Freiheitslieder

Warum, liebe Gemeinde, hat man wohl diesen Text zum Sonntag „Kantate“ ausgewählt? Auf den ersten Blick scheint das nicht ganz eingängig, denn wir staunen zunächst über die Wunder, die in diesem Text beschrieben werden: ein Erdbeben geschieht, die Grundmauern des Gefängnisses wanken und alle Türen öffnen sich. Wir werden dies heute bedenken, aber erst als Folge einer anderen Tat und nicht als deren Ursache! Hält man sich den Urtext in Griechisch vor Augen, so erschließt sich der Zusammenhang etwas einfacher. Silas und Paulus werden ins Gefängnis geworfen und festgekettet. Auf solche Art bewegungsunfähig gemacht, bleibt ihnen nur noch eines: beten und loben, bzw. etwas genauer: lobsingen! Sie werden wohl inmitten ihrer Trübsal, inmitten ihrer äußeren Bedrängnis das getan haben, was die Hl. Schrift uns allen empfiehlt: singen und beten.

Beten, wer es kann: mit eigenen Worten beschreibend, was ihn drückt oder was ihm fehlt. Singen: bekannte Weise, überliefert und angereichert mit langer Tradition. Sie wissen es vielleicht selber, liebe Gemeinde: manchmal fehlen einem die Worte und man kann seine Situation eben nicht mehr in eigene Sprache fassen. Aber dennoch brauchen wir Sprache, um uns auszudrücken und selbst die, deren Zunge nicht arbeiten möchte, haben doch eine Sprache, damit sie mit einander kommunizieren können. Wessen eigene Worte im Halse stecken bleiben, der ist froh, auf etwas zurückgreifen zu können, was Bedeutung hat und sein Leben beschreibt. Deswegen, liebe Gemeinde, lieben viele Menschen etwa den Psalm 23, nicht weil sie selber Hirte oder Schaf wären oder gerne durch Schluchten und Täler wandern, sondern weil sie spüren, dass in diese Worten tiefe Lebenserfahrung gesammelt ist und sich darin Worte des Heils verbergen. Wer die Tradition leichtsinnig über Bord wirf, läuft Gefahr, sich auch dieses Wissens und dieser Worte zu berauben. Vielleicht haben also Paulus und Silas die Psalmen der Bibel gesungen oder gebetet, wobei der Gesang in diesem Fall ja auch ein Gebet ist. So wie unser Introitus übrigens auch immer ein gesungenes Gebet ist – Sprechen zu Gott mit den Worten der Alten und sich selbst dabei hineinstellen in den heilsamen Strom der Tradition. Bedenken Sie das mal: wenn bestimmte Worte und Psalmen seit Jahrhunderten von vielen Menschen gebetet und wiederholt werden, dann heftet sich etwas von deren Erfahrung im Leben an die Worte selbst und sie bekommen eine Tiefe und Weite, die das Leben des einzelnen Beters großartig übersteigt.

Als Jesus keine Worte mehr hatte am Kreuz, weil er am Ende war, da betet er die Worte des 22. Psalms und stellt sich in diese Tradition hinein.

Noch ein letztes dazu: manche Probleme, die einen selber bedrängen, werden im Angesicht dieser Erfahrungen, die die Psalmworte mit sich tragen, plötzlich relativiert, sie werden kleiner, sie werden besser annehmbar und verstehbar. Freilich braucht es eine Übung, um sich selber diese Tradition zu erschließen – eine Übung, die wir hier am Sonntag treiben und die Sie zu Hause angehen, im Gebet, im Lesen der Losungen, im Lesen der Heiligen Schrift.

Nun aber: Paulus und Silas beten und lobsingen und plötzlich geschieht etwas, welches der Autor der Apostelgeschichte nicht selbst miterlebt hat, sondern sich im Nachhinein nur so erklären konnte: Paulus und Silas werden frei und der Gefängniswärter lässt sich und seine ganze Familie taufen. Es müssen wohl die Mauern zerbrochen sein und die Türen aufgesprungen: ein Wunder vor den Augen der Welt.

Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, dass durch das Gebet ein Gebäude mit Stein und Eisen wankt, ich denke auch nicht, dass wir das übertragen müssen: harte Gefängnismauern kann m.E. keiner wegbeten. Aber dennoch, liebe Gemeinde, geschieht ja etwas Unglaubliches: durch den Gesang, durch das Gebet werden Silas und Paulus wieder frei. Und ich denke, liebe Gemeinde, dass diese Freiheit, die sie im Loben und Beten erfahren zunächst eine innere Freiheit ist – ganz so, wie wir es letzten Sonntag bedacht hatten. Vielleicht waren die beiden nach dem Verkündigen müde und hungrig, etwas trostlos geworden, weil es doch so schwer war, diesen neuen Gott unters Volk zu bringen. Vielleicht waren sie etwas angeschlagen und dann kommt auch noch die unselige Verhaftung hinzu, dann die Schläge und Misshandlung im Gefängnis, vielleicht sogar der Spott der Mithäftlinge, denn Sie wissen es ja selbst: oft ist die eigene Niederlage besser zu ertragen, wenn man jemanden findet, dem es noch schlechter geht und dem man es vielleicht auch sagen kann. Denken Sie bloß an die Mitgekreuzigten von Jesus: selbst im Tode spottet noch der Eine über den Dornengekrönten. Und in aller dieser Dunkelheit – sie waren im innersten Gefängnis – in all dieser Not und Niederlage loben, beten und singen die beiden. So, als ob nichts wäre. So, als ob sie Gottesdienst feiern würden. So, als wäre es ein Fest, mit dankbarem Herzen zu Gott aufzublicken! Und es geschieht das, was die heilende Kraft des Gebets und Lobgesangs sein kann: es weitet die Herzen, es sprengt die Fesseln, es holt zurück in die Freiheit, für die die Kinder Gottes geschaffen worden sind. Denn wer weiß, dass er Gottes Kind ist, denn kann nichts trennen von dieser Liebe: weder Engel noch Gewalten, wie es selbst in der Schrift beschrieben steht. Mit diesen Worten, mit diesem Gesang finden unsere beiden Missionare wieder die richtige Haltung zu ihrem Gott und ihre Kräfte kehren zurück. Ich glaube, man kann es Menschen in Notsituationen ansehen, ob sie diese Gotteskraft in sich spüren. Ich stelle mir vor, ein Leuchten und Blitzen huscht über das Gesicht von Silas und Paulus, ihr Blick wird wieder klar und stolz und der Ausdruck von Freiheit legt sich auf ihre Züge.

Manchmal, liebe Gemeinde, erlebe ich solche Momente: wo Menschen im Gebet versammelt sind und man spürt ihnen diese Erlöstheit an. Wirklich frei, liebe Gemeinde, wirklich erlöst. Oft erlebe ich natürlich auch das andere: zwanghaftes Beten, kleinkariertes Denken, ich-bezogen und ich-süchtig: Leider erlebe ich auch oft das Gegenbeten, als ob man mit dem Wort, das freimacht andere Menschen in das Korsett der eigenen Begrenzung zwingen könnte. Das Gebet, das Loblied, liebe Gemeinde dient niemals zur Bekehrung, sondern ist immer ein freies Gespräch mit unserem Schöpfer. Dass schließlich Bekehrung aus dem Gebet unserer beiden Missionare erwachsen kann, ist freilich etwas anderes. Der Wärter des Gefängnisses und wohl auch die anderen Gefangenen müssen es spüren: da ist eine Veränderung bei Paulus und Silas vonstatten gegangen. Ja, die benehmen sich doch tatsächlich so, als wären sie gar nicht eingesperrt, sondern sie wirken glücklich und wahrhaftig frei und erlöst. Ich stelle mir, vor, liebe Gemeinde, dass das der Wärter gespürt hat und dass er begonnen hat über sein eigenes Leben nachzudenken. Denn, um eingesperrt zu sein, braucht es keine Mauern, keine äußere Begrenzung. Die meisten Gefängnisse, in denen wir leben, haben wir uns selbst gemacht: durch unsere Beschränkung, unseren Kleinglauben, unsere Unfähigkeit, auf andere Menschen zuzugehen, aber auch durch unsere Angst und Verzagtheit. Wenn ich so lebe, dann brauche ich diese Mauern v.a. zu meinem eigenen Schutz: Abgrenzen, ausgrenzen, abschieben. Sie merken, liebe Gemeinde, das sind auch politische Begriffe geworden und sie werden dieser Tage wieder häufiger diskutiert. Ich meine, sie haben ganz ursächlich mit dieser unfreien Angst zu tun.

Nun aber zum Wärter, der die Freiheit dieser Menschen spürt. Der merkt, wie sich Tore und Türen öffnen, obwohl noch alles hinter Schloss und Riegel sitzt. Dieser Mensch merkt, wie sein Leben bisher verlaufen ist. Ich glaube er erkennt die Möglichkeiten, die sich in Gott auftun und verzweifelt, dass er sie bisher nicht kannte. Der Hinweis auf seinen spontanen Entschluss zur Selbsttötung kann hindeuten, wie es sein kann, ein Leben ohne die Freiheit in Christus führen zu müssen. „Paulus aber rief: wir sind alle hier: tu dir nichts an!“ Da bekehrt sich der Wärter und das heißt nicht anderes, als dass er seinen alten Weg verlässt – umkehrt – und den neuen Weg mit Gott versuchen will. Mit Gottes Hilfe – so sagen wir Heutigen. Was er tun muss, damit er gerettet wird? An Gott glauben – auf Gott vertrauen. Vertrauen, dass Jesus als der Christus von Gott gesandt wurde, damit er deine Sünde heile und dein Leben zur Freiheit wende. „Ja“, spricht der Aufseher: „das will ich tun“ – „mein Leben will ich in Zukunft nehmen als Geschenk aus dieser liebevollen und fürsorgenden Hand. Ich will gewiss sein, dass es über und neben Gott nichts gibt, was mein Leben bestimmen darf. Diese Freiheit will auch ich wählen.“ Ein mutiger Entschluss von diesem Wärter, möchte ich sagen. Bezeichnenderweise gerade von einem, der die Dunkelheit eines Gefängnisses auch von innen kennen gelernt hat. Dass er zum Glauben gekommen ist, liebe Gemeinde, sieht man nicht nur an seinem Ausruf und seinem Entschluss zur Taufe. Nein, er wird – ganz folgerichtig – auch tätig in seinem neuen Leben: er wäscht die Wunden der Gefangenen und bittet sie an seinen Tisch: welch Vorbild für unsere Zeit.

So wird uns nichts weniger als die Kraft des Gebets und des Lobgesang heute an Kantate durch diese Erzählung gezeigt. Sie will uns Mut machen, nicht zu verzagen. Mut machen, nicht zurückzukehren in die Gefängnisse, aus denen wir durch Christus befreit sind. Und sie gibt uns einen einfachen Schlüssel dazu: den Hinweis auf das Gebet, den Hinweis auf das Lob, den Hinweis auf den Gesang.

Und der Friede Gottes, der frei macht wie nichts anderes auf der Welt, bewahre eure Sinne und Herzen in Christus Jesus.

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