Familien-Zwistigkeiten bei den Nachbarn und in der eigenen Sippe, Ärger am Arbeitsplatz, Liebeskummer der Kinder und dergleichen mehr. Natürlich reden wir auch über die guten Dinge, aber manchmal habe ich den Eindruck, bei den düsteren Themen sind wir innerlich stärker engagiert.

Das „Erschütterungs-Motiv“ dürfte den „Realisten“ und den „Gebildeten“ unter uns vielleicht am besten klingen. Seine Melodie ginge so:

Leben wir nicht einer Zeit, in der so vieles in Frage gestellt wird. Der Zusammenhalt der Familien ist ebenso erschüttert wie unser Bildungswesen. Die alten Strukturen brechen zusammen. Ob das Neue kommen wird? Ich weiß es nicht. Es ist alles so unsicher. Was wird als nächstes passieren?

Und wie wäre es mit dieser Hörprobe: Ich bin glücklich. Gott hat mich schon in so vielen Situationen gerettet. Im Internet gibt es eine Seite, da schreiben Menschen (auf einer Seniorenseite) über die Erfahrung von guter Fügung:

Wir waren am l3. Februar immer noch auf der Flucht und lagen ungefähr l5 km vor Dresden, als wir einen Achsenbruch erlitten. Der Planwagen wurde zur Seite gekippt, das führte dazu, dass wir den Grossangriff aus der Ferne miterlebten und so überlebten. Im Laufe meines Lebens habe ich so viele Erlebnisse gehabt. Meinen letzten Mann lernte ich auf dem Bahnhof von Magdeburg kennen, nur deshalb, weil beide Züge Verspätung hatten, der seine nach Berlin, der meinige in die andere Richtung, wir waren stinksauer und tranken ein Bier zusammen …

Stellen Sie sich vor, da würde einer nur darüber reden, wie gut es ihm geht und wie glücklich er ist. Das darf schon vorkommen, aber nicht als Dauerzustand. Schnell kassierte so einer das Etikett „Angeber“ oder „Traumtänzer“ oder eben „frommer Spinner“. Seltsam, das Gute, die gute Fügung nehmen wir hin, aber darüber reden ist eher peinlich.

<b>Die Leichtigkeit des Glaubens</b>

Und die Apostelgeschichte erzählt so einfach und ohne Schnörkel davon, wie sich der Glaube selbst von Kerkermauern nicht einsperren lässt. Mir tut die Frische gut, die in dieser Erzählung liegt. Unaufdringlich und wie selbstverständlich kommt das leise Handeln unseres Gottes zur Sprache. Gott rettet. Gott zerbricht Ketten. Gott befreit aus Düsternis. Und vor allem: Gott befreit die Menschen dazu, miteinander zu leben, zu feiern, einander zu dienen. Kein „Wenn“, kein „Aber“. Wie haben wir es im Evangelium vorhin gehört: Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.

„Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier,“ ruft Paulus dem entnervten Kerkermeister zu. Wie gut tun diese Worte: Wir setzen uns für Sie ein. Haben Sie keine Angst, wir kümmern uns um Sie. Wir lassen dich nicht im Stich. Ich stehe hinter dir. Auf uns kannst du zählen.

Vielleicht hören wir das zu wenig und zu selten. Und wenn wir sie hören, dann erscheinen uns diese Sätze und Worte wie aus einer anderen Welt. Skeptisch blicken wir dem Ungewohnten entgegen. Zweifel meldet sich. Ich merke schon, wie das Kerker-Motiv darum ringt, Dux – Führer – in meiner Lebenskomposition zu bleiben.

Den Kerkermeister unserer Geschichte verwandeln die rettenden Worten des Glaubens in einen Krankenpfleger. Er nimmt die Gefangenen mit in seine Wohnung und „wusch ihnen die Striemen.“ So eine Schnulze, quäkt das „Erschütterungs-Motiv“ und möchte gerne die Führungsrolle haben und mahnt, wie selten doch die guten Erfahrungen seien. Nebenstimmen, schöner Zierrat. Die harte Melodie des Lebens aber wird nicht auf der Panflöte gepfiffen.

„Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.“

Es tut einfach gut, sich heute am Sonntag Kantate in die Arme Gottes fallen zu lassen.

Es täte so gut, einfach rufen zu können: Herr, ich traue auf deine Fügungen. Du meinst es gut mit mir. Schwestern und Brüder, ich bin froh, euch zu haben in der Gemeinschaft des Gottesdienstes, in der Gemeinschaft des Gebets und des Gesangs.

Nein, wie wollen nicht „abheben“. Natürlich bleiben wir mit beiden Füssen auf dem Boden.

Natürlich werden die anderen Stimmen nicht schweigen. Kerker-Motiv und Erschütterungsthema gehören nun einmal in die Komposition des Lebens. Dux, Führer aber darf uns der Glaube sein.

<b>Die Fuge (handwerklich)</b>

Wir hätten auf unsere Frage „Was ist eine Fuge?“ auch eine ganz andere Antwort geben können; eine handwerkliche. Eine Fuge ist Zwischenraum, z.B. zwischen den Kacheln im Badezimmer. Eine Fuge unterbricht etwas, sie ist Lücke und Verbindung zugleich. Bleiben wir im Wortfeld:

Wir fügen uns, d.h. wir unterwerfen uns fremdem Willen und anderem Diktat. Wir sprechen aber auch von Fügung, gar von glücklicher Fügung um auszudrücken, dass das kalte Wort „Zufall“ die Sache nicht richtig treffen würde. Weil da mehr im Spiel war: Das, worüber wir nicht verfügen können. Die Kraft, die unser Leben komponiert. Da scheint es auf, das „Seligkeits- und Glaubensmotiv“.

So ist halt das Leben: Die Themen gehen durcheinander und manchmal, wenn unser Gehör bereit ist, können wir die Stimmen unterscheiden. Heute, am Kantate-Sonntag wollen wir uns ungeniert an der Melodie der Seligkeit und des Glaubens erfreuen. Ich hoffe, man konnte sie hören. Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!

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