Paulus v. Tarsus: ein unentdeckter Romantiker/ Die Sehnsucht verbindet Hölle und Paradies.

Liebe Gemeinde!

»Was ist der Mensch – die Nacht vielleicht geschlafen,

doch vom Rasieren wieder schon so müd (!),

noch eh ihn Post und Telefone trafen,

ist die Substanz schon leer und ausgeglüht.«

(G. Benn »Melancholie« S. 91)

»Wer altert, hat nichts zu glauben, / wer endet, sieht alles leer, / sieht keine heiligen Tauben / über dem Toten Meer.« »… was alles blühte, verblich, / es gibt nur zwei Dinge: die Leere / und das gezeichnete Ich« (G. Benn S. 35, 58).

So blickt Gottfried Benn in seinen Altersgedichten auf sein vergehendes Leben: Was bleibt ist Verfall.

Auch Paulus verfasst sein Alterswerk. Seine Haut gezeichnet von Peitschenschlägen, seine Knochen zerbrochen, eine Steinigung nur mühsam überlebt, schreibt er den 2. Korintherbrief:

TEXT

Unsere Trübsal ist zeitlich und leicht. Sie schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit. Was zählt, ist nicht das Sichtbare, sondern das Unsichtbare.

Das klingt nach falschem Heldentum, nach Wegreden von Leid, im schlimmsten Fall nach spöttischer Vertröstung. Ich würde den Text weglegen, käme er vom jungen Paulus. Aber der Paulus, der diese Worte schreibt, steht, mit zerschlagenem und abgelebten Körper vor dem Ende seines Lebens. Er weiß, was das heißt: »wenn auch unser äußerer Mensch verfällt« (V. 16); Um so erstaunlicher finde ich dieses ruhige, klare Sätzchen: »Darum werden wir nicht müde.«

Also höre ich ihm zu und frage mich: Können wir im Dahinschwinden, in den Verschleißerfahrungen des Lebens etwa anders als Gottfried Benn (auch!) das ganz andere erfahren, dass wir nämlich zu einer neuen Kreatur werden, von Tag zu Tag erneuert werden, wie Paulus schreibt? Gezeichneter Körper aber lebendiges Ich. In atl., poetischer Sprache heißt das: „dass ich auffahre mit Flügeln wie Adler“ (Ps 103,6; Jes 40,31), zusammen mit anderen, mich wieder erhebe. Was für ein majestätisches, kraftvolles Bild für einen Menschen, der äußerlich verfällt: Aus dem munteren bunten Kanarienvogel der Jugend wird im Alter innerlich ein kräftiger Adler – durch die Trübsal, schreibt Paulus.

Wie soll das zugehen?

„Durch dich, meine Geliebte, bin ich ein Adler. Du hast mein Herz schwer gemacht. Ich fliege dadurch ruhiger im Wind.“ So singt ein Gedicht über eine unerwiderte Liebe. Wessen Herz schwer ist, fliegt im Sturm stabil.

Ein Bild aus Worten gemalt wie von Caspar David Friedrich, wenn man so will, dem Maler der Romantik, voller Sehnsucht und leiser Melancholie: Kreidefelsen auf Rügen, ein Gipfelkreuz vor der rot aufgehenden Sonne, Gebirgslandschaften im Nebel, Maler und Betrachter auf einem Felsen, den Blick über die Wolken.

Die Sehnsucht ist Schmerz, der in die Zukunft schaut wie Paulus. Die Sehnsucht holt aus der Zukunft Süße, um sie in den Schmerz zu mischen. Paulus als Romantiker der Sehnsucht scheint mir bisher beinahe unentdeckt. Und doch scheint mir dies der Schlüssel für unseren Predigttext zu sein. Paulus kann anderes als Benn froh auf sein Leben und sein Alter blicken. Denn der Verfall des Körpers, der für Benn alles ist, wird bei Paulus überlagert von der Sehnsucht nach der Herrlichkeit Gottes. Leben und Alter sind deshalb für Paulus nicht nur Passion, sondern je länger, je mehr Ostern. Durch die Sehnsucht, die beides miteinander verbindet, nicht nur bei Paulus, sondern überall, wo sich Sehnsucht findet, so skurril sie sich auch manchmal zeigt:

– Der eine stopft in sich hinein, was nur irgendwie hineingeht, aus Sehnsucht nach Leben.

– Die andere hungert sich selbst weg, aus Sehnsucht, dass jemand das liebt, was übrig bleibt – wenn etwas übrig bleibt.

– Der eine schlägt in den Straßen Menschen zusammen, aus Sehnsucht danach, sein eigenes Leben wenigstens im Leid des anderen zu spüren, wenn er sich schon selbst nicht spürt.

– Die andere bringt sich um aus Sehnsucht danach, dass der Schmerz ein Ende findet – ein Ende, für das sie bereit ist, selbst den Tod zu umarmen.

– Die Liebende sehnt sich nach der Erwiderung ihrer Liebe, für die sie sogar ihr Leben geben würde.

– Ein anderer bittet seine Frau, ihn beim Sex zu schlagen, damit er Hoffnung schöpft, dass hinter den Schlägen, die seine Seele täglich erleidet, vielleicht irgendwo Liebe stecken könnte wie hinter den Schlägen seiner Frau.

Liebe Gemeinde, kennen Sie Sehnsucht? Dieses wundersame Gefühl vom Paradies, das wächst, je weiter wir von ihm weggerissen werden? Sehnsucht nach Ruhe und Schlaf, für die man sogar den Tod umarmen würde. Sehnsucht nach Liebe, die uns die Welt umarmen lässt. Kennen Sie Sehnsucht nach Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit, nach dem Gefühl des Lebens? Sehnsucht nach Glück. Was wäre der Mensch ohne Sehnsucht?

Sie mag komische und tragische Früchte zeitigen. Aber

Sehnsucht ist die Ahnung, dass die Hölle nicht bis zum Horizont reicht und dass ihre Pforten gesprengt werden können. Die Sehnsucht fragt aus der Hölle heraus nach dem Paradies. Sie lebt so schon in Verbindung mit dem Paradies.

Ich würde die Sehnsucht deshalb noch nicht mit Glauben gleichsetzen. Sehnsucht ist nicht immer Glaube– aber sie kann es werden.

Denn sie fragt, so skurril sie manchmal wirken mag, nach dem Unsichtbaren, von dem Paulus redet. Und sie erwartet das Heil von außerhalb, sie blickt in die Zukunft, fragt aus der Hölle heraus nach dem Paradies. Sehnen ist eine Art der Fortbewegung. Wir mögen zur Hölle fahren, heraus fahren wir nicht, sondern heraus sehnen wir. Die Sehnsucht sprengt die Pforten der Hölle, indem sie die Hölle mit dem Himmel verbindet. Sie ist Geschenk Gottes.

Auffallend ausgeprägt ist derzeit die Bereitschaft von Menschen, sich am Sicht- und Vorzeigbaren zu orientieren. Es geht um Effekte, machbare Ergebnisse, auch da, wo besonders das Innere im Menschen von Interesse ist, wo es um Sehnsucht geht. Durch Äußeres wird versucht, das Innere zu gestalten, machbar zu machen. Liebe, Leben und Glück werden zum Ziel, das machbar scheint durch Willenskraft, Disziplin, Wellness oder anderes Handwerkszeug. Liebe wird dann umgemünzt zur Beziehungsarbeit, Frieden zur Aggressionsbewältigung, Sehnsucht zur Willenstärke, das Paradies zum Vorgarten mit Sportwagen. Alles in kleine Münze verwandelt, alles schön handfest. Blech statt Goldgrund der Seele.

Paulus macht uns darauf aufmerksam, dass das Ziel unserer Sehnsucht etwas Unsichtbares ist, etwas Urlebendiges, Ewiges.

Er fragt uns, ob wir die Sehnsucht wirklich umwechseln lassen wollen in kleine Münze. Wollen wir die Sehnsucht nach Liebe eintauschen gegen Beziehungsarbeit? Wollen wir die Sehnsucht nach Frieden eintauschen in blecherne Aggressionsbewältigung? Wollen wir die Sehnsucht nach Glück gegen Wellness tauschen?

Die Sehnsucht nach dem Gefühl lebendig zu sein gegen Disziplin?

Im Grund wissen wir ja alle, dass dieser Tausch ein Betrug ist. Liebe lässt sich nicht kaufen: Auf keinem Straßenstrich, in keinem Kindergesicht – bestenfalls ein Liebesersatzmittelchen bekommen wir – und zurück bleibt ein schaler Geschmack.

Wir wissen es ja: Leben lässt sich nicht kaufen, bestenfalls Lebensersatz und der klingt so schrecklich hohl ob unter der Kühlerhaube eines Autos oder als Kollier um den Hals.

Sehnsucht fragt aus der Hölle heraus nicht nach einer Tüte Eis – auch wenn es der Traum mancher Werbestrategen zu sein scheint, uns das weis zu machen. Sehnsucht gibt sich nicht mit einem Lolly für Kinder oder einem Sportwagen für Erwachsene zufrieden. Sehnsucht richtet sich auf das Paradies, die Herrlichkeit Gottes. Sie fragt aus der Hölle heraus nach der Herrlichkeit Gottes. Wollen wir sie eintauschen in kleine Münze?

Liebe Gemeinde, Paulus scheint uns sagen zu wollen: Schon die Sehnsucht selbst ist mehr wert als alle scheinbaren Handfestigkeiten, die doch nur Lebensersatzstoffe sind. Nicht der Versuch, die Sehnsucht zu stillen, verbindet uns mit Gott und seiner Herrlichkeit. Vielmehr die Sehnsucht selbst zeigt, dass wir lebendig sind. Zwar noch in der Hölle aber schon verbunden mit dem Paradies. In der Sehnsucht spüren wir: Die Tore der Hölle werden bersten! Und diese Gewissheit wiegt mehr als in kleine Münze verwandelte Handfestigkeiten.

Eine Sehnsucht, die sich im Bewusstsein hält, dass sich ihre Erfüllung nur schenken lässt, eine solche Sehnsucht darf sich Glaube nennen. Sie ist durch und durch Geschenk Gottes, wundersames Gefühl vom Paradies, das in uns wächst, je weiter wir von ihm weggerissen werden.

In der Sehnsucht ist die Herrlichkeit Gottes schon jetzt wirksam. Sie fällt schon im Heute ins Gewicht. Sie zählt schon jetzt in der Lebensbilanz. Sie wiegt schwer gegenüber dem blechernen Klang der kleinen Münzen von Disziplin, Beziehungsarbeit, Aggressionsmanagement und dergleichen.

Caspar David Friedrichs Alterswerk übrigens zeigt Friedrich und seine Familie am Strand. Für jeden am Strand steht symbolisch ein Schiff am Horizont. Friedrichs Schiff kehrt vollbeladen heim.

Was ist mit den heiligen Tauben über dem Toten Meer?

Ach was! Wir werden auffahren mit Flügeln wie ADLER!

»Getrost: der Weg war lang und bang; / Nun ist er bald geschafft. / Bist müd (!) von manch verlornem Gang, / Doch innen wuchs die Kraft. / Nimm deiner Freude wahr: /Nun Hand und Fuß dir altet, / Hat sich schon ausgefaltet / Ein geistig Schwingenpaar. / (…) (Rudolf Alexander Schröder S. 113/14).

Amen.

Literatur:

Rudolf Alexander Schröder, Weltliche Gedichte, Bd. 67, 1966.

Gottfried Benn, Späte Gedichte, 1965

Martin Uhle-Wettler, in Calver Predigthilfen zum Text: Durchgang 1996-2002

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