Was Müde munter macht

"Er weckt mich alle Morgen" Das haben wir anfangs gesungen. Er weckt mich alle morgen, das haben auch die inzwischen konfirmierten Jugendlichen auf der letzten Herbstfreizeit erfahren. Wahrscheinlich ungern, auch Marco schaut auf dem Titel des Sonntagsblattes nicht eben begeistert. Denn schon um 7 kamen die Leiter mit dem Morgenständchen und ersten Anweisungen für den Tagesablauf. Die meisten von uns werden frühmorgens so ihre Anlaufschwierigkeiten haben. Man kann natürlich aus der Trägheit eine Tugend machen. So wie in dem Ratschlag eines Musikers, der hier manchmal aushilft: "Natürlich leben im Rhythmus der Jahreszeiten: Frühjahrsmüdigkeit, Sommerloch, Herbstdepression, Winterschlaf."

Wir wollen uns jetzt aber nicht zur Ruhe legen, sondern hellwach auf Gottes Wort hören und fragen, was lässt uns wach bleiben, um den Nöten zu begegnen, die uns selbst und so vielen um uns herum die Schritte schwer machen, die Resignation und Mutlosigkeit überhand nehmen lässt. Dazu die naheliegende Gliederung: 1. Was müde macht 2. Was munter macht.

Als erstes also: Was müde macht. Die Müden, das sind nicht nur ein paar überarbeitete Workaholics, die eine Energiespritze brauchen, oder diejenigen, die sich abends ihr Bafög oder Hartz IV aufbessern müssen mit Jobben an der Theke. Nein, die Müden, das ist die große Masse, die unzähligen Müden in der Welt, und die Müden in der Gemeinde Gottes. Es gibt eine Müdigkeit, für die erntet man wohlwollendes Verständnis. Die ist kurierbar mit einer langen Pause hinterher. So wie die Müdigkeit der Fußballer nach einer englischen Woche. Oder die Müdigkeit nach einem Großeinsatz, wenn man den Garten umgegraben hat an einem regenfreien Wochenende. Oder nach einem anstrengenden Umzug. Als meine Eltern vor Jahren umzogen in eine kleinere Wohnung einige Straßen weiter, haben die Kinder und Enkel das Meiste erledigt. Sie wohnten vorher im 3. Stock, das waren weite Wege mit Schlepperei, höchstens bei dir Daniel war das noch anstrengender, denn ihr seid ja auch wieder nach ganz oben umgezogen. Als Helfer sieht man dann mit Erstaunen, was sich so ansammelt an Bettwäsche und Klamotten und Kleinkram. Dabei kann man doch am Tag nur ein Hemd anziehen und deckt sich nachts nur mit einer Decke zu. Ein Großteil dieser von der Schlepperei verursachten Müdigkeit war gar nicht der Umzug, der ja nötig war. Sondern diese Müdigkeit war verursacht von den vielen Dingen, die man eigentlich gar nicht braucht. Aber von denen man sich nicht trennen will. An vielem, was uns müde macht, sind wir selbst schuld. Und auch wo wir nichts dazu können, weil äußere Umstände unsere Kraft strapazieren, sind wir selbst schuld, weil wir die von Gott angebotenen Hilfen für neue Energie und Motivation kaum in Anspruch nehmen.

Dabei brauchen wir das so nötig. In den Familien brauchen es die Mütter, die am Abend k.o. sind vom täglichen Dreikampf, dem Hin und Her von Familie, Halbtagsjob und Haushalt. In der Gemeinde brauchen es viele, die erschöpft nach einem langen Arbeitstag in den Chor kommen oder in den Hauskreis, in den Vorstand. Gruppen, in die sie einmal hochmotiviert hineingegangen sind und die jetzt mancher von ihnen eher als Pflichtprogramm abspult. Weil die Begeisterung des Anfangs der Erkenntnis gewichen ist, dass Mittun in einer Gemeindegruppe nicht nur Spaß. Es bedeutet Verantwortung bedeutet, da sind Kontinuität und Verlässlichkeit gefordert. Aber manchmal möchte man auch mal abschalten und sich bedienen lassen. Nicht schon wieder Kaffee vorbereiten, sondern selbst eingeladen werden. Und dann ist da Müdigkeit der Übriggebliebenen in den gekürzten Belegschaften, die sich einst mit anderen Kollegen die Arbeit geteilt haben. Und jetzt müssen sie, von verschärften Anforderungen strapaziert, in weniger Zeit mehr erledigen. Wir haben also allen Grund, müde zu sein. Wir müssen uns keineswegs schämen dafür und uns zusammenreißen und nach außen vortäuschen, Aktivität und Lebensfreude seien ungebrochen. Aber das ist dann gerade nicht die Lösung, dass wir nach einem harten Tag übermüdet die Beine hochlegen, die Mattscheibe anklicken und uns berieseln lassen von dem Gebräu an Belanglosigkeit, das einem da entgegenströmt. Da geschieht kein Ausgleich und erst recht keine Besserung. Und die Programmmacher wissen ja auch, dass ihr verwöhntes Publikum nach den ersten Folgen einer neuen Serie gelangweilt und müde nach neuem Ausschau hält und so müssen sie die Dosis erhöhen an Action und Comedy und was sonst die Langeweile vertreiben soll. Was herhalten soll als Muntermacher. Das ist der falsche Weg. Könnten wir doch erkennen und anwenden, was uns die Lebenskraft wieder bringt! Dazu müssen wir noch genauer hinschauen, warum die Freude am Leben, warum die Treue in der Nachfolge Jesu, warum ein dankbares Annehmen harter Alltagsstrapazen so oft auf der Strecke bleibt.

Der Apostel Paulus kennt den Grund dafür. Er sagt: Wir sollten nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich. Aber was unsichtbar ist, das ist ewig.

Was ist denn das sichtbare, das uns oft so mutlos und müde macht? Es ist die Vergänglichkeit. Und davon ist auch der Christ betroffen. Er hat wohl den Glauben. Er hat Jesus im Herzen. Aber er lebt in dieser vergänglichen Welt und ist selbst vergänglich. Er hat, so nennt es Paulus einige Sätze vorher, den Schatz des Glaubens in irdenen Gefäßen. In tönernen, zerbrechlichen Schalen. Manche erinnern sich vielleicht noch an den Gottesdienst vor zwei Wochen, als die Bibelverteiler hier waren vom Gideonbund. Wir hatten von den Abenteuern Gideons gehört. Unter anderem von jener nächtlichen Aktion, wo sie die Feinde erschreckt und irritiert haben, indem sie Fackeln in Tonkrüge steckten. Die Krüge haben sie dann zerbrochen und die Fackeln angezündet. So ähnlich ist dieser Vergleich auch: Unser Leib ist zerbrechlich, vergänglich. Aber wenn wir das Licht des Glaubens in uns tragen, sind wir verbunden mit der Ewigkeit. Die leuchtet hinein in unsere Vorläufigkeiten und Schwachheiten, gibt uns Hoffnung und stärkt uns wieder.

Damit sind wir beim Zweiten: Was munter macht.

Es ist ein Blickwechsel. Es ist Ansichtssache. Es kommt darauf an, das Gold hinter dem Schwarz zu sehen. König Georg V von England besuchte einmal eine Porzellan Manufaktur. Er kam zu dem Porzellan, das für den Buckingham-Palast bestimmt war. Eine junge Frau war eifrig damit beschäftig, das Innere der Tassen schwarz an zu malen. Das konnte der Monarch nicht verstehen. Seines Wissens war kein Auftrag erteilt worden, schwarzes Porzellan herzustellen. Da erklärte man ihm dass unter der schwarzen Schicht das Gold läge. Als die Tassen dann aus dem Feuer kamen, staunte der Besucher und war vom Sinn der Maßnahme überzeugt: Das Schwarz war weggebrannt, das Gold aber tief eingebrannt. Hätte man das Gold ohne das schützende Schwarz dem Feuer ausgesetzt, so wäre es verdorben worden.

Wie oft sehen wir in unserem Leben nur vordergründig das Schwarze und vergessen dabei: Unter dem Schwarzen liegt nach dem Plan des Schöpfers das Gold. Ein Christ sollte um diese Zusammenhänge wissen. Das Leben eines Menschen, der im Alltag mit dem lebendigen Gott rechnet, kennt Anfechtungen. Sie kommen aus dem Gegensatz zwischen der Wirklichkeit, die wir sehen. Und dem was wir von Gott erbeten haben. Vielleicht konnten wir uns bei unseren Bitten sogar auf eine Versprechen Gottes berufen. Wenn dieser Gegensatz bleibt und zunimmt, legte sich die Mutlosigkeit wie ein kalter Rauhreif auf unser Glaubensleben. Das Gebet wird müde. Die Bibel hat uns nichts mehr zu sagen. Von der Gemeinschaft der Glaubenden fühlen wir uns nicht verstanden und ausgeschlossen. Zuversicht und Vertrauen weichen der Bitterkeit.

Der Apostel Paulus kannte das auch. Er wollte mit all seinen Kräften für Jesus und sein Reich arbeiten. Aber die Strapazen der Reisen, Redeverbote, Ausweisung, Kritik seitens anderer Gemeinden, die ihn doch hätten ermutigen sollen. All das lähmte seinen Dienst. Er konnte oft nicht so wie er geplant hatte. Und in Zeiten besonderer Schwäche, als seíne angeschlagene Gesundheit ihn ausbremst, merkt er: Der äußere Mensch zerfällt. Ist das nicht Grund zum Zweifel. Warum hat Jesus ihn nicht bewahrt? Warum gibt der Herr ihm nicht die frühere Kraft zurück. Werden nicht die Feinde Jesu Christi am Ende triumphieren? Aber Paulus wird nicht mutlos. Sein Blick bleibt nicht gebannt hängen an dem, was ihm Böses widerfahren ist oder an Gutem genommen ist. Er sieht im Glauben auf Jesus. Der Weg Jesu hat nicht aufgehört im totalen Zusammenbruch des Karfreitags. Er führt weiter zur Erfahrung der sieghaften Kraft Gottes am Ostermorgen. Dieses Geheimnis erschließt sich dem Apostel: Gottes Kraft kann am meisten wirksam werden, wo wir mit unserer Kraft ganz am Ende sind. Jesus hat diese Auferstehungskraft total erfahren, leiblich, er kehrte heim zu Gott in die Herrlichkeit. Das bekommen wir so nicht, noch nicht. Die Auferstehungskräfte wollen bei uns zunächst den inneren Menschen stärken. Den Menschen des Glaubens, der in einem glaubenden Christen durch Gottes Wort und Geist geschaffen ist. So kann er’s kommen, dass bei einer Verschlechterung der äußeren Lebensumstände, auch der Gesundheit, der Mut und Glaube eines Menschen mehr und mehr gefestigt wird.

Aber ist das nicht Selbstbetrug? Eine billige Vertröstung auf ein besseres Jenseits? Da hört man wieder den klassischen Vorwurf: Ihr Christen redet wieder vom Jammertal und vertröstet auf den Himmel. Aber Paulus jammert nicht. Er hat Zuversicht. Er ist in Schwachheit nicht müde, sondern motiviert. Sicher kann man fragen, muss man fragen: Ist es vernünftig, das sichtbare preisgeben und unser Leben auf das gründen, was unser Blick nicht erreicht? Der Asien-Missionar Hoffman berichtet in seinen Erinnerungen: Ich suchte lange nach einem Wort für "Glauben" in der Papuasprache in Neuguinea. Da kam eines Tages ein Papua zu mir und fragte: Hoffmann, hast du den Herrn Jesus gesehen. Nein. Hat ihn dein Vater gesehen? Nein. Aber dein Großvater? Auch nicht. War denn Jesus in deinem Lande? Nein. Aber wohl im Nachbarlande? Nein. Aber woher weißt du, das Jesus da ist. Oh, sagte ich, so wahr die Sonne am Himmel strahlt, so wahr weiß ich auch, dass Jesus da ist!" Der Mann ging nachdenklich nach Hause. Am nächsten Tag kam er wieder und stellte dieselben Fragen. Ich gab ihm wieder die gleichen Antworten. Da sah er mich eine Weile an und meinte: "Ich verstehe dich jetzt. Dein Auge hat Jesus nicht gesehen. Aber nicht wahr: Dein Herz kennt ihn, dein Herz hat ihn gesehen." Als der Mann wegging, fuhr es mir durch den Sinn: Das gibt ein schönes Wort für Glauben, so will ich das Wort Glauben in der Papua Bibel übersetzen: mit dem Herzen Jesus sehen! Vielleicht kennen wir das Wort aus dem Kleinen Prinzen von Antoine dÉxupery: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Aber das greift zu kurz. Es kommt darauf an, was wir mit dem Herzen sehen. Dass wir auf Jesus sehen. Das wir auf das Unsichtbare sehen und nicht auf das Sichtbare und ihm verhaftet bleiben.

Wer mit dem Herzen Jesus sieht, der kann mit nüchternen Augen usnere Welt sehen. Sie ist für ihn nicht mehr der letzte Wert. Wenn wir nur nach dem urteilen, was sichtbar ist, erscheint uns die Not nur als Not. Erscheint uns die Zerstörung des äußeren Menschen als unsere ganze Zerstörung. Und wir fürchten uns. Paulus aber lehrt uns hier: Das Verhältnis zwischen dem, was sichtbar ist und dem was unsichtbar ist, wird sich einmal umkehren. Das was wir jetzt vor Augen haben, vergeht und ist dann nicht mehr zu sehen. Was wir aber jetzt nicht sehen, das wird einst so offenbar, dass es für immer sichtbar bleibt. Ewig.

Hast du dein Leben schon von dem ewigen Gott und seinem Wort prüfen lassen? Oder liegen deine Lebensziele noch in der sichtbaren, vergänglichen Welt? Dann stehst du in der Gefahr, für Gott und seine Welt auf ewig verloren zu gehen.

Wage es, mit der Wirklichkeit der ewigen Welt zu rechnen. Und bete zu Jesus, dass er dich lehrt, mit dem Herzen auf den unvergänglichen Gott zu schauen.

Und wenn du dir von Jesus hast helfen lassen, wenn er in dir den Glauben geweckt und entfaltet hat, vergiss die anderen nicht. Die vielen, die um Hilfe schreien, und die keiner hört. Die vielen, die schon längst verstummt sind, weil sie nur noch resigniert haben. Die Depressiven und Schwermütigen, die am Leben Verzagten. Die vor einer Verzweiflungstat bewahrt werden können, wenn es jemand gebe, der zur Rechten Zeit mit den Müden spricht. Du weißt doch, dass es noch Hilfe gibt, du weißt doch, dass Jesus hilft, also gib weiter, was dir geholfen hat.

Ihm, der nicht müde noch matt wird, wollen wir unser Ohr öffnen. Damit er hineinreden kann in unser Leben, aufwecken darf, was eingeschlafen ist, dass sein Geist die Müdemacher vertreibt und uns mit langem Atem und Geduld ausrüstet.

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