Grund zum Jubeln

Liebe Gemeinde,

noch stehen wir mitten im Osterfestkreis – den dritten Sonntag nach Ostern begehen wir heute und er ist benannt nach dem 66. Psalm: „Jubilate“ – auf Deutsch: Jauchzt und jubelt Gott zu, alle Länder der Erde!

Lobt diesen Gott, liebe Gemeinde, der euch in Christus lebendig gemacht hat. Jauchzt zu seiner Ehre und lobsingt seinem Namen, denn er hat den Tod besiegt und uns das ewige Leben im Glauben geschenkt. „Wie lieblich ist der Maien“ – haben wir zu Beginn des Gottesdienstes gesungen und dieser Frühling nach dem langen Winter ist wie ein Abblild dieser Osterbotschaft: „Neues Leben ist in Christus euch geschenkt worden!“.

Gott schenkt, liebe Gemeinde, wir wissen es: aus freien Stücken, aus reiner Liebe, weil er sich sehnt nach der Gemeinschaft mit seinen Geschöpfen. Wir sind seinem Bilde nachempfunden, so beschreibt es die Heilige Schrift, wenn sie die Entstehung – oder tiefer noch: den Grund der Entstehung der Erde beschreibt. Unser Lebensziel und unser Lebenssinn ist darin angedeutet: Gott wartet darauf, dass wir anfangen, ihm zu entsprechen oder deutlicher: ihm Antwort zu geben auf seine Liebe.

Die größte Liebestat war sein Tod in Christus Jesus am Kreuz für uns, damit unsere Sünde aufgehoben würde und wir wieder freien Zugang zu ihm und seinem Wort bekommen.

Heute, liebe Gemeinde, an Jubilate, sind wir aufgefordert im Jubelgesang dieser Liebe zu entsprechen, wenngleich wir unser Alltagsleben ganz anders empfinden mögen. Hören wir also das Predigtwort für den heutigen Sonntag aus dem zweiten Brief des Paulus an die Korinther im vierten Kapitel, die Verse 16 bis 18:

[TEXT]

Paulus weiß um die Spannung, die mit Ostern in unser Leben gekommen ist. Ein neues Leben ist uns versprochen und wird uns in allerlei Symbolen vor Augen geführt: wir haben es selbst gefeiert: den Einzug des Lichtes, das Heilige Sakrament des Abendmahls, die Erinnerung an unsere Taufe. All das als Hinweise auf das Eigentliche, das neue Leben in Gott.

Nun aber wieder unser Alltag, in dem die Sorgen und die Nöte überhand zu nehmen scheinen. Wie sollen wir da jubeln – wie sollen wir da jauchzen? In der großen Politik betrachten wir mit Sorge die Entwicklungen, die das Unheil eines neuen großen Krieges andeuten. In der Gesellschaft – auch in unserem kleinen Ort – sehen wir die Nöte, die wir mit den fehlenden Finanzen und der daraus folgenden, schwierigeren Zukunftsgestaltung haben. Nirgends scheinen wir den festen Anker zu finden, den Ort oder den Inhalt, an dem wir uns festmachen können und sagen können: hier darf ich sein, hier darf ich mich ausruhen. Als Paulus seinen Brief an die Korinther schickt, den wir den zweiten nennen, hat er ganz ähnliche Probleme vor Augen und die Zukunft für die neue Christenheit sah sogar noch düsterer und beklemmender aus, als wir uns das heute vorstellen können. Die Menschen fingen an zu fragen: wie kann das sein, wo doch der Herr auferstanden ist und er seine Herrschaft im Himmel angetreten hat? So nimmt Paulus etwas auf, das er der antiken Vorstellung vom Menschen entlehnt: er spricht von einem inneren und einem äußeren Menschen. Ein äußerer Mensch, der in der Welt leben muss und der viel erleiden muss. Und ein innerer Mensch, der sich stetig weiter entwickelt, der stetig auf dem Weg zu Gott hin ist und der das Heil gewiss erlangen wird. Denn, so schreibt Paulus: wir sehen nicht auf das, was sichtbar ist, sondern auf das, was unsichtbar ist. Liebe Gemeinde: wir dürfen dies so einfach auf uns heute übertragen: nicht das, was wir von außen her sehen, hat Geltung vor Gott. Nicht das Äußere ist entscheidend für das, was unser Leben ausmacht. Sei es das Positive wie das Negative. Das Äußere, liebe Gemeinde, zählt in der Welt, würde Paulus sagen Und das kennen wir: wer reich ist heutzutage, wer schön ist, wer berühmt ist, wer schlau ist, wer erfolgreich ist: der wird angesehen – zu dem blicken die Menschen empor und streben ihm nach, damit sie etwas von diesem vermeintlichen Glanz abbekommen. Aber, liebe Gemeinde: das sieht Gott nicht an. Drei Konfirmandinnen haben dieses Jahr einen ganz ähnlichen Spruch aus dem Alten Testament, aus dem ersten Buch Samuel zum Konfirmationsspruch gewählt: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an. (1.Samuel 16,7)“ Es gilt auch für das Negative, was einem Menschen widerfährt: wer verschuldet ist, wer Krankheit und Leid zu tragen hat, wer verarmt ist, wer nicht mithalten kann in der Schnelligkeit der Welt: auch das ist kein entscheidendes Kriterium vor Gottes Augen. Und das ganz am Rande, liebe Gemeinde: wie entlastend war solch eine Aussage in der Welt der Antike: denn die antiken Götter waren auf Leistung erpicht, bekämpften sich gegenseitig mit Waffen und Intrigen und waren auf das Ansehen bei den Menschen eifersüchtig. Nun aber kam eine Religion, die behauptete, dass auch Frauen Menschen seinen, dass man Sklaven ernst nehmen müsse, dass Standes- und Rassenunterschiede keine Rolle mehr spielen würden. Warum? Weil es eben auf diesen inneren Menschen ankam und nicht mehr auf das Äußere! Wir heutigen vergessen das manchmal, dass das meiste, was wir unter Menschenrechte heute fassen durch diese christliche Ethik begründet ist. Weil die Menschen von Gott gleich geschaffen wurden, darf es diese Unterschiede vor Gott auch nicht geben. Deswegen sieht Jesus in den Sündern, den Kranken, den Armen, den Leidenden immer mehr als nur das Äußere, was die Gesellschaft sehen kann: Jesus sieht den Menschen vor Gott! Paulus sagt, es sei der innere Mensch, der dieses Ansehen vor Gott genieße. Der innere Mensch, so schreibt Paulus, wird deswegen von Gott von Tag zu Tag erneuert. So wie es unsere Taufe verspricht: ein neuer Mensch soll aus der Taufe auferstehen. Auch das ist nicht sichtbar. Bei all den Taufen, die ich schon feiern durfte, sah der Täufling nach der Taufe genauso aus, wie vor der Taufe. Dennoch glaube ich fest: in dieser Taufe geschieht etwas mit dem Menschen, weil Gott sich an sein Wort gebunden hat und uns versprochen hat: ich bin mit dir. Über diesen weiten Bogen, liebe Gemeinde, komme ich nun endlich zu Ostern zurück: Ostern hat etwas mit unserem Leben zu tun, mit unserem inneren Menschen. „Wer glaubt und getauft ist, der wird selig werden“, ist der Zuspruch am Ende unserer gemeinsamen Beichte, die wir zu Beginn eines jeden Gottesdienstes sprechen: es geht um unseren inneren Menschen. Unsere äußere Trübsal wird uns gefangen nehmen in diesem Leben. Unsere Sorgen werden uns auffressen von Zeit zu Zeit, wenn wir Dingen begegnen, die wir nicht begreifen können, Dinge die wir nicht handhaben können in unserem Leben. Dinge, die wir aus unserer Gemeinde kennen: den frühen und sinnlosen Tod der Ehefrau, das Sterben der eigenen Kinder, während man selber noch am Leben ist, gebrechlich und krank. Die Verzweiflung in Beruf und Arbeit – der Kampf gegen den Abstieg oder die Armut. Die Depression, die einen als Krankheit so in der Gewalt hat, dass man sich selber nicht mehr sehen kann. Der Beispiele wären noch mehr uns Sie alle kennen sie aus Ihrem eigenen Leben – nicht immer – aber doch zu manchen Zeiten schwer und drückend genug. Aber Paulus schreibt in seinem Bild: das ist der äußere Mensch – aber das ist nicht das Wesentliche. Das ist nicht das, woran ihr euch messen sollt. Das ist nicht so, wie euch Gott sieht.

Man kann es deutlich ansprechen, liebe Gemeinde: wer seine Hoffnung auf das Äußere setzt, der ist verloren, weil das Äußere nicht den idealen Zustand kennt. Wer reich ist, will in der Regel noch mehr Reichtum haben; wer erfolgreich ist, ist im Erfolg gefangen; wer ein Star ist, ist ängstlich darum bemüht, nicht vergessen zu werden. Das heißt nicht, dass das alles schlechte Menschen wären oder das Reichtum als solches eine Schande wäre – nein das nicht! Aber wer seine Hoffnung für sein Leben darauf setzt, der ist verloren. Nichts, liebe Gemeinde, gar nicht von den äußerlichen Dingen werden wir mitnehmen können, wenn wir einst vor unseren Schöpfer gerufen werden. Mag der Sarg am Ende noch so teuer, mag die Feier noch so pompös, mögen die Trauerreden noch so berauschen sein: all das werden wir nicht mitnehmen können. Sondern das, was wir mitnehmen, unsere Fahrkarte in die andere Welt – das ist unser innerer Mensch, unsere Hoffnung, auf der wir unser Leben aufgebaut haben. Es ist, liebe Gemeinde, etwas Unsichtbares. Paulus, einst ein angesehener und ausgezeichneter Pharisäer, weiß, wovon er spricht: er hat alles aufgegeben, seine äußere, vorherige Existenz, um dem zu folgen, was ihm Hoffnung im Leben gibt: Christus Jesus. Uns, die wir auf seinen Namen getauft sind; uns, die wir durch Christi Tod am Kreuz erlöst sind, ruft er zu: was unsichtbar ist, ist ewig – haltet euch deswegen an diesen Christus, der vom Tode auferstanden ist.

Ich habe Ihnen, liebe Gemeinde, nun noch eine kleine Geschichte mitgebracht, die vielleicht verdeutlichen kann, was Paulus meint. Sie geht folgendermaßen: „Ein König gab seinem Hofnarren einen Stab und sagte: "Gib diesen Stab dem, der noch närrischer ist als du!" Da legte sich eines Tages der König zum Sterben nieder und klagte: "Ich gehe in ein fremdes Land und kehre nie mehr zurück." Der Narr sagte: "Da du doch gewusst hast, dass du einmal in dieses fremde Land ausreisen musst, hast du sicher alles getan, um auch in dieser neuen Heimat ein Haus zu besitzen." Als dies der König verneinte, überreichte ihm der Narr den Stab und sagte: "Er gehört dir. Du bist ein noch größerer Narr als ich."

Jubilate – jauchzt Gott und jubiliert, liebe Gemeinde, denn euer innerer Mensch ist vor Gott gerettet. Tragt diese Hoffnung als Gewissheit im Herzen weiter und sie wird euch von Tag zu Tag erneuern!

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